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Interview

«Wir wollen Weltmeister werden»

Der Walliser Nico Hischier (20) gilt als einer der spektakulärsten Eishockeyspieler der Welt. Im Interview erzählt der Profi der National Hockey League (NHL), wie er in den USA lebt, wer das beste Fondue kocht und weshalb er sich nie mit Roger Federer vergleichen würde.

FOTOS
KEYSTONE/LAIF/Christoph Köstlin
16. Dezember 2019

Nico Hischier verdient Millionen, hat den Kontakt zum «normalen Leben» aber trotzdem nicht verloren.

Grosstalent

SCHIESSÜBUNGEN IN DER STUBE

Nico Hischier erblickt 1999 in Naters als jüngstes von drei Kindern das Licht der Welt. Sein sportliches Talent ist früh offensichtlich. Als Fussballer des FC Brig/Naters schafft er es bis in die Oberwalliser Auswahl. Letztlich entscheidet er sich im Alter von 12 Jahren fürs Eishockey und den EHC Visp. Mit 15 schliesst er sich dem SB Bern an. Zur familiären Nachwuchsförderung sagt Mutter Katja: «Wir sorgten im Wohnzimmer für genügend Platz, sodass man problemlos spielen konnte. Blumenvasen wurden hier natürlich nicht aufgestellt.» Seit 2017 spielt Hischier für die New Jersey Devils.

Nico Hischier, Sie haben unlängst bei den New Jersey Devils einen Siebenjahresvertrag mit einer Gesamtlohnsumme von 50,75 Millionen Dollar unterschrieben. Eine fast surreale Summe …

Tatsächlich sind solche Zahlen schwer greifbar – auch was die Vertragsdauer betrifft. Wer weiss schon, was in sieben Jahren ist? Das ist über ein Drittel meines bisherigen Lebens. Aber: Im Eishockey kann alles schnell gehen – im Guten wie im Schlechten. Bei diesen Verträgen wird vor allem über den Lohn gesprochen. Man muss jedoch auch sehen, wie viel Arbeit, Disziplin und Verzicht dahinter steckt. Ich habe von Beginn an vieles dem Eishockey untergeordnet – und einen Teil meiner Kindheit dafür geopfert. Wenn andere rausgingen, war ich am Trainieren. Trotzdem würde ich alles noch einmal genau gleich machen.

Welchen Luxus leisten Sie sich?

(Denkt lange nach.) Keinen. Der neue Vertrag gibt mir vor allem ein Gefühl der Sicherheit. Auch wenn es vielleicht abgedroschen klingen mag: Ich spiele Eishockey, weil es mir Spass macht – und nicht wegen des Geldes.

Faktisch haben Sie schon mit 20 Jahren ausgesorgt. Beschäftigen Sie auch Sorgen, die andere Menschen in Ihrem Alter haben?

Ich habe noch die gleichen Freunde wie früher – und die haben fast alle einen gewöhnlichen Job. Ich kenne das normale Leben also. Wenn wir im Wallis gemeinsam unterwegs sind, ist es kein Thema, dass ich in der National Hockey League spiele.

Sie bezeichneten immer Ihren Bruder Luca als grosses Vorbild. Nun spielen Sie in der NHL – und Luca spielt beim HC Davos. Sind Sie nun sein Vorbild?

Nein, definitiv nicht. Luca bleibt der grosse und vier Jahre ältere Bruder – und auch ein wichtiger Ratgeber für mich. Luca ist der Chef. Und wenn wir uns im Sommer alle im Wallis treffen und wir mit meiner Mutter ins Auto steigen, sitzt Luca immer vorne. Der Kleine muss auf den Rücksitz und unsere Schwester Nina ebenfalls. (Lacht.)

Sie stammen aus dem idyllischen Wallis. Newark, diese raue Stadt vor den Toren von New York City, ist quasi das Gegenteil. Wie gelang es Ihnen, sich so schnell in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden?

Das war nicht so schwierig. Ich habe schon eine gewisse Routine mit Umzügen und dem Gefühl des Loslassens. Mit 15 Jahren zügelte ich vom Elternhaus in Naters im Wallis nach Bern zu meiner Tante – und mit 17 wechselte ich ins nordamerikanische Junioren-Eishockey nach Halifax und zog bei einer Gastfamilie ein. Menschlich war der Schritt nach Bern die grössere Umstellung, sportlich derjenige nach Halifax.

Aber das Paradies auf Erden sieht anders aus als Newark.

Im Wallis ist es sicher schöner, aber auch hier lässt es sich gut leben. Ich verbringe den grössten Teil meiner Zeit ohnehin im Stadion oder auf Auswärtsreisen mit der Mannschaft. Und wenn ich mal abschalten will, mache ich dies am liebsten im Central Park von New York. Das ist ein grandioser Ort. Zum Training fahre ich mit dem Auto, aber nach Manhattan nehme ich immer den Zug. In 15 Minuten bin ich an der «Penn Station» direkt am Broadway. Dort gibt es alles, was man sich wünscht.

Werden Sie auf der Strasse erkannt?

Es ist schon zwei-, dreimal geschehen – hier in Newark. Spätestens in den Strassen von New York bin ich aber nur ein kleiner Teil der grossen Masse. In diesen gewaltigen Häuserschluchten fühlt man sich wohl automatisch ganz klein. Die Dimensionen werden mir immer dann wieder bewusst, wenn ich im Wallis bin – oder wenn ich vor der Saison in die USA zurückkehre.

«Die National Hockey League ist die Liga, in die alle wollen.» Nico Hischier hat es geschafft.

Muss man das Wallis verlassen, um Grosses zu erreichen?

Als Eishockeyspieler schon. Die NHL ist die Liga, in die alle wollen. Als Skifahrer aber hätte ich im Wallis bleiben können. Für diesen Sport gibt es wohl keinen besseren Ort.

Sie wohnen hier im gleichen Appartementhaus wie der zweite Schweizer der Devils, Mirco Müller. Wie wichtig ist dieser Kontakt?

Sehr wichtig. Wir fuhren von Beginn weg immer gemeinsam ins Training. Gerade am Anfang war es für mich schön, dass ich mich mit jemandem auf Schweizerdeutsch unterhalten konnte. Bei Mirco bin ich immer willkommen. Wenn seine kanadische Freundin da ist, gehe ich oft bei ihnen essen. Mirco macht ein tadelloses Fondue. Ich behaupte, in Newark gibt es kein besseres.

Wie gut kochen Sie selber?

Ich besitze in dieser Disziplin Steigerungspotenzial. Für die Eigenversorgung reicht es, für mehr nicht. Meistens bleibt die Küche aber ohnehin ungenutzt. Frühstück und Lunch essen wir immer mit der Mannschaft – und wenn wir auf Auswärtsreisen sind, werden wir ohnehin versorgt.

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Ich bin generell nicht ein Mensch, der ängstlich ist. Würde man beispielsweise immer an die Gefahr einer Verletzung denken, wäre das Risiko, dass man sich verletzt, wohl grösser – weil man dann zögerlich wird. Als Spitzensportler darf man nicht zu weit nach vorne denken. Man muss im Hier und Jetzt leben. Dinge, die man nicht beeinflussen kann, dürfen einen nicht beschäftigen.

In der NHL wird von den Spielern auch neben dem Eis ein sehr professionelles Verhalten erwartet. Welche Richtlinien gelten?

Wir erhielten eine Anleitung, wie man sich als Profi auf und neben dem Eis zu verhalten hat – und dass jede noch so kleine Entscheidung wichtig sein kann. Wir haben eine Vorbildfunktion und müssen die auch ausserhalb des Stadions und im Umgang mit den Medien ausleben.

Dann werden Sie mir sicher sagen, was Sie von der politischen Situation in den USA halten und von der gewandelten Wahrnehmung des Landes im Ausland?

Wenn ich dazu etwas sagen würde, könnte dies falsch aufgefasst werden. Also halte ich mich zurück.

Sie wurden schon als «Roger Federer des Eishockeys» bezeichnet. Wie fühlt sich das an?

Das freut mich natürlich. Federer ist ein perfekter Botschafter für die Schweiz und für seinen Sport – auch was das Verhalten neben dem Platz betrifft. Aber ich würde mich trotzdem nie mit Federer vergleichen. Schon alleine von der Sportart her: Ein Tennisspieler kann die Verantwortung nie abschieben. Federer muss alles allein schaffen. Im Eishockey hat man 19 Mitspieler, die einem helfen können.

John Hynes, der mittlerweile als Trainer der Devils gefeuert wurde, bezeichnete Sie als «Franchise Player» – als Spieler, der die Devils künftig prägen wird. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Das ist schön zu hören, auch wenn er nicht mehr da ist. Der Vertrag macht deutlich, dass die Devils langfristig mit mir etwas aufbauen wollen. Hynes persönlich sagte mir dies aber nie so direkt. Er sprach ja kaum zu den Spielern. Bei ihm lief der Kontakt meistens über die Assistenztrainer. So galt für mich bei ihm, was bei den meisten NHL-Trainern gilt: no news are good news. Umso deutlicher wurde er, wenn ihm etwas nicht passte.

Mit Ihrem Vertrag in der NHL ging Ihr grosser Bubentraum in Erfüllung. Wovon träumen Sie noch?

Ich habe noch viele Träume. Faktisch habe ich noch nichts gewonnen – weder einen Meistertitel noch eine WM- oder Olympiamedaille. Bei der Eröffnung der Lonza-Arena in Visp traf ich im September auf die Snowboarderin Patrizia Kummer und den Slalomfahrer Ramon Zenhäusern. Beide sind Olympiasieger. Das wäre doch auch für mich etwas. (Lacht.)

Aber zuerst steht die Heim-WM in Zürich und Lausanne auf dem Programm. Wird man Sie im Mai im Schweizer Trikot erleben?

Das hängt vom Saisonverlauf ab. Wenn ich verfügbar und gesund bin, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Die WM ist in meinem Hinterkopf präsent. Wir haben ein hervorragendes Team, das sich vor niemandem zu verstecken braucht.

Die Schweizer Nationalmannschaft stiess in den Jahren 2013 und 2018 bis in den WM-Final vor. In der NHL sind in dieser Saison schon 15 Schweizer zum Einsatz gekommen. Was war das Schlüsselerlebnis für diese Entwicklung?

Es gab kein Schlüsselerlebnis – sondern eine Schlüsselfigur: Mark Streit. Er war, was man in Nordamerika «Gamechanger» nennt. Er kämpfte sich durch die Tiefen der Minor Leagues, trotzte allen Widerwärtigkeiten und schaffte den grossen Durchbruch. Er machte uns vor, dass man alles erreichen kann, wenn man hart genug arbeitet und nie locker lässt. Er hat das Image des verwöhnten Schweizer Eishockeyspielers ein für alle Mal weggearbeitet.

Was liegt für die Schweiz an der WM 2020 drin?

Alles. Nationaltrainer Patrick Fischer hat den WM-Titel zum Ziel erklärt. Das ist der Massstab. Wir wollen Weltmeister werden.

Nico Hischier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.