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T. C. Boyle: Jede Geschichte findet ihren eigenen Weg

Der kalifornische Kultautor hat ein Herz für die Umwelt und für die Menschen. Nur mit Donald Trump wird er nie mehr warm werden.

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Lea Hepp
15. Januar 2018

Ein Freund der Erde: T. C. Boyle liebt es, in der freien Natur zu sein.


Schreibaktivist

Gott ist ziemlich offensichtlich ein Konstrukt unserer Spezies.

Bodenständiger Doktor

Thomas Coraghessan Boyle (68) gilt als einer der einflussreichsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur und lebt in Santa Barbara CA. Trotz schwieriger Kindheit beide Elternteile waren Alkoholiker brachte er es bis zum Doktortitel (Ph.D.) in englischer Literatur. Er veröffentlichte bis heute 16 Romane und 11 Kurzgeschichtenbände. Die deutsche Fassung von Good Home ist ab 29.Januar im Handel.

Während der Vorbereitung der Fotografin am Merkurplatz in Zürich wirkt T. C. Boyle (68) leicht verkrampft. Ich reise mit leichtem Gepäck. Im Moment habe ich alles an, was ich an Kleidern dabei habe und trotzdem friere ich, gesteht der Kalifornier und erzählt kopfschüttelnd, wie er am Limmatquai Leute habe draussen sitzend Kaffee trinken sehen. Überhaupt ist der amerikanische Erfolgsautor sehr redselig. Wusstet Ihr, dass ich vor meiner Reise ein Buch zu Ende geschrieben habe, das einen Schweizer Bezug hat? Wussten wir nicht. Wie auch? Ich werde Euch im Interview mehr darüber verraten.

T. C. Boyle, für alle 20 Kurzgeschichten in Ihrem neuen Buch hat mir die Zeit leider nicht ganz gereicht.
Nun, ich habe sie alle gelesen. Sie sind superb.

Das bezweifle ich nicht. Der Buchtitel lautet Good Home. Wie ist denn der Zustand Ihres Zuhauses, der USA?
Sprechen wir zuerst über das Buch. Den Titel der Geschichte Good Home haben wir in der deutschen Übersetzung bewusst in Englisch belassen. Es geht darin um illegale Hundekämpfe mit Pitbulls. Um die Hunde auf die Kämpfe vorzubereiten, werden Katzen und Hunde zu ihnen als Opfer in den Käfig gesetzt. Der Titel bezieht sich auf Tierinserate, in dem ein gutes Zuhause für unerwünschte Haustiere gesucht wird, er ist also ironisch.

Verstanden. Nun aber Amerika.
Ich weiss nicht, ob Sie davon gehört haben. Unser Land wurde vom rechten Flügel übernommen. Von einem Irren, der alles zerstören wird, woran ich glaube. Folglich sind wir nicht gerade überglücklich. (Lacht.)

Ist Donald Trump so schlimm, wie Sie erwartet hatten?
Er ist viel schlimmer, als ich mir je hätte vorstellen können. Ich lebte während acht Jahren mit George W. Bush und erwähnte ihn jeden Tag in den Medien. Aber Bush ist im Vergleich mit diesem Kerl wie Abraham Lincoln. Trump scheint gewillt zu sein, unsere Demokratie zu zerstören und sie exklusiv den Unternehmen zu übergeben. Meine Politik ist sehr einfach: Ich glaube an die Frauenrechte, an den Umweltschutz und vor allem an Ausbildung. Er ist natürlich gegen all das.

Donald Trump ist wie eine Figur aus Batman. Er ist der Bösewicht mit dem grossen Turm.»

Könnte Trump eine Ihrer Romanfiguren sein?
Ja, aber das wäre zu einfach. Viel zu einfach. Schon bevor er gewählt wurde, war er wie eine Figur aus Batman. Er ist der Bösewicht mit dem grossen Turm aus Gotham City. Wir müssen diese Leidenszeit einfach durchstehen. Das Traurige ist nur: Die Menschen werden unter seiner Umweltpolitik leiden. Trump hat uns in Umweltaspekten etwa hundert Jahre zurückgeworfen. Wir spüren die Klimaveränderung schon während unseres Lebens. Stellen Sie sich vor, wie das erst in fünfzig oder hundert Jahren aussehen wird! Ich habe übrigens eine ganz persönliche Lösung, dem zu entgehen: Ich werde sterben.

Umweltthemen sind in Ihren Büchern sehr prominent. Sind das die grössten Probleme der Gegenwart?
Wenn du eine Karriere als Schriftsteller startest, überlegst du dir nicht, über welche Themen du schreiben möchtest. Aber über die Jahre habe ich realisiert, dass meine Hauptthemen Biologie und Umwelt sind. Darüber hinaus Fragen über unser Dasein: Gibt es Gott? Haben wir Gott erfunden? Warum sind wir hier? Warum gibt es kein Leben auf anderen Planeten, von dem wir wissen? Ist Wissenschaft so sehr Voodoo wie Religion? Das beschäftigt mich und darüber schreibe ich. Und auch eine Geschichte wie Good Home, über die wir sprachen, geht letztlich um unser animalisches Dasein: Wir lassen Tiere einander töten, nur um Geld darauf zu wetten.

Ihre Protagonisten sind oft voller Träume und guter Absichten und werden dann desillusioniert. Haben Sie ein Herz für Verlierer?
Natürlich. Sie sind viel interessanter als die Gewinner. Ich stamme aus der Arbeiterschicht und war der Erste meiner Familie am College. Ich hatte das Glück, in meinem Leben zu tun, was ich will. Nicht alle haben dieses Glück. Ich mag es, Desillusionierung auszuloten. Schon das Erwachsenwerden ist ein Prozess der Desillusionierung. Je mehr wir von unseren Smartphones und Computern besessen werden, umso mehr vergessen wir, dass wir Tiere sind, die draussen sein sollten. Ich versuche, möglichst viel Zeit in der Natur zu verbringen. Zu Hause fahre ich Kajak, gehe wandern oder an den Strand. Wenn ich in den Bergen von Montana bin, ohne TV und Internet, gehe ich nach der Arbeit in die Wälder, stundenlang. Es ist gut für die Seele.

Zurück zu Ihren Figuren: Wenn sie leiden, leiden Sie mit?
Wenn Sie in einem Roman zum Sex-Teil kommen, dann fühlt sich auch der Autor sexy. Wenn Sie zum Essen kommen, dann ist er hungrig. Ich fühle immer alles. Manchmal ist das Schreiben unglaublich emotional. Vor allem gegen das Ende hin. Und wenn ich dann im Studio das Hörbuch aufnehme, kommen mir manchmal die Tränen, denn da habe ich kein Publikum wie bei meinen Lesungen.

Schicksalsschläge sind ebenfalls Konstanten in Ihren Büchern. Glauben Sie an Schicksal? Oder an Gott?
Ich glaube nicht an Gott. Gott ist ziemlich offensichtlich ein Konstrukt unserer Spezies, um das Unerklärbare zu erklären. Ich wünschte, ich könnte an ihn glauben, aber ich tue es nicht. Ich wuchs in einer katholischen Familie auf. Ich ging mit meiner Mutter und meiner Schwester sonntags zur Kirche. Das Universum war toll: Es gab einen Zweck, Gott war da und liebte mich, und deshalb existierte ich. Mit 13 Jahren hatte ich in der Schule Geografie und sagte zu meiner Mutter: Die Kirche ist absurd! Sie sagte: Nun, wenn du nicht daran glaubst, musst du auch nicht hingehen. Vier Jahre später, mit 17, fand ich mich im College in den Fängen der Existenzialisten und Nihilisten wieder. Ich fand nie mehr den Weg zurück.

Im Prozess des Bücherschreibens gibt es verschiedene Stadien. Inwiefern beeinflussen diese Phasen Ihren Alltag?
Einer der Gründe, warum ich auf Twitter so aktiv bin, ist, weil viele Leute selbst schreiben möchten und wissen wollen, wie man das macht. Ich brauche absolute Routine. Ich gehe jeden Tag um etwa dieselbe Zeit ins Bett und stehe jeden Tag zur etwa selben Zeit auf. Dazwischen schlafe ich durch ohne eine Unterbrechung. Das ist enorm wichtig, denn wenn ich auch nur ein bisschen müde bin, kann ich nicht schreiben. Also versuche, alle Konzentration auf meine Arbeit zu richten. Jeder Tag gleicht bei mir dem anderen, ausser ich bin auf einer der endlosen Buchtouren. Da versuche ich, nicht einmal ans Schreiben zu denken. Deshalb habe ich vor dieser Reise extrem hart gearbeitet, um mein nächstes Buch zu beenden. Nun kann ich meinen Kopf aufs Hotelkissen legen im Wissen: Es ist vollbracht.

Kennen Sie das Ende einer Geschichte im Vornherein?
Nein. Jede Geschichte findet ihren eigenen Weg. Oft werde ich von einem Ende völlig überrascht. Ich bin ein Professor, und dennoch bin ich nicht daran interessiert, etwas anderes als Fiktion zu schreiben. Fiktion ist Kunst, und sie ist sehr magisch. Man weiss nie, wohin einen eine Geschichte führt. Und deshalb fühlt es sich so gut an, wenn sich alles zusammenfügt und man das Ende sieht.

Wenn Sie ein Routinetyp sind, dann haben Sie sicher auch feste Schreibzeiten.
Klar, das ist alles sehr starr bei mir. Ich stehe auf, mache mir Kaffee, kümmere mich um den Hund und mein Twitter-Ei. Dann lese ich die Zeitungen und räume auf. Dann mache ich ein 15-Minuten-Nickerchen. Wenn ich aufwache, bin ich bereit für die Arbeit. Dann schreibe ich, solange ich möchte. Normalerweise aber nicht länger als 4 Stunden. Dann gehe ich an die frische Luft und mache meistens etwas Körperliches, als Ausgleich.

Könnten Sie ohne diese Muster nicht schreiben?
Ich könnte kein Autor sein, der nur dann schreibt, wenn er sich gerade danach fühlt. Oder nach dem Abendessen schreiben, das könnte ich nicht. Alles zu seiner Zeit. Ich schreibe auch nie an zwei Texten gleichzeitig, auch nicht an einem Roman, wenn ich Kurzgeschichten schreibe. Erst wenn ein Stück fertig ist, beginne ich mit dem nächsten.

Welches Ihrer Bücher ist Ihr Lieblingsbuch?
Das wurde ich so oft gefragt, dass ich wählen musste. Und ich wählte Wassermusik, meinen sentimentalen Favoriten. Das war mein erster Roman, total wild und erfunden. Ich war ein Student, hatte kein Geld und konnte nicht einmal aus Iowa hinaus, geschweige denn nach Afrika. Sowieso schrieb ich über ein mythologisches Afrika, jenes Afrika, das wir westlichen Menschen aus Film und Fernsehen kennen. Aber es machte grossen Spass, darüber zu schreiben. Nun aber zu Ihrer letzten Frage.

In Zürich erhielten Sie im November 2017 den Jonathan Swift Award. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?
Ich liebe sie. Wir alle suchen nach Wertschätzung. So ein Award heisst: Wir mögen, was du tust, bitte mach weiter damit! Der Jonathan-Swift-Award ist speziell wertvoll, denn nur selten werden Auszeichnungen für Humor vergeben. Ich mag die Unterteilung in ernsthaft und lustig nicht. Entweder ist etwas lustig oder eben nicht. Vor zwei oder drei Jahren erhielt ich den Henry David Thoreau Award für mein Schreiben über die Natur. Ich war der erste Fiktionsautor, der diese Auszeichnung erhielt. Man erkannte, dass ich auch über Natur schreibe. Deshalb sind es diese beiden Auszeichnungen, die mir am meisten bedeuten. Nun aber zu Ihrer letzten Frage.

Die da wäre?
Worum es in meinem neuen Roman geht! Mein 28. Buch hat eine Verbindung in die Schweiz. Das Buch heisst Outside Looking In und es geht um LSD in seiner frühen Phase, als es als psychiatrische Droge eingesetzt wurde. Das Buch hat einen Prolog und einen Epilog, die beide in Basel und Umgebung spielen, wo Albert Hoffmann lebte und LSD entwickelte.

Da freue ich mich drauf. Wann wird das Buch erscheinen?
Ich hoffe, im Frühjahr 2018, ansonsten wird es Herbst.

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