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Interview

«Weniger Slalom»

Jaël Malli (39) ist nach ihrer Baby-Pause mit neuen Songs und bald auch einem Album zurück – ein Gespräch mit der Ex-Lunik-Sängerin über Zeichen, die man erkennen soll, und die Gefühlswelt zwischen 30 und 40.

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Simon Iannelli
12. August 2019

«Ich kam als Mutter an einen Punkt,  wo ich noch nie war.»Jaël findet sich nicht so cool, wie sie gerne wäre – «was absolut in Ordnung ist».

Jaël ist im Herbst auf Tour zu sehen:

  • 17.10.     Bierhübeli, Bern
  • 17.11.     Kaufleuten, Zürich
  • 22.11.     Galvanik, Zug
  • 29.11.     Landauer, Riehen
  • 8.12.     Casino, Winterthur
  • 19.12.     Mühle Hunziken, Rubigen

Jaël, Sie haben einst mit chronischer Schwermut die Schweiz erobert.

Ich würde mich nicht als schwermütig bezeichnen. Nachdenklich trifft es besser. Ich war schon immer, auch als Kind, jemand, der sich sehr viele Gedanken machte und studierte und nachdachte.

Und heute?

Heute bin ich locker-flockig-beruhigt-sensationell drauf – nach zwei anstrengenden Tagen, weil mein Kind Fieber hatte und an der Hand-Fuss-Mund-Krankheit litt. Glücklicherweise war es bei ihm einigermassen harmlos. Sorgen macht man sich trotzdem …

Erleben Sie als Mutter gerade die beste Zeit Ihres Lebens?

Mit Sicherheit ist es die intensivste. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf das, was ich nach der Geburt von Eliah erlebte. Er war ein Schreibaby, was mich an meine Grenzen brachte – und darüber hinaus. Zeitweise kam mein Sohn nachts jede halbe Stunde, bis zu 15 Mal. Ich kam an einen Punkt, wo ich noch nie war in meinem Leben. Das machte mich traurig, denn ich wollte mich als Mutter von meiner besten Seite zeigen. Man ist ja bereit, für sein Bebé alles zu tun.

Haben Sie einen Tipp für Mütter, die Ähnliches durchmachen?

Wenn ich merkte, dass ich an meine Grenzen stosse, und begann, mein ganzes Mama-Dasein infrage zu stellen, rief ich eine Fachfrau an, die mir versicherte, dass ich nichts falsch mache und dass es vorübergehen wird. Das half.

Als Backpackerin sahen Sie einige Orte auf dieser Welt. Wo war es am schönsten?

Da wähle ich die Lofoten in Norwegen. Sie sind atemberaubend … wobei … auch Alaska ist wunderbar, etwa wenn Sie eine Seerobbe auf einer Eisscholle sehen. Oder Island. Oder der Thunersee. Gerade wenn man ein kleines Kind hat, fragt man sich, ob man wirklich um den halben Erdball reisen muss. 

Was haben Sie gelernt auf Reisen?

Dass es uns in der Schweiz wahnsinnig gut geht.

Ihre letzte Single hiess «Waiting for a sign» – warten auf ein Zeichen. Wie erkennt man das Zeichen?

Das spürt man im Bauch. Dann muss man bereit sein, darauf einzugehen.

Was war ein solches Zeichen?

Ich war 2011 im Tate Modern Museum und unentschlossen, ob ich für eine Weile nach London ziehen soll. Auf der Toilette sah ich diesen eingeritzten Spruch: «If you are waiting for a sign, this is it.» Da war für mich sofort klar: Ich will mich für eine Weile voll in diese Welt und Sprache hineinbegeben und eine Schauspielausbildung machen. Was ich dann auch tat und nie bereute.

Kehrten Sie jemals dorthin zurück?

Tatsächlich war ich noch einige Male im Tate Modern, doch den Spruch sah ich auf jener Toilette nicht mehr. Offenbar war er weggeputzt worden. Er hatte ja seinen Zweck erfüllt. (Lacht.) Als ich ihn brauchte, war er da.

Können Sie von der Musik leben?

Ja, bis jetzt war das der Fall. Momentan sieht das Budget allerdings nicht so gut aus, weil fast kein Geld hereinkommt, wenn man mit Aufnehmen beschäftigt ist. Höchstens ein paar Tantiemen, die aber nur einen Teil des Budgets ausmachen. Aber ich gehe davon aus, dass es wieder besser aussieht, wenn ich Konzerte gebe. Das war bis jetzt bei allen Platten so und gehört zur Selbstständigkeit: Man muss in den guten Jahren für die «mageren» etwas auf die Seite legen.

Wie ist es, irgendwo einen Song von sich selbst zu hören?

Es fühlt sich so an, als ob man einen alten Bekannten wiedersieht. Ich muss dann schmunzeln. Auch weil es passiert, dass mir die Stimme im ersten Moment bekannt vorkommt – bis ich merke, dass es meine eigene ist. (Lacht.)

Im neusten Video «Done with Fake» schminken Sie sich minutenlang ab. Welche Botschaft steckt dahinter?

Mir geht es darum, dass man zu sich steht, so wie man ist. Innerlich und äusserlich.

Muss man ein gewisses Alter erreichen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen?

Ja, das glaube ich, auch weil man mit zunehmendem Alter mehr Gelassenheit und Selbstzufriedenheit spürt.

Gab es Zeiten, in denen das Gegenteil der Fall war und Sie dachten: Das bin nicht ich?

Es gab Zeiten, vor allem zwischen 20 und 30, da war ich auf der Suche nach mir selbst, auch wenn ich schon immer sehr bestrebt war, den Zustand zu finden, dass ich mich wohl fühle.

Was passiert zwischen 30 und 40?

Man glaubt endlich gefunden zu haben, was man suchte. Es gibt mehr Beständigkeit und weniger Slalom im Leben.

Was kommt zwischen 40 und 50?

Da lasse ich mich gerne überraschen. Vielleicht merkt man, dass man doch noch nicht angekommen ist. (Lacht.)

Komplettieren wir das Bild: Was geht zwischen dem 1. und dem 10. Lebensjahr ab?

Da gilt: Sei frech und wild und wunderbar, ganz nach Astrid Lindgren.

Und zwischen 10 und 20?

Das ist die Zeit der grossen Selbstzweifel. Auch löst man sich vom Elternhaus.

Wie ging das bei Ihnen vonstatten?

Ich fühlte mich verloren und hatte keinen Plan. Oder besser: Ich hatte einen, der nicht funktionierte.

Was war der Plan?

Ich wollte Primarlehrerin werden, merkte aber während der Ausbildung, dass Musik mehr als nur eine Passion ist. Vor allem aber bekam ich Schweissausbrüche, wenn ich vor der Klasse stand.

Nachher mussten Sie jedoch vor einem viel grösseren Publikum singen.

Ja, aber von dem Moment an, als mir bewusst wurde, dass ich als Sängerin nichts darstellen muss ausser mich selber, ging das gut. In der Rolle der Lehrerin hatte ich auch sehr grosse Ansprüche an mich: Ich wollte das richtige Mass an Autorität finden, den Kids den Spass und Hunger am Lernen nicht vergeigen, innovativ unterrichten und vieles mehr. Nach jeder Lektion hatte ich das Gefühl, ich sei gescheitert.

Ihre neuste Single heisst: «Greatest Win». Was war Ihr grösster Sieg?

Die Erkenntnis, dass ich nicht so cool bin, wie ich gerne wäre – und dass das absolut in Ordnung ist.