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Interview

Botschaften und Brücken

Der Terminkalender eines Bundesrates ist auf Reisen berstend voll. Zwischen zwei Stationen findet Ignazio Cassis Zeit für ein Gespräch über Diplomatie,
seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Südamerika.

FOTOS
Pino Covino
13. Mai 2019

Ignazio Cassis im Rodo Park in Montevideo in Uruguay. 


Herr Cassis, wie oft trifft sich ein Schweizer Minister mit Kollegen aus anderen Ländern? 

Wir pflegen regelmässig persönlichen Kontakt zu den Nachbarländern, mehrmals jährlich. Besuche ausserhalb Europas sind weniger häufig. In diesem Jahr habe ich beschlossen, mich auf Afrika und Amerika zu konzentrieren. Im Februar zum Beispiel war ich in New York und Washington. Es ist zehn Jahre her, dass ein Schweizer Aussenminister dort offiziell letztmals zu Gast war.

Dies ist Ihr erster offizieller Besuch in Südamerika. Warum haben Sie sich für Uruguay, Chile und Brasilien entschieden? 

Diese Entscheidung wurde aus strategischen Gründen getroffen. In Uruguay stand das Treffen mit den Auslandschweizern und die multilaterale Zusammenarbeit im Zentrum, in Chile die Schweizer Schule und die Infrastruktur, ausserdem das Klima sowie erneuerbare Energien. Und in Brasilien geht es um das Wirtschaftsabkommen mit den Ländern des Gemeinsamen Marktes Südamerikas – Mercosur –, deren Gründungsmitglieder Uruguay und Brasilien sind. Die Beziehungen zwischen den Staaten müssen – ebenso wie Freundschaften – gepflegt werden, um Vertrauen zu schaffen: Treffen zwischen Ministern sind auch eine Investition, um Krisen besser zu bewältigen.   

Besuchen Sie in jedem Land die Botschaften der Schweiz?  

In der Regel schon. Die Reisen eines Aussenministers haben natürlich politische und wirtschaftliche Ziele, aber wir dürfen nicht vergessen, dass in unserem Departement 5500 Menschen arbeiten, die über die ganze Welt verteilt sind. Für mich ist es von grundlegender Bedeutung, meine diplomatischen und konsularischen Mitarbeiter zu treffen und ihnen beizustehen; es ist ein Zeichen von Respekt und Motivation. Ausserdem kann ich den Zustand unserer Immobilien beurteilen, wenn ich sehe, wo sie arbeiten. 

Bei Ihren Reisen gibt es Termine mit der Bezeichnung «Bridge Builders» – Brückenbauer –, die immer wieder vorkommen. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein Ansatz, den ich auf meiner ersten offiziellen Reise im November 2017 in Rom getestet habe und den ich für sehr nützlich halte: Ich bitte den jeweiligen Botschafter, mehrere vor Ort lebende Schweizer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu einer informellen Debatte mit Abendessen einzuladen. Hierbei handelt es sich um Menschen aus verschiedenen Bereichen: von der Kultur bis hin zu den Finanzen, vom Bildungssektor bis zur Wirtschaft. Sie sind unsere «Brückenbauer». Bei diesen Begegnungen bitte ich sie, so offen wie möglich über die Vor- und Nachteile ihrer jeweiligen Wahlheimat zu berichten. Dabei lassen sich stets überraschende Dinge in Erfahrung bringen. Auf diese Weise kann ich besser verstehen, wie es unseren Landsleuten im Ausland geht. Diese Erkenntnisse sind mir ausserdem auch bei den offiziellen Gesprächen nützlich.

Was hat Sie während dieser Reise am meisten beeindruckt? 

Mich fasziniert es, wie sehr die Auslandschweizerinnen und -schweizer sich mit der Institution verbunden fühlen. Unser Land hat keine einheitliche Religion oder Sprache oder auch nur ein einheitliches Schulsystem: Was uns verbindet, sind Institutionen wie der Bundesrat. Wilhelm Tell in Amerika: Ignazio Cassis und der Schweizer Nationalheld im Rodo Park in Montevideo in Uruguay. Hier heisst Tell jedoch Guillermo.

Wir danken Ihnen für das Interview, Herr Cassis.