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Interview

«Ich schäme mich wenigstens»

Für die Satire wünscht er sich mehr Toleranz und Augenzwinkern, aber #metoo-Themen umschifft er lieber. Claudio Zuccolini über das heikle Business des Lustigseins.

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Christoph Kaminski
19. Dezember 2019

Stand-up-Comedian Claudio Zuccolini. Er geht mit einem Programm erst dann auf die Bühne, wenn es fertig ist.

Claudio Zuccolini

15 Jahre Comedian

Claudio Zuccolini (49) begann seine berufliche Laufbahn als Moderator bei Bündner Lokalradios und wurde später als Moderator, Redaktor und Videojournalist bei Tele24 und dem Schweizer Fernsehen national bekannt. Ab 2004 tourte er mit seinem ersten Comedy-Programm durch die Theater der Schweiz. 2011 gewann er den «Prix Walo» in der Kategorie Comedy/Kabarett. «Darum» ist das bereits sechste Soloprogramm des Bündners. Zuccolini ist seit 20 Jahren verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt in der Nähe von Zürich.

Claudio Zuccolini, die lustigste Zahnlücke der Nation, ist in den letzten Vorbereitungen für sein neues Programm «Darum». Wir haben ihn im Casino Baden AG vor einer sogenannten Tryout- Vorstellung getroffen. Er spielt probehalber vor Publikum und testet, ob sein Programm ankommt und an welchen Stellen er noch feilen muss.

Claudio Zuccolini, kürzlich hat sich Ihr Berufskollege, Komiker Michael Elsener, einen Sexismus-Vorwurf eingehandelt, weil er die Juso-Präsidentin in einer Satire als «heiss» bezeichnete. Wirken sich solche Diskussionen auf Ihre Arbeit aus?

Es ist tatsächlich schwieriger geworden. Man fühlt sich in einer Welt mit Gesinnungspolizei und betreutem Denken. Keine Frage, Sexismus geht heute nicht mehr. Aber gerade in der Satire sollten die Grenzen etwas weiter gesteckt sein. Hier fehlt oft eine Portion Toleranz.

Arbeitet man als Komiker heute mit angezogener Handbremse?

Ja, schon. Dabei soll Satire ja auch etwas aufzeigen, indem man es ins Absurde führt. Aber das ist momentan so heikel, dass man sich tatsächlich zurücknimmt, um ja keine Angriffsfläche zu bieten.

Weinen Sie manchmal der guten alten Zeit nach, als man noch ungeschaut kalauern konnte?

Nein. Wenn ich meine alten Programme anhöre, denke ich manchmal, puh, das könnte ich heute nicht mehr sagen. Es ist gut, haben sich gewisse Dinge und Haltungen verändert. Aber manchmal fehlt mir das Augenzwinkern, der etwas grosszügigere Umgang gerade mit Humor.

«In der Satire sollten die Grenzen etwas weiter gesteckt sein.»

Claudio Zuccolini

Das heisst, Sie umschiffen gefährliche Gewässer der Kategorie «#metoo»?

Ja, aber nicht gänzlich. Ich habe meine Kunstfiguren Kurt und Erika, über die ich heikle Themen einbringen kann. Ich erzähle einfach, wie Kurt und Erika etwas machen oder was sie denken. Das Publikum merkt so sehr schnell, welches meine Haltung dazu ist.

Heute Abend ist eine von sieben Tryout-Vorstellungen für das neue Programm. Sind Sie nervös?

Nein. Tryouts haben zwar den Ruf von Probevorstellungen, bei denen das Programm fertig geschrieben wird. Aber ich könnte das nicht. Für mich ist die allererste Vorstellung vor Publikum, also das erste Tryout, die Premiere. Nachher wird nur noch justiert. Ich will nicht, dass die Zuschauer rausgehen und denken müssen, dass der Zuccolini vermutlich schon lustig ist, wenn das Programm erst einmal ganz fertig sein wird. Auch bei den Tryouts sind zahlende Gäste im Publikum, die haben ein Anrecht auf ein fertiges Programm.

Eine Tryout-Vorstellung ist ja, wie wenn ein Fussballclub fürs Training Eintritt verlangt. Und Ihr Training ist ausverkauft!

Die Tryouts sind alle ausverkauft, und das freut mich sehr. Mich würde es aber auch nicht stören, wenn ich nur vor zwanzig Leuten spiele. Ich muss das Programm einfach vor Publikum zeigen können.

Sie sind der Typ, der sich gerne aufregt – über Dinge und über Menschen. Sind Sie aufbrausend?

Nein, gar nicht. Aber mir fallen oft Dinge auf. Und dann muss ich mich aus einem Zwang heraus damit beschäftigen. Zum Beispiel Wiederholungen – wenn ich merke, dass alle das Gleiche machen oder sagen.

Der Bündner Claudio Zuccolini: Der Dialekt und die Zahnlücke sind seine Markenzeichen.

Zum Beispiel?

Im Moment fällt mir auf, dass alle das Wörtchen «wie» brauchen: «I finda das wie übertriba ...» Und das Schlimmste ist, wenn mir das selber rausrutscht. Dann zucke ich zusammen und schäme mich. Oder «am Ende vom Tag», das habe ich heute auch schon mehrfach gesagt: at the end of the day. Dieser englische Ausdruck schleicht sich gerade in unsere Umgangssprache ein. «Weisch, am End vom Tag isch es wie gliich ...». Ich bin auch nicht gefeit vor solchen Floskeln, aber ich schäme mich wenigstens dafür.

In der Öffentlichkeit kennt man Sie als lustigen Kumpel. Gibt es Sie auch in der Version «grantig»?

Ja, inzwischen schon. Früher war das noch anders. Wenn ich zum Beispiel unfreundlich bedient wurde, war es mir nicht wert, etwas zu sagen. Heute wehre ich mich. Unfreundlichkeit, mangelnde Hilfsbereitschaft machen mich richtig hässig. Da reagiere ich auch sofort. Klingt komisch, ich weiss. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung.

Sie feiern nächstes Jahr Ihren 50. Geburtstag, den 20. Hochzeitstag und 30 Jahre Übergewicht. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf 20 Jahre Ehe bin ich stolz, das ist heute keine Selbstverständlichkeit. 30 Jahre Übergewicht freut mich weniger. Und der 50. Geburtstag ist schon eine Schwelle. Es wird sich nicht viel ändern, aber da ist definitiv die erste Hälfte vorbei. Es sind nicht alles tolle Jubiläen. Viel lieber hätte ich 30 Jahre schwerreich gefeiert.

Hat man mit 50 noch Träume?

Ja. Vor vielen Jahren konnte ich mal im Konzertsaal des Luzerner KKL eine Nummer aufführen. Das war grossar- tig. Das ist einer meiner grössten Träume, dort vor vollem Haus zu spielen. 1800 Zuhörer.

Sie kokettieren gerne mit Ihrem Gewicht. Haben Sie wirklich zu viel?

Ich habe fünf bis sechs Kilogramm zu viel. Es ist ein blödes Zwischengewicht, ich werde immer darauf angesprochen. Hätte ich 150 Kilogramm, würde niemand etwas sagen. Dann tun alle so, als würden sie es nicht sehen. So gesehen bin ich eigentlich zu wenig übergewichtig, damit es kein Thema mehr ist.

Kehren wir zur Bühne zurück. Spienzeln Sie noch nicht nach Deutschland? Ihr Programm und Ihre Rolle funktionieren sicher auch auf Hochdeutsch.

Nein. In Deutschland starte ich bei null. Ich fühle mich wohl in der Schweiz, habe ein treues Publikum, schöne Säle für Auftritte und einen machbaren Arbeitsweg. In Deutschland müsste ich für 100 Euro nach Hamburg in irgendeinen Club fahren. Dazu bin ich nicht bereit. Kann sein, dass ich irgendwann hineinschlittere, so wie ich in meiner Karriere in viele Dinge hineingeschlittert bin. Aber im Moment habe ich keine Ambitionen. Deutschland hat eigene gute Comedians. Dort wartet man nicht auf mich.

Claudio Zuccolini, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.