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Interview

«Versöhnung ist wichtig»

Antonio Banderas ist nach seinem Herzinfarkt, den er vor zwei Jahren erlitt, sehr demütig geworden. «Ich weiss heute, was wichtig ist im Leben», sagt er im exklusiven Interview, in dem er auch über die nach ihm benannten Orte und die Bedeutung der Liebe spricht.

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Thomas Laisné/Contour by Getty Images, Shutterstock
22. Juli 2019

Antonio Banderas wollte den Neuanfang: «Dafür muss man alles hinter sich lassen.»

Filmschönling

Schauspieler und Regisseur

Antonio Banderas, 1960 in Málaga (E) als Polizistensohn geboren, machte sich zuerst als Filmschauspieler in Spanien einen Namen, bevor er 1992 nach Hollywood übersiedelte. In der Folge spielte er in einer Vielzahl erfolgreicher Streifen mit (u. a. «Desperado», «Philadelphia» «The Mask of Zorro»). Für seinen neusten Film «Dolor y Gloria» wurde er in Cannes als bester Darsteller geehrt. Das Drama von Pedro Almodóvar ist auch an vielen Coop-Open-Air-Kinos zu sehen – so am 11. August in Luzern. Seine Tochter Stella (23) stammt aus der geschiedenen Ehe mit US-Darstellerin Melanie Griffith (61).

«Diese Nacht werde ich nie vergessen!», sagte Antonio Banderas über die Premiere von Pedro Almodóvars Film «Dolor y Gloria» auf dem Filmfestival in Cannes. Der 58-jährige Schauspieler spielt darin einen Regisseur, der von Schmerzen gepeinigt und von glücklichen Erinnerungen bewegt wird – und dabei Frieden mit seiner Vergangenheit schliesst. Die Figur ist natürlich nichts anderes als ein Alter Ego von Pedro Almodóvar (69) selbst. Der Applaus im Festivalpalast war überwältigend.

«Wir vergossen einige Freudentränen», verrät Banderas am nächsten Tag bei der Begrüssung. Der Spanier ist auch dieses Mal warmherzig, witzig und jederzeit bereit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Ein Mann, der in grosser Schönheit altert, das dunkle Haar ist kaum von grauen Haaren durchsetzt, seinem Gesicht stehen ein paar Falten mehr als gut. Seine dunkle Stimme ist noch immer hörbar spanisch geprägt, das R wird aufs Heftigste gerollt. Und zu seiner ratternden Satzmelodie könnte man glatt Flamenco tanzen.

Antonio Banderas, aktuell sind Sie im Kino in «Leid und Herrlichkeit» als alternder Regisseur zu sehen, der unter schweren Schmerzen leidet. Wie geht es Ihnen?

Ich fürchte, die Schmerzen der Filmfigur haben mich angesteckt. Seit gestern tut mir auch der Rücken ziemlich weh. Es kann aber auch sein, dass ich gestern nur zu lange in der Kälte gesessen habe.

Sie sagten unlängst, in diesem Film sehe man einen «neuen» Antonio Banderas. Wie das?

Ich habe gemerkt, dass ich mich als Schauspieler, aber auch als Mensch, neu erfinden musste, um mit Pedro Almodóvar zu arbeiten. Pedro hat meine Rolle als sein Alter Ego 2010 entwickelt, als wir «Die Haut, in der ich wohne» drehten. Zu der Zeit hatten wir zuvor 22 Jahre nicht mehr miteinander gedreht. Ich hatte mich in Hollywood etabliert und wollte Pedro nun mit allem, was ich dort Neues erlernt hatte, beeindrucken.

«Ich musste mich als Schauspieler und Mensch neu erfinden»

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Und, wie reagierte er?

Pedro hatte kein Interesse an den schauspielerischen Tricks, die ich gelernt hatte! Er sagte: «Antonio, das interessiert mich alles nicht. Das mag für dich nützlich sein und dir Sicherheit geben, aber für mich ist das Bullshit. Wo steckst du? Wo ist Antonio geblieben?» Er erwischte mich damit eiskalt. Ich schlug ziemlich hart auf dem Planeten Almodóvar auf. Ich wollte wissen, was er genau meint. Schliesslich hielt ich mich für einen Profi in meinem Fach! Zum Glück sind wir schon so lange enge Freunde, daher konnten wir uns offen über diese Kritik unterhalten. Seine harschen Worte waren aber trotzdem hart zu schlucken.

Das klingt fast, als sei er Ihr Psychoanalytiker: «Ich habe kein Interesse an den Tricks, sondern am wahren Antonio …»

Stimmt. Von Schauspielern so einen Scheiss zu hören, geht ja noch … aber von einem Meisterregisseur? (Lacht.) Verzeihen Sie meine Wortwahl, aber genau so ist es. Als ich jedoch den fertigen Film auf dem Filmfest Toronto (CDN) sah, war ich völlig sprachlos, was Pedro aus mir herausgeholt hatte. Ich hätte nie gedacht, dass das in mir steckt. Diese Erfahrung hat mich sehr demütig gemacht.

Wie bekamen Sie den «wahren Antonio» hin?

Ich musste neu anfangen, wollte nackt sein. Dafür muss man alles hinter sich lassen, alle Sicherheiten – eine sehr schmerzhafte Erfahrung! Pedro merkt ja sofort, wenn ich ihm etwas vormache.

Drückt er nicht mal ein Auge zu?

Nein, er hat mich kein einziges Mal damit durchkommen lassen. Was ich ziemlich hart fand. Es fühlte sich an, als würde ich täglich von einer Klippe springen, ohne zu wissen, ob unter der Wasseroberfläche Felsen liegen. Aber genau in solchen Momenten entsteht

Kunst. Wenn man sich als Schauspieler zu sicher fühlt, macht man etwas falsch. Dann mag man Unterhaltung schaffen, aber kein grosses Kino.

Natürlich geht es bei Almodóvar als bekennendem Schwulen auch um das Erwachen der Homosexualität. Hatten Sie Bedenken, dass Ihre Figur zu persönlich werden könnte?

Jeder Almodóvar-Film ist persönlich – aber dieser übertrifft alle vorherigen. Noch bevor Pedro mir das Drehbuch zu lesen gab, warnte er mich, dass es voller Anspielungen sei, von denen ich wüsste, was sie bedeuten. Viele Leute, auf denen die Charaktere basieren, kenne ich persönlich, aus unserer Zeit in Madrid.

Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Begegnung mit Almodóvar?

Ja, es war in der Zeit der Movida, der Kulturrevolution. Damals begegnete ich Pedro erstmals im Café Gijón vor dem Nationaltheater in Madrid, wo ich auftrat. Nach der Vorstellung ging ich mit ein paar Kollegen ins Café. Zuerst fiel mir sein roter Aktenkoffer auf. Dann kam dieser Typ zu uns an den Tisch, er war witzig und blitzgescheit. Plötzlich sagte er völlig ernst in meine Richtung: «Du hast ein sehr romantisches Gesicht. Du musst unbedingt Kino machen!» Als er weg war, habe ich rumgefragt, wer dieser Typ sei: «Das ist Pedro Almodóvar. Er hat vor Kurzem einen Film gedreht. Wir sind sicher, dass das sein letzter sein wird!»

Wie ging es weiter?

Nach einem Monat kam er ins Theater, stand nach der Aufführung in der Garderobe und fragte, ob ich endlich in einem Film mitgespielt hätte. «Nein.» «Willst du denn?» «Ja klar!» Also legte er mir das Drehbuch zu «Labyrinth der Leidenschaften» hin. Ich sollte mir die Figur des Sadec anschauen. «Wenn der Part dir gefällt, bist du dabei.» Ich war baff. Am nächsten Tag sagte ich zu.

In «Leid und Herrlichkeit» sagen Sie: «Ohne Film ist mein Leben völlig bedeutungslos.» Könnte der Satz auch von Ihnen stammen?

Ja, das trifft auf mich zu, und mit jedem Tag mehr! In meinem Alter kommt irgendwann der Punkt, an dem nur noch die Wahrheit zählt. Gerade seit meinem Herzinfarkt in London weiss ich wieder genau, was wichtig im Leben ist. Ich habe dem Tod ins Gesicht geguckt.

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Als ich im Spital lag, dachte ich: «Das soll es bereits gewesen sein mit meinem Leben?» Aber ich habe überlebt. Nach diesem Einschnitt war nichts mehr wie vorher. Ich kümmere mich nur noch um die wirklich wichtigen Dinge. Konzentriere mich aufs Wesentliche. Für mich sind das meine Tochter, meine Freunde und mein Beruf. Alles andere verliert an Wert, man durchschaut die Illusion. Das Auto, das ich gerade kaufen wollte? Ist nun völlig uninteressant!

Braucht man erst einen Herzinfarkt, um diese Lektion zu lernen?

Bestimmt nicht jeder. Viele sind um einiges schlauer als ich!

Dann passt auch Ihre holländische Freundin Nicole Kimpel zum «neuen» Banderas …

Ich bin glücklich verliebt, ja. Die Liebe ist der Mittelpunkt des Lebens. Darum ist auch Versöhnung so wichtig – und damit berührt dieser Film auch die Herzen. Denn dieses Bedürfnis kennen wir alle: Gespräche, die noch zu führen sind, frühere Lieben, die noch nicht abgeschlossen sind. Traumata, die einem die Familie zugefügt hat, ohne es zu wollen.

Befinden Sie sich also gerade in einer Phase der Versöhnung?

Jeder Mensch trägt einen Rucksack voller Schmerz mit sich herum. Pedro trug das Bedürfnis in sich, sich bei seiner Mutter zu entschuldigen. Man kann sich kaum vorstellen, wie es für seine Mutter in den 60ern war, in einer Diktatur, in einem kleinen Dorf in La Mancha plötzlich das Thema Homosexualität auf den Tisch zu bringen. Die ganze Familie wurde für seine Orientierung gestraft. Dieses Gefühl, anders zu sein und dafür bestraft zu werden, kennen leider immer noch zu viele! Denken Sie an all die Länder, die Homosexualität bestrafen.

Antonio Banderas mit seiner Freundin Nicole Kimpel (38): «Die Liebe ist der Mittelpunkt des Lebens.»

Sie zog es nach 25 Jahren USA wieder nach Europa. Sie leben mit Ihrer Freundin in London, bauen in Ihrem Geburtsort Málaga ein Theater um.

Das hat damit zu tun, dass ich auf der Suche nach Wahrheit bin. Und: Ich liebe es, junge Talente auf einer Bühne zu sehen. Und ihnen bessere Möglichkeiten zu bieten, als ich sie damals hatte.

Wann eröffnen Sie das Theater?

Im Herbst. Das ist übrigens die romantische Art, sich finanziell zu ruinieren – das weiss ich jetzt definitiv! Ein Theater zu kaufen, verschlingt Unsummen.

Sind Sie da auch ganz romantisch hineingeschlittert?

Ich hätte ja nie gedacht, dass es so komplex ist, ein altes Theater zu renovieren. Ein neues zu bauen, wäre billiger gewesen. Jeden Tag erwartet mich eine neue Katastrophe, irgendein neues Loch, das irgendwie gestopft werden will. Wenn Sie mich in den nächsten Jahren in richtig dämlichen Filmen sehen, dann vermutlich, weil ich eine Menge Geld für mein Theater verdienen muss. Sehen Sie es mir bitte nach!

In Spanien sind schon Strassen und Plätze nach Ihnen benannt: In Marbella gibt es eine «Plaza Antonio Banderas» …

… ich habe sogar die gesamte Strandpromenade Málagas, den Paseo Marítimo, erhalten! Ich muss aber gestehen, dass ich meine Promenade am Meer noch nicht besucht habe. Der Bürgermeister lud mich zur Eröffnung ein, doch das kam mir seltsam vor. Ich fragte ihn, ob er das nicht allein machen könnte, ich müsste dringend nach Honolulu.

Warum war es Ihnen so unangenehm, bei der Taufe dabei zu sein?

Man kann gerne Orte nach mir benennen – aber erst, wenn ich tot bin. Aber jetzt muss ich verantwortungsvoll mit meinem Leben umgehen. Bedeutet: Scheisse kann ich nicht mehr bauen. Sonst werden die Strassenschilder im hohen Bogen ins Meer geschmissen. Das ist eine Verantwortung, die ich nie wollte! (Lacht.)

Antonio Banderas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.