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INTERVIEW

«Die Menschen sollen tanzen»

Mit dem Sommerhit «Despacito» wurde Latino-Sänger Luis Fonsi weltweit berühmt. Im Gespräch rätselt der Puerto Ricaner über das Geheimnis seines unglaublichen Erfolgs und erklärt, was die Menschheit unbedingt mehr tun müsste.

FOTOS
Omar Cruz/Universal Music
25. Februar 2019

Luis Fonsi hat einen Hit gelandet, von dem andere nur träumen können.

Musik im Blut

Vom Student zum Latinostar

Luis Fonsi kam 1978 auf Puerto Rico zur Welt. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seiner Familie nach Orlando in Florida aus. Heute pendelt er zwischen den beiden Destinationen: «Ich wohne in Florida, fliege aber oft nach Puerto Rico, wo ich ein Haus besitze.»

Fonsi absolvierte an der Florida State University ein Musikstudium. «Ich wurde zwar mit Musik im Blut geboren», sagt er dazu, «aber trotzdem bin ich froh um das Studium: Es half das Puzzle für eine erfolgreiche Karriere zu komplettieren.»

«Comenzaré», seine erste CD im Jahre 1998, schaffte es in Latein- amerika gleich in die Charts. Die Folgealben waren alle ebenfalls erfolgreich. Doch so richtig startete Fonsi mit dem Song «Despacito» durch, der weltweit zum Hit wurde. Der gemeinsam mit Landsmann und Rapper Daddy Yankee interpretierte Song ist im Original sowie im Remix (mit Justin Bieber) auf seinem neusten Studioalbum «Vida» zu hören.

Luis Fonsi ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder.

«Icon» steht auf dem T-Shirt, das Luis Fonsi beim Interview in einem Pariser Hotel trägt. Das passt, denn der 40-Jährige ist bereits selber zur Ikone geworden – zur Ikone für erfolgreiche Sommerhits: Seit er 2017 den Song «Despacito» veröffentlichte, knackte dieser über ein halbes Dutzend Guinness-Weltrekorde – unter anderem wurde das Video zum Erfolgshit schon mehr als sechs Milliarden (!) Mal angeklickt.

Luis Fonsi, Sie sagen von sich selber, dass «ich Salz in meinem System brauche». Es zieht Sie deshalb immer wieder ans Meer zurück. Wie lange halten Sie es ohne aus?

Höchstens ein paar Tage, dann werde ich kribbelig. Mir gefällt es an vielen Orten, auch in vielen Städten. Jede hat ihren eigenen Charme. Ich reise deshalb sehr gerne. Am besten aufgehoben fühle ich mich aber doch am Meer, besonders dort, wo ich geboren wurde. In Puerto Rico. Dort komme ich wieder zu mir selbst.

Sie leben auf der Überholspur. Ihr Leben ist gar nicht «despacito», also überhaupt nicht gemächlich.

Ja, das ist so. Es gibt viele Termine in meinem Leben, viele Reisen. Aber es belastet mich überhaupt nicht. Ich geniesse es, das ist das Entscheidende. Wäre es nicht so, würde ich es nicht schon seit 20 Jahren machen. Und nach so langer Zeit weiss ich mittlerweile, wie ich damit umzugehen habe. Ich versuche es mir in meinem rasanten Leben möglichst «despacito» einzurichten.

Ihr neustes Album heisst «vida». Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Jeder hat seine eigenen Prioritäten. Mir sind meine Familie und die Musik wichtig. Sie helfen mir, die richtige Balance zu finden. Und wer in der richtigen Balance ist, übersteht die stürmischen Zeiten leichter.

Die gab es auch bei Ihnen.

Klar, das gehört zum Leben dazu. Ich muss da nicht mal ins Detail gehen. Es ist normal, dass man Fehler macht. Niemand ist perfekt, schliesslich sind wir keine Maschinen, sondern Menschen. Wer durch den Sturm geht, dessen Haut wird widerstandsfähiger. Krisen machen uns stärker. Ich habe viel von ihnen gelernt. Was jedoch nicht bedeutet, dass ich mich auf sie fokussiere. Dazu gehört, dass ich nicht zu sehr zurückblicke. Das Negative, das war, lasse ich ruhen.

Der liebe Gott entscheidet, ob ein Hit einschlägt.

Luis Fonsi

War Ihnen schon vor seiner Veröffentlichung klar, dass der Song «Despacito» so einschlägt?

Nein. Ich spürte zwar, dass der Song vieles hat, um erfolgreich zu werden. Aber eine Garantie hatte ich nicht. Einen Monat nach Erscheinen des Songs schickte mir die Plattenfirma einen Auszug der weltweiten Charts. Ich konnte es kaum fassen, was ich da las: Nummer eins in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Russland … (längere Pause.) … Australien, Indien, China. Ein spanischsprachiger Song! Das macht es noch spezieller.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs?

Ich kann Ihnen keine Antwort darauf geben. Wenn jemand ein Rezept dafür hat, wie ein Song zum Hit wird, soll er sich doch bitte bei mir melden! Es würde einiges erleichtern. Das gilt nicht nur für die Musik. Es weiss auch niemand, ob ein Gemälde, ein Buch, ein Film zum Erfolg wird oder nicht. Das Einzige, was du tun kannst, ist, deine ganze Leidenschaft in einen Song einzubringen und möglichst offen, frisch, andersartig zu sein. Du kannst auch dafür sorgen, dass alles Drumherum – Aufnahme, Video, Werbung – stimmt. Aber am Ende entscheidet der liebe Gott darüber, ob es einschlägt oder nicht.

Keine Frage, der Song hat Sie weltweit berühmt gemacht. Zugleich besteht die Gefahr, dass Sie bloss auf diesen Hit reduziert werden.

Das bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. In spanischsprachigen Ländern kennt man mich seit zwei Jahrzehnten. Dass man mich nun auch an anderen Orten wahrnimmt, ist eine Chance, aber auch eine spannende Herausforderung. 

Nicht überall stiess der Song auf Gegenliebe. In Malaysia, so heisst es, sei er gar verboten worden …

… nur in einer privaten Radiostation …

… Feministinnen bezeichneten den Text als sexistisch.

Der Song ist nicht sexistisch. Wer das sagt, versteht ihn nicht richtig. Er ist sinnlich … ja, das trifft es: sinnlich. Das, was in ihn hineininterpretiert wird, bin ich nicht. Der Song bringt dich zum Tanzen, er lässt dich das Leben geniessen. «Despacito» ist eine Hommage an meine Heimat. Ich wollte der Welt zeigen, wo ich aufgewachsen bin – auf Puerto Rico, der wunderbaren tropischen Insel mit tollen Stränden, warmem Meerwasser und 365 Tagen Sommer. Bei uns brauchen Sie keine Jacke.

Man versteht jetzt, warum Sie als Botschafter für den Tourismus auf Puerto Rico engagiert worden sind.

Die Insel ist voller Musik. Es gibt hier glückliche Menschen, schöne Menschen, grossartiges Essen, einen Regenwald. Es ist ein kleines Stück Paradies auf dieser Welt. Mit einem ganz speziellen Status: Wir gelten als US-Bürger, sind aber kein eigener Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika, sondern bloss ein Commonwealth-Territorium.

Dieses Paradies wurde 2017 zur Hölle, als der Hurrikan Maria die Insel verwüstete. Nun will US-Präsident Donald Trump die Hilfsgelder lieber für seine Mauer an der Grenze zu Mexiko verwenden.

(Er winkt ab.) Donald Trump ist nicht nur zu uns nicht nett, er ist zu niemandem nett. Nur zu Trump ist Trump nett. Es ist Zeitverschwendung, über ihn zu sprechen. Ich mag ihn nicht.

Dann erzählen Sie uns doch bitte von Ihren Jugendjahren bis zum Umzug nach Florida.

Ich sang schon von klein auf gerne. Eine Band hatte ich natürlich nicht und auch kein Tonstudio. Dafür aber meine eigene Karaoke-Maschine, die ich wie einen Schatz hütete. So sang ich unzählige Lieder, die ich auf Kassette aufnahm.

Luis Fonsi sang schon von klein auf: «Ich hatte meine eigene Karaoke-Maschine, die ich wie einen Schatz hütete.»

Ist «Despacito» ein guter Karaoke-Song?

Ich glaube schon. Ausser man kann kein Spanisch, dann wird es eher schwierig, weil es ja so viel Text zu singen gibt.

Sie sind sowohl in den USA als auch in Spanien Jury-Mitglied in der Show «The Voice». Ihre wichtigsten Tipps für junge Sänger?

Geht euren eigenen Weg, entwickelt euren ganz speziellen Stil. Es bringt nichts, nur die anderen zu imitieren. Ebenso wenig ist es entscheidend, ob jemand die perfekte Stimme hat. Viel wichtiger ist, ob er mit seinem Gesang bei den Zuhörern etwas auslöst oder nicht. Am Ende zählen nur die Emotionen. Sie sorgen für die ganz besonderen Momente.

Zu Beginn haben Sie erklärt, wie wichtig Ihnen das «Salz in Ihrem System» sei. Wie lange können Sie ohne Tanzen sein?

Auch nicht lange. Die Menschheit sollte mehr tanzen. Tanzen ist gesund. Tanzen ist Leben. Wir haben nur eines, also sollten wir es auch geniessen. Tanzen, lachen, singen – am besten sofort und draussen mitten auf der Strasse. (Lacht.)

Luis Fonsi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.