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Interview

«Ich habe vor nichts mehr Angst»

Die 22-jährige Wahl-New-Yorkerin Manuela Frey, die auf den Laufstegen der internationalen Mode-Metropolen zu Hause ist, spielt in der ProSieben-Castingshow «Switzerland’s next Topmodel» die Heidi-Klum-Rolle.

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Kostas Maros
08. Oktober 2018

Manuela Frey lebt seit fünf Jahren in New York. Trotz anfänglichem Heimweh: «Die Stadt hat mich stark gemacht.»

Neue Show: SNTM

«Switzerland's next Topmodel»

«Switzerland´s next Topmodel» mit Jurorin Manuela Frey wird ab Freitag, 19. Oktober, wöchentlich um 20.15 Uhr auf Pro Sieben Schweiz ausgestrahlt. Die Siegerin oder der Sieger unter den 24 Models wird beim Live-Finale am 23. November auserkoren.

Zuerst findet Manuela Frey für den schicken Flügeltüren-Hybrid-Sportwagen, den ihr ein Garagist für ihren Schweiz-Aufenthalt als Moderatorin der neuen ProSieben-Castingshow «Switzerland’s next Topmodel» zur Verfügung stellt, keinen Parkplatz, und dann reicht ihr Münz nicht für die Parkgebühr. So beginnt das Fotoshooting mit Verspätung, mit ihrem jugendlichen Charme und ihrer Unkompliziertheit lässt die 22-Jährige diese jedoch im Nu vergessen. Im Eisipark am Rande der Altstadt des Aargauer Städtchens Brugg, in dem sie als Bezirksschülerin gerne chillte, begegnet uns auch noch «ihr Banker», mit dem sie freundschaftlich verbunden ist. Sie verabredet sich mit ihm für den nächsten Besuch bei den Eltern gleich noch zum Essen. Und kann dann zu Fuss kommen.
 
Wann waren Sie nervöser: Bevor Sie das erste Mal in Paris für einen Designer auf den Laufsteg gingen oder vor dem ersten Dreh für «Switzerland’s next Topmodel»?
Sicher vor der ersten Show, weil ich nicht wusste, wie man vor einem so glamourösen Publikum läuft und sich präsentiert. Nach sechs Jahren im Modelbusiness, in denen ich auch viele Absagen verkraften musste, habe ich nun vor nichts mehr Angst – auch nicht vor dem Moderieren. Klar, es ist alles neu für mich, aber ich kann mich zeigen, wie ich bin und muss mich nicht verstellen. Und das war meine Bedingung.

Wie meinen Sie das?
Ich hätte SNTM nicht gemacht, wenn ich meine Texte hätte auswendig lernen und Heidi Klum imitieren müssen. Nun kann ich mich selbst einbringen.

Woher nehmen Sie die Selbstsicherheit, mit der Sie in der Öffentlichkeit auftreten?
Ich habe mega Glück gehabt. Als ich meine Modelkarriere startete, war mein Look gefragt. Ich hatte die perfekte Grösse und Figur. Auch dass ich noch keine Erfahrung mitbrachte, war genau das, was die Designer wollten. Ich bin zwar ins kalte Wasser geworfen worden, doch das Schwimmen fiel mir leichter, weil alle an mich geglaubt haben. Der 3. Platz beim Weltfinale des «Elite Model Look» in Shanghai war ein Traumstart, einfach der perfekte Moment! Danach konnte ich gleich von den Besten lernen, die mir alle Tipps gegeben haben.

Sie haben nie gezweifelt, ob das Modeln für Sie das Richtige ist?
Wenn ich mich nicht wohlgefühlt hätte oder der Erfolg ausgeblieben wäre, hätte ich sicher die Konsequenzen gezogen. Dann hätte ich den Lehrerinnenberuf gewählt. Doch mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich liebe heute mehr denn je den Adrenalinkick, wenn ich im Blitzlichtgewitter oder vor der Kamera stehe.

Fühlen Sie sich manchmal nackt, wenn Sie über den Laufsteg gehen?
Nein, ich finde es toll, im Mittelpunkt zu stehen – wie heute bei einem Shooting mit unzähligen Schülern am Bahnhof. Auch deshalb fasziniert mich die Show SNTM: Tausend Kameras rundherum, überall Kabel. Das macht Spass! Wenn du für Bademode über den Catwalk läufst, fühlst du dich schon ein wenig nackter, vor allem, wenn mal der Bikini verrutscht oder eine Brust rausrutscht ... Upps! (Lacht amüsiert.) Aber das ist alles Gewohnheitssache. Meistens ist ja bedeckt, was bedeckt sein sollte – sonst werden die Aufnahmen aus der TV-Show rausgeschnitten oder die Fotos retouchiert.

Hat sich das schon in Ihrer Kindheit gezeigt?
Ich mochte es schon immer sehr, viele Leute um mich zu haben. Meinen Geburtstag habe ich beispielsweise immer sehr genossen. Das war mein Tag. Ich durfte entscheiden, wer was macht.  Aber alles hat Grenzen. Ich möchte nicht unbedingt weltberühmt sein, wenn ich sehe, wie eine Kendall Jenner oder Kim Kardashian lebt.

Sie schwimmen doch im Geld ...
Aber sie können sich nicht mehr frei bewegen. Entweder sie bleiben in ihren vier Wänden oder sie müssen sich top stylen und können nur mit ihrem Bodyguard ausgehen, der dann alles mitbekommt. Ich kann mir eine Lederjacke über den Pyjama ziehen und eine Sonnenbrille aufsetzen, um schnell in den Supermarkt zu gehen, und niemand erkennt mich. Auch das ist Lebensqualität.

Welches war die wichtigste Erfahrung, die Sie in New York gemacht haben?
(Denkt lange nach.) In New York bin ich vom Teenager zur Frau geworden. Ich war ein braves Mädchen. Als ich 18 war, sagte meine Agentin zu mir: «Manuela, du bist sehr fokussiert und professionell. Du isst vernünftig, gehst ins Gym und immer frühzeitig zu Bett. Es gibt auch noch ein Leben neben dem Beruf. Geniesse es, geh mal raus, mach Party und such dir einen Boyfriend. Aber wirklich!»

Waren Sie folgsam?
Ja, aber es war nur deshalb eine gute Erfahrung, weil ich es rechtzeitig geschafft habe, wieder aus der Partyszene auszusteigen. Was ich gesehen habe, war einfach krass. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da abgeht. Ich habe mich so unwohl gefühlt! Das war nicht mein Lifestyle. Ich wusste, wenn ich jetzt so weitermache, ist bald Schluss mit meiner Karriere.

Bewegten Sie sich unter Promis?
Voll. Die ziehen mit den neuen, jungen Models um die Häuser und dann ins Wochenende an exklusive Orte. Da mitzumachen wäre eigentlich ein Vollzeitjob, aber du wirst nicht bezahlt, sondern bekommst nur Einblick in die Glamourwelt. Wenn sie dir dann überdrüssig sind, lassen sie dich fallen.

Manuela Frey liebt den Adrenalinkick, wenn sie im Blitzlichtgewitter oder vor der Kamera steht.

Wie verhalten sich die Stardesigner Ihnen gegenüber?
Die Schlimmsten sind die weniger bekannten Designer. Manchmal kennst du ihren Namen nicht mal und sie behandeln dich beim Casting, als ob sie Gott wären ... Wobei das ein falscher Vergleich ist, weil Gott ja alle Menschen gleich gut behandeln würde. Stars wie Michael Kors, Hedi Slimane oder Karl Lagerfeld sind nett und reden mit dir. «Hey, willst du was trinken? Ist es dir bequem? Möchtest du eine andere Grösse? Sind dir die Schuhe zu hoch? Gefällt dir das Kleid?».

Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, sie haben sich hochkämpfen müssen und wissen, wie hart das Business ist.

In der Mode-Champions-League gibt es relativ wenige Designerinnen. Würden die nicht besser wissen, was Frauen gerne tragen würden?
Stimmt, es gibt mehr Männer, doch ich denke, da die meisten von ihnen schwul sind, können sie sich gut in Frauen hineinversetzen. Andererseits sollen die Models dünn sein, weil sie gerne Knabenkörper sehen. Auf jeden Fall verstehe ich mich mit ihnen supergut. Mein bester Freund ist auch schwul.

Wie gut gefallen Sie sich eigentlich in den Kleidern, die Sie an den Shows vorführen? Haben Sie auch schon Kreationen abgelehnt?
Als ich am Anfang meiner Karriere mal ein durchsichtiges Top tragen sollte, erklärte ich dem Designer: «Sorry, ich bin erst 16!» Wenn ich sonst Sachen kriege, die ich nie im Leben anziehen würde, sage ich mir: «Na gut, es ist mein Job. Ich rock das Ding!» Und wirklich: Wenn du selbstbewusst auf den Laufsteg hinaus gehst, kannst du einen Kartoffelsack tragen und es sieht gut aus. Wenn du aber denkst, was die anderen wohl denken, erkennt man gleich, dass du dich nicht wohlfühlst und unsicher bist.

Geben Sie mir einen Einblick in die weibliche Psyche: Was ist den Frauen wichtiger, sich selbst oder den Männern zu gefallen?
Jede «normale» Frau will doch den Männern gefallen. Das liegt in unserer Natur. Deshalb sind sie auch aufeinander eifersüchtig. Sie denken: Oh mein Gott, die ist hübscher als ich, die hat die bessere Figur oder die schöneren Haare. Ich finde das schade, denn jeder Mensch hat auf seine Art etwas Wunderschönes. Dem einen gefällt dies, dem anderen das. Wichtig ist doch, dass man sich selber so akzeptiert, wie man geboren ist. 

Wie ticken Sie?
Schwierig zu sagen ... Es kommt auf den Anlass drauf an. Jetzt trage ich gerade Shorts. Ich würde ausserhalb eines Modeshootings nie etwas anziehen, das zu viel zeigt – selbst wenn es sexy wäre. Ich muss mich einfach wohlfühlen.

Ihr Stil hat sich verändert. Weil Sie verliebt sind?
Nein,  vor allem weil ich älter werde! Jetzt lachen sicher alle: «Du bist gerade mal 22!» Aber ich bin reifer geworden, spüre meine Weiblichkeit und weiss genau, was ich will. Ich schaue mehr in den «Heftli» und auf Instagram, was gerade aktuell ist.

Sie auch?
Ja, sogar ich! (Lacht.) Die meisten meiner Freizeitklamotten suche ich mir aber immer noch bei Zara und H&M zusammen.

Haben Sie selbst entschieden, was Sie in «Switzerland’s next Topmodel» tragen?
Ja. Ich habe einen Stylisten aus New York organisiert, der mir drei Koffer Kleider geschickt hat, und ich habe in Zürich noch jemanden, der mir hilft, die Sachen zu kombinieren und Accessoires hinzuzufügen. Es muss jedoch immer meinem Style entsprechen. Nicht dass aus mir plötzlich eine Dame wird oder jemand anderes.

Heidi Klum war Ihr Jugendidol. Inwiefern konnte sie für Ihre Host-Rolle noch ein Vorbild sein?
Ich liebe die Heidi. Ich weiss, dass sie auch viel kritisiert wird. Als ich sie mal persönlich kennengelernt habe, sagte sie zu mir: «Kritik gibt es immer und solange die Leute reden, ist das gut. I don’t care, ich mach mein Ding!» Das hat mich so inspiriert, dass ich es jetzt auch tue. Man kann es eh nie allen recht machen. Diejenigen, die es gut finden und dich mögen, stehen hinter dir, und die anderen sollen es nicht anschauen.

Was wird in SNTM anders als in GNTM?
Ich bin ich. Ich bin jünger. Es gibt Boys und Girls. Das ist in Deutschland nicht so. Ein Teil der Kandidaten ist älter als ich. Die Distanz ist schon deshalb geringer. Ich hab gehört, Heidi kommt schnell vorbei, führt die Walks und geht recht schnell wieder: Sie hat Kinder und macht das schon seit Jahren. Ich war eher wie eine Freundin für die Kandidaten. So hat es sich für mich zumindest angefühlt. Bei manchen tat es mir wirklich weh, sie verabschieden zu müssen.

Sie leben schon seit fünf Jahren in New York. Wie hat Sie der Big Apple geprägt?
Ich liebe diese Stadt. Ich habe mich dort schnell eingelebt und mein soziales Netz aufgebaut. Am Anfang fühlte ich mich noch einsam, weil ich erst 16 war, dort noch keine Freunde hatte und meine Eltern vermisste. Trotzdem hat mich New York stark gemacht. Ich fühle mich wohl, obwohl die Amerikaner manchmal fake sind. Aber sie sind warmherzig und hilfsbereit.

Sie arbeiten vor allem in New York und in den europäischen Mode-Metropolen. Wo haben Sie Ihre besten Freunde?
In Berlin und München. Ganz gute Freunde, noch vom Elite Model Look, habe ich auch in Madrid. In Mailand gehe ich mit meinem Driver, der mich seit meinen Anfängen zu den Castings chauffiert, immer Sushi essen. All you can eat! (Lacht.)

Sie sind sehr früh flügge geworden. Wie hat sich das Verhältnis zu Ihren Eltern verändert?
Sie sind mehr wie Freunde geworden, beste Freunde. Sie haben mich immer unterstützt und glauben an mich. Heute konnte ich beispielsweise zum ersten Mal seit Jahren wieder mit meinem Papi Tennis spielen gehen. Das war so schön! Mein Mami kommt oft nach New York. Sie liebt das Reisen. Mein Papi war leider noch nie in New York. Er mag keine Langstreckenflüge. Aber er hat mir versprochen, dass es im November oder Februar so weit sein wird.

Lange Zeit waren er und Ihr jüngerer Bruder die einzigen Männer in Ihrem Privatleben. Nun gibt es einen dritten Mann ...
Verändert hat das eigentlich nichts. Ich habe von Anfang an gesagt, ich brauche einen Mann, der Verständnis für meinen Beruf hat, da ich viel umher reise. Es gibt viele Männer, die das nicht mitbringen oder entwickeln wollen oder können. Das ist verständlich, wenn sie nicht in so einem Business zu Hause sind. Mein Freund ist auch sehr engagiert, zurzeit passt es so, wie es ist ...

Sie sind in Bastian Bakers sinnlichem neuen Video zu sehen. Eine besondere Erfahrung?
Ja, ich fand es mega spannend. Ich hatte zuvor noch nie in einem Videoclip mitgespielt. Meine Managerin fürchtete zuerst, es könnte too much sein, aber nur bis das Konzept besprochen und alles in einem hochprofessionellen Studio in Los Angeles abgedreht war. Es ist mega edel geworden, schlussendlich sehr sexy. Aber anders als amerikanische Musikvideos, in denen sich die männlichen Stars mit «Bitches» umgeben.

Wie ernst nehmen Sie Bastians Aufforderung «Stay»?
(Ein bisschen verlegen.) Es ist ein wunderschönes Lied, das jede Frau berührt. Du kannst dich leicht hineinversetzen, wie die Geschichte läuft: Sie spazieren nach Hause, sie ist angetrun-ken und er sagt: «Bleib doch bei mir.» Ich habe den Songtext jetzt nicht persönlich auf mich übertragen ...