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INTERVIEW

Hallöchen, Udo!

Udo Lindenberg (72) zählt zu den populärsten deutschen Rockmusikern. Er trommelte einst beim «Tatort»-Signet und singt heute für den Frieden.

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Tina Acke
17. Dezember 2018

Udo Lindenberg ist mit 72 Jahren immer noch geschmeidig «jeden Tag drei Eierlikör sind natürlich gut.»

Da Udo Lindenberg seine Gesprächspartner grundsätzlich duzt, was typisch ist für seine direkte und unkonventionelle Art, geben wir das Interview auch so wieder. Getroffen haben wir ihn «zu Hause» im Hamburger Fünf-Sterne-Hotel Atlantic.

Udo, die Single, die du mit dem Kinderchor «Kids On Stage» aufgenommen hast, heisst «Wir ziehen in den Frieden». Ist das deine Weihnachtsbotschaft?
Als ich das Lied schrieb, dachte ich an die Zeit vor 70 Jahren, als ich noch in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs herumgekrabbelt bin und die Grundrechte für die Männer und Frauen auf diesem Planeten aufgeschrieben wurden. Heute fragt man sich, ob diese für die Kinder im Jemen oder für die Rohingyas in Burma nicht gelten? Hinzu kommen die menschengemachte Klimakatastrophe und die Plastikvermüllung der Meere. Wir sind also weit davon entfernt, unseren Anteil zu einer besseren Welt so zu leisten, wie das nötig wäre.

Wie denkst du über die politische Lage?
Früher gab es zwischen Leuten wie Grönemeyer, Campino und mir Rivalitäten. Vielleicht haben wir uns sogar gedisst. Jetzt sind wir aus dem Widerstand gegen Rechts zu einer Art Gesinnungs-Family geworden, die für diese bunte Republik steht, für kulturelle Vielfalt, Pressefreiheit und all das. Wenn 300'000 Menschen auf die Strassen von Berlin gehen, find ich das sehr schön. Deswegen bin ich auch optimistisch, dass die ganzen Schwachmaten, Idioten und Kriminellen wie Trump und Putin die Quittung für ihre Politik bekommen werden!

Wie schaffst du es immer wieder – wie einst beim «Sonderzug nach Pankow» - ernste Inhalte mit Humor und Optimismus rüberzubringen?
Es ist meine frühe Erkenntnis, dass Rock ’n’ Roll nicht nur Entspannung bringen, sondern auch Energie freisetzen kann, die wichtig ist, wenn man die grossen Ziele, die unerreichbar scheinen, nicht aus den Augen verlieren will. Optimismus ist unverzichtbar, denn die Alternative wäre ja Resignation – und verbitterte alte Männer gibt es schon genug. Ausserdem bin ich eine rheinische Frohnatur.

Im «MTV Unplugged 2»-Video bewegst du dich geschmeidig auf der Bühne – und das mit 72 Jahren. Wie bleibt man so elastisch?
Jeden Tag drei Eierlikör sind natürlich gut, und dann mache ich Sport, jogge und so.

Ganz entgegen deinem Image!
Mein Image ist, dass ich entspannt in der Kneipe hänge, aber die Leute wissen auch, dass ich bei meinen Stadion-Konzerten auf der grossen Bühne ordentlich rennen, das Mikrofon schleudern und einen Salto rückwärts machen muss. Wichtig ist, dass ich dabei nicht ausser Atem komme oder wie Kollege Grönemeyer nuschle.

Ausgerechnet! Zum Glück bist gerade du immer so leicht zu verstehen …
Wenn ich singe, achte ich sehr drauf, mich deutlich zu artikulieren. Das habe ich von Reinhard Mey gelernt. Ich will, dass auch Leute mit einem ganz anderen Slang meine Texte verstehen, aber im Daily-Schnack bin ich dann manchmal ein bisschen lässiger unterwegs.

Dein erstes MTV-Unplugged-Album hiess «Live aus dem Atlantic», das aktuelle hat den Untertitel «Live vom Atlantik». Was bedeuten dir Atlantic und Atlantik?
Das «Atlantic» ist das Hotel, in dem ich nun schon 23 Jahre lebe, meine Auffang- und Bodenstation, Houston-mässig und so ... Der Atlantik ist das weite, endlose Wasser, auf das ich mit ’nem geklauten Segelboot rausfahre. Zumindest im Traum, von dem das erste Lied handelt. Dann zieh’ ich die Segel hoch, Leinen los, und ab gehts James-Cook- und Vasco-da-Gama-mässig nach Nirgendwo, wo ich Rapper Marteria begegne und mit ihm meinen alten Song «Bananenrepublik» singe, der noch immer sehr aktuell ist.

In Deutschland?
Anders als in den vielen Scheindemokratien in Afrika ist die Korruption in Deutschland relativ gering, obwohl die deutsche Autoindustrie auch nicht mehr der verlässliche Wert ist, der sie mal war. Früher stand sie für ziemlich ordentliche Autos und jetzt ist der einzige verlässliche Wert nur noch das Panikorchester mit ‘ner straighten Nachtigall – sonst ist da nicht mehr viel, ausser ein paar anderen Sängern.

Was hat dich zum Musikmachen inspiriert?
Mit 11 hatte ich so eine Art Eingebung, Mozart-ähnlich wahrscheinlich, da ich die Begabung hatte, auf allem rumzutrommeln. Ob Benzinfässer oder Waschmittelpulvertrommeln. Als ich mit 13 als Dixieland-Schlagzeuger den ersten Preis bekam, hiess es gleich: «Du bist ‘n Wundertrommler». Meine Eltern wollten jedoch nicht, dass ich Musiker werde, da es in den 50er-Jahren als windiger Beruf galt, bei dem man nicht wusste, ob man damit genug Knete verdienen kann. So hiess es: «Lern erst mal was Solides, mach ’ne Kellnerlehre!»

Und das haben Sie getan?
Na ja, ich habe schon nach drei Monaten geschmissen. Nicht, weil ich im Edelhotel Aschenbecher putzen und Teller waschen musste, sondern weil mich die gegenüberliegende Düsseldorfer Altstadt mit ihren vielen Jazzläden reinsog und mir ermöglichte, mit 800 Deutschen Mark schon richtig dick Kohle zu machen.

1970 warst du der Schlagzeuger bei der Aufnahme der «Tatort»-Titelmusik. Hast du Maria Furtwängler für «MTV Unplugged» gewonnen, weil sie deine Lieblingskommissarin ist?
Das ist sie, aber wir haben uns schon vorher kennengelernt. Hallöchen und Drink an der Bar, Chapeau-­Chapeau, grosse Filme, «Die Flucht» und so. Charmant, schön und schlau ist die feine Frau!

Wie seid ihr euch begegnet?
Sie hat mit ihren Geschwistern im «Atlantic» einen Maskenball veranstaltet. Die Brüder waren alle als Abbas gedresst und Maria hatte noch keinen Look. Ich sagte ihr: «Komm mal mit hoch in die Panik-Zentrale. Dort habe ich ihr einen Hut von mir gegeben. Damit wirkte sie so leger, alles easy. Ganz anders als im hochgeschlossenen Kleid, nicht so konventionell, etepetete und Glamour-Glamour.

Wie gefällt dir die von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron entworfene Elbphilharmonie?
Ich war ein paar Mal dort und fand das ganze Gebäude fantastisch. Meine anfängliche Befürchtung, dass nur Klassik zu hören sein wird, hat sich nicht bewahrheitet. Es gibt es auch Weltmusik, Jazz und so. Die «Elfie» ist eine Bereicherung für Hamburg. Ich wusste gar nicht, dass sie von Schweizern entworfen wurde, obwohl ich ein grosser Schweiz-Fan bin.

Was magst du an der Schweiz?
Ich bin gern im «Baur au Lac», wo im Keller das Theater für Verrückte aus «Steppenwolf» war, wie ich von einem alten Nachtportier erfahren habe. Der hatte gehört, dass ich ein Herman-Hesse-Verehrer bin. An Zürich gefällt mir auch, dass die Leute mir nicht wie in Deutschland gleich den Arm auf die Schulter legen.

Wie schaffst du es, dass du immer so tiefenentspannt wirkst?
Das kommt daher, dass ich die sogenannte Richtlinienpolitik selber mache. Ich habe keinen Manager, weiss’te. Da brauchst du natürlich Ruhe, Bedacht, eine Zigarre vielleicht und manchmal ein Likörchen am Morgen – sollen doch die anderen weiter hetzen! Grosse Entscheidungen brauchen nun mal Zeit.

Wo hast du das gelernt?
Wenn du allein in grossen Städten lebst, musste dir überlegen, wie du weiterkommst. Mit Hektik geht das nicht. Als ich mit 15 in die grosse gefährliche Welt hinauszog, gab mir meine Mutter auf den Weg: «Du bist ein sensibler Vogel. Die Sensibilität ist ein kostbares Gut, das du schützen musst, mit einer Portion Coolness, damit es in dieser windigen Welt nicht zerfetzt wird.»

Wie feiert eine «coole Socke» wie du Weihnachten?
Ich treffe mich um Mitternacht mit meinen Freunden und den ganzen Punks und Freaks von der Reeperbahn, die vorher noch kurz bei Oma, Kinderchen und Tralala waren, in der Lobby des «Atlantic». Dann ziehen wir in irgendwelche Suiten und hängen rum.

Udo, ich danke dir für dieses Gespräch.


Udo, der Erfolgsgarant

Ein Leben lang Hotelgast

Udo Lindenberg begann seine Karriere in den Sechzigern als Jazz-Schlagzeuger. 1973 landete er als Sänger mit der Ballade «Cello» den ersten Hit, gründete sein Panikorchester und bekam als erster deutscher Rockmusiker einen Millionenvertrag. Der berühmteste Song von ihm ist «Sonderzug nach Pankow» (1983). Nach dem «MTV Unplugged»-Album von 2011 hat er nun ein zweites Konzert mit dem Untertitel «Live vom Atlantik» aufgenommen. Er wohnt in einer Suite des Hamburger Hotels Atlantic.