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EXKLUSIVINTERVIEW

«Die Geschichte mit der Qualle spielte wohl eine Rolle»

Die Triathletin und Ironwoman Daniela Ryf (31) war als zweite Schweizerin nach Roger Federer als Weltsportlerin des Jahres nominiert. Sie selber glaubte nicht an einen Sieg: «Die anderen waren grosse Kaliber.»

15. Februar 2019

Daniela Ryf, wieviel bedeutet Ihnen die Nomination als Weltsportlerin des Jahres?

Es ist eine riesige Ehre für mich. Letztes Jahr war ich an der Veranstaltung noch als Gast eingeladen. Nie hätte ich gedacht, dass ich als Triathletin überhaupt reelle Chancen auf eine Nomination habe. Umso überraschter war ich, als ich davon erfuhr – und noch mehr, als ich sah, wer die anderen Kandidatinnen sind…

… nämlich die Skifahrerin Mikaela Shiffrin, die Tennisspielerinnen Angelique Kerber und Simona Halep, die Kunstturnerin Simone Biles und schliesslich Ester Ledecka, die letztes Jahr an Olympia sowohl auf dem Snowboard als auch auf den Ski die Goldmedaille holte.

Das sind schon richtig grosse Kaliber.

Weltsportler/in des Jahres: Wie wird gewählt?

An den Laureus Sports Awards werden jeweils die Sportlerinnen und Sportler des Jahres weltweit ausgezeichnet. Über 1000 Journalisten aus über 120 Ländern nennen ihre Favoritinnen und Favoriten; daraus werden dann sechs Kandidatinnen und Kandidaten nominiert. Ein erlauchter Kreis von sogenannten Sportlegenden (zum Beispiel Edwin Moses, Boris Becker, Sebastian Coe und andere – aus der Schweiz ist Fabian Cancellara mit dabei) wählt schliesslich die Weltsportlerin und den Weltsportler des Jahres. Die diesjährige Verleihung geht am Montagabend in Monte Carlo über die Bühne.

Laureus ist eine Stiftung, die in über 35 Ländern mit zahlreichen Projekten sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt. Der nationale Ableger Laureus Stiftung Schweiz setzt bei seinen Projekten ein besonderes Augenmerk auf diese drei Themen: Integration, Mädchenförderung, Frühförderung.

Sie sagen, Sie hätten nie damit gerechnet. Was war der Grund, weshalb Sie es trotzdem auf die Kandidatinnenliste schafften?

Das müssen Sie die Jury fragen… (Längere Pause.) Vielleicht will sie mich dafür belohnen, dass ich den Ironman Hawaii bereits zum vierten Mal hintereinander gewonnen habe. Möglicherweise spielte auch die Geschichte mit der Qualle eine Rolle. Ich wurde ja beim Schwimmen von einer Qualle verletzt. Und trotzdem konnte ich das Ganze noch ins Positive drehen, sodass daraus ein Bombentag wurde. Es war ein verrücktes Rennen, vielleicht das verrückteste meiner Karriere. Und sicher jenes, auf das ich am meisten stolz bin. Es zeigt, wieviel man trotz schwieriger Umstände erreichen kann, wenn man daran glaubt.

So ein Quallenstich ist ja sehr schmerzhaft.

Ja, aber lange plagte mich das nicht. Heute habe ich eher positive Gedanken, wenn ich das Wort «Qualle» höre. 

Sie sind nun Quallenexpertin: Was soll man tun, wenn man von einer Qualle verletzt wird? Es soll ja sehr gewöhnungsbedürftige Gegenmittel geben, um die Schmerzen zu lindern.

Ich gehe lieber nicht genauer ins Detail. (Lacht.) In der Wechselzone musste ich jedenfalls improvisieren, da dort keine Schmerzmittel zur Verfügung standen. Nach dem Rennen wurde ich mit Essig behandelt. So richtig schmerzhaft war es aber nur während des Schwimmens, als ich die Arme brauchte. Beim Velofahren und Laufen war es schon viel besser. Da habe ich die Wunden mit Eis gekühlt.

Zurück zur Weltportlerinnenwahl: Welche Kandidatin hat die besten Chancen auf den Titel?

Schwierig. Simone Biles hätte mit ihren vier Weltmeistertiteln im 2018 sicher gute Chancen. Sie ist eine mega Ausnahmeathletin. Gegen sie spricht jedoch, dass sie bereits 2017 Weltsportlerin wurde. Deshalb glaube ich eher, dass Mikaela Shiffrin das Rennen machen wird. Sie ist unglaublich konstant und reiht Sieg an Sieg.

Daniela Ryf im Schwimmtraining.

«Erfolg heisst nicht alles zu gewinnen, sondern das Beste aus jeder Situation zu machen.»

Vierfache IRONMAN-Hawaii-Siegerin Daniela Ryf im Glück.

Und Ester Ledecka?

Ihr folge ich auf Instagram. Das ist natürlich auch eine Wahnsinnsstory, dass sie gleich in zwei total verschiedenen Sportarten Gold holt. Sie sehen, es ist schwierig. Jede der Nominierten hat Grossartiges geleistet und den Titel verdient. Es ist deshalb eine riesige Ehre, nur schon als Kandidatin dabei zu sein.

Am ehesten fallen die Tennisspielerinnen ab. Okay, sie haben einen Grand-Slam-Titel geholt, aber wenn dies das wichtigste Argument ist, müsste man noch andere Tennisspielerinnen nominieren.

Vorsicht! Sie haben das immerhin in einer Weltsportart gemacht. Das muss man erst mal schaffen. Tennis ist allein schon von der Dichte an der Spitze her unglaublich hart. Und Kerber und Halep sind keine Eintagsfliegen.

Aber rein von der körperlichen Leistung her ist der Triathlon schon sehr anspruchsvoll – von der Ausdauer her sicher anspruchsvoller als alle anderen Sportarten, die bei der Wahl um die Sportlerkrone vertreten sind.

Trotzdem empfinde ich das selber nicht so. Überhaupt: Was bedeutet schon «anspruchsvoll»? Die reine Kraft etwa spielt bei uns keine grosse Rolle. Wenn es darum geht, im Kraftraum eine Hantel zu stemmen, wird es schon schwierig für mich. Und bei den Klimmzügen bin ich eine absolute Pfeife. (Lacht.) 

Das heisst?

Ich schaffe keinen einzigen Klimmzug. Kommt hinzu, dass wir Triathletinnen es zwischen den Wettkämpfen easy haben, auch wenn das Training hart ist. Wir können uns vieles so einteilen, wie wir es wollen. Die Tennisspielerinnen und die Skifahrerinnen hingegen sind die ganze Zeit am Reisen, rennen von einem Wettkampf zum nächsten und sind sehr fremdbestimmt. Das ist doch hart, oder nicht? Nochmals: Ich finde es schwer, die verschiedenen Sportarten miteinander zu vergleichen.

Das US-Magazin «Sports Illustrated» hat Sie soeben zur achtfittesten Frau der Welt gekürt. Enttäuscht oder stolz?

Als ich davon hörte, hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen. Ich befand mich gerade in einer Trainingspause und war zu jenem Zeitpunkt vieles, aber ganz sicher nicht die achtfitteste Sportlerin der Welt. Das darf aber auch so sein, denn vor einem Wettkampf befinden wir uns gewichtsmässig schon am unteren Limit.

Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie Sie vor einem Wettkampf zulangen: Einmal haben Sie am selben Abend Pizza, Bratwurst, Spaghetti Bolognese, Eiscreme und Schokolade gefuttert!

Das war am Abend vor meinem ersten Ironman in Zürich, nachdem ich eben noch einen anderen Wettkampf bestritten hatte. Ich fragte meinen Trainer, was ich zu mir nehmen dürfe. Er sagte: «Egal, iss einfach, soviel du kannst!» Diesen Befehl habe ich befolgt. 

Versteigerung für einen guten Zweck: Daniela Ryfs Siegerfahrrad aus Hawaii 2017 wurde für 8500 Franken verkauft. Der Erlös ging an das Duathlonleistungszentrum TLS in Solothurn.

Bei den Männern stehen Tennisspieler Novak Djokovic, Formel-1-Pilot Lewis Hamilton, Basketball-Ikone LeBron James, Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge sowie die Fussballer Luca Modric und Kylian Mbappé zur Auswahl. Wer hätte es aus Ihrer Sicht am meisten verdient?

Ich würde den Titel Eliud Kipchoge geben. Einen Marathon in gerade mal 2:01:39 Stunden zurückzulegen, das ist unglaublich. Okay, Lewis Hamilton ist immerhin schon zum fünften Mal Weltmeister geworden und hat auch noch den gleichen Sponsor wie ich. Aber in diesem Fall entscheide ich mich für den Marathonläufer, der mit eigener PS unterwegs ist.

Roger Federer ist die Nummer 1

Die Wahl zum Weltsportler gibt es unter der Ägide von Laureus seit dem Jahre 2000. Kein anderer Athlet konnte den Titel seitdem sooft einheimsen wie Roger Federer. Der Schweizer Tennis-Maestro gewann die Auszeichnung gleich fünfmal, das letzte Mal 2018, als er für sein fantastisches Comeback im Vorjahr (unter anderem Sieg an den Australian Open und in Wimbledon) ausgezeichnet wurde.
 
Hier die Liste der Mehrfachsieger:
 

5-mal         Roger Federer (Tennis)
4-mal         Usain Bolt (Leichtathletik)
3-mal         Novak Djokovic (Tennis)
2-mal         Tiger Woods (Golf) und
                     Michael Schumacher
                     (Formel 1)

 
Und hier die Übersicht über die Mehrfachsiegerinnen:
 

4-mal         Serena Williams (Tennis)
2-mal         Jelena Isinbajewa
                     (Leichtathletik)

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Es geht mir nicht darum, möglichst viele Titel zu gewinnen. Lieber möchte ich mich weiter verbessern. Ich habe noch nicht das Gefühl, dass für mich das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Wollen Sie irgendwann schneller als der beste Mann sein?

Es ist nicht realistisch, dass ich eines Tages die schnellsten Männer überflügeln werde. Höchstens, dass ich ihnen näherkomme und mein Rückstand nicht mehr eine halbe Stunde, sondern noch 20 Minuten beträgt. Mich damit auseinanderzusetzen, finde ich spannend und inspiriert mich.

Wo können Sie noch am meisten aufholen?

Ich glaube beim Velofahren. Da habe ich bereits enorm zugelegt in den letzten Jahren: Ich kann heute viel konstanter auf hohem Niveau fahren. Meine Vision ist es jedoch, dass ich in allen drei Disziplinen voll durchhämmern kann. Bis jetzt habe ich das noch nicht geschafft.

Die Olympischen Spiele sind kein Thema mehr?

Nein, absolut nicht. Der 7. Rang an den Spielen 2008 in Peking war das Maximum, das ich leisten konnte. Mehr als damals liegt nicht drin: Die olympische Distanz beim Triathlon ist für mich ganz einfach zu kurz. Das hat auch mein Trainer Brett Sutton gesagt. Wenn man im falschen Sandkasten spielt, macht das weniger Spass.

Daniela Ryf, wir danken Ihnen für das Gespräch.