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Wim Wenders: Der Papst schaut keine Filme

Filmemacher Wim Wenders zeigt in seinem neusten Werk Papst Franziskus so, wie wir ihn noch nie gesehen haben und lernte von ihm eine neue Bescheidenheit.

FOTOS
Alamy, Universal Pictures, Pope Francis - A man of his word (c) 2018 CTV, Célestes, Solares, Neue Road Movies, Decia, PTS Art's Factory / Photograph by Francesco Sforza
18. Juni 2018

Wim Wenders durfte dem Papst alle Fragen stellen, die er wollte es gab keine Zensur.

Wim Wenders (73) hat mit Kultfilmen wie Paris, Texas Kinogeschichte geschrieben. Nun überrascht der deutsche Regisseur noch einmal richtig. Denn der Protagonist seines neuen Films ist kein Geringerer als: der Papst. Der Heilige Vater himself, Franziskus I. Wenders Doku «Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes» zeigt ihn als Hoffnungsträger für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in einer aus den Fugen geratenen Welt.

Wim Wenders: Ich wusste nicht, dass der Papst so eine Power und Präsenz hat.

Wim Wenders, wie kommt man auf die Idee, eine Dokumentation über den Papst zu drehen?
Ehrlich gesagt hätte ich mir das in meinen kühnsten Träumen nicht ausgedacht. Eines Tages, im Herbst 2013, kam meine Assistentin ganz aufgeregt ins Zimmer: Hier ist ein Brief vom Vatikan reingeflattert! Mein Italienisch ist nicht besonders gut, aber ich habe verstanden, dass man sich mit mir treffen will: Es ginge um eine Dokumentation über den Papst. Zur Sicherheit habe ich mir das nochmals wortwörtlich von einer Italienerin übersetzten lassen. Mit ihrer Hilfe habe ich zurückgeschrieben, dass ich gerne vorbei kommen würde.

Einfach mal so in Rom vorbei kommen, um mit der Hauptfigur Testaufnahmen zu machen?
(Lacht.) Testaufnahmen gabs keine! Wir sind sofort ins kalte Wasser gesprungen. Der Vatikan hat von Anfang an klar gemacht, dass er nichts vorgeben wird. Es gab nicht mal eine Idee, wie der Film aussehen soll. Es hiess nur: Das müssen Sie sich schon selber ausdenken, Herr Wenders!

Warum durften ausgerechnet Sie so nah an den Gottesmann heran?
Dario Viganò, damals Präfekt und Kommunikationsminister, sagte mir: Ich habe mir das wohl überlegt! Es stellte sich heraus, dass er Film studiert und unterrichtet hat. Als junger Kaplan hatte er sogar einen Filmclub in Rom, bei dem ich wohl auch mal eingeladen war. Daran konnte ich mich aber nicht mehr erinnern. Vielleicht hat es auch ein bißchen mit dem Himmel zu tun...

dem Himmel über Berlin, wie einer Ihrer bekanntesten Filme heisst. Kannte auch der Papst Ihre Werke?
Er hat nur kurz gesagt: Ich habe viel von Ihnen gehört. Sie müssen aber wissen, dass ich generell keine Filme schaue.

Einige Kritiker bezeichnen Ihren Film als Auftragsarbeit für den Vatikan.
Das finde ich falsch. Ein Auftrag ist was anderes. Der Vatikan hat es nur initiiert.

Wie sind Sie dem Papst begegnet?
Als gläubiger Mensch, als ökumenischer Christ, aber definitiv nicht als Katholik. Ich glaube, das ist ihm Recht gewesen.

 

Warum wollte der Vatikan überhaupt einen Film mit seinem Oberhaupt drehen?
Die Leute im Umfeld des Papstes haben gemerkt, dass Franziskus ganz anders als seine Vorgänger mit den Menschen kommuniziert. Er hat einen Draht zu den Menschen, will mit ihnen reden und verschanzt sich nicht hinter der Theologie. Als Dario Viganò einen Film vorschlug, fand der Papst die Idee gut.

 

Was sprach dafür, das Angebot anzunehmen, was nicht?
Wenn es eine Produktion des Vatikan-Fernsehens gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Aber weil sich der Vatikan komplett heraus hielt und ich selbst die Produzenten und den Filmverleiher finden musste, habe ich mich darauf eingelassen.

Der Film überrascht damit, dass wenig über Glauben gesprochen wurde, sondern viel eher über Realpolitik.
Für mich war das auch überraschend, wie weltoffen der Papst ist und wie gut er sich mit vielen sozialen Verhältnissen auskennt. Ebenso erstaunlich fand ich, wie wichtig es ihm war, nicht nur zu Christen zu sprechen, sondern zu allen Menschen. Wenn er vom Gemeinwohl spricht, meint er nicht nur das Wohl der Christen, sondern aller Menschen.

Was haben Sie noch über den Papst erfahren, was Sie vorher nicht wussten?
Ich wusste nicht, dass er so eine Power hat, auch in seiner Präsenz. Er hat eine geradezu ansteckende, optimistische Energie! Im Fernsehen kommt das gar nicht so rüber.

Sie lassen den Papst direkt in die Kamera sprechen. Das ist in Filmen extrem ungewöhnlich.
Ich wollte diesem mutigen Mann die Möglichkeit geben, den Menschen direkt in die Augen sagen zu können, wofür er steht. Das tut er in dem Film auch. Sie sitzen ihm Auge in Auge gegenüber.

Gab es mit dem Heiligen Vater ein Vorgespräch oder eine Absprache der Themen?
Ich durfte alle Fragen stellen, die ich stellen wollte. Allerdings habe ich sie vorher aufgeschrieben. Diese Fragen wurden nie beanstandet, ich habe sie auch in anderer Reihenfolge gestellt, einige verändert, andere gar nicht erst gestellt, weil er sie anderweitig schon beantwortet hat. Ich weiss, dass er ein sehr bescheidener Mensch und gerne arm ist er ist ja auch der Meinung, dass wir alle mit viel weniger auskommen sollten. Also wollte ich auch keinen aufwändigen Film machen. Kein Film über ihn als Person, sondern über seine Anliegen.

Sie haben Franziskus nicht nur in den pompösen Sälen, sondern auch in den vatikanischen Gärten getroffen. Haben Sie gemerkt, dass ihn eine besondere Aura umgibt?
Er hat schon eine ganz eigene Präsenz und Magie: Er strahlte Freundlichkeit und ein Grundvertrauen aus. Er macht keinen Unterschied zwischen den Menschen und begrüsst jeden, auch die hinter der Kamera und vom Ton. Zum Regisseur kam er erst, nachdem er den Elektriker begrüsst hatte. Hinterher hat er sich auch von jedem verabschiedet. Dadurch haben wir uns alle auch immer auf das nächste Treffen gefreut, jeder hatte das Gefühl, wahrgenommen worden zu sein. Man erlebt es an Sets nur selten, dass jemand so eine persönliche Kraft hat, dass er allen das Gefühl gibt, wahrgenommen zu werden.

War der erste Drehtag für Sie Routine?
Ich war wahnsinnig aufgeregt! Das Team auch, weil allen klar war: Das ist kein Schauspieler. Wenn irgendwas mit der Technik nicht funktioniert, werden wir Dinge verlieren und nie wieder drehen können. Ich würde ihn nicht bitten, seine Sätze zu wiederholen! Er war auch nicht geschminkt. Alles an dieser Situation war einmalig, also haben sich alle zusammengerissen.

Der Kern des Films sind vier lange Gespräche, die Sie mit dem Papst geführt haben. Konnten Sie ihn auch auf Reisen begleiten?
Dieser Film wäre nicht möglich gewesen, wenn ich zwei Jahre lang mit ihm mitgereist wäre. Ich bekam aber Zugang zum Filmarchiv des Vatikans, damit ich auf Bildmaterial zurückgreifen kann. Wir haben ja erst 2016 mit den Interviews angefangen, aber ich habe mich mit allem auseinander gesetzt, was seit seinem Amtsantritt passiert ist.

Sie haben sich nicht als Interviewpartner ins Gespräch eingebracht, aber erzählen eine zusätzliche Geschichte mit Schauspielern jene von Franz von Assisi. Warum?
Was mich von Anfang an am Papst faszinierte, war, dass er sich den Namen Franziskus ausgesucht hat. Dass sich heute jemand nach Franz von Assisi nennt, ist der Hammer! Das hat sich noch niemand getraut. Daher wollte ich einen Bogen spannen: von einem Revolutionär, der vor 800 Jahren lebte, zu einem, der heute diesen Namen annimmt und alles anpackt, was Franz schon auf dem Programm hatte, etwa die Solidarität mit Armen und Ausgestossenen, ein neues Verhältnis zur Natur, Frieden unter den Religionen. Wir leben in der Zeit, in der 150 Arten pro Tag sterben, in der die gesamte Menschheitsgeschichte umkippt. Dass der Papst sich so vehement für die Natur und das ökologische Gleichgewicht einsetzt, ist ganz im Sinne von Franz von Assisi.

Warum lautet der Titel des Films etwas sperrig: Ein Mann seines Wortes?
Wir leben in verrückten Zeiten, in denen wir uns fast daran gewöhnt haben, dass Menschen nicht mehr für das stehen, was sie verkünden, gerade Politiker, denen die ganze Welt zuhört. Man fragt sich oft, wem man heute noch glauben kann. Und dann kommt so einer wie dieser Papst und straft solche Ansichten Lügen! Franziskus hat eine grosse Offenheit und Menschenfreundlichkeit, die auch von Atheisten oder Andersgläubigen ernst genommen wird.

Der Papst hat einen guten Draht zu den Menschen.»

Wim Wenders, 72

Sind Sie zum Papst-Fan geworden?
Mich hat am stärksten seine Furchtlosigkeit beeindruckt. Das hat auch auf mich abgefärbt, ich habe den Film viel furchtloser gemacht. Wir haben mit offenen Karten gespielt: Er hat gesagt, was ihn bewegt, ich habe gesagt, was mich bewegt. Niemand hat mir bei diesem Film rein geredet, ich habe alles mit mir selbst ausgemacht. Das bereitete mir zunächst Sorgen. Aber Papst Franziskus machte mir Mut. Seine Furchtlosigkeit half mir sehr.

Gab es Momente, in denen Sie dem Papst gern widersprochen hätten? Zum Beispiel, als er über das Zölibat oder Feminismus sprach?
Meine Rolle bestand nicht darin, ihm zu widersprechen. Ich wollte keinen kritischen Film über den Papst machen. Das wäre ein komplett anderer Job mit einer anderen Herangehensweise gewesen. Ich wollte einfach nur dem Papst die Möglichkeit geben, sich und seine Gedanken mitzuteilen. Der Film ist das Medium, das es ermöglicht, nicht anders als bei den alten Herren vom Buena Vista Social Club. Ich mache Filme über Dinge, die ich gerne mag und gerne teile. Kritik entsteht eher durch das, was nicht darin vorkommt.

Nun sieht man im Film diesen weltoffenen Papst. Andererseits steht die Kirche als Institution nicht gerade für Offenheit.
Ich habe gemerkt, dass der Papst beim Thema Frauen in der Kirche anders agieren würde, wenn er nur könnte. Ich habe ihn ganz klar gefragt, ob Frauen Priester werden können. Er meinte: Irgendwann kommt es, aber das werde ich nicht mehr erleben. Da wurde mir klar, dass es sehr viel gibt, das er gerne noch bewegen würde, aber dass er nicht mehr der Jüngste ist und nicht alles anpacken kann, was ihm wichtig ist.

Dieser Teil ist aber nicht zu sehen, warum?
Das gehörte zu den sieben Stunden Material, das es nicht in den Film geschafft hat. Wie bei jedem Film hat man am Ende ganz viel Material übrig.

Warum haben Sie ausgerechnet dieses Thema, das viele bewegt, nicht mit reingenommen?
Weil ich mich für andere Teile seiner Antworten entschieden habe, die besser passten. Er sprach etwa darüber, dass eine Gesellschaft ohne Gleichberechtigung nicht funktionsfähig ist.

Der Papst appelliert an uns, etwas bescheidener und ärmer zu sein. Wie macht das ein Wim Wenders? Verschenken Sie jetzt Sachen?
Absolut! Meine Frau und ich haben uns seine Worte zu Herzen genommen, wir haben auch über unser Leben nachgedacht und bestimmte Schritte unternommen. Wir kommen auch mit weniger aus. Meine Einkünfte aus diesem Film gehen in wohltätige Zwecke.

Hat der Papst den fertigen Film abgesegnet?
Ich habe ihm nur zwei Mal zwischendurch Material gezeigt, damit er sieht, auf welchem Stand wir sind. Den fertigen Film habe ich Don Dario Viganò und ein paar anderen aus dem Ministerium gezeigt. Die haben sich über das Ergebnis gefreut, es gab keine Beanstandungen. Das war aber auch gar nicht der Anlass der Vorführung, sie wollten einfach nur sehen, was ich gemacht habe. Dass der Papst den Film gar nicht gesehen hat, weiss ich aus einer Notiz von ihm, in der er sich dafür entschuldigt: Es sei einfach nicht sein Ding, Filme zu gucken.