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Interview

Die Ökonomin

Patrizia Laeri erklärt dem Schweizer Fernsehpublikum die Wirtschaft. Uns erklärt sie, wie viel Rente wir in Zukunft noch erhalten werden und wo im kommenden Jahr die grössten Gefahren lauern.

FOTOS
Christoph Kaminski
31. Dezember 2018

Patrizia Laeri vor Robert Böschs Bergbildern in der Bildhalle: Die Verschuldung hierzulande ist so hoch, dass der TV-Journalistin «angst und bange» wird.

Bekanntes Fernsehgesicht

Moderatorin, Ökonomin und Kunstliebhaberin

Patrizia Laeri zählt dank ihren Moderationen in der täglichen «SRF Börse»-Sendung sowie ab und an bei der Wirtschaftssendung «Eco» zu den präsentesten Gesichtern im Schweizer Fernsehen. Die 40-Jährige wuchs in Flurlingen ZH auf und studierte in Zürich und Madrid Wirtschaft. Heute lebt sie mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in Männedorf ZH. Sie malt oder liest gerne «Klugscheisserbücher» (zum Beispiel den Bestseller «Die alltägliche Physik des Unglücks» von Marisha Pessl). Die Bücher ordnet sie nach Farben: «Das ergibt dann ein eigenes Kunstwerk.»

Mit wehendem Mantel kommt Patrizia Laeri angerauscht. Die TV-Moderatorin («Eco», «SRF Börse») liebt Kunst, malt selber grosse Ölgemälde mit Jagdmotiven und geht gerne in die Berge. Die Bildhalle in Zürich, wo die Bergbilder des Fotokünstlers Robert Bösch ausgestellt werden, ist deshalb der Treffpunkt, den sich Laeri wünscht. Für eine Ausstellung mit ihren eigenen Werken ist es zu früh: «Ich bin noch nicht so weit.» Wenn die 40-jährige Zürcherin mit Bündner Wurzeln etwas macht, dann richtig. Auf der Networking-Plattform LinkedIn ist sie in die Liste der 25 relevantesten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aufgenommen worden. Im Gespräch soll sie uns relevante Informationen darüber geben, was das Jahr 2019 mit sich bringt.

Patrizia Laeri, nach den Weihnachtstagen hat es bei vielen Menschen ein Loch in der Kasse. Was sind die wichtigsten Geldtipps für den Durchschnittsbürger?

Die erste Frage, die sich jeder stellen soll, lautet: Wie sieht mein Budget aus und wie viele Schulden habe ich? Da muss man ganz ehrlich mit sich sein. Das Zahlen mit Kreditkarten verleitet dazu, mehr Geld auszugeben, als einem zur Verfügung steht. Und es ist die dümmste Zahlungsart, denn die Zinsen auf ihnen sind horrend. Dann lieber, falls möglich, bei einer wichtigen Investition die Hypothek erhöhen, weil da die Schuldzinsen deutlich tiefer sind.

Die Menschen sollen also bar bezahlen.

Oder aber auf Rechnung per Banküberweisung. Auf beide Arten zahlt man keine Gebühren, weder versteckte noch offensichtliche.

Um reich zu werden, reicht das noch nicht.

Womit wir bei der Frage angelangt sind, wie wichtig einem Reichtum ist und was Reichtum bedeutet. Mir ist es genauso wichtig, genügend Zeit für meine Familie und meine Kunst zu haben. Studien belegen, dass der Mensch ab einer gewissen Einkommensschwelle nicht glücklicher wird – ab 95000 Franken …

… im Monat …

… nein, natürlich im Jahr. (Lacht.)

Trotzdem nochmals: Wie werde ich – materiell! – reich?

Als ich alleine lebte, hatte ich schnell genügend Geld auf der Seite. Mit Kindern verändert sich die Situation drastisch. Wir haben das teuerste Kinderbetreuungssystem der Welt. Unglaublich, wie Familien zur Kasse gebeten werden. Weil das zweite Einkommen die Steuern aufgrund der Progression deutlich erhöht, lohnt es sich für viele Frauen finanziell nicht, zu arbeiten. Also bleiben sie zu Hause – unter ihnen 50 000 Akademikerinnen. Ein Missstand, finde ich.

Patrizia Laeri ärgert sich über die Diskriminierung der Frau auch in der Wirtschaft: «Das fängt schon beim Sackgeld an. Mädchen erhalten in der Primarschule 15 Prozent weniger Sackgeld als die Buben.»

Heiraten kann also teuer werden …

… ja, aber noch teurer ist es, sich scheiden zu lassen.

Im Sorgenbarometer der Schweizer weit oben: Wie viel Rente erhalten wir noch?

Ja, das bereitet mir ebenfalls Sorgen. Der jetzige Umwandlungssatz ist zu hoch, was zu einem Umlageverfahren führt. Es war nie geplant, dass die Jungen die Renten der Rentner finanzieren – mit der Aussicht, dass für sie am Ende viel weniger übrig bleibt. Genau das aber wird der Fall sein. Umso wichtiger ist es, dass man frühzeitig vorsorgt und etwa in die dritte Säule einzahlt. Das gilt besonders für die Frauen. Studien zeigen, dass die Altersarmut mehrheitlich weiblich ist, weil viele von ihnen Teilzeit arbeiten und oft nur wenig oder gar nichts in der Pensionskasse oder auf dem Dritte-Säule-Konto einzahlen.

Der Tipp mit dem frühzeitigen Sparen ist gut gemeint. Aber wer denkt mit 30 schon, wie es um ihn mit 65 stehen wird? Es kann noch so viel passieren in dieser halben Ewigkeit.

Trotzdem empfehle ich es jedem. Auch wenn es nur schon 50 oder 100 Franken pro Monat sind. Lieber mal den einen oder anderen Espresso aus­lassen …

Sie moderieren die Sendung «SRF Börse». Werden Sie oft nach Aktientipps gefragt?

Am häufigsten passiert dies im Laden, wenn ich gerade vor dem Tiefkühlregal stehe. (Lacht.) Ich muss die Menschen dann enttäuschen, denn Einzeltipps gebe ich keine. Das fände ich auch vermessen. Wie oft liegen Experten und Banken mit Prognosen falsch! Da möchte ich mich nicht einreihen. Auf generelle Entwicklungen hingegen kann ich hinweisen.

Was können Sie da im Hinblick aufs 2019 sagen?

Man sagt, dass die Börse die kommenden sechs Monate vorwegnimmt. Alle führenden Ökonomen gehen deshalb von einer Verlangsamung der Wirtschaft aus. Sämtliche Anlagearten – ob Aktien, Obligationen, Gold oder Bitcoin – schnitten in diesem Jahr schlecht ab, was historisch einmalig ist.

Es steht also ein schwieriges 2019 bevor.

Vielleicht trifft es der Ausdruck «gemächlicher» besser. Wir hatten in den vergangenen Jahren in der Schweiz ein sehr gutes Wachstum. Ich frage mich allerdings, ob das Bruttoinlandsprodukt wirklich noch die alles entscheidende Grösse für unser Wohlergehen ist. Ich habe grosse Zweifel. Mehr Verbrechen, mehr Umweltverschmutzung, mehr Scheidungen steigern alle das BIP, ein Fortschritt ist dies aber nicht. Ich finde, Fortschritt sollte man wie in Neuseeland messen: Was macht unser Leben lebenswert? Das BIP misst die Ungleichheit nicht und wurde im analogen Zeitalter erfunden. Die Digitalisierung hat uns viele Vorteile gebracht, die unser Leben enorm erleichtern, aber gar nicht in die Bewertung einfliessen: Man denke an das ganze Wissen, das im Internet gratis verfügbar ist. Hausarbeit oder Freiwilligenarbeit spielen im BIP ebenfalls keine Rolle. Ebenso wenig Nachhaltigkeit.

Wie gross ist der Sinn für Nachhaltigkeit bei Firmen?

Viele Manager sind gar nicht daran interessiert. Nur einen kleinen Prozentsatz – wenn überhaupt – stecken sie in Forschung und Entwicklung. Lieber agieren sie mit kurzfristigem Horizont, weil sie nach wenigen Jahren ohnehin wieder weg sind. Also geht es für sie nur darum, auf Teufel komm raus die Kosten zu senken und den Aktienkurs mit jedem erdenklichen Mittel zu stützen. Kommt noch hinzu, dass die Firmenschulden enorm zugenommen haben, auch aufgrund der günstigen Zinsen. Die Verschuldung ist heute höher als vor der grossen Finanzkrise.

«Eine Bundesrätin mit kleinen Kindern wäre schön.»

 

Droht ein Börsencrash?

Es ist ein Naturgesetz, dass es immer wieder zu Börsencrashes kommt. Jetzt hatten wir eine der längsten Börsenhaussen der Wirtschaftsgeschichte, da hat sich einiges aufgebaut. Die Notenbanken haben schwelende Feuer immer wieder gelöscht. Doch wenn ich die hohe Verschuldung sehe, wird mir angst und bange. Auch was die Immobilien anbelangt, spitzt sich die Situation zu. Jahrelang wurde kopflos gebaut, riesige Bürokomplexe auf irgendwelchen Wiesen im Irgendwo, die heute leer stehen, weil dort niemand hinziehen will. Oder die UBS: Die Bank hat erklärt, dass sie 25 Prozent sogenannter Ramschhypotheken abgestossen habe. Wo sind diese hin? Es sieht so aus, als hätten Versicherungen und Pensionskassen sie übernommen. Womit das Risiko auf den Renten liegt. Das finde ich sehr problematisch.

Für was geben Sie selber Geld aus?

Ich bin für die gewöhnlichen Geschäfte die Horrorkonsumentin, wie sie im Bilderbuch steht. Zum einen achte ich viel mehr darauf, was und wie viel ich ausgebe, seit ich Kinder habe. Und zweitens kaufe ich online ein, mittlerweile auch Lebensmittel. Ich finde es übersichtlicher, vor allem die Aktionen. Im Laden steht mir meist jemand vor der Nase …

… oder fragt Sie vor dem Tiefkühlregal nach Aktientipps. Wie erziehen Sie Ihre beiden Söhne im Alter von 5 und 7 Jahren, wenn es ums Geld geht?

Eben erst habe ich da eine erschreckende Statistik gesehen: Bereits beim Sackgeld gibt es einen Unterschied zwischen Buben und Mädchen. Diese erhalten schon in der Primarschule 15 Prozent weniger Sackgeld als die Buben. Hätte ich eine Tochter, würde ich ihr doppelt so viel wie meinen Söhnen geben, um diese Ungerechtigkeit wenigstens ein bisschen auszugleichen. Spass beiseite: Als mein älterer Sohn in die erste Primar kam, gab ich ihm jeden Montag einen Franken Sackgeld. In der nächsten Klasse sind es dann zwei Franken. Dazu gehört, dass wir darüber geredet haben, was er mit dem Geld anstellen will. Er möchte für ein Haustier sparen. Der jüngere Sohn hilft mit dem Geld, das er vom Gotti erhält. Sie möchten einen Hund, würden aber auch eine Katze nehmen. Für einen Hund fehlt uns wohl die Zeit.

Die Diskriminierung der Frauen beginnt wie gesehen schon früh. Was muss getan werden, damit sich das ändert?

Ich finde es schlimm, dass sich alle drei Bundesratskandidatinnen zwischen Karriere oder Kindern entscheiden mussten. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht, das sollte man auf politischer Ebene anpacken. Etwa, indem man endlich die Elternzeit für Mann und Frau einführt. So viele Frauen erhalten einen Job nicht, weil die KMU-Betriebe sich vor der langen Abwesenheit infolge Mutterschaftsurlaub fürchten. Bei der Elternzeit haben beide die gleichen Bedingungen und Chancen. Es ist erfreulich, dass nun zwei Bundesrätinnen gewählt wurden, aber noch schöner wäre es, wenn eine Mutter mit kleinen Kindern darunter wäre.

Wann werden Frauen nicht mehr benachteiligt?

Es wird sich schrittweise ändern. Der nächste Vorstoss, der zur Abstimmung kommt, ist die Initiative zur Individualbesteuerung, mit der die sogenannte Heiratsstrafe abgeschafft werden soll.

Patrizia Laeri, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.