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«Es gibt zu viele Verhinderer»

Die Klimastreik-Bewegung wächst – in der Schweiz, aber auch weltweit. Die beiden Schüler Saskia Rebsamen (16) und Oscar Klaesi (17) erklären, wie es um die Welt steht und wie sie diese verändern wollen.

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Peter Mosimann
01. April 2019

Oscar Klaesi und Saska Rebsamen vor dem Bundeshaus: «Wir müssen unbedingt den Co2-Ausstoss reduzieren.»

Saskia Rebsamen und Oscar Klaesi, in einer Skala von 0 bis 10 – wo würdet ihr euch da selber punkto Umweltschutz einteilen?

Oscar Klaesi: Ich würde mir eine 6 oder 7 verpassen. Ich könnte konsequenter leben, bin nur Vegetarier und nicht Veganer. Allerdings wäre es einfacher, wenn ich nicht überall ständig darauf achten müsste, ob etwas nachhaltig ist. Ökologisch nachhaltige Produktion muss irgendwann Standard werden.

Saskia Rebsamen: Auch ich stufe mich zwischen einer 6 und 7 ein. Ich esse kein Fleisch, aber tierische Produkte. Ich bin schon geflogen, manchmal fahre ich Auto. Ansonsten versuche ich meinen ökologischen Fussabdruck möglichst klein zu halten. Es ist wichtig, dass jeder auf die Umwelt Rücksicht nimmt. Das allein reicht aber nicht. Auch die grossen Industriekonzerne und Banken müssen ihren Teil dazu beitragen.

Oscar: So wie jetzt, ist es ungerecht. Wer auf die Umwelt achtet, wird bestraft: Wer mit dem Zug fährt, zahlt oft bis zu fünfmal mehr, als wenn er den Flieger nimmt. Weil der Appell, mehr für den Umweltschutz zu tun, offensichtlich nicht reicht, braucht es Gesetze.

«Weil der Appell allein nicht reicht, braucht es Gesetze.»

OSCAR Klaesi, Schüler

Bis solche Gesetze stehen, dauert es aber eine Ewigkeit!

Saskia: Weil es zu viele Verhinderer gibt. Bei den nächsten Wahlen können wir das ändern. Die Uhr tickt, aber es ist noch nicht zu spät, wenn wir jetzt anfangen: Wir müssen unbedingt den CO2-Ausstoss reduzieren. Weltweit ist unser Einfluss natürlich begrenzt, in der Schweiz jedoch können wir etwas tun.

Oscar: Wenn die Erde sich zu sehr erwärmt, müssen wir nachher die Symptome bekämpfen – das wird um einiges teurer. Beginnen wir jetzt, können wir vielleicht erreichen, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts nicht mehr als um zwei Grad erwärmt. Nur anderthalb Grad sind unwahrscheinlich. Das ist fatal: Jedes halbe Grad mehr verursacht weitere Katastrophen für die Umwelt.

Oft gehört: Um das Klima steht es gar nicht so schlimm!

Saskia: Das lässt sich in der Schweiz einfach sagen. Zwar schmelzen bei uns die Gletscher weg, aber sonst sind die Folgen der Klimaerwärmung noch überschaubar. Anders in Afrika: Da wechseln sich Dürre und Überschwemmungen ab. Mit katastrophalen Folgen.

Oscar: Viele bewohnte Gebiete in Küstennähe werden komplett verschwinden. Die UNO rechnet mit 200 Millionen Flüchtlingen, die bis 2050 aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Kein Personenkult

Die Sache steht über allem

Den Organisatoren des Vereins «Climate­strike Switzerland», der hinter der Schweizer Klimastreik-Bewegung steht, ist viel daran gelegen, dass nicht immer die gleichen Gesichter in den Medien erscheinen; wer zweimal national aufgetreten ist, muss zur Seite treten. «Wir wollen keinen Personenkult», sagen Saskia Rebsamen und Oscar Klaesi unisono, «die Sache soll im Vordergrund stehen.» Die 16-jährige Bernerin besucht das Gymnasium Kirchenfeld, gehört den Jungen Grünen an und fordert, dass endlich das Stimmrechtsalter 16 eingeführt wird. Der 17-jährige Zürcher geht ins Gymnasium der Kantonsschule Zürich und engagiert sich für die GLP.

 

Der Mensch ist zu egoistisch und zu bequem für Veränderungen!

Oscar: Genau deshalb braucht es diese Bewegung. Wir müssen die Politik aufrütteln. Freiwilligkeit funktioniert hier nicht. Bei den Steuern gibt es auch einen Zwang. Könnte jeder selber entscheiden, ob er Steuern bezahlt, wäre die Staatskasse leer. Ähnlich verhält es sich beim Umweltschutz. Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Menschen zu ihrem Glück – in diesem Fall zu mehr Umweltschutz – gezwungen werden.

Ihr predigt Wasser, trinkt aber Wein. Selber habt ihr Handys, die auf dem Müllberg landen, eure Kleider kommen aus China und so fort.

Oscar: Wenn die Rahmenbedingungen dafür sorgen würden, dass alles recycelt wird und die Produkte regional und saisongerecht sind – noch so gerne. Es braucht Verordnungen von oben, von der Politik. Ich finde es billig, wenn die Verantwortung auf das Individuum abgeschoben wird. Die 100 grössten Konzerne auf dieser Erde sind für zwei Drittel des CO2-Ausstosses verantwortlich!

Die Klimastreik-Bewegung besteht aus vielen Mitläufern!

Oscar: Die hat es auch, was für mich aber kein Problem darstellt. Viele werden durch die Streiks aufgerüttelt und entwickeln nach und nach ein Bewusstsein für den Klimaschutz. Bei mir war es ähnlich. Die Klimastreiks waren für mich der Auslöser, um mich richtig intensiv mit dem Thema zu beschäftigen.

Ihr hofft und ihr glaubt. Das klingt alles so nett. Eure Bewegung ist zu brav, um etwas zu ändern!

Saskia: Sind wir zu radikal, schreckt das ab. Wir aber wollen möglichst viele Menschen mobilisieren. Die Klimaerwärmung ist ein Thema, das alle angeht.

Oscar: Falls Sie mit brav meinen, dass wir keinen Radau veranstalten …

… so wie die Jugendbewegung in den Achtzigerjahren …

Oscar: … dann sage ich: Wir wollen ja nicht etwas kaputt machen, sondern etwas retten. In diesem Fall unsere Erde.

Es ist natürlich spannender, auf die Strasse zu gehen, als im muffigen Schulzimmer zu sitzen!

Saskia: Wir reden von zwei Stunden pro Monat. Hätten die Streiks immer an einem schulfreien Tag stattgefunden, wäre uns nicht dieselbe Aufmerksamkeit zuteil geworden. Ich habe in den Stunden, in denen ich für die Bewegung unterwegs war, mehr gelernt als in der Schule. Etwa, als wir vor dem Bundeshaus mit Politikern debattierten. Da lernst du schlagfertig zu sein, damit du ihre Argumente parieren kannst.

«Hätten die Streiks immer an einem schulfreien Tag stattgefunden, wäre uns nicht dieselbe Aufmerksamkeit zuteil geworden.»

Saskia Rebsamen

Oscar: Es kommen so viele Schüler täglich nicht zur Schule, aus irgendwelchen Gründen, weil sie den Schulstoff nicht beherrschen, wegen Schlafproblemen oder sonst was. Und da soll es schlimm sein, wenn wir einmal alle paar Wochen für eine gute Sache nicht zur Schule gehen? Ich finde das heuchlerisch.

Viele Menschen würden die Welt gerne mitretten – wenn der Umweltschutz ihre Arbeitsplätze nicht gefährden würde!

Saskia: Wenn wir jetzt anfangen, umweltschädliche Industrien abzubauen, ist das eine grosse Chance. Wir schaffen einfach neue Arbeitsplätze in anderen Bereichen – Arbeitsplätze, die nachhaltig sind. Umstrukturierungen in unserer Arbeitswelt gab es schon immer, das wäre ja jetzt nichts Neues. Machen wir nichts, wird sich genauso viel ändern.

Die Vision von Coop

Bis 2023 CO2-neutral

Seit 2008 verfolgen wir das Ziel, bis 2023 CO2-neutral zu sein. 50 Prozent der CO2-Emissionen wollen wir bis 2023 reduzieren. Die verbleibenden CO2-Emissoinen werden wir ab 2023 mit hochwertigen Projekten kompensieren. Bis heute konnten wir, trotz grossem Wachstum, den Ausstoss von CO2 bereits absolut um 27 Prozent senken.

Mehr Informationen unter: www.tatenstattworte.ch/85

Mit Trump regiert ein Klimaleugner die grösste Wirtschaftsmacht. Es könnte nicht schlimmer sein!

Saskia: Ja, das ist bedauerlich. Es wäre wichtig, dass die USA als einer der CO2-Hauptemittenten auch in den Klimaschutz investieren. Man darf aber nicht alles an Trump festmachen. Umweltverschmutzung findet rund um den Globus statt. Deshalb ist es wichtig, dass sich viele Politiker engagieren …

Oscar: … und zwar sofort. Dort, wo es ganz einfach ist: also neue Ölheizungen verbieten, ebenso alle Autos, die zu viele Schadstoffe ausstossen. Oder die Flugticket-Umweltabgabe: Die muss endlich eingeführt werden.

An den Schulen ist Umweltschutz viel zu selten ein Thema!

Saskia: Die wissenschaftlichen Aspekte zum Thema Umweltschutz werden sehr ausführlich behandelt. Wichtig wäre aber, dass man das Ganze auch politisch und gesellschaftlich diskutiert. Das findet leider kaum statt. Aktuelle Themen müssen unbedingt aufgegriffen werden.

Zum Schluss habt ihr noch eine Carte blanche: Eure Forderungen bitte!

Saskia: Informiert euch über den Klimawandel, seine Ursachen und Folgen. Jeder kann im Alltag kleine Dinge tun. Fahrt weniger Auto, sondern Velo und Zug, ernährt euch vegetarisch, unterstützt Gebäudesanierungen. Man muss das Problem auch ganzheitlich betrachten. Für die Politik heisst das, beispielsweise auch auf die Finanzströme zu achten, die indirekt Klimaschäden verursachen.

Oscar: Geht abstimmen! Nur so ändert sich etwas.

Saskia und Oscar, wir danken euch für dieses Gespräch.