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Begegnung

Wir erleben eine Tragödie

Carla Del Ponte nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Menschenrechtsverletzung geht. Im Interview äussert sich die Tessinerin auch über den Zustand der Welt und die Höhe ihres Golfhandicaps.

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Chris Iseli, Keystone
02. Juli 2018

Carla Del Ponte ist nciht sicher, ob sie noch erlebt, wie die Missetäter in Syrien verurteilt werden: Ich werde nicht jünger.


Carla Del Ponte ist auf Trab. Am Morgen hatte sie eine Signierstunde, nun das Interview, später hält sie eine Lesung. Ich hoffe, dass sich mein Buch gut verkauft, sagt die 71-jährige Tessinerin. Ihre Hoffnung hat sich bereits erfüllt: Im Namen der Opfer hält sich seit Wochen in der Bestsellerliste. Das Buch ist eine Abrechnung mit der UNO-Kommission, die im Syrienkonflikt ermitteln sollte, aber ohne jeglichen Einfluss blieb. Mit den Einnahmen will sie Kinder in Syrien unterstützen. Es ist also nicht für den Besuch von Golfplätzen gedacht, stellt sie klar und lacht dazu. Überhaupt lacht sie viel. So kennt man sie gar nicht von ihren Auftritten als Bundesanwältin, die Mafiosi jagte, oder als Mitglied der UNO-Kommission für Syrien. Für ein fröhliches Gesicht war das Thema viel zu ernst, erwidert sie.

Carla Del Ponte, Ex-Botschafter Thomas Borer sagte in der Coopzeitung, dass die Welt noch nie so gut dastand wie heute.
Ah, ja? Dann schaut er nicht richtig hin. Zumindest, was die Menschenrechte anbelangt, stimmt die Aussage nicht. Wir erleben in der Welt eine Tragödie. In Syrien, aber nicht nur dort. Überall auf der Welt werden Menschenrechte verletzt. Vielleicht hat er seine Aussage auf die Ökonomie bezogen. Da mag es anders aussehen, was ich aber nicht beurteilen kann.

Die Welt ist also schlimmer geworden?
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es eine Zeit lang besser. Der Höhepunkt waren die Tribunale zum Jugoslawien-Krieg oder zu Ruanda. Das waren starke Signale: Die internationale Justiz ist so weit, dass auch die Diktatoren eines Landes Gefahr laufen, vor Gericht gebracht zu werden. Das war doch ein grosser Erfolg.

Und heute?
Irgendwann ist die Situation gekippt. Seit sieben Jahren werden in Syrien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Wir erleben einen Völkermord der UNO-Sicherheitsrat aber tut nichts. Es fehlt der politische Wille.

Sie glauben trotzdem weiterhin an das Gute im Menschen?
Diesen Glauben habe ich nie verloren. Ich habe grossartige Menschen kennengelernt, die mir Hoffnung machten. Den Glauben verloren habe ich aber an den Nutzen der UNO-Untersuchungskommission in Syrien. Wir wollten im UNO-Sicherheitsrat vorsprechen, durften dies jedoch nur in den Hinterzimmern tun, nicht im berühmten ovalen Saal. Bei den Besprechungen war nur die dritte Garde der Botschafter anwesend: Je tiefer die Botschaftsvertreter in der Hierarchie sind, desto jünger werden sie. So schaute ich bei diesen Sitzungen in der UNO nur in diese blutjungen Gesichter. (Lacht.) Mir reichte es dann, nach fünf Jahren verabschiedete ich mich aus der Kommission. Ich wollte nicht Alibi sein für all die Bösen dieser Welt. Meine Frustration war gross.

War es Ihre schwerste Niederlage?
Das Spiel ist ja noch nicht zu Ende. Weil ich dieses Buch geschrieben habe. Hier steht die ganze Wahrheit drin. Nichts als die Wahrheit.

Der letzte Satz im Buch lautet: Die Zeit wird kommen, da wir euch am Genick packen.
Das ist meine grosse Hoffnung. Ich bin aber nicht sicher, ob ich es noch erleben werde. Ich werde ja nicht jünger.

Sie haben das ganze Leben für Gerechtigkeit gekämpft. Und nun können Sie einfach so ohne Weiteres aufhören?
Ja, das kann ich. Diese fünf schlimmen Jahre in der UNO-Untersuchungskommission haben mir dabei geholfen.

Sie haben schon vor vielen Jahren Schlimmes gesehen. Aber Syrien übertrifft alles, wie Sie sagen.
Ja, das ist so. Noch nie waren die Foltermethoden so brutal wie in diesem Krieg. Und so erbarmungslos gegenüber Frauen und Kindern habe ich Täter noch nie erlebt. Hier gibt es keine Grenzen mehr. Es geschieht aber nichts, dass es besser wird. Ich habe ein Video gesehen, in dem einem 12-jährigen Jungen der Kopf abgeschnitten wird. Seine angstvollen Augen werde ich nie mehr vergessen. Wir haben die Namen der Täter, passiert aber ist nichts. Und das ist kein Einzelfall. Unglaublich.

Ich kann verlieren, aber nicht gut. Ich bin eher der Gewinnertyp.»

Wie verarbeiten Sie solche Erlebnisse? Geht das überhaupt?
Es geht. Schon zu Beginn als Staatsanwältin lernte ich mit solchen Bildern umzugehen. Wahrscheinlich darum, weil für mich immer der Täter im Vordergrund stand. Ich frage mich ganz nüchtern: Wie bringe ich diesen zur Strecke? Auch an den grässlichsten Tatorten wurde mir nie schlecht. Vielleicht half auch, dass ich schon als Kind, zusammen mit meinem Bruder, der Chirurg werden wollte, Frösche sezierte und wieder zusammennähte.

Und doch hören wir starke Emotionen aus Ihren Schilderungen heraus. Sind Sie wütend, weil Sie in Syrien nichts erreichen konnten?
Ich würde das nicht als Emotion bezeichnen. Emotional werde ich, wenn ich Opfer treffe, die noch leben. Als ich die Frauen in der bosnischen Stadt Srebrenica zum ersten Mal getroffen habe: DAS waren Emotionen, die mich durchgeschüttelt haben. Da spürte ich das Leid dieser Frauen. Eine hat mir erzählt, wie sie in ihrem Haus mehrmals vergewaltigt wurde. Danach schickte man sie in die Küche, um ein Messer zu holen, nur um mitansehen zu müssen, wie ihre drei Kinder vor ihren Augen ermordet wurden.

Haben Sie sich jemals auf die Couch eines Psychiaters gelegt, um das Erlebte zu verarbeiten?
Nein! Hätte ich das tun müssen, so wäre ich an der falschen Stelle gewesen.

Und Albträume in der Nacht?
Hatte ich auch nie. Gefrustet hingegen war ich oft. Wenn es beispielsweise mit der Anklage eines Kriegsverbrechers nicht geklappt hatte und ich am Abend im Bett darüber nachdachte, schwor ich mir des Öfteren: Morgen ist Schluss. Morgen werde ich demissionieren. Aber ich habe trotzdem immer weiter gemacht...

Auch an den grässlichsten Tatorten wurde mir nie schlecht.»

Carla Del Ponte

Wie sieht Ihr Leben heute aus abgesehen von Ihrem Hobby Golf?
Ich spiele Bridge.

Bridge?
Ja, Bridge. Gerade übermorgen habe ich eine Bridgesession. Wir spielen sogar um Geld. Nicht einfach nur so zum Spass. Das ist eine ernste Sache.

Können Sie gut verlieren?
Ich kann verlieren, aber nicht gut. Ich bin eher der Gewinnertyp. Zum Glück halten sich Sieg und Niederlage im Bridge die Waage.

Und beim Golf? Welches Handicap haben Sie?
21. Ich will aber unter 20 kommen. Das ist mein nächstes Ziel im Leben. Weg von den Menschenrechten und Kriegsverbrechern. Nun stehen Golf und Handicap im Vordergrund.

Ist Golf ein gerechter Sport?
Was meinen Sie mit gerecht?

Es gibt Sportarten, bei denen der Zufall auch eine Rolle spielt. Das kann dann sehr ungerecht sein.
Nein, beim Golf gibt es keine Zufälle. Golf ist eine veritable Hochschule. Erstens muss man es wirklich von Grund auf lernen. Zweitens ist man immer auf sich alleine gestellt. Man kann niemand anderem die Schuld geben, wenn es nicht läuft.

Also ist es ein gerechter Sport.
In dem Sinne schon.

Sie haben sich mit Ihrer Arbeit auch ein paar mächtige Feinde geschaffen...
...zum Glück! Hätte ich nur Freunde, wäre ich keine gute Staatsanwältin gewesen. Jemand wollte mal von mir wissen, wie viele Verbrecher ich denn verurteilt habe. Ich kannte die Antwort nicht. Ich weiss nur, dass es viele, unglaublich viele waren.

Darum haben Sie in Ihrer Wohnung auch heute noch Panzerglas.
Ja, aber auf Bodyguards verzichte ich mittlerweile. Immerhin.

Vor einem Jahr haben Sie aufgehört zu rauchen...
...woher wissen Sie das?

Das steht in Ihrem neuen Buch!
Ah ja, natürlich. (Lacht.) Darauf bin ich sehr stolz! Ich habe fünfzig Jahre lang geraucht. Jeden Tag, JEDEN!

Sie haben von einem Tag auf den anderen damit aufgehört?
Ja! Und es war sehr leicht. Es ist nur eine Kopfsache. Irgendwann dachte ich mir, dass ich jetzt zu alt zum Rauchen bin. Zeit, aufzuhören! Es gehört sich nicht, dass eine 71-jährige Frau noch eine Zigarette im Mund hat. Es war für mich also mehr eine moralische Angelegenheit.