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Interview

«Die Jungen sollen Rente beziehen»

Michael Elsener (33) hat sich als Satiriker und Stand-up-Comedian einen Namen gemacht. Doch wie schlagfertig ist er wirklich? Im Geschwindigkeitsinterview redet er über Briefmarkensammlungen, esoterische Anwandlungen und Plattfüsse.

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Philippe Hubler
26. August 2019

Michael Elseners Credo lautet: «Lieber ein gutes Leben als ein schöner Tod.» Deshalb macht er gerne Party ? und ist froh, wenn er danach das Bett und nicht die Bettkante trifft.

Michael Elsener, ich werfe Ihnen ein Wort zu. Sie schnappen danach und geben in aller Kürze einen spannenden Gedanken von sich.

Dass das Schweizer Fernsehen sparsam sein muss, ist bekannt. Aber dass es Ihnen als Journalist bei der Coopzeitung nicht mal mehr zu einer ausformulierten Frage reicht, stimmt mich schon nachdenklich. (Lacht.)

Leutschenbach.

Was ist damit?

Sie sollen etwas dazu sagen.

Ein Bach, der später in der Glatt mündet und in dem ich für eine Parodie auf Naturfilmer Andreas Moser sogar schon in allen möglichen Positionen herumgekrochen bin. Und das bei eisigen Temperaturen mitten im Winter.

Briefmarkensammlung.

In welchem Jahrhundert sind Sie denn unterwegs? Eine Briefmarkensammlung wäre für mich ein Trennungsgrund.

Rente.

Ist ein sehr protestantisches Konzept: Zuerst 40 Jahre chrampfen, dann auf einen Schlag nichts mehr machen, obwohl man einen riesigen Erfahrungsschatz angehäuft hat. Ich wäre für das Umgekehrte: Die Jungen sollen Rente beziehen, mit der sie durch die Welt ziehen und Erfahrungen sammeln können. Nachher kann man immer noch arbeiten, bis man tot ist.

Lebensweisheit.

Lieber ein gutes Leben als ein schöner Tod. Die meisten Unfälle passieren ja eh im Haushalt. Deshalb bin ich überzeugt, dass ich auf peinliche Art und Weise das Zeitliche segnen werde: Zum Beispiel, indem ich beim Zähneputzen stolpere und mir die Zahnbürste über den Gaumen ins Hirn bohre.

Bettkante.

Die Kante, die das Paradies vom Rest der Welt trennt.

Himmel.

Ich liebe es, nach einer Sommerwanderung auf dem Gras zu liegen und den Himmel zu beobachten.

Kurze Zwischenfrage: Umarmen Sie auch Bäume?

Das finde ich jetzt an den Haaren herbeigezogen. Nur weil ich die Wolken beobachte, umarme ich noch lange keine Bäume.

Plattfuss.

Ich habe gelesen, dass E-Trottinette zu Plattfüssen führen können.

Albtraum.

Ich habe geträumt, dass Andreas Glarner nach einer Vorstellung ein Autogramm von mir wollte.

Klimaveränderung.

Wir fahren neu mit Elektroautos herum. Damit die Welt wenigstens leise untergeht. Mit den Elektroautos steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich vor dem Weltuntergang drauf gehe, weil ich beim Überqueren der Strasse eines dieser lautlosen Fahrzeuge nicht höre.

Liebeskummer.

Ein extrem starkes Gefühl, bei dem ich mir wünsche, dass es aufhört. Habe ich aber lange keinen Liebeskummer mehr, frage ich mich, ob meine Gefühle noch stark genug sind oder ich gerade im Alltag versumpfe. Der Liebeskummer kann es niemandem recht machen.

Lieblingswitz.

Ich mag ultrakurze Witze. Etwa: Was macht ein Clown im Büro? – Faxen.

Michael.

Ja? Ich bin da.

Das war das nächste Stichwort.

Ein Mensch, der seine Zeit geduldig darauf verwendet, einwortige Nichtfragen eines Journalisten zu beantworten.

Immerhin gebe ich Ihnen noch ein Wort vor. Ich könnte auch 30 Minuten lang schweigen. Das wäre die nächste Stufe des reduzierten Interviews.

Was ich vorziehen würde. Dann könnte ich einfach drauflos quatschen. So aber muss ich mir Gedanken zu Plattfüssen machen.

Joker.

Es wäre spannend, wenn es den auch im richtigen Leben gäbe. Der Partner will mit Ihnen Schluss machen – Sie aber ziehen den Joker und er muss mit Ihnen ausharren.

Coop.

Ein faszinierendes Unternehmen, das es fertig bringt, dass erwachsene Menschen kleine Klebe-Etiketten in Hefte kleben und am Ende ihre Küche stolz mit gelb-türkis-lila Tupperware-Boxen vollstopfen.

Handy.

Ich hasse den Erfinder der Schlummertaste. Er ist schuld daran, dass ich den schlimmsten Moment des Tages mindestens sechs Mal erleben muss.

Influencer.

Die wichtigste Influencerin ist die Coiffeuse auf dem Land. Wenn sie eine neue Frisur mit einer kecken rosa Strähne kreiert, läuft schon Ende Monat das ganze Dorf so rum.

Sturzflug.

Hatte ich vor zwei Tagen bei einer tollen Party. Ich war froh, dass ich das Bett und nicht die Bettkante getroffen habe.

Ihre Satire-Show «Late Update» erlitt einen Quoten-Sturzflug.

Viele Zuschauer schauen aus Neugier die erste Sendung. Danach springen einige ab, weil sie das Format nicht anspricht. Oder weil sie das, was sie gesehen haben, nicht gut finden. Das ist okay. Genauso, wie ich es okay finde, wenn sie der zweiten Staffel eine neue Chance geben. Weil wir gewisse Dinge verändert haben. Man darf nicht vergessen, dass Satire, was die Quote anbelangt, ein Nischenprodukt ist. Mit 20 Prozent stehen wir interna- tional echt gut da.

Rhabarbermarmelade.

Wer beim Abendessen mit Freunden anfängt, von der selber gemachten Rhabarbermarmelade zu schwärmen, sollte sich schon nochmals fragen, was der Sinn des Lebens ist.

Michael Elsener, wir danken Ihnen für dieses Interview.

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«late Update»

Zweite Staffel der Show

Michael Elsener, 1985 geboren, startete seine Karriere als Kabarettist und Stand-up-Comedian mit einem gut gefüllten Rucksack: In diesem befand sich ein Master in Politikwissenschaften und Publizistik an der Uni Zürich. Elsener tourte mit verschiedenen Soloprogrammen durch die Schweiz und Deutschland. Seit diesem Jahr moderiert er die Satire-Sendung «Late Update» auf SRF; am 22. September beginnt die zweite Staffel der Show.