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Interview

«Mein Gott, bin ich inkonsequent!»

Hollywood-Regisseur Roland Emmerich (63) hat in seinen Filmen seit «Independence Day» die Welt gleich mehrfach untergehen lassen. Der «Master of Desaster» über Hollywood, Homosexualität und seine wahre Leidenschaft.

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Kostas Maros
04. November 2019

Mit dem Kopf ist Roland Emmerich schon am nächsten Projekt: «Ich habe immer vier, fünf Filme, die ich machen möchte.»

Roland Emmerich, mit «Midway» haben Sie Ihren ersten Kriegsfilm gedreht. War das Thema des Zweiten Weltkriegs für Sie als Deutscher mit amerikanischem Pass speziell?
Nein. Als Filmemacher denkst du nicht über solche Sachen nach. Du versuchst Geschichten zu finden, die dich faszinieren. Die Schlacht um Midway hat mich schon vor 20 Jahren gepackt. Ich bin froh, dass wir den Film jetzt gemacht haben, weil sich die politische Situation in der letzten Zeit geändert hat. Da ist sehr viel Nationalismus in der Luft. Der Faschismus ist am Aufkommen, rechtes Gedankengut. Von daher wollte ich den Leuten zeigen, dass es mal ein Vereinigtes Amerika gab, das für Demokratie gekämpft und sein Leben gelassen hat.

Ihr Talent brachte Sie 1990 nach Hollywood. Wie sehr hat sich die Traumfabrik seit damals verändert?
Da hat sich alles geändert. Als ich nach Hollywood kam, war Originalität gefragt. Die Leute wollten neue Stoffe haben. Heute ist es genau umgekehrt. Da kommst du mit einer neuen Idee zu den Studios, und dann heisst es: Oh, das ist sehr riskant! Durch Marvel, DC Comics, Star Wars und Disney allgemein hat sich alles verändert. Da müssen die anderen Produktionsfirmen versuchen mitzuhalten, wenn sie nicht untergehen wollen. Und das verändert die ganze Situation. Deshalb bin ich ganz an den Anfang zurückgegangen und habe meine Filme auf eine andere Weise finanziert. Zum Glück war ich erfolgreich genug, dass ich auf der ganzen Welt bekannt bin. Ich nütze das voll aus. Ich gehe nach Cannes und verkaufe meine Filme und kann machen, was ich will. Das ist eine tolle Situation. Ich habe einige Kollegen, die warteten immer, bis ihnen ein Film angeboten wurde, bis irgendwann einfach kein Angebot mehr kam. Das gibts bei mir nicht. Ich habe immer vier, fünf Filme, die ich machen möchte.

«Ich wollte nicht als schwuler Regisseur bekannt werden.»

 

Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Amerika aus? Sie haben Ihre Homosexualität schon immer offen gelebt.
In Los Angeles spielte das überhaupt keine Rolle. Da war ich auch damals nicht der Einzige. In Deutschland, ganz am Anfang meiner Karriere, war das anders. Da habe ich damit hinter dem Berg gehalten, denn ich wollte nicht als schwuler Regisseur bekannt werden. Ich wollte nicht Rosa von Praunheim, sondern Steven Spielberg sein. Und dazu hat das einfach nicht gepasst. In Amerika aber ist mir plötzlich klar geworden: Hier interessiert das gar niemanden. Überhaupt nicht. Die Wachowski-Brüder sind beide zu Frauen geworden und machen immer noch Filme. Das ist völlig wurst. Das offene Schwulsein brachte eine gewisse Freiheit mit sich, aber auch eine gewisse Verantwortung. Ich habe viel für die «Marriage Equality» getan und mit Freunden die gleichgeschlechtliche Ehe durchgebracht, vor zwei Jahren habe ich selbst geheiratet. Zudem unterstütze ich jedes Jahr das «Gay and Lesbian Center» in Los Angeles mit viel Geld. Man muss etwas zurückgeben und zu seiner Sexualität und nicht zuletzt zu seiner Identität stehen.

Sie sind der «Master of Desaster», der Meister des Katastrophenfilms. Vor zehn Jahren, als «2012» in die Kinos kam, sagten Sie, das sei Ihr letzter Katastrophenfilm gewesen. Seither drehten Sie «Independence Day 2» und …
(Lacht.) … und jetzt arbeite ich mit «Moonfall» schon an meinem nächsten. Oh mein Gott, bin ich inkonsequent! Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen: «Moonfall» ist etwas ganz anderes. Er stellt sehr viele provokante Fragen Ich war schon seit jeher fasziniert vom Mond. Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel «Who Built the Moon?» gelesen. Zum ersten Mal will ich versuchen, eine etwas grössere Geschichte zu erzählen. Es wird ein abgeschlossener Film, aber der Anfang einer Trilogie. Die Zerstörungselemente sind nicht das Wichtigste dabei. Es geht darum, dass Menschen auf den Mond gehen, ihre Kinder aber auf der Erde sind. Um den Kampf um seine Kinder. Um die grossen Fragen: Woher kommt das Leben, woher kommen wir?

Aber eben: Die Zerstörung lässt Sie nicht los.
Ja, dann schauen Sie sich doch mal die Superhelden-Filme an! In jedem dieser Filme gibt es Katastrophen- und Alien-Elemente. Come on! Die haben sich doch alle damals «Independence Day» angeguckt und gesagt: Das klauen wir! Wir nehmen einfach einen Mann mit einem roten, blauen oder gelben Cape.

Dann gehört die Zerstörung zur guten Popcorn-Unterhaltung dazu?
Ich glaube, das hats immer schon gegeben. Bei einem der ersten Filme überhaupt haben sie einfach eine Kamera aufs Gleis gestellt und sind mit dem Zug darüber gefahren. Die Leute sind ausgeflippt und aus dem Kino gerannt – aber sie sind wieder zurückgekommen und wollten es noch mal sehen. Ich finde Katastrophenelemente so gut, weil dabei ganz normale Leute zu Helden werden müssen.

Ein weiteres zentrales Thema in all Ihren Filmen ist die Selbstaufopferung, wie jene der todesmutigen Piloten in «Midway».
Ja, das hat mich schon immer fasziniert. Bereits die Filme, die ich noch in Deutschland drehte, handelten davon. In «Midway» wollte ich die Tapferkeit der Männer zeigen, so nah wie in der Landungsszene in «Saving Private Ryan» – Hammer! Was heute Raketen machen, waren damals echte Männer in Klapperkisten mit bis zu 50, 60 Einschusslöchern.

Gibt es diese Tapferkeit heute noch?
Nein, das glaube ich nicht. Es gibt sie vielleicht vereinzelt noch, aber nicht mehr so häufig wie damals. Wichtig war mir aber auch zu zeigen, dass einige Angst hatten.

Ein weiteres wiederholendes Thema ist die Vater-Sohn-Beziehung.
Ja, wenn es ein wiederkehrendes Thema in meinen Filmen gibt, dann ist es die Vater-Sohn-Beziehung. Ich hatte eine sehr starke Beziehung zu meinem Vater. Es hat mich sehr beeindruckt, wie mein Vater mit mir umgegangen ist. Das hat sich in meinen Filmen fortgesetzt.

War deshalb auch «Star Wars» mit der starken Vater-Sohn-Geschichte so prägend für Ihre berufliche Wahl?
Ja, aber noch mehr geprägt hat mich Steven Spielbergs «Unheimliche Begegnung der Dritten Art» von 1977. Das ist immer noch mein liebster Film. Den habe ich gesehen, kurz bevor ich auf die Filmhochschule gegangen bin. Ich besuchte eine Freundin in Paris, die Mode studierte, und bin in einem Kino auf den Champs-Elysées zufällig auf diesen Film in Originalsprache gestossen. Als ich herausgekommen bin, habe ich mich gleich wieder hinten angestellt. An jedem der nächsten Tage habe ich ihn einmal angeschaut, so fasziniert war ich davon. Wenn man in Amerika Filme macht, aber in Europa aufgewachsen ist, dann kann man mit den ganzen Comic-Book-Helden nichts anfangen. Wir wachsen so nicht auf. Ich habe Hesse gelesen und Thomas Mann, schon ganz früh. Und deshalb faszinierte mich dieser Film so: Der Held war ein ganz normaler Elektriker, der am Ende ins Raumschiff geht.

Am Zurich Film Festival wurden Sie ausgezeichnet. In Ihrer Karriere ernteten Sie aber nicht nur Lob – «Godzilla» und «Independence Day 2» floppten regelrecht. Wie gehen Sie mit solchen Rückschlägen um?
Das sind für mich keine Rückschläge. Das sind ja meistens ein paar Kritiker, die irgendwas Schlechtes daran finden. Das ist nicht so wichtig. Ein Film ist für die Zuschauer, und deshalb machen wir von jedem Film mehrere Tests. Ich weiss genau, wie meine Filme für die Zuschauer funktionieren. Von daher bin ich sehr relaxed.

Haben Sie noch ein Herzensprojekt, das Sie verwirklichen wollen?
Ja, ich trage seit fast 20 Jahren einen Stoff in mir, den ich gerne realisieren würde: über die Stummfilmzeit, die Anfangszeit des Filmemachens. Denn meine wahre Leidenschaft ist nicht die Zerstörung, sondern das Filmemachen an sich. So ist denn auch mein liebster Film überhaupt «Cinema Paradiso». Filmemachen ist mein Leben.

Roland Emmerich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.