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Interview

«Ich verliebe mich tierisch schnell»

Im vergangenen Jahr war Lena Meyer-Landrut abgetaucht. Nun ist sie zurück – mit einem neuen Album und der Zuversicht, dass sie nicht wieder ins Hamsterrad gerät.

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Kai Müller
08. April 2019

Lena hat sich zuletzt viel mit sich selber beschäftigt.  Nun will sie «weich und durchlässig» sein.

Die Siegerin

Haushoher Vorsprung

Es passte einfach alles zusammen: «Satellite» war der beste Song seit Langem am Eurovision Song Contest und Lena Meyer-Landrut die erfrischendste Performerin, die man sich vorstellen kann. Die logische Konsequenz: Die Hannoveranerin gewann den Wettbewerb 2010 mit haushohem Vorsprung. Ein Jahr später nahm sie gleich nochmals teil und wurde 10. Seitdem zählt Lena, wie sie sich nennt, zu den bekanntesten Gesichtern Deutschlands. Soeben hat sie ihr fünftes Studioalbum «Only Love, L» veröffentlicht. 

Lena Meyer-Landrut möchte am liebsten nur noch Lena heissen. Weil ihr zweiter Nachname oft falsch – nämlich mit einem h am Ende – geschrieben wird. Und so stellt sie sich beim Interview in der Berliner Zentrale von Universal Music mit «Hallo, Lena» vor. Irgendwie logisch, dass man ins Du verfällt. «Kein Problem», sagt die 27-jährige Hannoveranerin. Das war nicht immer so: Es gab eine Zeit – drei, vier Jahre nach ihrem phänomenalen Sieg am Eurovision Song Contest 2010 –, da fühlte sie sich unfair behandelt, wenn Unbekannte sie einfach duzten: «Zum Beispiel im Flieger, wenn sich die Stewardess zu mir herüber beugte: ‹Und was willst du?› Da fand ich schon, dass man mich siezen könnte.» Mittlerweile stört es sie nicht mehr, im Gegenteil: «Das gibt mir das Gefühl, jung zu bleiben. Ein schönes Gefühl.» 
Lena wird in den folgenden Minuten viel über Gefühle reden.

Lena, du hast Philosophie studiert …
… nein, habe ich nicht …

… nicht? Ich habe das gleich mehrmals so gelesen. Schade. Ich wollte dich nach deiner Lebensphilosophie fragen.
Das kann ich auch ohne Philosophiestudium beantworten. (Lacht.) Sie ändert sich immer mal wieder, weil ich mich ja auch verändere. Jetzt gerade versuche ich weich und durchlässig zu sein. Und möglichst gelassen zu handeln.

Was meinst du mit «durchlässig»?
Das bedeutet für mich, Beobachter zu sein. Ich möchte weder mich noch andere beurteilen, sondern die Menschen so nehmen, wie sie sind. Ich habe alles, was einem das Leben an Aufgaben so stellt, erlebt seit dem Sieg am Eurovision Contest: schöne Phasen, aber auch weniger schöne, lustige, traurige, erfolgreiche, weniger erfolgreiche Phasen.

Das letzte Jahr war eine schwierige Phase: Du hast Konzerte abgesagt und das Album verschoben.
Da ging es mir wieder besser, da war ich bereits auf dem Weg zurück. 2016 und 2017 waren meine schwersten Jahre bisher. Kaum war ich mit dem alten Album fertig, habe ich mich hingesetzt und mit dem neuen begonnen. Ein Fehler. Denn ich war erschöpft, lustlos, fühlte mich öfter als sonst traurig. Ich merkte, dass ich gar nicht so richtig wusste, weshalb ich dieses Album überhaupt mache. 

Warum hast du überhaupt damit begonnen?
Das war wie ein Automatismus: Das eine Album ist raus, also geht es mit dem nächsten weiter. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir nicht gefällt, was ich da gerade mache. Also sagte ich mir: Ich höre auf damit. Das brauchte natürlich Mut, zugleich hatte ich das Privileg, das so umzusetzen. Obwohl ich damit viele Menschen enttäuschte, die sich bereits auf die Konzerte gefreut hatten.

Wie sehr hast du mit dir gerungen?
Es war eine schwere Zeit, hat aber mit mir gemacht, dass ich mich beruhigen und auf Pause drücken konnte. Ich schaltete die ganzen Aussengeräusche aus, ging nicht mehr auf Events, sondern begab mich auf den Weg zu mir selber. Dazu gehörte es, mir Fragen zu stellen, vor denen ich Angst hatte.

Du sagst, du hättest auf Pause gedrückt. Nun bist du aber wieder auf allen Kanälen sehr präsent. Keine Angst vor einem Rückfall in alte Muster?
Nein, ich bin definitiv einen Schritt weiter. Ich habe in der Offline-Phase gemerkt, wie süchtig der Geist zuvor gewesen war, immer online sein zu wollen. Dass ich also morgens, kaum war ich aufgewacht, als Erstes zum Handy griff, die Nachrichten las und sie auch sofort beantwortete – egal, ob sie privater oder geschäftlicher Natur waren. In der zweimonatigen Pause merkte ich, welchen Wert die sozialen Medien haben: einen sehr geringen. So, wie es jetzt ist, macht es mir Spass, es gehört zu meinem Beruf dazu, aber es ist nicht die Essenz, aus der ich meine Energie herausziehe. Mein Wohlbefinden hängt nicht von den Likes oder der Zahl der Follower ab.

«Ich habe gute und weniger gute Phasen gehabt.» Jetzt gerade durchlebt Lena eine gute und ist sichtbar entspannt.

Du greifst nicht mehr als Erstes zum Handy, wenn du aufstehst?
Ich habe gemerkt, dass es mir besser geht, wenn ich den Tag nicht mit dem Handy beginne. Ich bin dann ruhiger. Wenn ich morgens aufstehe, trinke ich zuerst ein Glas Wasser, meditiere eine kleine Runde, putze mir die Zähne. Erst danach gehe ich online. Ich benutze das Handy sicher weiterhin vier bis sechs Stunden täglich. Auch weil ich es zu anstrengend finde, immer den Laptop dabeizuhaben. Ich bin sehr in mein eigenes Geschäftsleben involviert, schreibe Mails, organisiere viel über Gruppen-Chats. Das findet auf meinem Handy statt.

Hättest du selber Kinder, wie würdest du es mit ihrem Handykonsum handhaben?
Das kann ich nicht beantworten. Bis es so weit wäre und mein Kind ein Mobiltelefon benützt, vergehen zehn Jahre, mindestens. So weit denke ich noch nicht. Mein Lebensplan geht erst mal bis Juni bis Tourende. (Lacht.) Dann schauen wir weiter.

Das neue Album ist sehr privat geworden. Weshalb dieses Bedürfnis, so viel Intimes preiszugeben?
Als ich mich zurückzog, setzte ich mich – auch tiefenpsychologisch – intensiv mit mir und den bisherigen Stationen meines Lebens auseinander. Ich notierte mir alles, die Emotionen, die Träume. Irgendwann war klar, dass all dies der rote Faden für mein neues Album werden würde.

Die Liebe ist als Thema auf dem Album besonders präsent. Das beginnt schon beim Titel: «Only Love, L».
So steht es auch in meiner E-Mail-Signatur. Ich finde es schön, alles mit Liebe abzuschliessen. Auch wenn der Inhalt der Mail oder eines Gesprächs vielleicht unangenehm war.

Verliebst du dich schnell?
Ja, tierisch schnell. Ich bin ein sehr intuitiver Mensch, ja, geradezu euphorisch, was die Liebe und die Menschen angeht. Davon möchte ich mich nicht abbringen lassen. Wenn ich eine Person kennenlerne, bei der ich ein gutes und warmes Gefühl habe, dann liebe ich es, mich so richtig der Liebe hinzugeben. (Sie blickt zu ihrer Mitarbeiterin herüber.) Bella und ich haben uns auf einer Geburtstagsparty kennengelernt und uns sofort ineinander verliebt. Wir haben uns zusammengetan, ohne grosse Zweifel zu haben. (Bella nickt.) Ich möchte mich nicht einschränken beim Verlieben. Es gibt für mich viele Formen der Liebe: die partnerschaftliche, ich kann mich auch in eine bestimmte Meditation verlieben. Oder in ein Gericht. Dann konsumiere ich das ohne Ende und möchte allen davon erzählen. Damit alle an meiner Euphorie teilhaben. 

Vergeht die Euphorie genauso schnell, wie sie gekommen ist?
Nein, das findet schleichend statt und wird durch eine neue Euphorie überlagert, wobei das sich jetzt nicht auf Menschen bezieht. Da wechsle ich ja nicht alle zwei Monate. (Lacht.) Zwischenmenschlich bin ich ein grosser Freund davon, weich zu bleiben. Bei Streit bin ich nicht nachtragend. Wenn man sich nach einer Meinungsverschiedenheit wieder auf einer ehrlichen Ebene trifft, fände ich es verschwendete Lebenszeit, wenn man sich nicht vergibt. Ich bin sicher harmoniesüchtig, habe aber auch gelernt, dass Konfrontationen förderlich sein können, um sich oder jemandem den Spiegel vorzuhalten. Gerade in unserer Branche sind wir weit davon entfernt, ehrlich miteinander zu sein.

Wann hast du dich das erste Mal verliebt?
Mit drei Jahren. Ich war unsterblich in Niklas verliebt, wir haben an Karneval geheiratet. Das zog sich durch die ganze Grundschule durch. Niklas war meine erste grosse Liebe.

Goethe sagte: Die erste Liebe ist die einzige wahre. Richtig?
In diesem Fall nicht. (Lacht.)

Wer ist der coolste Sänger?
Wenn wir es auf den deutschsprachigen Raum begrenzen, dann Herbert Grönemeyer. Ich habe riesigen Respekt vor ihm. Es ist nicht so, dass ich seine Musik täglich konsumiere. Aber ich finde es bewundernswert, was er über so viele Jahre geschaffen hat. Ich war an einem Konzert von ihm und war sehr beeindruckt, was für verschiedene Menschen im Publikum standen. Sechzigjährige Mütter lagen sich mit ihren 30 Jahre alten Töchtern in den Armen. 70-jährige Männer drehten sich vor Freude tanzend im Kreis. Alle konnten seine Texte mitsingen und fühlten sich miteinander verbunden. Das hat mich beeindruckt.

Lena, wir danken dir für das Gespräch.