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INTERVIEW

«Es sah verwest aus»

«Mister Tennis» Heinz Günthardt (60) erzählt von einer undefinierbaren Spezialität in Schanghai und spricht über das perfekte Ende von Roger Federers Tenniskarriere.

FOTOS
Ben Zurbriggen
20. Mai 2019

Heinz Günthardt verdient seinen Lebensunterhalt mit Spass und Spiel: «Ich staune oft darüber, dass das so funktioniert.»

Heinz Günthardt bastelt den perfekten Tennisspieler

  • Vorhand: Roger Federer
  • Backhand: Alexander Zverev – «wenn er gut drauf ist»
  • Aufschlag: Ivo Karlovic
  • Stoppball: Roger Federer
  • Volley: Tony Roche und Stefan Edberg
  • Beinarbeit: Novak Djokovic
  • Kämpferherz: Rafael Nadal

Heinz Günthardt, wie oft danken Sie dem lieben Gott, dass Sie Ihren Lebensunterhalt mit Spiel und Spass bestreiten können?

Dessen bin ich mir tatsächlich in jeder Minute meines Lebens bewusst – und ich staune oft darüber, dass das so funktioniert. Selbstverständlich ist das nicht. Als ich noch zur Schule ging, hatte ich glücklicherweise gute Noten, weshalb es von den Lehrern akzeptiert wurde, dass ich mich so intensiv dem Tennis widmete und auch oft fehlte.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Tennis nicht funktioniert hätte?

Architektur interessierte mich schon immer. Und Physik: Warum trägt es jemanden aus der Kurve, wenn er zu schnell fährt?

Heinz Günthardt bastelt die perfekte Tennisspielerin

  • Vorhand: Steffi Graf
  • Backhand: Belinda Bencic
  • Aufschlag: Serena Williams
  • Stoppball: Timea Baczinsky
  • Volley: Martina Navratilova
  • Beinarbeit: Sloane Stephens
  • Kämpferherz: Maria Scharapowa

Tennis hat viel mit Physik zu tun.

Gewisse physikalische Regeln kannst du nicht aushebeln. Trotzdem reicht das nicht, um ein Tennisspiel zu verstehen. Weil die Spieler da draussen ihre eigene Realität kreieren, nach ganz eigenen Gesetzmässigkeiten. Ich nenne dies auch die vierte Dimension. Psychologie spielt da eine grosse Rolle.

Tennis galt zu Beginn der Siebzigerjahre als elitärer Sport …

… was ich so selber nicht wahrnahm. Wir gehörten nicht zur Oberschicht, lebten zu viert in einer Dreierwohnung. Mit meinem Bruder habe ich ständig gespielt, oft auch mit einem Tennisball. In der Wohnung, auf der Strasse und auf dem Tennisplatz, der nur 200 Meter entfernt war.

Sind Ihnen schon Tränen gekommen, weil Sie so überwältigt waren von einem Spiel?

Ja, als ich noch selber spielte, wegen der Schmerzen. Ich hatte ja grosse Hüftprobleme. Ich erinnere mich an eine Partie gegen Guillermo Vilas am French Open, bei der ich wegen der Schmerzen eigentlich Forfait hätte geben müssen. Nach vier Stunden und 37 Minuten ging ich als Sieger vom Platz.

Haben Sie auch schon beim Kommentieren geweint?

Nein, das noch nie. Aber: Emotionen dürfen sein, ohne sie wäre eine Tennisübertragung eine trostlose Sache. Es wird von uns nicht hundertprozentige Neutralität verlangt. Schliesslich kommentieren wir ja meist die Spiele mit den Schweizern. Es gibt jedoch Grenzen. Wir müssen immer noch sehen, was auf dem Platz vor sich geht.

Wie belohnen Sie sich nach einem langen Tag in der Reporterkabine?

Mit einem gediegenen Essen. Tagsüber muss man sich mit Sandwiches begnügen. Irgendwann hat man sie gesehen. Ein schönes Essen hilft die Batterien neu aufzuladen. Oft starren wir ja stundenlang auf den Monitor – etwa, wenn wir im Hauptstadion sitzen, alle Schweizer aber auf den Aussenplätzen spielen. Einmal war ich so leer, dass ich in Paris mit der Metro irgendwo ins Nirgendwo fuhr, ohne es wahrzunehmen. Aber ich erhole mich schnell.

Man weiss wenig von Heinz Günthardt abseits des Tennisplatzes. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich spiele Golf, windsurfe, treibe Sport. Hin und wieder greife ich zur Gitarre. An den Grand-Slam-­Turnieren bleibt aber kaum Zeit, auch weil wir alle Partien der Schweizerinnen und Schweizer zeigen. Trotzdem versuche ich wahrzunehmen, in welcher Stadt ich gerade bin. Deshalb wohne ich etwa in Paris gerne in der Innenstadt, auch wenn der Anfahrtsweg zum Stadion vielleicht ein wenig länger ist. Wir essen prinzipiell nie im Hotel, sondern suchen uns ein Restaurant. So spüren wir das Flair einer Stadt eher.

Haben Sie Lust auf Experimente, wenn es ums Essen geht?

Ja, ich probiere gerne Neues aus. Weil wir jedes Jahr an dieselben Orte zurückkehren, haben wir aber auch unsere Stammlokale, wo wir den Koch oder den Restaurantbesitzer kennen. Das ergibt einen spannenden Mix zwischen Altbewährtem und Neuem.

Haben Sie ein Experiment auch einmal bereut?

Ja, in Schanghai hatten wir das Gefühl, dass wir unbedingt authentisch essen sollten. (Lacht.) Wir hatten dann etwas Undefinierbares auf dem Teller, eine Spezialität, wie man uns versicherte. Es sah nach verwestem Fleisch aus und schmeckte süsslich. Wir versuchten anstandshalber davon, merkten aber rasch: Es geht nicht. Man kann in Schanghai hervorragend essen. Aber mit diesem ganz speziellen Gericht muss man aufwachsen.

Sie sind der Frauenflüsterer im Welttennis …

… das ist jetzt übertrieben.

Heinz Günthardt coachte Steffi Graf, die bald ihren Fünfzigsten feiert, acht Jahre lang.

Warum arbeiten Sie vor allem mit Frauen zusammen?

Zufall. Nachdem ich bereits mit 27 Jahren wegen einer Fehlstellung meiner Hüften aufhören musste, trainierte ich fünf Jahre lang in der Bundesliga die Männer von Rot Weiss Berlin. Weil Steffi Graf dem Clubsekretär erzählte, dass sie einen Coach suche, kamen sie auf mich – auch weil ich ein paar Voraussetzungen mitbrachte, die erfüllt sein mussten.

Welche?

Der künftige Coach musste Deutsch sprechen, mindestens so gut Tennis spielen wie Graf, um im Training mithalten zu können. Ihrem Vater wiederum war wichtig, dass der neue Trainer verheiratet ist. All diese Voraussetzungen begrenzten das Bewerberfeld doch schon extrem.

Am Ende blieben Sie übrig.

Viele fragten sich tatsächlich: Was zeichnet den Günthardt aus, dass der nun Frauen coacht und dann auch noch die erfolgreichste Spielerin? Meine Antwort darauf: Ob du Frauen oder Männer trainierst – am Ende ist es immer noch dieselbe Sportart.

Trotzdem gibt es doch Unterschiede, ob man eine Frau oder einen Mann coacht, oder nicht?

Männer neigen eher dazu, Negatives zu verdrängen – es in eine Ecke zu kehren. Frauen sind bei einer Niederlage viel ehrlicher und setzen sich daher einem grösseren Druck aus. Auch ein wichtiger Unterschied: Frauen begreifen eine Situation auch ohne grosse Worte, während die Männer vieles zerreden.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Bei einem Training mit Steffi Graf zeigte ihr Gesichtsausdruck, dass sie an diesem Tag nicht gut drauf war. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Sie antwortete kurz und knapp: «Ja.» Es wurde nicht besser. Die Bälle, die sie abfeuerte, landeten überall, nur nicht dort, wo sie hingehört hätten. Also fragte ich sie eine halbe Stunde später nochmals und erhielt dieselbe Antwort. Bei meiner dritten Nachfrage fuhr sie mich an: «Merkst du nicht, dass ich nicht darüber sprechen will?» Am Abend erzählte ich es meiner Frau.

Und?

Sie fragte mich, wie man nur so unsensibel sein könne. Ich hätte merken müssen, dass Graf nicht darüber reden wollte.

Eine Frage, die für Ihren Kommentatorenjob sehr zentral ist: Wie lange wird Federer noch spielen?

Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: Er selber weiss es auch nicht. Vermutlich wird es bei ihm so sein wie bei Chris Evert, die zu ihrem Rücktritt sagte: «Als ich den Platz betrat, war es mir egal, ob ich gewinne oder nicht. Da wusste ich, der Zeitpunkt ist gekommen.» Bei Steffi Graf war es ähnlich. Plötzlich war die Energie im Training nicht mehr da.

Müsste Federer nicht mit einem grossen Sieg abtreten?

Warum?

Weil nur das zu seiner Karriere passen würde. Alberto Tomba hörte mit dem 50. Weltcuperfolg auf. Ein perfektes Ende.

Wäre er weitergefahren, hätte er vielleicht fünf weitere Siege ergattert. Und wenn nicht, wäre es auch nicht so schlimm gewesen. Die Menschen erinnern sich nur an die glorreichen Zeiten eines Spielers. Oder können Sie mir sagen, wann die Karriere von Björn Borg zu Ende ging? Oder von Ivan Lendl?

Nein.

Eben. Es passiert nichts, wenn ein erfolgreicher Sportler nicht mehr ganz so erfolgreich weiter macht. Viel schlimmer ist es, wenn einer zu früh aufhört und nachher hadert: «Was wäre gewesen, wenn ich …»

Heinz Günthardt, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Mister Tennis

Tanz auf vielen Hochzeiten

Der Zürcher Heinz Günthardt, Vater dreier erwachsener Kinder, kommentiert bei SRF Tennis (meist mit Stefan Bürer), er ist Chef des Schweizer Fed-Cup-Teams und als Berater von Swiss Tennis tätig. 1978 war er der erste Schweizer, der ein ATP-Turnier gewann – dabei war er in Springfield (USA) als «Lucky Loser» im Feld untergekommen. Er holte auch vier Grand-Slam-Titel: im Doppel und Mixed. Später trainierte er Steffi Graf.