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Laura Pausini: Wir haben nur ein Leben

Laura Pausini (43) hat keine Lust mehr auf Kompromisse: Mit ihrem neuen Album Fatti sentire lädt die Italienerin alle ein, mehr Mut zu haben und sich treu zu bleiben.

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zvg
30. April 2018

Laura Pausini im Circus Maximus in Rom. Im Juni wird sie dort einen grossen Auftritt und ein Heimspiel haben.


Laura Pausini, vor 25 Jahren machten Sie erstmals gross auf sich aufmerksam. Seitdem schwimmen Sie im Musikgeschäft obenauf. Ganz ehrlich, hätten Sie das so erwartet?
Wenn ich ehrlich bin: Nein. Zu Beginn wollte ich nur mit meinem Vater in der Pianobar singen. Das genügte mir und machte mich glücklich. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, länger von zu Hause weg zu sein. Doch dann veränderte mein Auftritt am Festival von Sanremo auf einen Schlag alles.

Wie fühlen Sie sich heute?
Wohler. Es gibt nichts, was ich bereuen muss. Okay, die eine oder andere Entscheidung war vielleicht falsch, wie in jedem Leben. Aber ich bin immer noch hier. Mit einer unglaublichen Lust zu singen und grosse Emotionen zu erleben. Meine Lieder sollen tiefer gehen und Gänsehaut-Feeling verursachen. Manchmal bin ich so euphorisch, dass ich sie am liebsten sofort veröffentlichen würde, damit die ganze Welt sie hören kann. In meiner Karriere habe ich meine Lieder stets selber ausgewählt. Und ich hatte immer ein gutes Gefühl dabei. Mit einer Ausnahme, die allerdings schon eine Weile her ist: Ich spreche vom Song Cani e gatti. Wir schrieben ihn in einer halben Stunde und im letzten Moment. Das hört man ihm auch an. Heute würde ich das nicht mehr tun.

Heute stehen Sie auch an einem ganz anderen Punkt, wie auf Ihrem aktuellen Album Fatti sentire zu hören ist.
Das ist mein bisher vielseitigstes Album. Ursprünglich war nicht geplant, dass es so früh erscheint. Eigentlich war es gegen jede Logik. Ich bin sonst eine extreme Planerin, die genau auf die Termine achtet aber wenns um die Musik geht, kann schon mal alles durcheinandergeraten. Diese Lieder waren wie reife Früchte und mussten sofort erscheinen. Bei ihrer Auswahl habe ich einzig auf meine Emotionen geachtet. Ich hörte die Demo-Versionen und hatte keine Ahnung, wer was geschrieben hatte.

Und die Emotionen gingen bei Ihnen tief.
Ja, diese Lieder erzählen von Menschen, die eine Entscheidung treffen müssen, so schwierig und schmerzhaft sie auch sein mag. Es gibt noch mehr Songs. Sie hatten jedoch nicht alle auf einem Album Platz. Deshalb werde ich eine Fortsetzung herausgeben. Wann, weiss ich noch nicht.

Warum Fatti sentire als Titel? Zu Deutsch: Verschaff dir Gehör!
Fatti sentire ist eine Einladung zu mehr Mut. Man muss sich selber treu bleiben und zwar möglichst überall. Dafür aber darf man keine Angst vor der Meinung der anderen haben. Eigentlich fordere ich vor allem mich selbst dazu auf: In der Vergangenheit wollte ich vor allem jenen gefallen, die schlecht über mich urteilten. Das war ein Fehler. Damit ist aber definitiv Schluss: Heute will ich im Reinen mit dem sein, was ich tue.

Meine Lieder sollen Gänsehaut verursachen.»

Laura Pausini, 43

Das sollte doch kein Problem sein: Sie sind eine starke Frau.
Ja, dieses Bild vermittle ich. Auf der Bühne bin ich stark. Kaum steige ich von dort herunter, fühle ich mich klein und zerbrechlich. Damit bin ich nicht allein: Es gibt so viele unsichere Menschen auf dieser Erde. Sie alle lade ich dazu ein, aktiv zu werden und zu handeln. Wir haben nur ein Leben.

Auf dem Album hat es wie üblich viele Balladen, aber auch ein Lied, bei dem man automatisch zu tanzen anfängt: Nuevo, ein Song mit Latino-Rhythmus.
Während sechs Monaten pro Jahr lebe ich in Miami. Dort hörst du diese Musik überall. Da ist es nichts als logisch, dass du von ihr infiziert wirst. Also dachte ich: Das mache ich auch, bewahre mir aber einen italienischen Einschlag. Die Latinos sind uns Romagnoli (den Einwohnern der-Romagna Anm. der Red.) ähnlich nämlich sehr authentisch. In dem Lied hat es Einflüsse des Reggaeton, der Text ist sehr unüblich für mich. Er erzählt von der Liebe auf den ersten Blick und einer verheirateten Frau, bei der es voll einschlägt. Sie steht vor der schwierigen Entscheidung, ob sie das Abenteuer leben soll oder nicht. Ich bin nicht der Typ, der vom einen auf den anderen Moment alles infrage stellt. Hier aber versuchte ich mich in ihre Lage zu versetzen.

Der Song ist leicht, so wie viele Sommerhits.
Ja, aber das heisst nicht, dass er nicht trotzdem Qualität hat. Man muss damit aufhören, alles verdächtig zu finden, was Erfolg hat.

Sie reisen viel, verbringen einen Grossteil der Zeit im Ausland und setzen sich mit vielen Kulturen auseinander. Wie bewahren Sie sich trotzdem Ihre Italianità?
Die ist tief in mir drin. Es macht mich stolz, wenn ich im Ausland als die italienische Sängerin angekündigt werde. Auch wenn ich in einer anderen Sprache singe, fühle ich mich weiterhin als Italienerin. Italien ist ein Teil von mir. Das zeigt sich auch, wenn es um die Liedauswahl geht. Ich bekomme aus aller Welt Songs angeboten, aber am Ende lande ich doch wieder bei den Liedern, die von Italienern geschrieben werden.

Wie hat sich die Welt der Musik in den vergangenen 25 Jahren verändert?
Dramatisch. Die CD-Fabriken schliessen. Digital ist die Zukunft, das muss auch ich zuerst einmal in aller Ruhe verdauen. Es ist wichtig, dass ich diese neue Welt schätze. Deshalb versuche ich zu verstehen, wie sich andere Sänger in ihr bewegen und welche Strategien sie anwenden. Zum Beispiel zuerst eine Single herausgeben und dann mit einem gewissen Abstand das Album so wie dies Ed Sheeran gemacht hat, der übrigens zu meinen Lieblingskünstlern zählt.

Im Juli werden Sie als erste Frau im Circo Massimo in Rom auftreten.
Als ich von der Idee hörte, war ich sofort elektrisiert. Nicht zuletzt deshalb, weil ich hier wohne. Ich bin aber auch erschrocken: Was, wenn ich an diesen zwei Abenden abschmiere? Zum Glück hat sich das gelegt, erst recht, seit ich die Vorverkaufszahlen hörte. Wirklich ängstlich bin ich nicht, im Gegenteil: Ich liebe das Risiko, das war schon von klein auf so. Was auch nötig ist, um die eigenen hochgesteckten Ziele zu erreichen.

Die Welttournee führt Sie auch in die Schweiz. Was dürfen wir am 24.Oktober im Zürcher Hallenstadion erwarten?
Ich möchte, dass dieses Mal die Musik im Zentrum steht. Deshalb verzichte ich auf Tänzer. Das grösste Problem ist die Auswahl der Lieder. Nach 25 Jahren gibt es so viele, die ich singen könnte. Ich tue mich jedoch schwer mit der Wahl. Deshalb habe ich bei meinen Fans Umfragen veranstaltet, was mich noch mehr verwirrte. (Lacht.) Viele wünschen sich, dass ich auf Medleys verzichten soll. Dabei ist das die beste Möglichkeit, um möglichst viele Songs ins Programm einzubauen. Andere wollen keine Klassiker. Ich aber liebe sie. Auch fände ich es unfair, auf sie zu verzichten, weil viele vor allem wegen ihnen ans Konzert kommen. Klar ist, dass ich sicher das neue Album präsentieren werde.