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Begegnung

Güzin Kar: Ich bin keine Paartherapeutin

Die Autorin und Regisseurin über Seitentriebe in langjährigen Beziehungen, Schreiblöcher und die Faszination von Maulwürfen.

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Tanja Demarmels, Melek Kaya
19. Februar 2018

Güzin Kar setzt sich intensiv mit Beziehungen auseinander, hat aber nicht den Röntgenblick: Wie das Innenleben eines Paares aussieht, weiss nur dieses selbst.


Güzin Kar steht für originelle Kolumnen. Auch die Drehbücher der 50-jährigen Zürcherin mit türkischen Wurzeln nehmen immer wieder unerwartete Wendungen wie ab 26.Februar jeweils montags (20 Uhr, SRF 2) in der neusten Fernsehserie Seitentriebe zu sehen sein wird. Also probieren wir ebenfalls etwas Unkonventionelles aus: Wir einigen uns spontan auf ein WhatsApp-Interview, stossen jedoch bald an unsere Grenzen und machen telefonisch weiter, um die Unterhaltung schliesslich per E-Mail abzuschliessen. Mal was ganz Neues, sagt Güzin Kar, neu ist immer gut.

Güzin Kar (auf WhatsApp): So, da bin ich.

Okay, legen wir los. Wer ist mehr unter Druck: Ich, weil ich geistreiche Fragen stellen muss? Oder Sie weil man von Ihnen besonders geistreiche Antworten erwartet?
Na, offenbar beide. Interessant wäre auch die Frage, ob wir den Druck brauchen oder als lästig empfinden.

Mir wurde gesagt, Sie seien schwer erreichbar, befänden sich gerade in einem sogenannten Schreibloch. Wie sieht dieses aus?
Unspektakulär. Ich sitze am Computer und bilde mir ein zu schreiben. In Wahrheit lenke ich mich im Internet ab. Gerade habe ich Maulwürfe gegoogelt. Wussten Sie, dass Maulwürfe Insektenfresser sind?

Nein, aber hochinteressant!
Ich google dauernd irgendwas. Google überlebt nur dank mir.

Ich glaube, wir brauchen zu viel Zeit zum Schreiben... Ich schlage vor, dass wir telefonieren. Okay?
Schade, ich fand grad Gefallen daran!

Old style halt...!

Nur keine Emojis!
Unser Vorschlag, beim WhatsApp-Interview noch ein paar Emojis einzufügen, entsetzt Güzin Kar: Um Himmels willen nein! Sie findet die Kommunikation mit diesen comicartigen Figürchen lächerlich. Früher schrieb man, wenn man ein Date wollte: Lust auf einen Drink? Heute hingegen nippt ein Hase an einem Cocktailglas, um sich danach in eine Tischbombe zu verwandeln. Und dann wundern sich alle, weshalb der westliche Mensch immer weniger Sex hat. Man nimmt doch nichts mit nach Hause, das solche Tiere verschickt!

Nach wenigen Minuten klingelt das Telefon. Güzin Kar entschuldigt sich, dabei sind wir es, die sich entschuldigen müssten: zu langsame Finger für die moderne schnelle Welt.

Güzin Kar, Sie sagten vorhin, dass die Frage interessant wäre, ob wir den Druck brauchen oder als lästig empfinden. Wie ist das bei Ihnen?
Ich empfinde Druck als lästig, zugleich brauche ich ihn. Ohne ihn würde ich nie etwas abschliessen. Ich könnte acht Jahre Zeit für ein Drehbuch haben, am Ende würde ich doch erst in den letzten drei Wochen schreiben.

Weshalb warten Sie so lange?
Weil ich erst dann zu einer Entscheidung gezwungen bin. Vorher spiele ich oft sehr viele Varianten durch, ohne dass ich mich festlegen muss.

Was bedeutet es, wenn Sie sich in Ihr Schreibloch zurückziehen?
Das bedeutet, dass ich das Handy abschalte und nicht mehr erreichbar bin. In diesem Moment soll das Schreiben das Wichtigste sein, nichts anderes.

Reden wir über Seitentriebe. Weshalb dieser Titel?
Er stammt aus der Botanik. Pflanzen entwickeln Seitentriebe.

Klingt so, als hätten Sie auch hier gegoogelt.
Stimmt. Hier war Google hilfreich. Oft erfährt man viel Quark, der aber interessant sein kann. Auch in Beziehungen bilden sich nach ein paar Jahren Seitentriebe. Das interessiert mich. Also nicht der Anfang einer Beziehung, sondern die Fortsetzung: Wie kommt ein Paar nach zehn Jahren miteinander aus?

Ohne allzu viel verraten zu wollen aber in den ersten Episoden der Serie sehen diese langjährigen Beziehungen mehrheitlich trostlos aus.
Trostlos? Nein, ich zeige den Alltag. Und der sieht bei langjährigen Partnerschaften so aus, dass dieses Schwer- verliebtsein einer Eingespieltheit gewichen ist. Das muss nicht trostlos sein. Es wäre unglaubwürdig, ja geradezu lächerlich, wenn ich ein Ehepaar zeigen würde, das nach zehn Jahren frisch verliebt ist wie am ersten Tag und sich permanent in diesem Rauschgefühl befindet.

Aber schön wäre es trotzdem.
Ja klar, natürlich sehnen wir uns nach diesem Zustand der inneren Erregung zurück, aber realistisch ist das nicht. Zu Beginn einer Beziehung vermittelt einem der Partner das Gefühl, der grossartigste und kostbarste Mensch der Welt zu sein. Was aber nicht dauerhaft aufrechterhalten werden kann. So allmählich wird einem dann bewusst, dass man doch nicht so grossartig, sondern nur eine durchschnittliche Nummer ist. An diese Mittelmässigkeit der eigenen Person muss man sich erst einmal gewöhnen. Es ist nach den vorherigen Hochgefühlen eine grauenvolle Erfahrung, die eine Beziehung natürlich enorm belasten kann.

Solange man von seiner eigenen Mittelmässigkeit enttäuscht wird, geht es noch. Richtig schwierig wird es, wenn man auch den Partner nur noch als durchschnittlich empfindet.
Ich glaube, beides geht miteinander einher. Viele projizieren die Enttäuschung über sich selber irgendwann auf den Partner. Dann wird es noch um ein Vielfaches komplizierter.

Welche Paare beeindrucken Sie?
Das sind ältere Paare, die seit einer Ewigkeit zusammen sind und immer wieder einen gemeinsamen Weg gefunden haben. Die sich aber auch stetig weiterentwickeln.

Auch in Beziehungen bilden sich nach Jahren Seitentriebe. Das interessiert mich.»

Haben Sie den Röntgenblick, wenn Sie anderen Paaren begegnen?
Nein, überhaupt nicht. Wie das Innenleben eines Paares wirklich aussieht, weiss nur dieses selber. Allerdings erzählen mir viele Menschen ungefragt von sich aus Intimes über ihre Liebesbeziehungen, wenn auch nie als Paar, sondern immer einzeln.

Was halten Sie davon, wenn Paare getrennt voneinander wohnen?
Das kann sehr belebend sein, aber zuerst einmal muss man sich zwei Wohnungen überhaupt leisten können und auch wollen. Viele brauchen ihre Rückzugsorte, wo niemand hinkommt und die sie nur für sich haben. Für Paare, die immer alles gemeinsam machen, ist das auf den ersten Blick keine Option. Obwohl ich oft feststelle, dass bei vielen nach aussen so symbiotischen Paaren einer der Partner dann halt doch ein zweites, geheimes Leben führt Tut mir leid, aber ich habe jetzt den nächsten Termin. Was schlagen Sie vor?

Kein Problem. Dann setzen wir unsere Unterhaltung eben per E-Mail fort.
Sehr gut, aber lassen Sie mir bitte 24 Stunden Zeit.

Als Geschichtenerzählerin muss ich in die Tiefe graben. Wie Maulwürfe.

Ob wir die Frist auf zwölf Stunden halbieren sollten? Sie sagt ja selber, dass sie nur unter Druck richtig etwas zustande bringe! Wir belassen es dann aber doch bei dem Tag, den sie benötigt. Schliesslich ist die Autorin, Kolumnistin und Regisseurin arg beschäftigt.

Güzin Kar, nun also noch auf diesem Wege, per Mail. Bleiben wir beim Thema Beziehungen. Wann sollten sich Paare definitiv trennen?
Wenn man sich nichts mehr zu erzählen hat. Geschichten, auch belanglose aus dem ganz normalen Alltag, helfen, uns und den andern immer wieder neu zu sehen und zu erleben.

Die schönste Liebesgeschichte, die Sie kennen?
Des Meeres und der Liebe Wellen von Franz Grillparzer.

Wären Sie Paartherapeutin was würden Sie Paaren raten, damit die Liebe nicht erlischt?
Ich bin keine Paartherapeutin, und es gibt Gründe, weshalb ich lieber Geschichten über Menschen filme und schreibe, als ihnen Ratschläge zu erteilen.

Was muss ein richtig romantisches Candle-Light-Dinner auf jeden Fall beinhalten?
Ich bin ja nicht so Fan von inszenierter Romantik, aber wenn es denn sein soll: schmeichelhaftes Licht, einen perfekten Kellner, der weder zu jovial noch zu formell ist, und ganz wichtig keine Hintergrundmusik.

Was hat es mit den Maulwürfen auf sich, nach denen Sie gegoogelt haben?
Diese Tiere graben architektonische Meisterwerke. Unter der Oberfläche gibt es Schichten von anderem Leben. Als Geschichtenerzählerin muss ich dasselbe tun: in die Tiefe graben.

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