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Interview

«Die Bienli kamen von selbst»

Chris von Rohr (68) über den Abschied seiner Band Krokus und all die Frauen, die ihn zu einem besseren Mann gemacht haben: von seiner Mutter über Freundinnen und Ex-Freundinnen bis zu Tochter Jewel.

02. Dezember 2019

«Ich kann heute in den Spiegel schauen und sagen: Ich hatte ein einmaliges, spannendes Leben.»

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Krokus-Sprachrohr Chris von Rohr hat pünktlich zum Abschiedskonzert der erfolgreichsten Schweizer Rockband am 7. Dezember im ausverkauften Hallenstadion seine über 600 Seiten starke Autobiografie «Himmel, Hölle, Rock’n’Roll» veröffentlicht. Wir sprachen mit ihm über sein männliches Selbstverständnis und die Frauen in seinem Leben.

Sind Sie ein Macho?

Der Begriff war mir schon immer ein Gräuel! Ich glaube, er kommt aus dem Spanischen: Ein Mann, der glaubt, stets seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen. Natürlich war es, als wir mit dem Rock’n’Roll begannen, nicht nur aus Liebe zur Musik, sondern wir wollten die Frauen beeindrucken. Aber mit Musik, nicht mit Machogehabe: Kaum nahmst du eine Gitarre in die Hand, kamen die «Bienli» von selbst! Zum Glück hatte ich aber auch nie Mühe, meine sensible, verletzliche Seite zu zeigen. Ich spürte, dass das Männliche und das Weibliche bei mir in einer guten Balance waren.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Frauen im Laufe der Jahre verändert?

Es gibt einen markanten Unterschied zwischen den wilden Jahren mit Groupies und One-Night-Stands und der Zeit nach der Geburt meiner Tochter Jewel. Als sie auf die Welt kam, war ich 49 – in einem Alter, in dem ich mich ihr widmen konnte. Ich merkte, dass mir etwas anderes genauso wichtig sein kann wie Rockmusik. Goldene Schallplatten sind schön und gut, aber nichts toppt ein Kind.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Seit 2001 will ich auch daran gemessen werden, was für ein Vater ich bin. Und das ist für mich bis heute erste Priorität. Deshalb war es ein Highlight, als ich kürzlich bei unserem Konzert in Basel plötzlich das leuchtende Gesicht meiner Tochter im Publikum entdeckte. Ein echt berührender Moment.

Was verraten Sie uns über die wilden Groupie-Jahre?

Die haben wir definitiv in den USA erlebt. Die Amerikanerinnen waren weniger kompliziert und sprachen dich an, wenn sie etwas von dir wollten. «Do you wanna party?» hiess «Willst du mit mir ins Bett?» Das habe ich jedoch nicht gleich gecheckt.

War es für Sie möglich, in der Schweiz eine Beziehung zu haben?

Wenn ich mit meinen Ex-Frauen über diese Zeit spreche, sagen viele, es sei sehr schwierig gewesen. Ich hatte sie aber gewarnt, dass die Musik meine Geliebte Nummer eins ist. Ausserdem waren wir manchmal ein halbes Jahr auf Tournee und nur drei Wochen zu Hause. Das verkraftet keine Beziehung.

Was war mit der Mutter Ihrer Tochter anders?

Sie ist eine sehr körperliche und gleichzeitig auch spirituelle Frau. Naturverbunden, smart, witzig. Im Gegensatz zu anderen hat sie gesagt: «Chris, hast du nicht das Gefühl, es wäre an der Zeit für ein Kind?» Ich flüchtete mich zuerst in die üblichen Ausreden wie «Ich bin doch selber noch ein Kind!» oder «Es gibt doch schon genügend unglückliche Kinder!»

«Ich habe in den Achtzigerjahren alles probiert und bin grandios gescheitert.»

 

Was hat Sie umgestimmt?

Löwenzahn, wie ich sie nenne, hat mir klargemacht, dass dies der wichtigste Entscheid meines Lebens ist. Nur schon deshalb kommt ihr eine Sonderstellung zu. Ich wünsche allen Eltern, die getrennt sind, dass sie so eine respektvolle Beziehung zueinander haben, wie wir es geschafft haben. Ich bin stolz darauf, und sie ist es auch. Es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn Jewel ein Kind von zerstrittenen Eltern wäre.

Weshalb kam es zur Trennung?

Unsere Alltagswelten und Lebensentwürfe waren einfach zu verschieden. Das hat zu einem energetischen Problem geführt. Da wir doch immerhin acht Jahre zusammen waren, was für mich Rekord ist, empfinde ich die Trennung als meine grösste und einzige private Niederlage. So blieb mir ein echtes Familienleben verwehrt.

Wie haben Sie sich nach der Trennung organisiert?

Das war hart, aber zum Glück wohnungstechnisch kein Problem, weil wir schon immer getrennte Haushalte hatten.

Haben Sie je mit einer Frau unter einem Dach gewohnt?

Ich habe in den Achtzigerjahren schon alles probiert und bin grandios gescheitert. Seither bin ich quasi ein Steppenwolf-Solitär und bin mit Sting einer Meinung: «If you love somebody, set them free» – Wenn du jemanden liebst, lass ihn frei.

Fühlen Sie sich in diesem grossen Patrizierhaus nicht einsam?

Nein, Einsamkeit kenne ich nicht. Hier habe ich mein Klavier, meine Gitarren, einen Proberaum, ein Studio und einen langen Esstisch, an dem ich gerne mit lieben Menschen zusammensitze. Ich geniesse es, immer tun zu können, was und wann und so lange ich will – ohne jemanden zu stören oder dabei gestört zu werden. Aber wer weiss, vielleicht ändert sich das einmal.

Gibt es denn im Moment jemanden?

Ich bin kürzlich einer Frau begegnet, mit der ich vor längerer Zeit eine Beziehung hatte, die wegen eines blöden Seitensprungs auseinandergegangen war. Jetzt entwickelt sich da wieder etwas, das vertraut und trotzdem neu wirkt. Aber wir sehen uns selten, weil ich viel zu tun habe. Ich sage zu jeder Frau, bevor sie sich mit mir einlässt: «So und so bin ich. Willst du dir das wirklich antun?»

Wie sind Sie denn?

Crazy! (lacht). Ich habe keine Hobbys. Für mich gibt es nur Musik und das Schreiben. Ich bin keiner, der in Bars rumhängt, um Frauen aufzureissen. Ich bin angekommen und happy.

Welche Männer waren Ihre Vorbilder?

John Lennon war mein Guru. Er war ein zerbrechlicher Typ, und trotzdem konnte er auch hart und kantig sein. Ein Leuchtturm, wie auch Hermann Hesse.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ihrem Vater?

Mit meinem Grossvater verstand ich mich besser. Er brachte mir die Natur näher, ist mit mir über den Jura gewandert und hat mir tolle Geschichten erzählt. Mein Vater hatte eine Treuhandfirma und wenig Zeit für die Familie. Wir verbrachten nie Ferien zusammen. Er konnte aber gut malen. Ihm ist die Musik von den Eltern ausgeredet worden und er hat zuerst gemeint, er müsse das bei mir auch machen …

Hat er Ihnen nicht Ihr erstes Schlagzeug geschenkt?

Doch, er hat mich unterstützt – bis zu dem Moment, als ich gesagt habe, ich wolle professioneller Musiker werden. Dad sagte: «Da kannst du ja gleich zum Zirkus gehen!»

Weshalb sieht man Sie eigentlich nur noch mit Kopftuch?

Wieso nicht? Ist doch lauschig. Oben ohne sehe ich zu intellektuell aus!

Welche Selbsterkenntnis haben Sie bei der Arbeit an der über 600-seitigen Autobiografie gewonnen?

Es lohnt sich, sich selbst zu bleiben und an seinem Traum zu arbeiten – egal, was die anderen sagen. Ich kann heute in den Spiegel schauen und mit Recht sagen: Ich hatte ein einmaliges, spannendes Leben und habe keine Leichen hinterlassen. Als Coach und Produzent wurde ich ein besserer Hirte und tauche meine Pfeile nun in Honig, bevor ich sie abschiesse. Meistens! (Lacht.)

Chris von Rohr, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Immer voll rohr

Der Klartexter

Chris von Rohr wurde am 24. Oktober 1951 in Solothurn geboren. Nach der Handelsschule gründete er 1975 mit Krokus die bis heute erfolgreichste Schweizer Rockband. Die Gruppe gibt am 7. Dezember im Zürcher Hallenstadion ihr Abschiedskonzert. Passend dazu hat von Rohr seine Autobiografie «Himmel, Hölle, Rock’n’ Roll» (Woerterseh Verlag) veröffentlicht.