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Interview

«Ich wollte die Frauen anders zeigen»

Peter Lindbergh (74) zählt zu den einflussreichsten Fotografen überhaupt. In seinem Pariser Atelier erklärt der Deutsche, weshalb er für den neuen Film über sich kein Mitspracherecht wollte und wie wichtig es ist, auf die innere Stimme zu hören.

FOTOS
Stefan Rappo, Courtesy Peter Lindbergh/Paris
19. August 2019

Wenn Kreativität greifbar wird, dann in diesem grosszügigen Atelier in einem Pariser Hinterhof. Peter Lindbergh brütet an einem Tisch über einem Fotoprojekt, überall hängen oder stapeln sich Bilder. Viele von ihnen – allen voran die Mode- fotografien – sorgten für Aufsehen, weil sie mit dem herkömmlichen Stil brachen und so ihrer Zeit oft weit voraus waren. Auf die Frage, welches sein Lieblingsbild sei, zeigt sich Peter Lindbergh, der eigentlich Peter Brodbeck heisst, unentschlossen. Was irgendwie verständlich ist angesichts seines reichen Schaffens in den vergangenen fünf Jahrzehnten als Fotograf.

Peter Lindbergh, auf meinem Lieblingsfoto von Ihnen steht Tina Turner in luftiger Höhe auf dem Eiffelturm.

Tina näher kennen zu dürfen, ist ein Geschenk. Ich fragte sie bei diesem Shooting: «Kannst du bitte auf den Eisenträger stehen, barfuss oder mit Ten- nisschuhen, wenn es für dich einfacher ist.» Sie aber bestand darauf, in ihren High Heels dort hinauf zu klettern. Das war mutig, auch wenn es nicht ganz so gefährlich war, wie es tatsächlich aussah. Es waren nur zehn Meter Höhe. (Lacht.)

Tina Turner  1989 auf dem Eiffelturm. Peter Lindbergh:  «Sie kletterte in High Heels dort hinauf.»

Regisseur Jean-Michel Vecchiet lernte Sie just während dieses sehr speziellen Shootings kennen. Nun läuft seine Dokumentation «Women’s Stories» über Ihr Leben im Kino. Wie gefällt Ihnen der Film?

Es bleiben viele Fragen offen, trotzdem ergibt sich ein spannendes Gesamtbild. Ich selber habe nichts dazu beigetragen. Man wollte mich einbinden und mir Mitspracherecht gewähren, wenn ich Material zur Verfügung stelle. Da hatte ich einmal einen wirklich brillanten Moment in meinem Leben. Ich sagte: Ihr bekommt das Material, aber nur unter der Bedingung, dass ich damit nichts zu tun habe. Ich schaue mir den Film erst an, wenn er fertig ist.

Warum diese Zurückhaltung?

Weil ich nicht wollte, dass es ein Werbespot über meine Person wird. Wenn man mitreden darf, dann bittet man schnell einmal darum, diese oder jene Szene wegzulassen: «Du, da sehe ich dick aus. Nehmt das raus!»

Haben Sie diese Bescheidenheit und die Gelassenheit, die Ihnen nachgesagt wird, vom Meditieren – oder waren Sie schon immer so?

Das ist nach so langer Zeit nicht mehr auseinanderzuhalten, wobei ich schon zur Bescheidenheit erzogen wurde. Ich erinnere mich, dass wir vor Jahren bei meinem Vater eine ZDF-Dokumentation über mich schauten. Das war die Zeit, als Naomi Campbell in aller Munde war. Nachher klopften mir mein Bruder und mein Schwager auf die Schulter: «Mensch, Peter, das ist ja Wahnsinn!» Mein Vater aber stand ein wenig betreten da und fragte nur: «Möchte noch jemand ein Schnittchen haben?» Der hatte wirklich Angst, dass mir das in den Kopf steigt. Kaum waren wir weg, erfuhr ich später, schnappte er sich «Stern» und «Marie-Claire» und ging zum Nachbarn: «Schau mal, der Peter...!» (Lacht.)

«Mein Vater fragte nur: ‹Will jemand noch Schnittchen?»

 

Was geschieht eigentlich beim Meditieren?

Man beschäftigt sich mit sich selber, ohne in den Spiegel schauen zu müssen. Man lernt sich kennen.

Was bedeutet das genau?

Man lernt, darauf zu achten, was einem selber wichtig ist – und nicht den anderen. Das kann zwar jemanden auch weit bringen, aber wirklich gut wird er so niemals werden. Ich habe zwei Meditationskurse nur für Fotografen gegeben. Es war eine tolle, zugleich aber auch schockierende Erfahrung, weil klar wurde, wie wenig sich diese Fotografen selber mit dem in Zusammenhang brachten, was sie in ihrem Beruf machten. Die sprachen zwar davon, dass sie die Menschen mit ihren Bildern berühren wollen. Aber das nahm ich ihnen nicht ab. Das Gegenteil war der Fall. Konfrontierte ich sie dann damit, sagten sie, dass sie das gerne anders gemacht hätten. Aber die Auftraggeber hätten es so gewollt.

Was ja auch stimmt.

Nein, nein, das lasse ich nicht gelten. Ich sage den Fotografen: Ihr macht die Fotos, nicht die anderen! Ihr habt es in euch, dass es umwerfende Bilder werden, ihr schöpft dieses Potenzial aber nicht aus. Die Kreativität hast du immer in dir drin, sie ist eine Art Ursuppe. Diese gilt es zu aktivieren, auch indem man Gelegenheiten herbeiführt. Es geht darum, sich selbst zu finden. Dann kann auch etwas Grossartiges entstehen.

Wie etwa der Pirelli-Kalender 2017. In diesem wollten Sie dem «Terror von Perfektion und Jugend» trotzen. Also zeigten Sie die Models ganz natürlich – und angezogen.

Hätte ich einfach die vorherigen Kalender abgekupfert, wäre das rausgekommen, was schon zuvor oft gezeigt worden war. Das aber wollte ich nicht.

Sie sind der berühmteste Modefotograf, interessieren sich aber nicht für Mode, wie Sie in Interviews erklärt haben. Wie geht das?

Ich war seit 25 Jahren nicht mehr auf Modeschauen. Wenn man da dabei ist, besteht die Gefahr der Uniformisierung. Alle Inspirationen laufen dann auf dasselbe hinaus. Wenn ich ein Foto mache, ist mir egal, von wem das Outfit ist. Grace Coddington, langjährige Kreativdirektorin der «Vogue», erklärte in einem Interview, dass die Modefotografie zuerst die Mode abzubilden habe. Am Ende könne man versuchen, etwas Kunst reinzumischen. Als ich diese Aussagen las, konnte ich es nicht glauben: Mein Gott, die beste Stylistin der Welt erzählt so etwas. Nein, einfach nur Mode abzubilden, das wäre ja fürchterlich. Vielmehr müssen wir auf unseren Bildern einen Teil der Kultur abbilden und nicht bloss irgendwelche Rocklängen dokumentieren.

Peter Lindbergh wollte die Frauen immer in aller Ehrlichkeit zeigen – «also keine mit Handtaschen dekorierten Püppchen», sondern wie hier natürlich schön in einfachen Hemden.

Sie interessieren sich bei Ihren Modeaufträgen also mehr für die Menschen als für die Kleider?

Ja, ich finde es schlimm, wenn niemand auf die Models achtet, weil alle nur auf die Kleider gucken. Als Reaktion darauf sind in den Achtzigerjahren die Supermodels entstanden. Ich wollte die Frauen anders zeigen als in den Modeheften abgebildet, also keine mit Handtaschen dekorierten Püppchen.

Mit Naomi Campbell haben Sie ein besonders gutes Verhältnis, wie man im Film sieht. Sie will zuerst für ein Foto nicht mitwirken, lässt sich von Ihnen aber überzeugen.

Naomi ist ein guter Freund, der alles für einen machen würde. Eine Zeit lang wohnte sie in meiner Wohnung in Paris. Da rannte sie dann manchmal um drei Uhr nachts mit fünf Freunden durch mein Schlafzimmer und erklärte ihnen: «Das ist der Peter, der schläft gerade.»

Wie finden Sie Instagram?

Hochinteressant. Instagram bietet Supermöglichkeiten. Ich habe mal auf unserem Account gefragt: Von wo guckt ihr zu, was wir hier zeigen? Aus jeder Ecke der Welt kam ein Sturm von Antworten: Wladiwostok, Mongolei. Da habe ich begriffen, was für eine enorme Macht in dieser Plattform steckt. Instagram hat viel Potenzial, genau wie das Fernsehen. Leider wird viel zu viel Mist gezeigt.

Ihr Tipp für alle Instagram-Nutzer?

Nie versuchen, jemand anderes zu sein, als man selber ist. Das wäre schädlich fürs Gemüt. Weil man so ein Doppelleben führt und das richtige Leben vernachlässigt.

Peter Lindbergh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Meister der Fotografie

Der Erfinder der «Supermodels»

Peter Lindbergh, 1944 geboren, wuchs in Duisburg (D) auf. Er machte eine Ausbildung als Schaufensterdekorateur und zog mit 18 kurzzeitig nach Luzern, wo er in seinem Beruf arbeitete. Zur Fotografie kam er erst mit 26 Jahren; schnell machte er sich einen Namen. 1978 wechselte er nach Paris und stieg in die Modefotografie ein. «Vogue»-Chefin Anna Wintour (69) setzte später voll auf Lindbergh, der die Ära der «Supermodels» begründete – mit Naomi Campbell (49), Linda Evangelista (54) und Cindy Crawford (53) als wichtigste Exponentinnen. Lindbergh ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.