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Interview

«Ohne Mond wäre alles anders»

Astrophysiker Ben Moore (52), Professor an der Universität Zürich, erklärt, warum es ohne Mond auf der Erde zu schnellen und heftigen Klimaveränderungen führen würde.

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Christoph Kaminski
13. Mai 2019

Ben Moore weiss: «Weil es auf dem Mond kein flüssiges Wasser hat, kann es auch kein Leben geben.»

Ben Moore, haben Sie seit der Arbeit am Ihrem neuen Buch andere Gedanken als früher, wenn Sie den Mond am Himmel stehen sehen?
Der Mond war für mich schon immer eine Inspiration. Ich interessiere mich schon lange dafür, wie er entstanden ist. Für das Buch habe ich noch mehr über ihn recherchiert, aber eine Sache hat sich dadurch nicht verändert ...

Welche?
Der Anblick des Mondes in einer klaren Nacht ist überwältigend. Seine Schönheit übertrifft selbst die Faszination der bemannten Mondlandungen. Welche Leistung diese darstellten, kann ich jedoch erst richtig ermessen, seit ich mehr über den Bau der Raumfahrzeuge, die damaligen Computer und die Kommunikation unter den Astronauten weiss.

Weshalb interessiert Sie der Mond mehr als die Sonne?
Natürlich ist die Sonne für das Leben auf der Erde unverzichtbar, aber man kann sie nicht anschauen, weil sie einen blendet. Der Mond ist weniger hell und viel näher, weshalb man die Oberfläche mit blossem Auge erkennen kann.

Beeinflusst er Ihr Verhalten?
Der Mond hat keinen Einfluss auf uns Menschen. Das ist wissenschaftlich bewiesen.

Obwohl wir vom Tier abstammen?
Es gibt feine Unterschiede zwischen uns und anderen Tieren. So ziemlich alles Leben auf der Erde ist vom Zyklus von Tag und Nacht bestimmt. Aber einige Kreaturen entwickelten zudem die Fähigkeit, ihre Aktivitäten den Mondphasen und Gezeiten anzupassen. Für uns Menschen war es vielleicht in der Vergangenheit ein Vorteil, die Nacht zu meiden, wenn der Mond voll war und hungrige Löwen auf der Jagd waren ... (Lacht.)

Dann hat der Mond zwar keinen Einfluss auf unser Befinden, aber auf die Menschheit.
Definitiv. Ohne Mond wäre auf der Erde alles anders. Er spielt eine sehr grosse Rolle in der Geschichte unseres Planeten. Durch seine Anziehung hat sich ihre Rotation um die eigene Achse stabilisiert. Die Erde würde sonst taumeln und kippen, was zu schnellen und heftigen Klimaveränderungen führen würde. Ohne den Mond hätte auch die Evolution einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Es ist unklar, ob sich überhaupt Leben jenseits der Stufe von simplen Mikroben entwickelt hätte, jedenfalls kaum Kreaturen mit Gehirnen.

Wie überzeugt sind Sie, dass Erde und Mond früher eins waren?
Der Mond ist der Bruder der Erde. Wir wissen das, weil im Mondgestein, das die Apollo-Missionen zurückgebracht haben, die Menge spezifischer Atome und Moleküle fast identisch ist zu jenen der Erde. Das kann kein Zufall sein. Diese Entdeckung hat unsere Theorien über die Herkunft unseres Mondes in die Richtung gelenkt, dass sich Erde und Mond zusammen gebildet haben.

Wo stehen Sie in Ihrer Forschung?
In den letzten Jahren haben wir versucht zu verstehen, wie unser Mond entstanden ist. Eine Theorie aus den 70er- und 80er-Jahren besagt, dass die noch junge Erde vor etwa viereinhalb Milliarden Jahren mit einem Planeten in der Grösse des Mars kollidierte. Danach hätte sich der Mond aus den Trümmern in der Umlaufbahn der Erde gebildet.

Aber diese Theorie ist überholt?
Es gibt Beobachtungen und Daten, die sie nicht belegen kann. Deshalb ziehen wir andere Szenarien in Betracht. Im «Swiss National Supercomputing Centre» in Lugano können wir Zehntausende verschiedene Abläufe einer Kollision zweier Planeten und der resultierenden Entstehung eines Mondes simulieren. Naturwissenschaftler vor uns brachten es jeweils nur auf etwa ein Dutzend, da ihre Rechner viel langsamer waren.

Wann liegen Ihre Ergebnisse vor?
Die Naturwissenschaft funktioniert Schritt für Schritt. Wir bauen auf den Resultaten anderer auf und hoffen, dass wir mit unserer Studie in einem Jahr fertig sein werden.

Was war Ihr erstes Mond-Erlebnis?
Ich erinnere mich daran, dass mein Vater im Winter 1972 mit mir aus dem Haus nach draussen gegangen ist, auf den Mond deutete und sagte, genau in diesem Moment würden Astronauten auf dem Mond stehen. Das war während der letzten bemannten Mondlandung von Apollo 17.

Die erste Mondlandung von Apollo 11 war ein «kleiner Schritt für Neil Armstrong», doch ein grosser für die Menschheit!
Nun, es war ein ziemlicher Sprung von der Leiter, da die Mondlandefähre nicht so weit in die Mondoberfläche eingesunken ist, wie es die Konstrukteure prognostiziert hatten: höher als einen Meter! (Lacht.) Und es war sicher einer der grössten Erfolge für unsere Spezies.

In welcher Hinsicht?
Die Tatsache, dass Menschen auf der Oberfläche einer anderen Welt stehen und die Erde mit ihren langsam rotierenden Kontinenten sehen konnten, war nicht nur für die Astronauten, sondern für die gesamte Erdbevölkerung eine spirituelle und philosophische Erfahrung, die einen dauerhaften Eindruck hinterlassen hat.

«Die Menschen sollen zuerst den Mond besiedeln.»

 

Der Nutzen für die Wissenschaft?
Die Proben des Mondgesteins erzählen nicht nur sehr viel über den Mond, sondern auch über die Geschichte unseres Sonnensystems. Da der Mond keine Atmosphäre hat und deswegen keinem Regen oder Wind ausgesetzt ist, zeugt seine Oberfläche von Meteoriten- und anderen Einschlägen, die über Milliarden von Jahren stattgefunden haben.

Was würden Sie tun, wenn Sie ein Stück Mondgestein geschenkt bekämen?
Es wäre natürlich schön, es zu behalten und anzusehen, aber schlussendlich ist es auch nur ein Stein. Wenn man ihn verkaufen würde, könnte man mit dem Erlös viel Gutes tun.

Woran denken Sie?
Ich würde versuchen, die Leute zu einer Verhaltensänderung zu ermuntern, um zu verhindern, dass die unkontrollierte globale Erwärmung durch den Treibhausgas-Effekt unsere Zukunft zerstört.

Könnte eine Besiedelung des Mondes Probleme lösen?
Wenn die Menschheit zu fernen Planeten aufbrechen will, weil die Sonne in einigen Milliarden Jahren nicht mehr scheinen und die Erde unbewohnbar sein wird, sollte sie zuerst den Mond besiedeln. Dort könnte sie das Verhalten in der Schwerelosigkeit trainieren, und die Raketen bräuchten zum Abheben viel weniger Treibstoff.

Glauben Sie daran, dass Privat­firmen wie SpaceX die Mond­landungen früher als staatliche Organisationen wiederaufnehmen werden?
Nein, Elon Musk (Tesla, PayPal) behauptet das zwar immer wieder, doch ich halte es für eine seiner vielen Übertreibungen. SpaceX hat nur rund 7000 Angestellte, aber es wird mehrere 10 000 oder gar 100 000 brauchen, um die nötige Ausrüstung für die Rückkehr des Menschen zum Mond zu entwickeln. 

Welchen Preis würden Sie für ein Ticket zahlen?
Ich könnte dafür nur ein paar Tausend Franken ausgeben, aber so billig wird es nie werden! (Lacht.) Das Apollo-Programm hat einst über hundert Milliarden Dollar gekostet. Einige Aspekte davon sind billiger geworden, aber eine riesige Rakete zu bauen, die Benzin wie ein fliegendes Feuerwerk verbrennt, ist unverändert teuer. Dann die Entwicklung der Landemodule, Raumanzüge und Lebenserhaltungssysteme. Da dürften sich die Kosten auf mindestens 50 Milliarden Dollar belaufen.

Von wo aus würden Sie die Mission beobachten?
Ich habe mir zu Hause in Davos ein Observatorium eingerichtet, weil dort der Nachthimmel viel klarer ist als hier in Zürich. Trotz der Lichtverschmutzung in Städten oder Agglomerationen kann man jedoch selbst dort einen wunderschönen Blick auf die Oberfläche des Mondes geniessen, da diese sehr hell ist. Manche Krater sind ja schon von blossem Auge oder mit dem Fernglas zu sehen. Nur, wer in ferne Galaxien schauen will, muss in die Berge fahren.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen der hellen und der dunklen Seite des Mondes?
Als die sowjetische Raumsonde Lunik 3 1959 um den Mond herum geflogen ist und Fotos machte, war es eine ziemliche Überraschung, dass die uns abgewandte Seite des Mondes tatsächlich anders aussieht als die uns zugewandte. Die nähere Seite ist in Wirklichkeit dunkler, da sie zu grossen Teilen von riesigen, dunkelgrauen Seen aus erstarrter Lava bedeckt ist, während die entferntere Seite mit Kratern aus hellerem Basaltgestein übersät ist. Gleich ist jedoch die Menge Sonnenlicht, die beide erhalten.

Glauben Sie an ausserirdisches Leben auf dem Mond?
Für mich ist die Komödie «Iron Sky» einer der besten Science-Fiction-Filme, obwohl ich nicht daran glaube, dass es Aliens – oder eben wie im Film Nazis – gibt, die sich auf der dunklen Seite des Mondes versteckt halten. Es ist eine amüsante Vorstellung, doch der Mond ist dafür mit Sicherheit ein zu lebensfeindlicher Ort. Die Temperaturen liegen nachts weit unter null und tagsüber weit über dem Siedepunkt von Wasser. Das bedeutet, dass es kein flüssiges Wasser auf dem Mond gibt und sich kein Leben entwickeln kann, wie wir es kennen. Wie das ausserhalb unseres Sonnensystems ist, wissen wir noch nicht. Wir müssen einfach hinfahren und es he- rausfinden! Ich wäre überrascht, wenn es kein anderes Leben gäbe.

Wie hat die Science-Fiction-Literatur die Naturwissenschaft beeinflusst?
Die Bücher von Autoren wie Jules Verne und H. G. Wells haben Ingenieure zu Beginn des 20. Jahrhunderts inspiriert, steuerbare mehrstufige Raketen zu konstruieren, die uns letztlich die Reise zum Mond ermöglichten.

Sie haben schon eine Elektrorock-CD veröffentlicht. Folgt bald ein Soundtrack zum Buch?
Nein, aber ich plane einen stimmungsvollen Mondlandschaftssong zu machen, bei dem ich die von den Apollo-Missionen aufgezeichneten Geräusche einbauen will. Allerdings ist es ziemlich aufwendig, die Gigabytes seismografischer Daten in Schallwellen umzuwandeln.

Ben Moore, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.