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Pierre Richard: Ich sterbe nicht als Erwachsener

Der französische Kultkomiker Pierre Richard macht nur noch das, was ihm Freude bereitet. Zehn Jahre war er von der Leinwand verschwunden und produzierte lieber Wein statt Filmkost. In der Fortsetzung von Die Schtis...in Paris bringt er seine Fans aber wieder zum Lachen.

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Getty Images, David Koskas, Alamy
16. April 2018

Wenn ich keine Lust zu etwas habe, dann mache ich es nicht. Die Drehbücher, die man mir vorschlug, liessen mich kalt.


Er gilt als der französische Buster Keaton und Woody Allen in einer Person. Als Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh stolperte Pierre Richard durch die Fettnäpfchen seiner Filme und brachte das Publikum mit seiner verwegenen Hirnlosigkeit vor Vergnügen zum Brüllen. Vor über zehn Jahren wurde der Kult-Komödiant aber zum Leinwandabstinenzler und produzierte lieber Wein statt Filmkost. Bis Frankreichs derzeit erfolgreichster Komiker Dany Boon ihn jetzt zurück auf die Leinwand lotste: In seiner lang erwarteten Fortsetzung des Erfolgsfilms Die Schtisin Paris, die derzeit in den Kinos läuft, spielt Pierre Richard nun den grantelnden, alltagsuntauglichen Vater des Haupt-Schtis Dany Boon (51).

83 Jahre ist der Kultkomiker heute jung, aber noch unverkennbar der Alte, wie wir in München feststellen: blaue, freundlich strahlende Augen, hohe Stirn, schütterer weisser Vollbart, auch seine ehemals blonde Mähne ist längst weiss. Pullover und Hose sind schon fast nach- als nur lässig, und die rote Lesebrille sieht eher nach Supermarkt aus statt nach Superstar. Aber das Augenzwinkernde ist noch immer da, unverändert.

Monsieur Richard, hat Präsident Macron Ihnen schon seine Aufwartung gemacht?
Wieso?

Als Sie letztes Jahr kurz in Berlin waren, unterbrach der frühere Präsident François Hollande seinen Staatsbesuch und liess seine Fahrzeugflotte vor dem Restaurant halten, in dem Sie assen. Passiert Ihnen so etwas häufiger?
Nein, das war schon ein Knaller, das war nicht vorgesehen. Kaum sassen wir in diesem Restaurant, kam der Präsident zur Tür rein, um mir Guten Tag zu sagen. François Hollande ist kein enger Freund von mir, daher war ich wirklich überrascht. Er war damals zum Abschiedsessen bei Angela Merkel und hatte vom Botschafter erfahren, dass ich in der Stadt war. Statt direkt zum Airport zu fahren, kam er bei uns vorbei.

Woher kannten Sie sich?
Die Schauspielerin Julie Gayet war mal bei mir zum Abendessen eingeladen und rief vorher an, ob sie ihren Freund mitbringen dürfte eben Hollande. Ich wusste damals gar nicht, ob die beiden noch ein Paar sind oder nicht, Klatsch interessiert mich nicht... Jedenfalls sind dann beide erschienen. Und wir haben uns wahnsinnig gut amüsiert und viel gelacht. Über Politik haben wir aber nicht geredet, wir wollten ihm ja nicht den Abend verderben (Kichert). Das wars! Ein supernetter, unkomplizierter Abend.

Für uns waren Sie lange unsichtbar, zumindest im Kino. Warum?
Ich habe zehn Jahre lang eigentlich nur Theater gespielt. Ich bin 83 und das einzige Privileg dieses Alters ist, dass ich nur noch das mache, was mir Spass macht. Wenn ich keine Lust zu etwas habe, dann lasse ichs sein. Die Drehbücher, die man mir vorschlug, liessen mich kalt. Also habe ich nicht gedreht. Dafür stand ich in Moskau und San Francisco mit einem Programm auf der Bühne.

Jetzt hat die Leinwand Sie endlich wieder: In Die Schtisin Paris mimen Sie den Vater von Ober-Schti Dany Boon. Sie kommen selbst aus dem Norden Frankreichs. Welche Marotten haben die Schtis denn nun in Wirklichkeit?
Eigentlich verfügen sie über recht positive Eigenschaften: Dass die Nordfranzosen das Herz auf der Zunge tragen, sehr gastfreundlich und warmherzig sind und alles teilen, was sie haben, selbst wenn es wenig ist. Sie können aber auch etwas aufdringlich sein und viel Platz einnehmen. Eigentlich gibt es kaum Vorurteile gegenüber den Nordfranzosen, es heisst einzig und allein von den Bretonen, sie seien furchtbare Sturköpfe. Der Rest gilt als warmherzig.

Wird umgekehrt ein Schuh daraus: Gibt es Vorurteile der Leute im Norden gegen die Menschen in Paris?
Und wie! Die Pariser sind aber auch wirklich ein Völkchen für sich. In Frankreich sagt man gerne: Paris wäre eine der schönsten Städte der Welt, wenn da nicht die Pariser wären! Dabei kommen viele der Bewohner der Hauptstadt eigentlich aus der Provinz, tun aber noch pariserischer als der Rest. Oder es sind, wie in allen Grossstädten, Ausländer, die sich in Paris niedergelassen haben und die langsam zu Parisern werden. Ja, Paris ist sehr schnell, sehr stressig, daher sind alle immer gehetzt und immer genervt. Es gibt weniger sozialen Zusammenhalt und auch viel weniger Bistros. Und das ist dramatisch. Im Norden hingegen ist es wirklich noch so, dass die Häuser aneinandergeklebt sind, und am Ende der Strasse gibt es ein Café oder Bistro, wo man sich trifft und sich kennenlernt. Und das fehlt in Paris. Und wenns noch Cafés gibt, gehören sie jetzt Vietnamesen.

Wie kam es, dass Dany Boon Sie als seinen Vater an Bord geholt hat?
Er hat mir erzählt, dass er seit seiner Kindheit ein grosser Bewunderer war. Ich hätte ihn schon als Kind zum Lachen gebracht und sei für ihn immer der sympathische Clown gewesen, der Menschen nie blossstellt. Dany bedauert, dass es heute in französischen Komödien oft zu geschwätzig zugeht. Ihm fehlt die visuelle Komik, wie ich sie vertrete.

Nur weil ich 83 bin, muss ich doch kein altes Herz haben.»

Stimmt: In Ihren Szenen sagen Sie kaum ein Wort, aber es sind die prägnantesten des Films ob Sie den Koch mit den zwei linken Händen geben oder den Rockstar. Wie bewahren Sie sich dieses Kindsein mit über 80?
Nur weil ich 83 bin, muss ich doch kein altes Herz haben! Ich bin definitiv noch kindlich. Auch wenn ich mal sterbe, dann bestimmt nicht als Erwachsener. Ich bin einfach so. Dany Boon ist mir darin ganz ähnlich. Das ist auch genau das, warum wir uns so nahe stehen: Dany ist auch immer noch verzaubert von gewissen Dingen. Und er ist auch noch längst nicht reif, erwachsen zu werden.

Sie waren in den Siebzigerjahren das, was Dany Boon heute ist: Frankreichs Exportschlager in Sachen Komik. Ihre Reihe Der Grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh war Kult ähnlich wie heute Die Schtis
aber mit einem Unterschied: Der Grosse Blonde ist 1972 erst durch den Erfolg in Deutschland zum internationalen Hit geworden! Ich bekam Berge von Briefen von dort.

In Frankreich war die Komödie damals nur sehr mässig gelaufen.
Oh ja, extrem mässig sogar. Dann aber sah ein Berliner Produzent, Rainer Brandt, in der Agentenpersiflage grosses Potenzial, erfand dafür den Titel Der Grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh, und der Film wurde so ein Kassenknüller, dass er auch in Frankreich eine zweite Chance bekam.

Woher kommt Ihre Schwäche für die Deutschen?
Wenn ich im Sommer im Midi bin, um meinen Wein zu verkaufen, besuchen viele Nationalitäten unser Weingut, Russen, Briten, Belgier, aber kaum sind Deutsche darunter, wird es besonders entzückend. Wirklich. Gern kommen sie mit der ganzen Familie, sind fröhlich, grosszügig, sympathisch. Jedes Mal tippe ich meinem Winzer auf die Schulter und sage: Hast du gesehen? Die Deutschen sind wieder mal die nettesten Leute hier.

In den 70er-Jahren war Pierre Richard einer der berühmtesten Komiker der Welt.

Sie sind schon vor Jahren unter die Winzer gegangen. Wie gut ist Ihr Wein?
Ich glaube ganz gut (lacht). Ich mache Rosé und Rotwein. Meine Schwester kümmert sich um den ganzen Handel. Ich bin eher dafür zuständig zu reisen die Ukraine, auch die Schweiz, Belgien und Moskau aber nicht, um zu sagen: Kauft diesen Wein!, sondern um zu sagen: Danke, dass ihr ihn gekauft habt.

Ist Ihr Konterfei auf dem Etikett zu sehen, oder weiss ein Käufer bei uns womöglich gar nicht, wessen Rebensaft er da trinkt?
Auf dem guten Wein, dem Château Bel Évêque bin ich abgebildet, aber nur meine Umrisse sehr diskret. Auf dem leichteren, unkomplizierten Wein, der eher für das breite Publikum gedacht ist und dessen Preis auch sehr annehmbar ist, prangt mein Bild. Aber auch nur, weil meine Schwester Véronique mir das befohlen hat. Ich wollte erst gar nicht, aber sie hat sich durchgesetzt.

Wie kommen Sie mit der grossen, neuen Digitalwelt zurecht?
Bei digitaler Technik bin ich eine echte Null. Schlimmer noch als meine Filmfigur. Ich kann gerade mal mein Smartphone allein bewältigen, ausserdem Briefe schreiben, äh... Mails. Und man hat mir gezeigt, wie ich Whapps schreibe, das ist ja ganz praktisch, weil man dann kostenlos mit dem Ausland telefonieren kann.

Sie meinen: WhatsApps.
Und ich kann etwas auf Google nachschauen, wenn ich eine historische oder geografische Frage habe. Da schreibe ich den Namen hin und fertig. Aber sonst? Sobald ich den Computer öffne, stellt der mir Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Per World Wide Web versuchen wir auch unserem Sozialverhalten zu neuen Impulsen zu verhelfen, mit Facebook-Freunden und Datingportalen. Wie haben Sie Ihre Frau Ceyla Lacerda erobert? Sie ist eine wunderschöne Frau, wie man auf Fotos sieht.
Fotos? Aber woher kennen Sie die? Ich zeige meine Privatfotos doch nur ganz selten her!?

Monsieur! Die habe ich doch nicht von Ihnen. Die stehen im Internet! In Ihrem Fall von Ihrem letzten Besuch beim Filmfestival Cannes.
(Lacht schallend.) Sehen Sies? Sehen Sies? Ich sags ja immer das Internet ist noch nicht ganz in mein Bewusstsein gedrungen! Dabei müsste man immer auf der Hut sein, denn es hält ja alles fest, was man sagt und tut und anzieht.

In Die Sch'tis in Paris Eine Familie auf Abwegen spielt Pierre Richard (links) für einmal nur die Nebenrolle.

Wir waren eigentlich bei Ihrer Frau und wie Sie sie ohne Internet bezirzt haben.
Das war vor 25 Jahren in Porquerolles, einer kleinen Insel im Mittelmeer vor Hyères, wunderschön. Ich fuhr da oft hin, weil Freunde dort ein Haus hatten, das fast mein zweites Zuhause war. Ich hatte sogar ein eigenes Zimmer. Eines Tages ist diese schöne Brasilianerin dort aufgetaucht. Ceyla war Mannequin, modelte damals für Kenzo und war für ein Fotoshooting dort. Bademode. Und ich tat das, was ich am besten kann: Ich habe sie zum Lachen gebracht. Sehr sogar.

Ist Humor immer der richtige Ansatz, wenn man sich einer Frau nähern will?
Humor stellt zumindest keinen Schaden an! Man braucht ihn vielleicht nicht, wenn man so aussieht wie Alain Delon. Aber wenn man nicht Delons Gesicht besitzt, hilft Humor ungemein. Am besten wäre natürlich beides.

Sie sind heute 83 Jahre alt. Haben Sie sich mit dieser hohen Zahl angefreundet?
Nein! Ich kann wirklich nicht behaupten, dass mir diese Zahl gefiele! Ausserdem kann ichs meist nicht fassen. Ich fühle mich überhaupt nicht so! Nur manchmal werde ich daran erinnert, etwa wenn meine Schultern mich plagen und ich kein Tennis mehr spielen kann. Oder weil ein Knie mich nervt und davon abhält, Ski zu laufen. Da packt mich das Alter dann doch.