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INTERVIEW

«Der Hut trägt dich»

In den Achtzigerjahren brachte Boy George (57) viel Farbe in die Popmusik – und verschwand in der Versenkung. Längst ist er wieder zurück und sorgt für neue Farbtupfer.

25. März 2019

Boy George: «Manchmal sehe ich im Spiegel eine glamouröse Person. Manchmal denke ich: Uuuh, hello!»

Wettbewerb

«Zermatt Unplugged»-Tickets zu gewinnen

Wir verlosen 5-mal 2 Karten für das Konzert von Boy George & Culture Club am 11. April um 20.30 Uhr am Zermatt Unplugged, das vom 9. bis 13. April dauert. 

Boy George, ich erreiche Sie in Down Under. Was machen Sie dort?

Ich bin schon zum dritten Mal Coach bei der Castingshow «The Voice of Australia».

Welche Philosophie wollen Sie den Künstlern mit auf den Weg geben?

Wichtig ist, dass du richtig einschätzt, wo dein Talent liegt. Manche Teilnehmer haben eine wunderschöne Stimme, aber es fehlt ihnen an Persönlichkeit oder sie sind nicht offen genug, sich aufs Publikum einzulassen. Ich würde mir aber nie anmassen, ihnen zu sagen, was sie zu tun haben. Wir sind alle Lehrer und Schüler.

Wenn Sie nach Europa zurückkommen, treten Sie am 11. April bei «Zermatt Unplugged» auf. Wissen Sie, wie das Matterhorn aussieht?

Ich weiss nur, dass es berühmt ist und wo es steht. Ich komme nach Zermatt, um ein Konzert zu geben.

Könnten Sie klettern oder sind Sie – wie ich – nicht schwindelfrei?

Ich bevorzuge es, in der Natur herumzusitzen statt in ihr herumzukraxeln! (Lacht.) Ich bin sicher kein grosser Bergsteiger, aber vor der Höhe habe ich keine Angst. Ich habs lieber bequem und sauge die Aussicht auf.

Wie viel Angst hatten Sie davor, vom Gipfel zu stürzen, als Culture Club mit «Do You Really Want To Hurt Me» und «Karma Chameleon» die Hitparaden stürmten?

Sie haben eine sehr literarische Art, diese Gefahr zu beschreiben, vielleicht auch eine journalistische ... ich weiss es nicht. (Lacht.) Ich bin oft gefallen, um nicht zu sagen: Ich bin ein Experte darin, doch dadurch wurde ich ebenfalls zu einem Experten im Wiederaufstehen. Wenn man im Musikbusiness startet, geht es nicht um Geld oder Ruhm. Ich wollte, dass mich die Leute hören und sehen. Eine Stimme in dieser Welt sein.

Das ist Ihnen eindrücklich gelungen.

Wenn Sie mir zu Beginn meiner Laufbahn erzählt hätten, dass ich einen Plattenvertrag bekommen, Alben und nun «The Voice» machen würde, hätte ich Ihnen nicht geglaubt. In den Siebzigerjahren hat man aber auch gar nicht so weit gedacht. Heute haben die Kids wegen den ganzen Castingshows viel mehr Ahnung davon, was alles möglich sein könnte. Die Art, wie sie sich auf Musik einlassen, ist auch eine andere.

Ich wollte, dass mich die Leute hören und sehen. Eine Stimme in dieser Welt sein.

Boy George

Sie haben Ihr erstes Album mit Culture Club seit fast zwanzig Jahren veröffentlicht. Wollen Sie sich mit «Life» nach all den harten Zeiten, durch die Sie gegangen sind, etwas beweisen?

Das klingt ja geradezu tragisch ... (Lacht.) Hören Sie: Ich habe und hatte eine unglaubliche Karriere mit Culture Club, eine grossartige Zeit als DJ, in der ich die ganze Welt sah, und nun bin ich zurück mit meiner Band und im Fernsehen. Das macht mich entspannter denn je.

Wie waren Sie früher?

Als ich in meinen Zwanzigern war, stand ich viel in Konkurrenz zu anderen Musikern. Ich habe mich viel mehr um das gekümmert, was andere machen. Jetzt fühle ich mich nur noch im Wettbewerb mit mir selbst. Ich finde Dinge aufregend, die ich noch nicht getan habe.

Ich habe Sie nicht verstanden. Die Verbindung war gerade sehr schlecht.

Oh nein, gerade jetzt hatte ich sooo gute Sachen gesagt! (Lacht schallend.) Okay, ich versuche es nochmals: Ich glaube, das wirklich Interessante ist der Weg, auf dem du zum Menschen wächst, der du wirklich bist.

Und wer sind Sie?

Vielleicht hängt es mit meiner Erziehung zusammen, dass ich auf eine verrückte und blinde Art immer sehr optimistisch bleibe, wenn ich mich wieder in einer Situation befinde, die ich – egal, ob gut oder schlecht – nicht beherrschen kann.

Wen sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Kommt darauf an, wie viel Make-up ich aufgelegt habe! (Man hört, dass er sich königlich amüsiert.) Manchmal denke ich: Uuuh, hello! Manchmal sehe ich eine glamouröse Person. Mit Make-up erregt man auf der einen Seite Aufmerksamkeit und auf der anderen Seite versteckt man sich.

Die schrillen Achtzigerjahre: Boy George (2. v. l.) mit seinen Kompagnons von «Culture Club».

Weshalb sieht man Sie kaum je ungeschminkt?

Mithilfe von Make-up kann man eine Version seiner selbst werden, von der man träumt. Und seine Persönlichkeit ausdrücken, mit der Kleidung, mit Hüten und wie man einen Raum betritt.

War es Ihre Idee, Ihr Gesicht im Video zum Titelsong zuerst mit verschiedenen Hüten zu zeigen und zum Schluss ohne?

Ja, denn im Song geht es darum, Dinge abzulegen. Nicht wörtlich, aber der Clip ist eine Art, um diese Idee auszudrücken. Letztlich sind alle Songs metaphorisch, aber es ist gut, visuell zu überraschen.

Wie viel hat Ihr Faible für Hüte überhaupt mit Mode zu tun?

(Schreit in den Hörer.) Warum Mode??? Man sieht ja kaum mehr Hüte heutzutage! Von den 40ern bis 60ern trugen alle Hüte. In der Schweiz ganz sicher auch. Sie waren ein Symbol dafür, smart zu sein. Wobei es Hut-Menschen gibt und solche, die mit Hut richtig lächerlich aussehen. Ich habe Glück gehabt und sehe mit Hut gut aus. (Lacht.) Und das Geheimnis ist, dass der Hut dich trägt, nicht du den Hut.

Fühlen Sie sich von Ihren Hüten beschützt?

Nein. Das Leben mit Hut ist gefährlich. Die Leute wollen ihn dir vom Kopf stossen, ihn selbst ausprobieren, ihn begutachten. Ich hatte gerade eine interessante Unterhaltung mit August Darnell von Kid Creole & the Coconuts, der dieses seltsame Benehmen der Leute gegenüber Hutträgern auch aus eigener Erfahrung kennt.

Was hat Sie zum Lied «Let Somebody Love You» inspiriert?

Manchmal suchen die Menschen nach Liebe und realisieren erst dann, dass sie dafür gar nicht offen sind, denn zu lieben bedeutet, Vertrauen zu haben und ein Risiko einzugehen. Die Aussage des Songtextes lautet: «Wahrscheinlich wird es dir das Herz brechen, aber das ist natürlich kein Grund, sich nicht mehr zu verlieben.» Wenn jemand deine Küche gestrichen und einen schrecklichen Job gemacht hat, heisst das ja auch nicht, dass sie nie wieder gestrichen werden sollte ... Okay, das ist vielleicht ein komischer Vergleich, aber so bin ich nun mal.

Manchmal suchen die Menschen nach Liebe und realisieren erst dann, dass sie dafür gar nicht offen sind, denn zu lieben bedeutet, Vertrauen zu haben und ein Risiko einzugehen.

Boy George

Was für eine besondere Chemie hat Culture Club, dass alle Gründungsmitglieder mit einem Comeback einverstanden waren?

Na ja, wir waren vier, als wir das Album machten, aber jetzt sind wir nur noch drei! (Er kriegt sich kaum mehr ein.) Wir sind jedoch sehr dankbar, dass wir die Möglichkeit bekamen, noch einmal als Band Musik zu machen und das oft eigenartige Bild, welches die Leute von Culture Club haben, zu korrigieren.

Was meinen Sie damit?

Wenn ich auf die Bühne gehe, sind die Menschen überrascht, was ich mache und wie furchtlos ich mit dem Publikum umgehe. Früher hatte ich in einer Live-Arena richtig Angst. Über die Jahre bin ich zuversichtlicher geworden. Die Leute wollen einfach eine gute Zeit haben. Wenn man mit einer liebevollen Energie auf sie zugeht, ist das die halbe Miete. Dennoch ist es heute noch viel schwieriger, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu ziehen, da sie komplett von ihren iPhones und iPads abgelenkt sind, mit denen sie zu den Konzerten kommen.

Spielen Sie an den Konzerten auch Ihre alten Songs?

Immer. Aber wir kopieren uns nicht, wollen nicht sein, wer wir 1984 waren. Ich bin 57 und lebe in der Gegenwart. Ich kann etwas sehr Wichtiges in die Songs einbringen, denn ich kann sie mit einem anderen Erfahrungshorizont singen als mit 20, 30 oder 40 Jahren. Damals wusste ich gar noch nicht, wer ich war. Wobei ich mir da auch jetzt noch nicht sicher bin. (Lacht.)

Wie schwierig ist es, Ihre Hits unplugged zu spielen?

Gute Songs funktionieren immer. Ob man sie auf der Gitarre, dem Klavier oder Tamburin begleitet. Persönlich denke ich, dass mir die Reduktion erlaubt, emotionaler zu sein und eine noch stärkere Bindung zum Publikum herzustellen.

Wie denken Sie über den Brexit?

Ich bevorzuge Ereignisse, die uns zusammenbringen, nicht trennen. Sicher gibt es Sachen in der Zusammenarbeit mit der EU, die verbessert werden sollten. Aber ich bin kein Brexiteer. Ich war über den Ausgang der Volksabstimmung sehr traurig, mein Gott! Er ist symptomatisch für das, was überall auf der Welt passiert. Rechtsextreme Parteien sind erfolgreich, Trump. Reality-TV erobert die Politik. Ich wäre nicht überrascht, wenn Kim Kardashian bald ins Weisse Haus einziehen würde! (Lacht.)

Boy George, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.