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Begegnung

Zu Tisch mit Bundesrat Ignazio Cassis

Der Tessiner Politiker über Berner Platte, kulinarische Erkenntnisse in Nordkorea und die Lebensmittel in seinem Kühlschrank.

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Pino Covino
12. Februar 2018

Im Restaurant Galerie des Alpes im Bundeshaus: Bundesrat Ignazio Cassis beim Mittagessen.


Bern zur Mittagszeit. Im Restaurant Galerie des Alpes, das sich im Bundeshaus befindet, herrscht reges Treiben. Wir lassen uns zusammen mit dem Bundesrat Ignazio Cassis an einem Tisch nieder. Während er vor seinem Teller mit gesundem Salat sitzt, erläutert er uns, wie die Mechanismen der Diplomatie in Sachen Ernährung funktionieren.

Herr Bundesrat Cassis, seit über zehn Jahren pendeln Sie zwischen Montagnola und Bern. Wie würden Sie die Küche in der Hauptstadt beschreiben?
Bern ist aus gastronomischer Sicht eine unglaublich vielfältige Stadt. Das Angebot reicht von der lokalen bis zur orientalischen und internationalen Küche. Sie ist modern und leicht alternativ angehaucht. Sie hat zur Wiederbelebung der Vinotheken im Zentrum beigetragen, während neue Gourmetrestaurants eröffneten. Aber auch die Tradition der einfachen Gasthäuser lebt weiter. In diesen werden ausgezeichnete typische Gerichte zubereitet.

Welche Berner Spezialität schätzen Sie besonders?
Besonders gern mag ich die Berner Platte, weil sie voller Geschichte steckt. Sie entstand in Kriegszeiten: Die französischen Truppen belagerten damals das Stadtzentrum, während am Stadtrand ein ausgemergeltes Heer Widerstand leistete und die Eindringlinge in die Flucht schlug. Bei ihrer Rückkehr erfuhr die Truppe, dass sie trotz gewonnener Schlacht den Krieg verloren hatte. Als Trostpflaster kreierten die Dorffrauen ein Festessen mit Zutaten, die gerade zur Verfügung standen: ein Stück Schwein, Gemüse, Kartoffeln. 1798 wurde dieser Spezialität der Name Berner Platte verliehen. Sie ist ein Symbol des Trostes und zugleich des Zelebrierens und hat somit auch eine politische Dimension.

Heute haben Sie einen gemischten Salat gewählt: Achten Sie immer auf eine gesunde Ernährung?
Normalerweise esse ich nicht zu Mittag. Mein Büro-Frühstück besteht aus einem Gipfeli. Wenn ich abends keine offiziellen Termine habe, nehme ich nach dem Laufen nur ein schnelles Abendessen ein. Von Juni bis September habe ich sechs Kilo verloren, da ich psychisch unter starkem Druck stand. Einige Menschen reagieren auf diese Art von Stress mit Völlerei, andere hingegen mit Fasten. Da ich meine innere Ruhe finden musste, habe ich das Problem durch das Laufen gelöst. Der hohe Energieverbrauch hat zusammen mit wenig Essen zum Gewichtsverlust geführt.

Die offiziellen Arbeitsessen fallen oft opulent aus.»

Was fehlt niemals in Ihrem Kühlschrank?
Lebensmittel, die nicht leicht vergänglich sind, beispielsweise Jogurt oder Käse, der sich gut mit Knäckebrot kombinieren lässt.

Bei welchem Gericht fühlen Sie sich zu Hause, wenn Sie ins Tessin zurückkehren?
Besondere Freude bereitet es, mit meiner Frau Paola zusammen zu essen und ein Glas Wein zu geniessen. Normalerweise bevorzuge ich schlichte Gerichte: einen Safranrisotto, Maccheroni alla Bolognese oder frischen Fisch. Meine Mutter kocht traditionelle Gerichte, die lange Zubereitungszeiten erfordern, wie Polenta und Schmorbraten oder frische Gnocchi mit Tomatensauce. Meine Frau bereitet diese Gerichte nicht zu, um nicht mit meiner Mutter in Konkurrenz zu treten. (Lacht.)

Während Ihrer Tätigkeit als Nationalrat haben Sie verschiedene, touristisch kaum erschlossene Länder besucht. Was hat Sie aus kulinarischer Sicht beeindruckt?
In Nordkorea haben mich besonders das monotone Essen und das allgegenwärtige Kimchi (Gemüsezubereitung auf der Basis von fermentiertem Kohl, Paprika, Knoblauch etc. Anm. der Red.) erstaunt. Wir dagegen haben eine unglaubliche Fülle und Vielfalt, auch dank unserer kulturellen Bandbreite.

Nehmen Sie als Aussenminister oft an Arbeitsessen teil?
Glücklicherweise nicht zu oft. Die offiziellen Arbeitsessen fallen sehr opulent aus. Da ich sehr spontan bin, neige ich dazu, das zu essen, was ich auf dem Teller habe. Oft ist dies zu reichhaltig. Wir haben heute mehr Nahrungsmittel als Hunger, während wir in früheren Jahrhunderten mehr Hunger als Nahrungsmittel hatten.

Bundesrat Cassis beim Interview mit Redaktorin Elisa Pedrazzini.

Als Ressourcenknappheit herrschte, traten auch in Europa schwere Konflikte auf, etwa die Salzkriege. Kann Ihrer Meinung nach der Hunger Auseinandersetzungen mit unseren Nachbarn herbeiführen?
Wie wir anhand der Publikationen des US-Psychologen Abraham Maslow wissen, sind drei Bedürfnisse von fundamentaler Bedeutung: Ernährung Wasser und Nahrungsmittel , Schutz vor Unwettern und Zuneigung. Wenn den Menschen eine dieser Säulen fehlt, sind sie in der Lage, aus Selbsterhaltungstrieb zu töten. Nahrungsmangel ist folglich ein Kriegsgrund. Auf unserem reichen Kontinent besteht hierfür keine Gefahr mehr. Denken Sie nur daran, dass die Ernährung schon seit langer Zeit kaum Erwähnung im Haushaltsbudget findet.

Um die heimische Landwirtschaft zu fördern, interveniert der Schweizer Staat mithilfe von Direktzahlungen und Zollgebühren. Was würde passieren, wenn man diese abschaffen würde?
Die inländische Lebensmittelversorgung könnte nicht mehr garantiert werden. Wenn wir die Zollgebühren abschaffen, fallen die Preise für Milch, Fleisch und andere heimische Produkte so stark, dass Schweizer Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig wären und die Landwirte in kurzer Zeit ihre Arbeit einstellen müssten. Auch in einer liberalen Schweiz, die sich durch eine offene Volkswirtschaft kennzeichnet, ist es aus Gründen der nationalen Souveränität und der Ernährungssicherheit nötig, das richtige Gleichgewicht zwischen Grenzöffnungen und der Aufrechterhaltung einer Agrar- und Nahrungsmittelinfrastruktur zu finden. Es handelt sich hierbei um ein sensibles Gleichgewicht. Dessen sind sich die Bürger bewusst: Ich möchte daran erinnern, dass die Initiative zur Ernährungssicherheit im September gar 80 Prozent Zustimmung erhalten hat.

Wird diesbezüglich die Rolle des Grosshandels auf politischer Ebene genügend berücksichtigt?
Meines Erachtens ja. Die bilateralen Abkommen mit der EU, darunter die Freihandelsabkommen mit den anderen Staaten, setzen sich zum Ziel, Schutzzölle abzuschaffen, um uneingeschränkter mit Dienstleistungen und Produkten Handel zu treiben. Das bedeutet, sich dem Wettbewerb auszusetzen. Der Wettbewerb ist aber ein positiver Faktor für den Grosshandel, da er den Import zum Marktpreis ermöglicht, ohne dass dieser durch die Kartelle beeinflusst wird. Andererseits wurde der Einzelhandel stark durch den Schock nach der Freigabe des Euro-Franken-Kurses geprägt, was dazu geführt hat, dass viele Bürger im Ausland einkaufen. Wie ich bereits gesagt habe, liegt die Lösung in einem wohl ausbalancierten Eingriff, der die Marktfreiheit garantiert sowie die Binnenwirtschaft schützt.

Eine abschliessende Frage: Wie lautet Ihr Rezept, um fit zu bleiben?
Essen Sie wenig, legen Sie Wert auf gute Tischgesellschaft und achten Sie auf ausreichend Bewegung. Mens sana in corpore sano.

Tessiner Bundesrat

Seit dem 1.November 2017 leitet Bundesrat Ignazio Cassis (56) das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). In Malcantone geboren, lebt der Tessiner FDP-Politiker heute mit seiner Frau Paola, einer Radiologin, in Montagnola. Cassis studierte Medizin und spezialisierte sich auf den Bereich Öffentliche Gesundheit. Neben seiner politischen Laufbahn engagierte er sich in Vereinigungen für Gesundheitsförderung wie Radix Svizzera und Fourchette verte Ticino, aber auch für gastronomische Vereinigungen wie die Fondation pour la Promotion du Goût; aus dieser entwickelte sich die Genusswoche.