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Interview

«Federer is f***ing amazing»

Nachdenklich, dann wieder sehr direkt äussert sich Liam Gallagher (46) über sein zweites Solo-Album, Peitschenschwinger Boris Johnson sowie Hochs und Tiefs mit Oasis.

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Britta Pedersen/DPA/Keystone
16. September 2019

Liam Gallagher findet, dass die Engländer einen guten Sinn für Mode haben.

Bruderzwist

Oasis-Leadsänger

Obwohl die Trennung der legendären Britpopper Oasis, die mit «Wonderwall», «Don’t Look Back In Anger» und «Stop Crying Your Heart Out» ihre grössten Hits landeten, schon zehn Jahre zurückliegt, sind die Wunden noch nicht verheilt. Der einstige Schulabbrecher und Gelegenheitsarbeiter Liam Gallagher, der zweimal verheiratet war und Vater von vier Kindern verschiedener Frauen ist, schiesst mit seinen Äusserungen aber weniger scharf auf seinen Bruder Noel (52) als umgekehrt. Ihm ist mit «Why Me? Why Not.» ein packendes zweites Soloalbum gelungen. Am 20. Februar 2020 tritt Gallagher in der Zürcher Halle 622 auf. 

Liam Gallagher, nach der Trennung von Oasis vor zehn Jahren schienen Sie am Boden zerstört. Woher kommt die positive Energie auf Ihrem zweiten Soloalbum?

Ich bin mir nicht sicher, Mann, Gott alleine weiss es! Ich liebe es einfach, Musik zu machen, hinauszugehen, Konzerte zu geben und Teil von etwas zu sein. Ich war im Studio und habe gesungen, um andere glücklich zu machen – wissen Sie, was ich meine? Nachdem Oasis sich getrennt hatten, dachte ich, dass ich so etwas niemals wieder erleben würde. Nun weiss ich, dass ich es bis zu meinem letzten Tag tun werde!

Wie haben Sie sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Vor ein paar Jahren war in meinem Privatleben viel los. Ich habe definitiv einige Sachen verbockt und möchte nicht noch mehr Fehler machen. Deshalb achte ich mehr darauf, mit wem ich meine Zeit verbringe und in welche Situationen ich mich begebe.

So habe ich Sie noch nie reden gehört.

Mann, mir ist genug Scheisse passiert. Ich möchte jetzt einfach meinen Rock’n’Roll machen und ein entspanntes Leben führen. Mit den Kindern Zeit verbringen, bevor sie erwachsen sind, auch mit meiner Freundin und meiner Mum.

Wofür verdienen Sie einen Heiligenschein?

Wie bitte??

Sie stellen diese Frage im Song «Halo».

Ohh! Da bin ich mir nicht sicher ... Ich bin nicht perfekt. Allerdings: Wenn jemand einen aufhängt, würde ich mich darunter stellen. Ich verdiene einfach einen Heiligenschein – auf jeden Fall mehr als verdammt viele andere Leute auf diesem Planeten.

Wie fänden Sie einen Brexit?

Tja, ich bin mir nicht so sicher. Überhaupt nicht. Wir müssen abwarten und sehen, was passiert. Irgendwie verstehe ich beide Seiten – weshalb Leute raus und weshalb andere drin bleiben wollen. Ich gehöre zu letzteren, kann mich aber auch nicht absolut festlegen. Da wir alle Menschen sind, die unter dem gleichen Himmel leben, glaube ich einfach, dass es uns besser geht, wenn wir gemeinsam kämpfen.

Wie denken Sie über den neuen Premierminister Boris Johnson?

Ich weiss nicht viel über ihn. Ein seltsamer Typ, aber alle Politiker sind verdammte Lügner. Ich meine, dieses Land ist momentan eine Lachnummer. Aber Johnson ist erst seit kurzer Zeit im Amt und verdient eine faire Chance, die Peitsche zu schwingen. Um seinen Job beneide ich ihn auf keinen Fall. Er wirkt ziemlich gestresst.

Welches war Ihr persönlicher Stressmoment im Leben?

Ich glaube, das war, ein Teil von Oasis zu sein. Und dann ... die Trennung von Oasis.

Und seither ist alles gut?

Ich bin mir nicht sicher. Ich meine, es gab den einen oder anderen Moment, aber zurzeit ist alles in Ordnung in meiner Welt.

Einer der grössten Oasis-Hits war «Don’t Look Back In Anger». Haben Sie diesen Ratschlag in Ihrem Leben umsetzen können?

Oh nein, ich blicke voller Ärger zurück. Oasis hätten sich niemals trennen dürfen. Wir hätten viel, viel mehr erreichen können. Noel behauptet, dass wir die grösste Band der Welt waren, aber das stimmt nicht. Wir waren die grösste Band in England. Im Gegensatz zu Coldplay oder Muse haben wir sonst in Europa keine Stadion-Konzerte gegeben.

Was würden Sie mit Ihrem Leben anstellen, wenn Sie nochmals 20 wären?

Ich würde alles wieder gleich machen. Ich liebe es, in einer Band zu sein. Die Neunzigerjahre waren grossartig. Ich würde für nichts auf der Welt irgendetwas ändern, sondern alles genau so noch einmal tun.

Wäre das in der heutigen Musikszene überhaupt möglich?

Nein, das glaube ich nicht. Heutzutage scheint der Sinn für Humor verloren gegangen zu sein. Wenn du etwas sagst, von dem du dachtest, es sei witzig, wirst du dafür ans Kreuz genagelt. Und Oasis, die waren versaut, frech, unartig und krass – einfach ziemlich durchgeknallt. Mit dem Scheiss würden wir nicht mehr durchkommen.

Viele Schweizer denken beim Stichwort «England» an gute Rockmusik, schlechtes Essen, Brexit-Chaos und leidenschaftlichen Fussball.

Ja, und wir haben einen Sinn für Mode!

Und was verbinden Sie mit der Schweiz?

Ihr habt gute Schokolade, oder? Was noch? Oh, Ihr habt den besten Tennisspieler der Welt. Yeah, ich liebe Roger Federer. Er ist fucking amazing!

Sie sind nach London gezogen. Was vermissen Sie an Ihrer Heimatstadt Manchester?

Ich vermisse es, am Wochenende zu den Spielen von Manchester City zu gehen, aber vor allem vermisse ich meine Freunde, aber auch in der Nähe meiner Mutter und von Onkeln und Tanten zu sein. Und den Regen. Besonders, wenn es so heiss ist wie zuletzt. Das war furchtbar. Ich kann die Hitze nicht leiden.

Welche Freiheiten können Sie sich mit dem vielen Geld kaufen, das ein Popstar verdient?

Ich habe keine «Rolex» und auch keine Yachten. Ich habe einfach ein schönes Haus mit einem sehr schönen Garten, in dem man gemütlich relaxen kann. Das Wichtigste sind jedoch Gesundheit, Liebe und Mitgefühl.

Welches war Ihr Highlight als Popmusiker?

Das war, als wir mit Oasis das allererste Mal im Studio waren. Wir waren noch nicht berühmt und haben «Definitely Maybe» aufgenommen. Das werde ich nie vergessen.

Bald gehen Sie wieder auf Tournee und treten am 20. Februar nächsten Jahres auch in Zürich auf. Wird es laut?

Ja, es wird definitiv richtig laut werden an diesem Abend! Ich werde bei Euch in der Schweiz ein paar gute alte Oasis-Songs zum Besten geben und einige von «Why Me? Why Not.». Wir machen ehrliche Gitarrenmusik, wie früher die Sex Pistols, direkt ins Gesicht. Ich benutze deshalb bewusst den Begriff «Gig» oder «Konzert», aber nicht das Wort «Show». Fuck the show!

Welches ist die beste Entscheidung, die Sie je getroffen haben?

Oasis zu gründen. Oder meinem Bruder Noel zu erlauben, Oasis beizutreten. Überrascht?

Ja, schon. Ihre Beziehung zu Ihrem Bruder Noel gilt als äusserst kompliziert.

Ist sie das? Warum?

Nach allem, was man gelesen hat, scheint es ja eine Hassliebe zwischen Ihnen beiden zu sein.

Okay, zwischen uns gibt es gewisse Spannungen. Aber ich habe auch noch einen anderen Bruder, mit dem ich mich ausgezeichnet verstehe. Es dreht sich nicht alles nur um Noel und mich.

Liam Gallagher, wir danken Ihnen für das Gespräch.