X

Beliebte Themen

INTERVIEW

«Glück ist sehr subjektiv»

Paartherapeutin Judith Oehler erklärt, weshalb auf jede Meckerei fünf Komplimente folgen sollten, wieso ein Seitensprung nicht das Beziehungsende bedeuten muss und ob offene Beziehungen funktionieren.

FOTOS
Christian Aeberhard
15. April 2019

Judith Oehler will einen Prozess anstossen, in dem die Paare sich fragen, was sie zusammenhält.

Judith Oehler

Auf Paartherapie spezialisiert

Judith Oehler (55) ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und auf Paartherapie spezialisiert. Ihre Assistenzzeit absolvierte sie unter anderem bei Jürg Willi (85), der 1965 als Erster im deutschen Sprachraum Paartherapien durchführte. Nach ihrer Tätigkeit als Oberärztin an der Psychiatrischen Poliklinik Zürich machte sich Oehler 2001 in Zürich selbstständig. Seit 2010 führt sie eine eigene Praxis in Basel, in welcher sie Paartherapien und -beratungen durch-
führt.

Judith Oehler, haben Sie schon Paare wieder weggeschickt, weil die Beziehung hoffnungslos war?
Freunden oder Freundinnen würde ich bei absoluter Hoffnungslosigkeit vielleicht raten, sich zu trennen. Als Therapeutin habe ich eine andere Aufgabe – nämlich einen Prozess anzustossen, in dem die Paare sich fragen, was sie zusammenhält. Ob dieser Prozess dann zur Trennung führt oder aber zu einer besseren Beziehung, weiss ich nie.

Weshalb kommen Paare zu Ihnen?
Streit ist normal. Aber bei manchen Paaren ist er nicht mehr aushaltbar, nicht mehr produktiv. Sie führen dysfunktionale, repressive, manchmal auch richtig quälerische Beziehungen. Wenn man nicht einmal mehr über den Alltag sprechen kann, ohne dass es ausartet, dann bringt streiten nichts mehr. Es gibt auch die umgekehrte Situation: Paare, die nie streiten, weil sie sich aus dem Weg gehen. Irgendwann stellen sie fest, dass die Liebe abhandengekommen ist. Diese Paare kommen hierher, um herauszufinden, ob sie nochmals zueinanderfinden können. Am häufigsten jedoch kommen Paare in Therapie, weil sie sich in unlösbare und verstrickte Muster hineinmanövriert haben, aus denen sie selbst nicht mehr herausfinden. Oder aber es kommen Paare, bei denen jemand schon eine Aussenbeziehung hat. Sie sagen sich: Bevor wir auseinander gehen, versuchen wir alles, um unsere Beziehung noch zu retten.

Mit welchem Erfolg?
Aussenbeziehungen sind immer eine grosse Krise für ein Paar. Die Vertrauensverletzung ist gross, der oder die Betrogene fühlt sich verletzt und verraten. Das sind schwierige und schmerzhafte Prozesse, die entweder zu einer Trennung führen oder aber das Paar weiter bringen und zusammenbleiben lassen.

Was macht eine gute Beziehung aus?
Es klingt banal, aber eine Beziehung ist dann gut, wenn sich die Personen in ihr glücklich und geborgen fühlen. Manche sind bereits glücklich, dass sie einander haben, dass sie nicht alleine sind oder es wenig Grund zum Streiten gibt. Bei anderen Menschen müssen sehr viele Bedürfnisse erfüllt sein, damit sie glücklich sind. Glück ist sehr subjektiv.

Was machen glückliche Paare besser?
Da zitiere ich den amerikanischen Paarforscher John Gottman. Er hat erforscht, was glückliche Paare – er nennt sie «Masters» – besser machen als unglückliche. Diese nennt er «Disasters». Er hat herausgefunden: Masters decken einander mit fünfmal mehr wertschätzenden als vorwurfsvollen Bemerkungen ein. Für jede Beschwerde über die herumliegenden Schuhe braucht es also fünf Komplimente oder Dankeschön für das gespülte Geschirr oder einfach ein: «Es ist schön, dich zu sehen.» Paare, die für ein wertschätzendes Klima sorgen, sind glücklicher und zufriedener.

Sollen unglückliche Paare der Kinder wegen zusammenbleiben? Judith Oehler: «In der Regel funktioniert das nicht.»

Kann man das lernen?
Ja. Wenn man sich verletzt, nicht ernst genommen, nicht beachtet, nicht begehrt, nicht geliebt und entwertet fühlt, ist es schwierig, einem Partner wertschätzend zu begegnen. Erst müssen die Partner aus dieser gekränkten Rückzugshaltung herauskommen können. Verliebte Paare machen das automatisch richtig. Sie sind sich so zugewandt, dass sie sofort merken, wenn etwas nicht stimmt. Dann suchen sie ganz offen nach einer Lösung: «Wo ist das Problem? Kann ich es lösen? Geht es dir nicht gut? Hast du mich nicht mehr lieb?»

Was sind Warnsignale, dass es in einer Beziehung in die falsche Richtung geht?
Wenn Sie im Tram sitzen und Ihnen fällt ein, dass Sie sich vorher gar nicht richtig von Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin verabschiedet haben. Dann ist die Aufmerksamkeit offenbar vollständig abhanden gekommen. Oder wenn man sich gar nicht mehr aufeinander freut. Kritisch wird es auch, wenn man nicht mehr die liebende Person sein kann, als die man sich eigentlich kennt. Weil man innerlich vom Partner genervt ist, nur noch vorwurfsvoll reagiert und sich Groll angestaut hat. John Gottman behauptet, er könne einem Paar wenige Minuten beim Reden zuhören und dann sagen, ob es sich trennen wird.

Finden Sie das glaubhaft?
Das klingt tatsächlich ein wenig dramatisch. In seiner Theorie gibt es die vier apokalyptischen Reiter in der Kommunikation, die den Untergang der Beziehung anzeigen. Der erste ist der Angriff – also der Vorwurf. Der zweite Reiter hängt eng damit zusammen: Rechtfertigung. Viele staunen, dass Vorwürfe bereits zu diesen apokalyptischen Reitern gehören. Denn Vorwürfe gehören in vielen Beziehungen wie selbstverständlich zur Kommunikation. Gottman sagt, dass Masters es schaffen, Anliegen statt Vorwürfe zu formulieren. Habe ich die Erfahrung gemacht, oft alleine gelassen zu werden, fühle ich mich unsicher, wenn mein Partner zu spät kommt. Natürlich kann ich vorwurfsvoll reagieren: «Jetzt kommst du schon wieder zu spät! Ich kann mich nie auf dich verlassen.» Dann wird er wütend reagieren und muss sich verteidigen, weil er sich angegriffen fühlt. Ganz anders, wenn ich sage: «Ich habe Angst, wenn du zu spät kommst. Dann fühle ich mich alleine gelassen. Ich bin darauf angewiesen, dass du mir sagst, wenn du zu spät kommst.» Der Partner wird bei dieser Variante sicher verständnisvoller reagieren.

Und die anderen beiden apokalyptischen Reiter?
Der dritte ist Entwertung. Das können heftige Beleidigungen sein oder aber schon Sätze wie: «Ich finde es mühsam mit dir.» Der vierte Reiter ist Ignorieren. Wenn man nicht zuhört, den anderen nicht ernst nimmt, die Augen verdreht, wegläuft – das ist die krasseste Kommunikationsform, seinem Partner zu schaden. Natürlich gibt es auch Paare, die aus anderen Gründen unglücklich sind. Aber die vier Reiter sind eine gute Schablone, mit der man arbeiten kann.

«Ich glaube, dass man sich heute wohl zu schnell trennt.»

Judith Oehler

Trennen wir uns heute zu schnell?
Ich glaube schon, dass man sich möglicherweise zu schnell trennt. Wenn man es nicht aushält, an einer Beziehung zu arbeiten und sich mit sich und der Partnerschaft auseinanderzusetzen. Genau das aber stärkt eine Beziehung. Dass man eine Krise auch einmal durchsteht und nicht gleich wegrennt. Zugleich ist es positiv, dass man sich einfacher trennen kann. Früher blieben Paare zusammen, weil zum Beispiel die Frauen zu wenig ökonomische Möglichkeiten hatten, um selbstständig zu sein. Das ist heute anders. Es gibt bei uns kaum mehr kulturelle Gründe, in einer unglücklichen Beziehung zu verharren. Wir haben heute die Freiheit, im Verlaufe eines Lebens mehrere Partner zu haben, was für manche Menschen auch erfüllend sein kann. Ähnlich wie im Berufsleben: Früher blieb man sein ganzes Leben in einem Betrieb. Heute gibt es viele Quereinsteiger, man bleibt ein paar Jahre und geht dann ins nächste Unternehmen. Der Zeitgeist ändert sich und so auch die Lebensformen.

Was, wenn Kinder im Spiel sind? Soll man wegen ihnen zusammenbleiben?
Das muss jede und jeder für sich entscheiden. Es gibt sicher Paare, die sich vornehmen: Okay, wir werden uns trennen, aber solange die Kinder zu Hause sind, versuchen wir unser Zuhause aufrecht zu erhalten. Die Kinder wollen möglichst wenige Veränderungen in ihrem vertrauten Umfeld.  

Funktioniert es aber auch?
In der Regel nein, weil zu viele Verletzungen da sind, aber natürlich auch, weil es schnell kompliziert wird, wenn sich der Partner oder die Partnerin auf eine neue Beziehung einlässt. Es ist eher ein utopisches Modell. Klar ist, dass eine Trennung immer sehr schwierig ist für Kinder. Wenn ein Paar aber so viel streitet, dass die Kinder stark darunter leiden, ist eine Trennung am Ende wohl besser. Die sollte im Idealfall aber gut vorbereitet und einvernehmlich sein. Es ist wichtig, dass die Eltern miteinander im Gespräch bleiben. Die ganze Trauer und der Trennungsprozess sollten zusammen gestaltet werden – das ist für Kinder sehr wichtig. Ich erinnere mich an Schulfreunde, die erzählten: «Am Sonntagabend hat mein Papi einfach gesagt, er gehe jetzt. Dann war er weg.» Sie haben ihn bestenfalls noch alle zwei Wochen gesehen. Das ist heute glücklicherweise kaum mehr der Fall. Paare trennen sich heute anders. Väter stehen viel mehr in der Verantwortung.

«Was Treue bedeutet, ist sehr individuell und auch eine Frage des Gefühls.»

Judith Oehler

Wie wichtig ist Treue?
Eine gute, aber schwierige Frage. Für viele ist sie das Wichtigste in einer Beziehung – die meisten Menschen denken vor allem an sexuelle Treue. Dabei bedeutet es noch lange nicht, dass man ein guter Partner oder eine gute Partnerin ist, nur weil man sexuell treu ist. Was Treue bedeutet, ist sehr individuell und auch eine Frage des Gefühls. Jemand kann fremdgehen und der andere fühlt sich trotzdem nicht betrogen, weil der Partner ihm emotional weiterhin eng verbunden und für ihn da ist. Andere fühlen sich betrogen, wenn sich der Partner oder die Partnerin verliebt, aber sexuell nicht untreu wird.

Ist ein Seitensprung immer Ausdruck davon, dass etwas in einer Beziehung nicht stimmt?
Nein, ein Seitensprung ist nicht zwingend Ausdruck eines Problems in der Beziehung. Er kann sich tatsächlich auch mal zufällig ergeben. Es kann aber auch sein, dass sich ein Partner auf einen Seitensprung erst einlässt, weil die Beziehung schon längere Zeit unbefriedigend ist. Bei anderen Paaren entflammt die Liebe gar neu, nachdem einer der Partner sich auf eine Aussenbeziehung eingelassen hat.

Funktionieren offene Beziehungen?
Es gibt Paare, die das ausprobieren und damit umgehen können. Andere nicht. Vielleicht wird es in Zukunft andere Beziehungsformen geben, die sich bewähren und funktionieren, wie zum Beispiel die Polyamorie. Dabei sind mehr als zwei Menschen miteinander liebend verbunden.

Wie oft ist fehlender Sex der Grund, weshalb es in einer Beziehung kriselt?
Er ist meist nicht der Hauptgrund für Probleme, sondern eher die Folge von Konflikten. Wer sich in einer Beziehung nicht mehr sicher fühlt, begegnet sich wahrscheinlich weniger oft im Bett. 

Wer drängt eher darauf, eine Paartherapie zu besuchen? Die Frau oder der Mann?
Es ist häufig so, dass Frauen motivierter sind für eine Paartherapie, weil sie eher diejenigen sind, die reden und in Konflikte eintauchen wollen, während Männer sich eher zurückziehen. Solche «Rückzüglermänner» muss man erst einmal ins Boot holen. Das gelingt meist schneller, als ihre Frauen denken. Diese haben oft über Jahre an ihren Männern herumgepickelt, ohne an sie heranzukommen. In der Therapie spricht er plötzlich über seine Probleme und Gefühle. Was die Frauen dann ganz schön überrascht. Sie haben das Gefühl, dass sie kommunikativer seien und deshalb auch wüssten, wie eine Beziehung funktioniere. Sie verwechseln, dass viel reden nicht unbedingt zu mehr Nähe führt. Es ist eher so, dass Frauen vorwurfsvoll werden, weil sie verletzt sind und ihre Männer emotional nicht mehr erreichen und diese wiederum ziehen sich zurück, weil sie sich vor den Vorwürfen schützen wollen. So entsteht ein typisches Angriffs-Rückzugsmuster.

Judith Oehler, wie danken Ihnen für dieses Gespräch.