X

Beliebte Themen

Begegnung

Michael Patrick Kelly: Ruhm ist trügerisch

Als 15-Jähriger wurde er zum Star der Kelly Family. Nun kommt Michael Patrick Kelly (40) solo in die Schweiz und lässt den Teenie-Schwarm hinter sich.

FOTOS
Keystone
08. Januar 2018

Michael Patrick Kelly war ein Teenie-Star, ging später ins Kloster und kehrte danach erfolgreich auf die Bühne zurück.


Alleingang

Markenzeichen der Kelly Family: melodiöse Songs und lange Haare.

Als Paddy waren Sie das Aushängeschild der Kelly Family. Auf dem Cover Ihres aktuellen Solo-Albums iD steht Michael Patrick Kelly. Wie soll ich Sie nennen?
Meine Familie und Freunde nennen mich immer noch bei meinem Spitznamen Paddy, aber als Künstler bin ich zum Namen zurückgekehrt, der in meinem Pass steht.

Was steht unter besonderen Erkennungsmerkmalen?
Ich bin jemand, der keine Wurzeln schlagen konnte, weil ich als Weltenbummler mit meiner Familie nicht an einem Ort aufgewachsen bin. Ich habe mich schon früh gefragt, wo mein Zuhause ist. In den Songs meines Albums geht es darum nicht nur um mich, sondern auch um andere Menschen.

Können Sie Beispiele nennen?
Der Song Higher Love beschreibt den tiefsten Kern meines Liebeslebens, New Spirit habe ich in meiner Klosterzeit begonnen und während der halbjährigen CD-Produktion in London fertig geschrieben. Requiem handelt von viel zu früh gestorbenen Künstlern wie Nirvana-Sänger Kurt Cobain, Amy Winehouse oder Jim Morrison.

Was hat Sie zu dieser Hommage inspiriert?
Diese grossartigen Künstler und sensiblen Seelen wurden Opfer der dunklen Seite des RocknRoll. Irgendetwas ist doch faul an diesem Sex, Drugs and RocknRoll! Ich liebe ihn zwar als Musik und als Inbegriff von Freiheit und Aufbruch, aber ich hasse ihn, wenn er Menschen zerstört.

Wie schwierig war es für Sie als Teenager, mit der Liebe der Fans umzugehen?
Wenn du zur Schule gehst und da ist ein Mädchen, das für dich schwärmt, ist das süss. Heftig wirds, wenn du auf der Bühne stehst und bei deinen Konzerten Tausende von Mädchen umkippen, weil ihre Hormone verrückt spielen, oder wenn du für Scheidungskinder zur Ersatzfamilie wirst.

Sie wurden zur Projektionsfläche
Die Kelly Family war der Inbegriff der heilen Welt. So heil war sie aber nicht. Meine Mama starb schon 1982. Und wie in jeder Familie gabs Streit, Probleme und Konflikte. Wie man bei Justin Bieber gesehen hat, ist eine Überdosis an Aufmerksamkeit für Teenager nicht gesund...

Wie lernten Sie Ihre Jugendliebe kennen, die Sie 2013 heirateten?
Unsere Familien waren miteinander befreundet. Schon als Teenager war ich total in sie verknallt, aber sie noch nicht in mich. Mit 13 habe ich darüber das Liebeskummer-Lied Looking For Love geschrieben. Erst 20 Jahre später, also nach meiner Klosterzeit, hat es beiderseits gefunkt.

Eine Überdosis an Aufmerksamkeit ist für einen Teenager nicht gesund.»

Haben Sie nun alles erreicht, wovon Sie früher geträumt haben?
Für mich fühlt es sich tatsächlich so an, als ob die Suche zu Ende wäre und ich mich selbst gefunden hätte. Ich bin jetzt Musiker, Ehemann, Christ und irisch-amerikanischer Doppelbürger.

Wie haben Sie die Zeit in der Kelly Family in Erinnerung?
Bei Pavarotti&Friends mit dem grossen Tenor zu singen oder an einer Art Eurovision Song Contest in Asien vor sechs Millionen Zuschauern aufzutreten, waren wahn-
sinnige Adrenalin-Kicks! Schwierig wurde es, nachdem mich meine Geschwister mit 18 zum musikalischen Leiter der Band wählten und ein enormer Erwartungsdruck auf mir lastete.

Wie kamen Sie damit klar?
Ich realisierte, welche kommerziellen Interessen der Musikindustrie und unserer Entourage befriedigt werden wollten. Wir wohnten ja in einem Schloss und hatten damals 40 bis 50 Angestellte! So früh so viel Verantwortung zu tragen war too much, aber auch eine gute Schule. Mir gelangen zwar weitere Hits, doch meine Freude am Musikmachen ging fast verloren.
Ist die Leidenschaft während den sechs Jahren im Kloster zurückgekehrt?
Damals musizierte ich nur wenig, vielleicht nur einmal in der Woche ein paar Stunden. Nicht für Platten, nichts Radiotaugliches. Rein aus Freude. Nach sechs Jahren Entzug sprudelt meine Kreativität nun aus mir heraus: In drei Jahren habe ich schon drei Alben herausgebracht.

Wie hat Sie das Klosterleben sonst noch verändert?
Weil ich aus dem Hamsterrad Showbusiness ausbrechen wollte und Sehnsucht nach mehr als Erfolg und Besitz hatte, brauchte ich einen Reset, die Wiederherstellung des Anfangszustands wie ein Computer, in dem es zu viele Viren hat.

Was ist nun anders?
Bei der Kelly Family kam das Kollektiv vor dem Individuum. Jeder musste Kompromisse machen. Umso mehr geniesse ich nun meine Freiheiten als Solo-Künstler. Ein Beispiel: Ich hätte nicht nach Zürich kommen müssen, um Interviews zu geben. Aber ich fahre privat gerne nach Graubünden und habe schon einmal für ein paar Tage in einem Schweizer Kloster Einkehr gehalten.

Wo war das?
In der Nähe von Lausanne VD, im Jahr, in dem mein Vater starb. Die spirituelle Erfahrung dort war ein Schlüsselerlebnis in meinem Glaubensleben. Ich erinnere mich auch gerne an ein Open Air, das für unsere Karriere wichtig war: das Out In The Green 1994
in Winterthur ZH. Als uns der Veranstalter er hatte uns in Deutschland gesehen für einen Auftritt im Festzelt anfragte, pokerte mein Vater: Wir kämen nur, wenn wir auf der Hauptbühne vor Aerosmith spielen dürfen. So konnten wir für Whitesnake, den zweiten Topact des Abends, einheizen!

Das sind Hardrock-Bands! Wie passte die Kelly Family in dieses Umfeld?
Wir warfen alle Balladen aus der Setliste, bauten mehr E-Gitarren ein und hauten kräftiger auf die Drums. Alle Jungs zogen ihr Hemd aus und montierten temporäre Tattoos. Am Anfang hörten uns nur 3000 Typen zu, am Ende 30'000 darunter viele Lederjackenträger, die uns um unsere langen Haare beneideten! (Lacht.)

Wie waren die Reaktionen?
Da es vor unserem Durchbruch war und noch keine Vorurteile gegenüber der Kelly Family existierten, sagte Aerosmith-Leadgitarrist Joe Perry nach der Show zu uns: Was seid ihr nur für eine geile Band! Und wir hingen mit Sänger Steven Tyler ab, während Whitesnake spielte. Eine tolle Erfahrung!

Wünschten Sie sich manchmal, dass Sie noch Teil der Kelly Family wären?
Nein, nach der Gemeinschaft in der Band und im Kloster, wo wir 70 oder 80 Mönche aus etwa 25 Ländern waren sozusagen die United Nations of
Jesus Christ vermisse ich in meiner dritten Lebensphase nichts. Ich will mit meiner Frau auch nicht die Kelly Family The Next Generation gründen

Sie möchten keine Kinder?
Wenn es passieren würde, wäre es ein Segen. Ich würde sie darin unterstützen, das zu tun, was sie lieben egal, ob sie Fussballer, Schauspieler oder Musiker werden wollen. Wenn es für sie jedoch nur darum gehen würde, berühmt zu werden, bekämen sie von mir zu hören: Sorry, Ruhm ist trügerisch!

Inwiefern?
Mehr denn je kommt man sich heute wie ein Gladiator im Kolosseum vor, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Man sieht es auf Youtube und Facebook: Daumen hoch, Daumen runter. Mal wirst du gefeiert, mal machst du einen Fehler oder sagst einen doofen Satz schon wirst du von der ganzen Welt gesteinigt.