X

Beliebte Themen

Interview

«Ich fühlte mich nie diskriminiert»

Die Winterthurer Unternehmerin Anja Graf (41) besitzt und unterhält in ganz Europa 1800 Mietobjekte. Fast noch spektakulärer ist ihre Familienplanung: Sie hat vier Kinder von drei Männern. Dazu sagt sie: «Besser als drei Kinder von vier Männern.»

FOTOS
Kostas Maros
08. Juli 2019

Entweder voll bei der Sache - oder gar nicht: die erfolgreiche Unternehmerin Anja Graf.

Anja Graf, Sie gehören zu den erfolgreichsten Unternehmerinnen Europas. Weshalb gibt es so wenige Frauen in führenden Positionen?

Ich bin Mitglied in diversen Businessklubs – und tatsächlich gibt es an der Spitze von grossen Unternehmen nur ganz wenige Frauen. Anita Roddick, die Gründerin von Bodyshop, ist eine, Tally Elfassi-Weijl, die CEO des gleichnamigen Textilkonzerns, eine andere. Es gibt durchaus Frauen in führenden Positionen. Aber das sind dann meistens Wissenschaftlerinnen und Akademikerinnen, aber keine Unternehmerinnen. Frauen sind im Unternehmertum wohl deshalb weniger erfolgreich als Männer, weil es für sie schwieriger ist, sich abzugrenzen.

Wie meinen Sie das? 

Die Herausforderung ist nicht, wie eine Frau erfolgreich werden kann. Denn grundsätzlich besitzt sie ja dieselben Fähigkeiten für eine Business-Karriere wie ein Mann. Die Herausforderung ist viel mehr, wie man alles unter einen Hut bringt – nicht nur kurzfristig, sondern über eine längere Phase. Das hat viel mit Abgrenzung zu tun: dass man nicht im Geschäft sitzt und an die Kinder zuhause denkt, oder mit den Kindern spielt und ständig das Gefühl hat, man müsse noch etwas fürs Geschäft tun. 

Viele Frauen werden in ihren Karrieren durch Kinder automatisch begrenzt. 

Genau. Wenn das Kind auf die Welt kommt, sind die Mütter im Beruf weg vom Fenster. Nach ein paar Jahren möchten dann viele Frauen mit einem 30- oder 40-Prozent-Pensum wieder einsteigen. Aber eine echte Karriere ist so nicht mehr möglich. Wichtig wäre es, bessere Institutionen zu haben, um Frauen bei der Kinderbetreuung zu entlasten.

«Ich habe meine Prioritäten immer auf die Firma gelegt.»

 

Die Reduktion des Pensums war nie Ihr Ding – trotz vier Kindern.

Nein. Ich bin ein extremer Mensch. Ich gehe entweder voll in eine Sache rein oder gar nicht. Zwischenlösungen und Kompromisse liegen mir nicht. Ich kann mich sehr gut abgrenzen und mich auf einen Aspekt konzentrieren. Dann existiert das andere faktisch nicht mehr. Dann verzettelt man sich nicht und macht nicht alles halbpatzig. Man macht das eine richtig. Wenn ich also Zeit mit meiner Familie verbringe, bin ich voll und ganz für sie da. Wenn ich aber arbeite, fokussiere ich mich voll und ganz auf den Beruf.

Und an Elterngesprächen haben Sie wohl auch nicht immer teilgenommen…

Nein. Aber das hat damit zu tun, dass die Schulen viel zu kurzfristig planen. Die Netzwerk- und Business-Klubs beispielsweise, in denen ich mich bewege, legen ihre Termine schon zwei Jahre im Voraus fest. Die Schulen dagegen bieten einem sehr kurzfristig auf. Für den Kleinen erhielt ich beispielsweise ein Aufgebot für einen Elternabend – zwei Wochen vor dem Termin. Das wäre reiner Zufall gewesen, wenn ich verfügbar gewesen wäre.

Momentan ist die Genderfrage aktueller denn je. Fühlten Sie sich als Frau in der Geschäftswelt je diskriminiert?

Nein. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Frau unterdrückt oder diskriminiert werde. Wenn wir mit anderen CEOs an einem Tisch sassen und verhandelten, fühle ich mich immer respektiert und ernstgenommen. Aber das hat vermutlich auch viel mit meiner Persönlichkeit tun. Wenn ich als erste gleich aufspringen würde, um allen Kaffee zu servieren, sähe dies vielleicht anders aus. Es kommt aufs eigene Verhalten an. Wenn man dieselben Leute aber an einem Anlass sieht, wenn die mit ihren Ehefrauen erscheinen, fühle ich mich aber wieder ganz anders wahrgenommen – quasi nicht als gleichwertiges Mitglied der Geschäftswelt. Es geht soweit, dass ich mich auch schon ignoriert gefühlt hatte. Aber das liegt wohl eher an den Begleiterinnen – weil sie mich nicht in meiner Rolle akzeptieren und unterschwellig Druck auf ihre Männer ausübten.  

Sie schmissen im Alter von 18 Jahren die Schule hin. Wie konnten Sie Ihre Eltern trotzdem davon überzeugen, Sie zu unterstützen?

In diesem Moment unterstützten mich meine Eltern überhaupt nicht. Sie fanden das gar nicht lustig und machten sofort Alternativvorschläge: geh doch nach Paris studieren. Ich musste sogar von Zuhause ausziehen. Sonst hätte mir die Situation zu viel Energie geraubt. Es war aber nicht so, dass mir die Schule nicht gefallen hätte. Das Wirtschaftsgymnasium in Winterthur war ein grossartiges Bildungsinstitut. Aber ich fühlte mich in meiner Vision von der Schule begrenzt. Dass ich pro Tag sechs Stunden in der Schulbank sitzen musste, war mit meinen Ideen nicht zu vereinbaren. Deshalb kamen die Alternativen meiner Eltern für mich nicht in Frage. Um die Situation dann ein wenig zu beruhigen, habe ich die Unterlage der Akad für die Heim-Matura bestellt. Aber ich muss zugeben: Ich habe kein einziges dieser Couverts geöffnet. 

Mit Ihrer Modelagentur hatten Sie nicht den grossen Erfolg. Welche Lehren zogen Sie daraus?

Das war eine sehr gute Lektion für mich. Die Erfahrung, dass man als junger Mensch an eine Idee glaubt, aber dann zur Einsicht kommt, dass es nicht funktioniert, ist sehr wichtig. Und plötzlich realisiert man, dass sich ein neuer Weg auftut und sich andere Türen öffnen. Die Erkenntnis, dass es nach dem Scheitern weitergeht, ist eine enorme Bereicherung für die Entwicklung. Dies entspricht meiner grundsätzlichen Einstellung: Probleme sind für mich da, um sie zu lösen – und nicht um noch grössere Probleme daraus zu machen. Dadurch konnte ich diese Situation ins Positive drehen. Umso mehr als ich durch die Modelagentur auf die Idee mit der Vermietung der möblierten Appartements kam – weil die Frauen bequeme und bezahlbare Unterkünfte brauchten. Und dann merkte ich plötzlich, dass man damit Geld verdienen kann.

Sie beschäftigen 250 Mitarbeiter, machen einen Umsatz von 40 Millionen Franken. Wie würden Sie sich als Chefin selber beschreiben?

Ich bin eher die Visionärin und weniger die Managerin. Ich denke, es gibt in meinem Unternehmen bessere Manager als ich es bin. Ich möchte mich nicht als Künstlerin bezeichnen – aber wenn man etwas kreiert, kann dies nicht auf Knopfdruck geschehen. Je nachdem, wie man sich fühlt, kann man mehr oder weniger produzieren. Und wenn man sich in einer weniger produktiven Phase befindet, muss man die Dinge manchmal auch ein paar Tage ruhen lassen. Es muss alles aus einem Prozess heraus geschehen. Ich entscheide viel intuitiv. Weil ich ja die unterschiedlichsten Menschen treffe, habe ich zudem realisiert, dass die Sternzeichen eine Rolle spielen und eine Wahrheit beinhalten – was die Charaktere betrifft.

Das heisst, Sie wählen Ihre Mitarbeiter aufgrund der Sternzeichen aus?

Eigentlich nicht. Es ist ja schon genug schwierig, gute Mitarbeiter zu finden – dann kann man nicht noch auf die Sternzeichen Rücksicht nehmen. Aber mir fiel auf, dass in meinem Managementteam zu 80 Prozent alle Löwen sind. 

Ich bin im Sternzeichen des Stiers geboren. Dann hätte ich bei Ihnen mit einer Bewerbung keine Chance?

Das muss nicht sein. Denn es kommt auch auf den Aszendenten an. Wir haben einen Stier im Team – und er hat den Aszendenten Löwe. Das ist interessant. Wer bei uns im Management kein Löwe ist, hat dieses Zeichen im Aszendenten. Wir haben viele Stiere in der Architektur. Das ist typisch für einen Stier. Es gibt aber auch Sternzeichen, die stelle ich nicht mehr an.

Welche?

Beispielsweise Widderfrauen. Ich habe das Gefühl, diese Personen werden von meiner impulsiven Art brüskiert. Eine zweite Chance geben sie mir nicht mehr – sondern agieren eher nach dem Prinzip: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dann lassen sie einem im schlimmsten Moment stehen.

Sie sind alleinerziehende Mutter von vier Kindern – aus drei verschiedenen Beziehungen. Viele Familien sind schon mit einem Kind überfordert. Wie schaffen Sie das?

Ich habe meine Prioritäten immer aufs Unternehmen gelegt. Und meine Partner übernahmen – so gut es Männer eben können – die Betreuerrolle. Die Rollen wurden also eigentlich nur getauscht. Wie gesagt, fällt mir die Abgrenzung nicht so schwer. Und so fragte ich mich, weshalb immer die Mutter die Bezugsperson sein muss. Aus dieser Haltung heraus gab ich den Männern natürlich auch mehr Freiheiten. Weil meine Männer alle in meiner Firma beschäftig sind, konnten wir die zeitliche Belastung dosieren. Die Väter waren dann nicht ständig unterwegs und hatten einen relativ lockeren Tagesablauf. Sie erhielten die Zeit, die sie für die Kinder benötigten. 

Wie bitte? Ihre Männer arbeiten noch immer alle in Ihrer Firma? Funktioniert das wirklich?

Es funktioniert, weil die Firma gewachsen ist. Wenn wir alle im selben Büro sitzen würden, würde es wohl nicht funktionieren. Aber weil alle Männer verschiedene Typen sind und andere berufliche Qualitäten und eine unterschiedliche Ausbildung mitbringen, arbeiten sie nicht in der selben Abteilung. So passt es.

Stossen Sie auf Vorurteile?

Dass kann ich mir schon vorstellen – gerade auch die Kinder. Aber es würde keinem unserer Kinder in den Sinn kommen, von der Halbschwester oder dem Halbbruder zu sprechen. Alle sind vollwertige Mitglieder der Familie. Das wichtigste ist für mich, dass die Kinder keine Vorurteile haben und sich nicht voneinander abgrenzen. Wenn man selber dieses Modell mit Überzeugung lebt, kommen andere Menschen gar nicht auf die Idee, Vorurteile zu entwickeln. Aber nochmals: In keiner Familie ist alles perfekt. Auch bei uns nicht. Wenn es Probleme gibt, muss man sie lösen. Permanente Spannungen gibt es bei uns aber nicht. Das ist mir sehr wichtig.

Was machen Sie in zehn Jahren?

Ich möchte dann gerne etwas anders machen – vielleicht philanthropische Projekte oder mich mit esoterischen Ideen auseinandersetzen: weniger, weil ich einem Psychologiestudium nachtraure, sondern weil ich meine diversen Begegnungen einordnen möchte. Man geht ja oft davon aus, dass vieles im Leben aus Zufall passiert. Aber ich denke, es muss mehr dahinterstecken. Es würde mich sehr interessieren, diese Zusammenhänge zu erforschen.  

Schillernde Chefin

Vier Kinder von 6 bis 18

Die schillernde Zürcher Unternehmerin Anja Graf bietet europaweit über 1800 möblierte Wohnungen an Geschäftsleute und Expats an – «Hotellerie ohne Gastronomie», sagt sie. Die Macherin wirkt auch in der Start-up-Show «Die Höhle der Löwen» auf TV 24 mit. Graf hat von drei Männern vier Kinder: Elodie (18), Cameron (15), Shanelle (12) und Kenzo (6).