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Mario Botta: Ich habe mich das ganze Leben geirrt

Mario Botta liebt klare Formen, massive Baukörper und nichts mehr als die Architektur. Am 1.April kein Scherz wird er 75Jahre jung. Zeit zum Feiern nimmt er sich aber erst, wenn er 100 wird.

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Elena Monti
26. März 2018

Mario Botta in Baden: So ein Projekt wie das Thermalbad braucht Zeit. Mario Botta übt seinen Beruf mit mehr als 100 Prozent Einsatz aus: Hätte ich nicht eine verständnisvolle Frau, könnte ich das nicht machen. Studio Architetto Botta in Mendrisio, 2011 - Foto: Enrico Cano Innenansicht Kirche in Mogno ( Maggiatal) 1996, Foto: Pino Musi Kapelle Sant Maria degli Angeli, Monte Tamaro 1996, Foto: Enrico Cano Granatkapelle, Penkenjoch, Zillertal ( Oesterreich) 2013 - Foto: Enrico Cano Denkmal Cumbre de las Americas, Santa Cruz della Sierre Bolivien 1996, Foto: Pino Musi Hotel Twelve at Henghan road in Shanghai, China 2012, Foto: Fu Xing Teatro dell'Architettura in Mendrisio, 2018, Foto: Enrico Cano Thermalbad, Wohn-und Ärztehaus - Bäderquartier Baden, Visualisierung 2016, Archivio Mario Botta


Mario Botta, Sie werden bald 75 Jahre alt. Eine schöne Zahl.
Ja, ich werde zum ersten Mal 75! (Lacht.) Früher dachte ich immer, dass 75-Jährige alte Menschen sind. Ich aber fühle mich nicht alt. Ich habe mich also das ganze Leben lang geirrt!

Es ist nur eine Zahl, nicht mehr?
Ja, nur eine Zahl, welche zeigt, wie schnell die Zeit vergeht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 75 noch zu Wort komme... 25 Jahre sind schon lange, 75 Jahre ein unbeschreiblicher Zeitraum.

Ist es auch eine Zahl, die Sie ein wenig ängstigt?
Daran habe ich gar nicht gedacht. Klar, alt zu werden ist nicht schön, da die Berufsaussichten schlechter werden. Mein Leben ist meine Arbeit, und bei meiner Arbeit habe ich nie an die Zeit gedacht. Mit 75 kommt man jedoch nicht mehr darum herum.

In welchen Zeitdimensionen denken Sie in Ihrem Beruf?
Als Architekt bekommt man den Auftrag, etwas zu entwerfen so wie das Thermalbad hier in Baden und dann vergeht die Zeit manchmal sehr viel Zeit. Ich arbeite nun schon mehr als zehn Jahre an diesem Projekt und wir haben bis jetzt nur ein Loch. Was ich damit sagen will: Als Architekt braucht man Zeit und mit 75 bleibt einem nicht mehr so viel, wie nötig wäre. Ich denke zwar, dass ich bis 90 arbeiten werde, aber das ist ja nicht mehr viel: Da liegt nur noch ein Thermalbad drin. Mehr nicht!

Liegt Ihr Fokus momentan ganz auf dem Thermalbad in Baden oder haben Sie noch andere Projekte?
Ich arbeite immer an mehreren Baustellen. Mich beängstigt die Vorstellung, nur eine Arbeit zu haben, weil sie irgendwann zu Ende ist. Wenn du an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitest, ist sicher eines im Anfangsstadium, eines in der Wachstumsphase und ein anderes auf der Zielgeraden. Projekte müssen entstehen, heranwachsen, reifen, in die Bauphase gehen, beendet und belebt werden. Normalerweise arbeite ich pa-
rallel an 20 Projekten. Es ist wie bei einem Künstler. Er malt auch nicht nur an einem Bild, denn die verschiedenen Arbeiten nähren sich gegenseitig. Neue Projekte entstehen aus alten und so weiter.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 75 noch zu Wort komme.»

Mario Botta

Wo befinden sich Ihre Projekte?
Sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Europa, China, Korea, Indien.

Bereisen Sie diese Länder auch?
Natürlich. Und meine Projekte ziehen mich immer weiter weg. Ich weiss nicht, ob das gut oder schlecht ist. Früher war es schon weit weg, wenn das Projekt in Lugano war und nicht in Mendrisio, wo ich lebe und aufgewachsen bin. Jetzt ist es China. Nun soll ich sogar in der Mongolei eine Moschee bauen.

Was reizt Sie daran?
Ich lerne Menschen in fernen Ländern kennen, die auf ihre Art mit Veränderungen wie Krieg oder Klimawandel umgehen. So fühle ich mich am Puls der Zeit. Natürlich ist es auch anstrengend. Eben erst war ich in Stuttgart an einer Konferenz über Sakralbauten. Nicht wegen dem umstrittenen Bahnhof 21, davon habe ich nur von Kollegen gehört!

Wird Ihre Architektur in anderen Kulturen anders betrachtet als in der Schweiz?
Nehmen wir die Chinesen: Sie lieben meine Arbeit mehr, die Schweizer weniger. Sie verstehen meine Sprache respektive meine Architektur besser: Sie schätzen das Solide, Dauerhafte.

Es ist offenbar wie so oft: Der Prophet im eigenen Land scheint weniger zu gelten als im Ausland. Schwingt da ein wenig Groll mit?
Nein, kein Groll, höchstens ein wenig Ironie! Dazu eine Anekdote: Ich lernte den grossen Künstler Alberto Giacometti kennen, als ich 1965 als Student im Büro von Le Corbusier arbeitete. An einem Samstag läutete ich mutig an der Türe zu seinem Atelier und trat ein. Alberto sagte: Oh, du Armer, du bist auch Schweizer, du wirst alles ganz alleine machen müssen! Tatsächlich kauften Schweizer Institutionen bis zu seinem Tod nicht eine einzige Lithografie von ihm. Das war hart und verbitterte ihn sehr. Die Schweiz hat Angst vor dem Erfolg.

Aber im Tessin ist es sicher anders weil Sie Tessiner sind!
Nein, auch im Tessin habe ich keine Arbeit. Ich habe dort nicht einen Auftrag von der Stadt erhalten, nur von Privaten. Die Institutionen haben Angst, sie bevorzugen die Mittelmässigkeit.


Vielleicht wollen sie nicht so viel ausgeben?
Daran kann es nicht liegen. Meine Architektur ist sehr ökonomisch. Sonst würden mich Private auch gar nicht engagieren. Meine Bauten kosten nicht mehr als der Durchschnitt. Das Problem ist nicht das Geld, die Werbung oder der Baustil. Es ist die Denkweise, die Angst vor meinem Erfolg. Die Schweiz bevorzugt die Bescheidenheit. Ich kann das auch bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen.

Sie nennen Bescheidenheit und Mittelmässigkeit als Grund, weshalb Sie nicht zum Zug kommen. Was gilt nun?
Sagen wir es so: Die Mittelmässigkeit ist das ein wenig dumme Kind der Bescheidenheit.

Sie haben 600 Bauten entworfen, 100 wurden realisiert. Eine gute Quote?
Das sind tatsächlich viele. Es gibt Architekten, die bringen es bei derselben Anzahl nur auf 5.

Sie haben für die aktuelle Ausstellung in Locarno gerade Bilanz gezogen. Welches Bauwerk hat Sie am meisten stolz gemacht?
Immer das nächste Projekt. Der Architekt ist ein Künstler. Er ist nie zufrieden. Ich versuche bis zum Schluss immer noch etwas zu ändern.

Kein Projekt, das Ihnen besonders wichtig ist?
Nein. Nicht ich, sondern die Gesellschaft bestimmt, welche meiner Bauwerke wichtig sind. Interessant, nicht? Ein Beispiel: die kleine Kirche in Mogno. Es dauerte zehn Jahre, bis sie stand, und 2000 Artikel wurden über sie geschrieben. Je stärker ein Projekt ist, desto heftiger fällt die Kritik aus. Zuerst wurde sie von vielen Seiten bekämpft und ich in der Gegend verteufelt. Und jetzt, nach all dem Widerstand, wird mit ihr geworben.

Was halten Sie vom verdichteten Bauen?
Erstmals haben wir mehr Bevölkerung in den Städten als auf dem Land, weil das Zusammenleben in der Stadt die intelligenteste, die am meisten entwickelte, flexibelste und schönste Lebensform ist, die es gibt. Die Stadt mag teilweise modifiziert oder heruntergekommen sein, aber sie existiert, lebt, pulsiert. Nun stellt sich die Frage, wie wir die Stadt formen. Die Verdichtung schützt den Raum ausserhalb. Sie setzt eine Grenze zum Land. Das sollten wir uns bewahren.

Was ist die Schwierigkeit?
Die Stadt hat kein Zentrum und keine Grenzen mehr. Wir leben in einer sich immer weiter ausdehnenden Agglomeration, die wir Stadt nennen, in der wir aber weder die Kraft des Zentrums spüren noch die Grenzen erkennen. Aus dieser Sicht ist die Verdichtung absolute Pflicht. Die Herausforderung dabei ist, die Stadt so zu verdichten, dass sie davon profitiert. Dafür braucht es urbane Projekte und nicht einzelne, isolierte Bauten.

Welches ist Ihre Lieblingsstadt?
Venedig. Sie ist die modernste unter allen. Sie hat das Problem des Personen- und Güterverkehrs mit den Kanälen gelöst und hat den Menschen die Fussgängerzone überlassen. Le Corbusier sagte schon in den 30er-Jahren, dass Venedig eine sehr moderne Stadt sei.

Wenn ich krank bin, gehe ich trotzdem zur Arbeit die beste Medizin für mich.»

Sie leben aber nicht in Venedig, sondern in Mendrisio in einer alten Spinnerei.
Genau. Ich habe sie zufällig entdeckt. Sie stand leer, mitten in der Stadt. Vorher wohnte ich in einem alten Kloster, das 22 kleine Räume hatte. Meine Frau träumte von einem Loft. Also haben wir die Spinnerei ausgehöhlt, und nun wohnen wir auf einer Ebene. Im oberen Stock ist die Bibliothek und im Untergeschoss das Archiv. Mein Zuhause ist sehr gross, an die 1000 Quadratmeter, aber der Platz reicht trotzdem nie. (Lacht.)

Wieso bauen Sie sich als Architekt nicht das perfekte Haus?
Weil ich zum Bauen einen Kunden brauche! Unser Zuhause hat meine Frau eingerichtet, ich bin zu faul und genügsam dafür. Ich bin wie der Schuhmacher, der barfuss umher geht. Man muss für die anderen arbeiten, nicht für sich selber.

Ihre drei erwachsenen Kinder arbeiten alle für Ihr Architekturbüro. Werden sie in Ihre Fussstapfen treten?
Ja, das tun sie momentan, aber ich weiss nicht, wie es weitergehen wird. Wenn ich mal nicht mehr bin, müssen sie es selber machen. Das ist nicht einfach.

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit?
Ich bin sehr froh um ihre Unterstützung, vor allem, wenn ich auf Reisen bin. Ich habe zwar 20 Angestellte, aber zu meinen Kindern natürlich ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis. Vielleicht ist es auch ein wenig egoistisch von meiner Seite, aber ich kann mich mit über 70 nicht mehr ändern. Als die drei sich entschieden, Architektur zu studieren, fand ich es gut. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob es für sie gut war.

Innenansicht Kirche in Mogno ( Maggiatal) 1996, Foto: Pino Musi

Kapelle Sant Maria degli Angeli, Monte Tamaro 1996, Foto: Enrico Cano

Granatkapelle, Penkenjoch, Zillertal ( Oesterreich) 2013 - Foto: Enrico Cano

Es ist schon aussergewöhnlich, dass gleich alle drei diesen Weg einschlugen, oder nicht?
Ja, das stimmt, auch weil meine Tochter und meine zwei Söhne sehr verschiedene Charaktere haben. Ich gebe jedoch zu, dass ich enttäuscht gewesen wäre, wenn einer Zahnarzt geworden wäre! (Lacht.) Keine Ahnung, warum es so herausgekommen ist. Ich habe ihnen nie extra Legos zum Spielen gegeben.

Vielleicht war es für sie die einzige Chance, ihren Vater regelmässig zu sehen?
Schon möglich. Ich übe diesen Beruf mit mehr als 100 Prozent Einsatz aus. Ich arbeite Tag und Nacht und an den Wochenenden. Wenn ich nicht eine verständnisvolle Frau und solche Kinder hätte, könnte ich das nicht machen. Manchmal fühle ich mich deswegen schuldig, aber ich kann nicht anders.

Haben Sie keine freie Minute für eine andere Passion?
Nein, die Architektur ist für mich Beruf, Leidenschaft und Hobby, einfach alles. Das erachte ich als grosses Glück. Wenn ich müde bin und mich an meinen Arbeitstisch setze, geht es mir gut. Wenn ich krank bin, gehe ich trotzdem zur Arbeit die beste Medizin für mich.

Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?
Ich mache kein Fest, nichts. Mit 25 hätte ich das vielleicht gemacht, aber mit 75 nein! Ich verschiebe alles auf meinen 100. Geburtstag. Wenn ich dann noch lebe, verspreche ich euch, dass ich ein grosses Fest machen werde! (Lacht.)

Mario Botta - Spazio Sacro

Der Tessiner ArchitektMario Bottaist mit seiner Ausstellung Mario Botta Spazio Sacro in der Städtischen Pinakothek Casa Rusca ab sofort bis 12. August 2018zu sehen.