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Interview

«Die grosse Sinnkrise hatte ich nie»

Simon Ammann über das grösste Geschenk an Weihnachten, betrunkene Gäste im falschen Hotelzimmer und seine Wünsche im kommenden Jahr.

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Keystone
24. Dezember 2018

Simon Ammann blickt in eine herausfordernde Zukunft: «Im Januar stehen an der Uni Prüfungen an.»

Bei Simon Ammann verhält es sich wie mit Roger Federer: Man kann sich schon gar nicht mehr an die Anfangsjahre erinnern, so lange liegen diese zurück. Ein Skispringen ohne Simon Ammann – undenkbar. Und wenn doch einmal der Fall: langweilig, zumindest aus Schweizer Sicht. 1997 stieg der heute 37-jährige Toggenburger in den Weltcup ein. Seitdem ist er das Perpetuum mobile der Flugsportart. Und mit seinem Quartett an olympischen Goldmedaillen auch einer der besten Schweizer Athleten der Geschichte.

Simon Ammann, zuerst möchte ich mich damit brüsten, dass ich bei all Ihren vier Goldsprüngen in Salt Lake City und Vancouver live vor Ort war.

Ich auch. (Lacht.)

Für mich war das wie Weihnachten im Februar … singen Sie an Weihnachten?

Ja, wir singen so, wie wir es eben können. Nach einem Lied ist es dann gut.

Euer Ritual an Weihnachten?

Ich habe kein richtiges Ritual, auch weil ich in den letzten Jahren kaum in Ruhe feiern konnte. Zwischen dem Weltcup-Springen in Engelberg und der Vierschanzen-Tournee blieb nur wenig Zeit, um herunterzufahren. Wir werden sicher im Familienkreis feiern, mit zehn Kindern zwischen 1 und 5. Das ist eine Herausforderung, die es auch wegen der Ansteckungsgefahr in sich hat. Eine Erkältung so knapp vor der Tournee wäre fatal.

Was ist das grösste Geschenk?

Wenn ich meinen beiden Kindern zuschauen kann, wie sie ihre Geschenke auspacken. Da kommen Erinnerungen auf, als man noch selber leuchtende Augen hatte. Bei uns zu Hause war damals der ganze Tag lang die Stube zu. Unsere Neugier war riesig: Auf welchem Päckli steht welcher Name? Doch zuerst wurde ausgiebig gegessen, was die Spannung noch mehr erhöhte. Es gab zum Beispiel Filet im Teig. Wurden auch noch Pommes frites dazu serviert, war das für uns doppelt Weihnachten. Seitdem wurde die Friteuse nie mehr gebraucht ...

Was nehmen Sie sich fürs 2019 vor?

Sportlich hoffe ich, dass es von den Resultaten her besser aufgeht, nachdem der Start in den Winter ja eine Katastrophe war. Und ich möchte die Saison mental gut überstehen. Sie zieht sich, was mir in den letzten zwei, drei Jahren bewusster wurde; man ist recht lange von der Familie entfernt. Privat möchte ich mein Betriebswirtschaftsstudium an der Uni St. Gallen vorantreiben. Im Januar stehen bereits Prüfungen an.

Eine enorme Doppelbelastung.

Ich habe immer gerne gelernt. Aber ja, Sie haben recht, so neben dem Skispringen ist das anspruchsvoll. Es ist mir wichtig, dass der Start glückt. Es wird ja zu Beginn ziemlich ausgesiebt. Auch im Hinblick auf die Zeit nach dem Skispringen möchte ich erfolgreich sein.

Sie sind seit über zwei Jahrzehnten Skispringer und feierten immer wieder grosse Erfolge. Zweifeln Sie manchmal, ob Sie überhaupt etwas anderes können?

Das frage ich mich ab und zu. Das Studium an der Uni liefert nun Antworten. Die grosse Sinnkrise hatte ich allerdings nie, obwohl die letzten Jahre seit dem schweren Sturz in Bischofshofen 2015 sehr herausfordernd waren. Gerade die vergangene Olympiasaison war anstrengend. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich das wirklich nochmals auf mich nehmen möchte.

Es gibt Skispringer, die auch noch mit 46 im Weltcup dabei sind. Sie haben also noch ein weiteres Jahrzehnt vor sich.

Noriaki Kasai ist ein Phänomen.

«Hätte ich den Sprung nicht abgebrochen, wäre ich übers Stadion hinaus geflogen.»

 

Sie sind auch ein Phänomen.

In der Olympiasaison war ich extrem fit. Dafür passte es technisch nie zu hundert Prozent, es war kein befreites Springen. Das war sicher einer der Gründe, weshalb ich weitermachte. Weil sich Ende Saison das Gefühl einstellte, nicht alles ausgereizt zu haben. Zudem bekam ich einen eigenen Trainer und die Möglichkeit, im Sommer einen eigenen Schuh zu entwickeln. Das war aufregend.

Wenn Sie aufhören, verliert eine Sportart in der Schweiz ihr Aushängeschild – und droht aus dem Rampenlicht zu verschwinden.

Kilian Peier hat in den Sommerwettkämpfen gute Ansätze gezeigt. Es kann manchmal ganz schnell gehen. Im alpinen Skisport glaubte man vor wenigen Jahren auch, dass jetzt die grosse Dürre ausbrechen würde. Doch dann sprangen junge Fahrerinnen wie Wendy Holdener oder Michelle Gisin in die Bresche. Ich finde, dass wir optimistisch sein dürfen.

Wann haben Sie letztmals Ihre vier Olympia-Goldmedaillen angeschaut?

Vor zwei Jahren, als Eurosport eine Dokumentation über mich drehte. Dafür habe ich sie aus dem Tresor hervorgeholt. Ein Bild, auf dem ich alle vier zusammen in der Hand halte, gibt es aber noch nicht. Das spare ich  Seite 29

mir für den besonderen Moment auf, wenn ich sage: So, jetzt ist es gut.

Wenn Sie einen Wettkampf nochmals erleben könnten, welchen würden Sie wählen?

Ich hatte einige magische Sprünge, da fällt die Wahl nicht leicht. Einmal flog ich in Planica 233 Meter weit. Hätte ich den Sprung nicht abgebrochen, wäre ich wohl über das Stadion hinaus geflogen. (Lacht.) Es hat alles zusammengepasst.

Sie haben in Alt St. Johann das Hotel Hirschen gekauft. Wann eröffnen Sie?

Das Haus hat gelitten. Wenn ein Gast zu Simon Ammann ins Toggenburg kommt, erwartet er keine Spelunke. Deshalb warten wir noch zu. Dieses Projekt braucht noch Zeit – wie alles bei mir.

Welche war die schlimmste Spelunke während Ihrer Karriere?

Einmal waren wir in Bischofshofen in einem Hotel untergebracht, wo wir einen Betrunkenen, der sich in unser Zimmer verirrt hatte, aus dem Bett schleppen mussten. An einem anderen Ort – ich möchte den Namen nicht verraten – war es im Zimmer vier Grad kalt. Erst nach mehreren Reklamationen erbarmte man sich und drehte die Heizung auf. 

Simon Ammann, wir danken Ihnen für das Gespräch.