«Das war fast Kinderarbeit» | Coopzeitung
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Interview

«Das war fast Kinderarbeit»

Europa-Park-Gründer Roland Mack (70) hatte keine leichte Kindheit. Und dann spazierte auch noch ein französischer Politiker mit dem Atomkoffer durch seinen Park in Rust (D).

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Heiner H. Schmitt
14. Oktober 2019
Roland Mack setzt sich täglich in eine seiner Bahnen. Ob es ihm Spass macht? Das Bild sagt alles!

Roland Mack setzt sich täglich in eine seiner Bahnen. Ob es ihm Spass macht? Das Bild sagt alles!

Familienunternehmen

Europa-Park: Der Beste!

Am 7. September 2019 wurde der Europa-Park (5,5 Millionen Besucher im Jahr) erneut mit dem Branchen-Oscar «Bester Freizeitpark weltweit» ausgezeichnet. Damit setzte sich das Familienunternehmen erneut gegen Konkurrenten wie Disney durch. Mit der gigantischen Wasserwelt «Rulantica» (Eröffnung am 28. November 2019) weitet der Park sein Angebot nochmals massiv aus.

Roland Mack, haben Sie den schönsten Beruf der Welt?

Das brauchen Sie mich nicht zu fragen.

Warum nicht?

Weil sich das von selbst versteht. (Lacht.) Ich kann hier meiner Passion nachgehen – eine Mischung aus Maschinenbau und Dienstleistung.

Wie fühlt es sich an, Menschen glücklich zu machen?

Darum gehe ich jeden Tag gerne arbeiten. Heute morgen habe ich beim Parkeingang zwei Kinder begrüsst und ihnen die Hand geschüttelt. Die Vorfreude in deren Augen zu sehen – toll!

Der ehemalige französische Spitzenpolitiker Alain Poher sagte Ihnen einmal, dass Sie das Europa für Kinder erschaffen haben ...

Das war der schönste Satz überhaupt, den mir je jemand gesagt hat. Die Kinder sind unsere Zukunft. Und Alain Poher spielte da auf ein Kinder-Europa ohne Grenzen an. Wenn also ein solch alter Mann mit so viel Lebenserfahrung – er war damals schon fast 90 Jahre alt – einen solchen Satz sagt, in dem ja auch viel Weisheit steckt, dann befriedigt einen das schon sehr. Eine kleine Anekdote nebenbei: Poher war an diesem Tag als Vertretung des französischen Staatspräsidenten bei uns im Park, weil dieser in den Ferien weilte. Also hatte Poher die Militärgewalt. Er ist doch tatsächlich mit dem Atomkoffer herumspaziert.

Ihre eigene Kindheit war speziell: Während die Schulkollegen Fussball spielten, mussten Sie am Zeichenbrett Ihres Vaters Wohnwagen und Karussells konzipieren. Wie schwierig war das für Sie?

Wenn man lieber Fussball spielt, als am Zeichenbrett zu sitzen, können Sie sich vorstellen, wie gross der Konflikt war. Zudem war das in einer Zeit, in welcher der Respekt dem Vater gegenüber sehr gross war. Da gab es keinen Ausweg. Ausser wenn sich die Mutter ab und an mal vor den Sohn gestellt hat. Aber im Nachhinein hat es mich nicht umgebracht und ich habe dadurch viel gelernt.

Ist es nicht langweilig, sein ganzes Leben im eigenen Familienbetrieb zu arbeiten?

Ich mache das, seit ich zwölf Jahre alt war. Das war fast Kinderarbeit. Das darf man heute sagen, es ist ja verjährt. (Lacht.) Auch mein Vater begann seine Lehre schon mit 14 Jahren. Für ihn war es ganz normal, dass junge Menschen relativ früh Verantwortung übernehmen und ein Gefühl fürs Geld bekommen. Ich selber arbeitete für 50 Pfennig in der Stunde und konnte dadurch mein Taschengeld aufbessern. Zudem weckte es damals schon den unternehmerischen Ehrgeiz in mir. Trotzdem würde ich sagen: Ich hatte eine unbeschwerte Jugend.

«In der Schweiz hätten wir schon lange einen Bahnanschluss.»

Hatten Sie nie das Bedürfnis, aus diesem Familiengefüge auszubrechen?

Eigentlich nicht. Denn ich war schon immer auf die Firmenübernahme fokussiert. Ich war der älteste von drei Söhnen und spürte meine zukünftige Aufgabe relativ früh. Ausgebrochen bin ich aber in dem Sinne, dass ich das Abitur gemacht und danach studiert habe. Das wollte mein Vater eigentlich verhindern, denn er war der Ansicht, dass dies Zeitverschwendung sei und es auf die praktischen Fähigkeiten ankomme.

Aber Sie haben sich durchgesetzt.

Darüber bin ich froh. Denn die Kombination aus Theorie und Praxis ist das, was mich erfolgreich machte.

Den Europa-Park haben Sie 1975 gegründet. Was war damals der Grundgedanke?

Also, ich habe jetzt mal die Gelegenheit, das richtigzustellen. Oftmals wird in den Medien geschrieben, der Grundgedanke des Parkes sei gewesen, der Firma Mack ein Schaufenster für ihre Produkte zu geben. Dieses Szenario war aber nur als Notnagel gedacht.

Können Sie das näher erklären?

Wenn das mit dem Park völlig in die Hose gegangen wäre, dann hätten wir zumindest ein kleines Schaufenster für unsere Produkte gehabt. Wir waren damals seit fast 200 Jahren im Geschäft – aber «nur» im Bereich des Baus von transportablen Anlagen oder Schaustellergeschäften. Der Park gab uns die Chance, stationäre Anlagen zu entwickeln.

Was macht der Europa-Park besser als Konkurrenten wie das Euro-Disney in Paris?

Im Gegensatz zu Disney sind wir ein Familienunternehmen. Unsere Gäste meinen, dass wir damit näher am Kunden sind. Wir wissen: Wenn der Besucher uns als eine typisch europäische Einrichtung definiert, gibt er uns die besseren Noten. Die Europäer sind sehr stark auf Europa fokussiert. Alles, was amerikanisch wirkt, ist bei der Auslegung eines Parks eher kontraproduktiv. Aber ich kann nichts Schlechtes über Disney sagen, nicht zuletzt gehören sie zu unseren Kunden – wir bauen Anlagen für sie. Aber es ist ein Konzern und wir sind ein Familienunternehmen.

Testen Sie die neuen Attraktionen noch immer selber?

Sicher! Und ich bin praktisch jeden Tag auf irgendeiner Bahn anzutreffen.

Über was nerven Sie sich, wenn Sie durch den Park spazieren?

Dass meist nur mir Details auffallen, die nicht stimmen. Wenn zum Beispiel der Ast eines Baumes einen Wegweiser verdeckt. Da denke ich dann immer: «Gehen meine Angestellten denn mit geschlossenen Augen durch den Park?» Aber prinzipiell weiss ich, dass der Park nur so erfolgreich sein kann, weil wir sehr gute Mitarbeiter haben.

Warum hat der Europa-Park eigentlich keinen Bahnanschluss?

Daran arbeiten wir schon lange. Und SBB-CEO Andreas Meyer, mit dem ich seit Jahren gut bekannt bin, hat mir schon ein paar Mal versichert, dass wenn der Europa-Park in der Schweiz stünde, dieser schon längst einen Bahnanschluss hätte. Hier in Deutschland mussten wir jedoch schon 25 Jahre für den Autobahnanschluss kämpfen und jetzt steht halt das nächste Projekt an. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ist die immer grösser werdende digitale Spassgesellschaft eine Gefahr für den Europa-Park?

Wir sind der Meinung, dass trotz der zunehmenden Digitalisierung die analoge Welt immer noch ihre Berechtigung hat. Denn es gibt ja kaum noch Sachen, bei denen die Familien etwas zusammen erleben können. Bei uns ist das möglich. Aber wir müssen mit der Zeit gehen. Wir haben jetzt schon Achterbahnen mit Virtual-Reality-Brillen. Im neuen Wasserpark Rulantica werden wir dieses Angebot massiv ausbauen. Aber aus der Erfahrung heraus sehen wir, dass es der Mix aus analoger und digitaler Technik sein wird, der zu langfristigem Erfolg führen wird. Am Ende des Tages wollen die Menschen doch etwas gemeinsam erleben. Darauf kommt es an.

Ihre Vision und Ihr Wunschtraum für den Park?

Ein Familienunternehmer ist immer erst dann wirklich erfolgreich – und das ist das Schwierigste überhaupt –, wenn er es schafft, das Unternehmen in die nächste Generation zu führen.

Sind Sie da auf gutem Wege?

Das benötigte viel Zeit. Aber es sieht jetzt sehr gut aus: Meine Söhne Michael und Thomas haben die operative Verantwortung übernommen, zusammen mit meinem Bruder Jürgen, der seit vielen Jahren in der Geschäftsführung ist. Die Familienverfassung musste erstellt werden und unzählige gemeinsame Gespräche wurden geführt. Dieser Prozess ist nun aber mehr oder weniger abgeschlossen. Mein Traum ist, dass die 240-jährige Tradition des gesamten Unternehmens erfolgreich in die nächste, nämlich die achte Generation übergeht.

Können Sie als Park-Gründer überhaupt Ihr «Baby» loslassen?

Ob ich jemals ganz loslassen kann? Das kann ich Ihnen so nicht beantworten. An einem Tag wird mir das besser gelingen, an einem anderen weniger gut. Doch wir haben im Familienrat beschlossen, dass ich bei wichtigen Entscheidungen in Zukunft noch immer miteinbezogen werde. So haben wir es schon mit meinem Vater gehandhabt – das ist Familientradition.

Roland Mack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.