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Interview

«Frauen sind gar nicht missgünstig»

Ihre Beziehung ging in die Brüche. Nun hat sich Sophie Hunger (35) in die elektronische Musik ihrer Wahlheimat Berlin verliebt. In einer Welt voller synthetischer Materialien sucht sie nach dem Platz der modernen Frau.

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Marikel Lahana
10. September 2018

Sophie Hunger muss sich nicht verstecken: Ihr neues Album «Molecules» ist reich an Überraschungen.

Die Neugierige

Sophie Hunger ist in Bern, London, Bonn und Zürich aufgewachsen. Zwei Jahre nach ihrem Debütalbum «Sketches On Sea» eroberte die autodidaktische Singer-Songwriterin mit «Monday’s Ghost» 2008 die CH-Hitparade. Mit ihrem eindringlichen Gesang und dem Mix aus Pop, Folk, Chanson und Jazz, der babylonischen Sprachenvielfalt und oft schwer zu deutenden Texten ragt sie aus dem Mainstream heraus. Nun wagt sie sich auf neues Terrain – nicht nur, weil sie zu einer englischen Plattenfirma gewechselt hat. Die CD «Molecules» enthält ausser Hungers Gitarre viel elektronische Musik. Aktuelle Konzerte gibts ab 5. Oktober in Zürich sowie ab 13. Dezember in Basel und Bern.

Sophie Hunger, wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen Kleid?

(Längere Pause) Sie meinen die neue Musik?

Genau … Ihr neues Klangkleid.

Sehr gut! Als ich mit den Synthesizern und den programmierten Beats zu arbeiten begann, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass diese Musik sehr gut zu mir passt, weil sie von den Frequenzen her recht viel Platz für die Stimme lässt. So kann ich mit sehr wenigen Elementen sehr viel ausdrücken.

Warten Sie geduldig auf die Inspiration oder suchen Sie aktiv nach ihr?

Ich warte nicht. Es klingt für mich zu esoterisch, wenn Leute sagen (sie imitiert den bedeutungsschwangeren Unterton) «Ich mues warte, bis es zu mir chunt!» Dann denke ich: «Ja, woher kommt es denn? Ist es der liebe Gott, der im Himmel sitzt und hin und wieder ein Liedkörnchen runterkrümelt?»

Wie hat sich Ihr Verhältnis zur elektronischen Musik durch dieses Album verändert?

Ich habe mehr Respekt vor ihr. Ich bin noch ganz neu auf diesem Feld und bewundere diejenigen, die sich mit den Synthies besser auskennen. Ich fühle mich, als ob ich Roger Federer nacheifern würde. Ein paar Schläge kann ich jetzt schon, aber es liegt noch ein weiter Weg vor mir.

Dann ist es nur ein Vorurteil, dass es leichter ist, mit Synthesizern Musik zu machen als mit herkömmlichen Instrumenten?

Ich würde sogar das Gegenteil behaupten. Wenn ein fünfjähriges Kind auf einem Konzertflügel eine Taste drückt, erklingt sofort dieser ewige, grosse klassische Klang. Bei einem Synthie ginge das nicht. Über den musst du viel mehr wissen, um einen guten Klang erzeugen zu können.

«Ich fühle mich, als ob ich Roger Federer nacheifern würde.»

Sophie Hunger, 35

Haben Sie sich wegen der privaten Trennung ins musikalische Solistentum zurückgezogen?

Jeder Mensch reagiert auf einen solchen Schmerz anders. Manche gehen jeden Abend in den Ausgang und verlieren sich im Exzess mit Fremden, andere gehen ins Kloster, und so jemand bin ich eher. Dass ich mich so zurückgezogen habe und die Arbeit am Computer waren deshalb schon ein typischer Reflex.

In «That Man» beschreiben Sie einen fiktiven Mann als «strong and soft, cool and warm». Gibt es eine prominente Persönlichkeit, die ihm entsprechen könnte?

(Lacht.) Ja, vielleicht. Jetzt muss ich mal überlegen ... Nein, ich glaub’ nicht. Leute in der Öffentlichkeit sind meistens ein bisschen oberflächlich und langweilig. Die wahre Prominenz unserer Gesellschaft ist nicht sichtbar.

Und Sie? Sie sind ja auch eine Person öffentlichen Interesses.

Bin ich das? Ich weiss nicht, wie ich bin. Es ist immer ganz gefährlich, sich selber zu beschreiben. Sie müssen die Menschen fragen, die mit mir zusammenarbeiten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Liedtexte an die synthetische Musik anzupassen?

Ich habe schon länger gedacht, dass die Texte im Singer-Songwriter- und Popbereich etwas Altmodisches haben. Die Metaphorik von Begriffen wie Meer, Himmel, Vögel, Holz oder Steine erinnert mich mehr an Eichendorff. Gleichzeitig leben wir aber in einer Welt voll von Kerosin, Plastik und Plutonium. Unsere ganze Realität wird ja immer mehr durchsetzt von synthetischen Materialien und ich wollte unbedingt, dass man die Songs durch ein Vokabular in unserer Zeit verorten kann.

Weshalb haben Sie sich diesmal auf englische Texte beschränkt?

Ich habe immer gewusst, dass ich mal ein Album machen will, das sprachlich nicht so zerstreut ist. Ein monolinguales Album.

Das ist keine neue Erfindung!

Für mich aber schon. Ich bin jetzt bei einer englischen Plattenfirma unter Vertrag und wollte mit Dan Carey arbeiten. Englische Produzenten können nur Englisch. Die Angelsachsen sind nun mal sprachlich etwas limitiert. Es war also keine Kapitulation vor dem angelsächsischen Kulturimperialismus. Ich werde garantiert weiter Schwiizerdütsch, Deutsch und Französisch singen.

Was wollen Sie mit «She Makes President» ausdrücken?

Ursprünglich wollte ich das Porträt einer modernen Frau schreiben. Mein grosses Liebeslied an Frauen. Nachdem ich in einem Bericht über die US-Wahlen den Satz «She makes president» gehört hatte und ihn toll fand, wurde daraus eine Art weibliche Selbstreflexion im Stil von Grönemeyers «Männer». Als dann Trump statt Hillary Clinton Präsident wurde, konnte ich das Lied aber nicht mehr unbeschwert spielen. Die Tonalität änderte. Ich merkte, dass der Text nun eher von einer Frau in der Zukunft handelt.

Clinton hat nicht genügend Frauenstimmen bekommen. Sind Eifersucht und Missgunst mitschuldig, dass Frauen nicht mehr Verantwortung in Politik und Gesellschaft tragen?

Ich finde alles falsch, was Sie jetzt gerade gesagt haben. Das ist für mich die typische Strategie der Männer, um uns Frauen zu spalten und uns selbst für die Ungleichberechtigung verantwortlich zu machen. Dummerweise hatten wir das lange internalisiert …

… also Euch zu eigen gemacht und verinnerlicht …

… aber inzwischen durchschaue ich diese billige Finte. Ich erlebe Frauen gar nicht als missgünstig. Gerade unter Musikerinnen ist die Loyalität und Hilfsbereitschaft gross.

Im Oktober geben Sie in Ihrer zweiten Heimat innert sechs Tagen fünf Konzerte auf vier verschiedenen Bühnen. Wie kam es zu dieser «Tour de Zurich»?

Ich habe in meiner Wahlheimat Berlin schon mal sechs Konzerte in sieben Tagen gegeben. Das war die beste Woche meines Lebens! Wir haben praktisch nie geschlafen und waren trotzdem nie müde. Das war ein physikalisches Phänomen. Weil wir so lange nicht mehr in Zürich gespielt haben, dachte ich, ich will nun etwas Grosszügiges machen. Nicht nur für die Leute, auch für die neue Band. Wir sind wie der FC Bayern München. Wenn der neue Spieler hat, reicht es nicht, gemeinsam zu trainieren. Es braucht Spielpraxis, bis sich wieder alle blind verstehen.

Sophie Hunger geht in Interviews gerne in den Gegenangriff über: «Ich finde alles falsch, was Sie gerade gesagt haben.»

Die Energie an so unterschiedlichen Orten wie dem Helsinki, dem Kaufleuten und der Roten Fabrik ist sicher spannend.

Vor allem sind wir in all diesen Locations so nahe am Publikum, dass jeder Zuruf, manchmal nur ein Blick, voll einschlägt und einen aus der Fassung bringen kann. Das passiert nicht, wenn wir ein Konzert vor über 5000 Leuten spielen, wo wir nur die ersten drei, vier Reihen sehen.

Gestern habe ich den Astrophysiker Ben Moore interviewt, Professor an der Uni Zürich und Buchautor. Er ist aber auch DJ und hat eine Elektrorock-CD veröffentlicht. Welche Frage würden Sie ihm nach «Molecules» stellen?

Vielleicht: Was ist der Ursprung des Universums?