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Interview

Büne Huber: «Es muss richtig berauschend sein»

Patent-Ochsner-Frontmann Büne Huber (57) über emotionale Blockaden, die lange Geschichte der Erfolgsballade «Für immer uf di» und seinen neuen Umgang mit der Vaterrolle.

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Markus Lamprecht
24. Juni 2019

Die Welt von Büne Huber ist wieder im Lot: «In meinem Alter kannst du dich nicht mehr aufführen wie ein 17-Jähriger, sondern musst Verantwortung übernehmen.»

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Büne Huber, Sie erzählen auf Ihrem neuen Album «Cut Up» von einem Entfesselungskünstler namens Razzo Rocchino. Sind Sie auch einer?

Ja, das bin ich schon lange! Ich glaube, wer im Sternzeichen Fisch geboren wurde, ist für viele Leute sowieso nicht fassbar. So konnte ich problemlos meine Ketten sprengen.

Sie begaben sich auf eine lange Reise. Wovon mussten Sie sich befreien?

Nach dem Ende einer langen Liebesgeschichte fühlte ich mich fast sechs Jahre blockiert. Ich kam emotional keinen Schritt vorwärts und keinen zurück. Obwohl meine erste Frau und ich uns vorher schon geeinigt hatten, dass wir nicht mehr zusammenkommen. Es brauchte einen klaren Schnitt. Deshalb fuhr ich runter nach Südfrankreich und der Küste entlang nach Spanien. Ich liess mich treiben und versuchte für mich ein paar Sachen zu klären. Das hat gut funktioniert, erstaunlich gut.

Eine Flucht nach vorne?

Eindeutig!

Auf Ihrer Reise liessen Sie sich vom Werk von US-Schriftsteller Jack Kerouac (1922–1969) inspirieren, der durch Nordamerika trampte.

Seinen legendären Roman «On The Road» habe ich bereits verschlungen, als ich anfangs 20 war. Aber erst, als ich unterwegs war, erinnerte ich mich daran. Ich habe viel auf Diktafon und Handy geredet, was mir durch den Kopf ging. Ich fotografierte, zeichnete, collagierte … Ich schöpfte alle meine Möglichkeiten aus. Als ich mir überlegte, wie ich dieses Material verarbeiten könnte, fiel mir die Cut-up-Methode ein, die Kerouac, Bowles und Burroughs zelebriert hatten.

Wie funktioniert sie genau?

Sie haben Texte geschrieben, sie zerschnitten und in zufälliger Form neu zusammengeklebt, um sich inspirieren zu lassen und einen neuen literarischen Raum zu öffnen. Ich dachte, das könnte ich auch tun. Als ich im Haus eines alten Freundes, Filmregisseur Felix Tissi, an der Costa Blanca gelandet war, begann ich auf diese Art herumzubasteln. So entstand eine 40-seitige Bundeslade, die ich «Cut-Up Blues» nannte und die mir seither als Inspirationsquelle diente.

Was mögen Sie an dieser Methode besonders?

«Nach einer langen Liebesgeschichte war ich 6 Jahre blockiert.»

 

Ich bin kein sehr kontrollierter Mensch. Ich finde es interessanter auszuufern. Wenn ich kreativ arbeite, bin ich sowieso am Mäandern und Herantasten. Ich könnte gar kein Album machen, bei dem ich am Anfang schon weiss, wie es am Schluss tönen wird. Für mich ist wirklich der Weg das Ziel.

Sie können gar nicht nicht kreativ sein?

Nein, das ist meine Bestimmung, dafür bin ich geboren worden. Wegen nichts anderem. Ich schaue mich dauernd um, will diese Welt begreifen, lernen und allem eine Form, einen Ausdruck geben. Das ist nicht notwendig, aber ich fühle mich gezwungen … zu diesem für mich schönsten Wesenszustand, bei dem ich – in einem philosophisch weiter gefassten Sinn – unterwegs bin.

Waren Sie schon immer so?

Meine Mutter sagte, dass sie, als ich noch ein kleiner Bub war, immer grosse Mengen Papier heranschleppen musste. Selbst, wenn sie mich bei schönem Wetter aufforderte, draussen spielen zu gehen, sagte ich: «Nein, ich will jetzt zeichnen!» Ich tat es, um die Welt besser zu verstehen. Das scheint heute nicht wahnsinnig viel anders zu sein. Meine Frau, mit der ich zwei wunderhübsche Kinder habe, war total überrascht von der Art, wie ich lebe. Sie sagte: «Es ist lustig, bei dir gibt es aus allem irgendwas! Aus einem Papierschnipsel auf dem Esstisch wird eine Zeichnung und aus einem Zapfen ein Figürchen.»

Büne Huber bezeichnet sich als «Sippenmensch, der glücklich ist, wenn die anderen glücklich sind».

Wie verträgt sich diese enorme Kreativität mit einer Beziehung?

Ich höre ja nur, was meine Frau sagt. Danach muss es richtig berauschend sein! Aber es ist nicht gut, wenn ich das jetzt hier sage und nachher alle lesen, für was für einen «geile Siech» sie mich hält.

Aber Ihre erste Ehe hat darunter gelitten?

Nein, wir sind auseinandergedriftet, weil wir uns in so verschiedenen Lebenssituationen befanden. Man würde meinen, dass Menschen wie ich die Öffentlichkeit gewohnt sind, aber ich habe im Privatleben auf viel verzichtet, weil ich das Gefühl hatte, dass wir immer unter Beobachtung standen. Deshalb handhabe ich es nun anders.

Wie?

Wenn ich mit den Kindern irgendwohin will, lasse ich mich nicht mehr davon abhalten, dass man uns möglicherweise fotografiert. Ich bin da unzimperlich geworden, sage einfach: «Stopp! Ihr dürft mich fotografieren, mit mir zusammen auch ein Selfie machen, aber ohne Kinder.» Und das akzeptieren eigentlich alle.

Interpretieren Sie Ihre Vaterrolle anders als vor 20 Jahren?

Ich glaube, es ist mehr die Zeit, die sich verändert. Julie und Max sind mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Ich wünsche mir für sie dasselbe wie für Hanna: dass sie gesund und sympathisch sind, frisch in die Welt hinausgehen, Anstand lernen und mit ganz verschiedenen Leuten Umgang haben können. Und am meisten, dass sie mich überleben.

Tragen Sie mehr Sorge zu sich?

Wenn du dich bewusst entscheidest, mit 54 nochmals einen Pfeil weit, weit nach vorne zu schiessen, hat das Konsequenzen. Du kannst dich nicht mehr aufführen wie ein 17-Jähriger, sondern musst Verantwortung übernehmen. Meine Frau gesteht mir zum Glück Momente des Exzesses zu, weil sie weiss, dass ich die brauche und sie sich sonst voll und ganz auf mich verlassen kann. Ich habe ihr auch deutlich signalisiert, dass ich gesund und fit bleiben will. Das bin ich ihr, den Kindern und mir selbst schuldig.

Sind Sie – wie viele grosse Künstler – auch ein Egomane?

Nein, aber ich bin eigenwillig, nicht so zähmbar, wie das andere sein mögen. Ich kann mich jedoch recht gut in den Dienst einer Gruppe stellen. Wenn man mir genügend Freiraum zugesteht, habe ich nicht das Bedürfnis, mich in den Vordergrund zu stellen. Ich bin ein Sippenmensch, der glücklich ist, wenn die anderen glücklich sind.

Wie ist «Für immer uf di», Ihre wundervolle Hymne auf das Leben, entstanden?

Das ist eine lange Geschichte. Ihr Ursprung liegt 1994, in der «Stella Nera»- Session. Weil es immer etwas gab, was mir nicht gefiel, hat der Song ein paar Mal sein Gesicht verändert. Erst als ich nach dem Tod meiner Mutter und einer langen Nacht mit Freunden, in der viel philosophiert und getrunken wurde, verkatert am Flügel sass und dieses Lied zu spielen begann, fügte sich das eine zum anderen. Ich begann zu singen und innerhalb von wenigen Minuten ist die heutige Version entstanden.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen ein grosser Wurf gelungen ist?

Ich habe den Song innerhalb von wenigen Stunden arrangiert und Gitarre, Schlagzeug, Bass und Chorgesang aufgenommen. Am Abend sagte ich zu meiner Frau: «Den musst du dir anhören. Er ist mir heute vor die Füsse gefallen – ich musste ihn nur noch aufheben!» Das sind die schönsten Momente im Leben eines Songschreibers. Ein Lied so elegant und ohne Murks und ohne Zweifel.

Was bedeutet es Ihnen, dass nur Lady Gaga verhindern konnte, dass «Für immer uf di» auf Platz 1 der Hitparade kam? 

Es lag zwar nur eine Woche auf Platz 2, aber es hat mich trotzdem sehr berührt, ehrlich. Und, dass die Single Gold machte. Schliesslich war nicht mal der Überflieger «W. Nuss vo Bümpliz» in den Top-10. 

Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie an die kommenden Open-Air-Konzerte denken?

Diejenigen, auf die ich mich am meisten freue, machen mir auch am meisten Angst: Unser Heimspiel auf dem Gurten und zwei Tage später der Auftritt mit Stephan Eicher am Moon & Stars in Locarno. Das wird ein risikoreiches Unterfangen, da wir nur kurz gemeinsam proben können. 

Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Ich wurde angefragt, ob ich jemanden auf diese Bühne einladen möchte. Und ich habe keine Sekunde gezögert, den Eicher zu fragen. Erstaunlicherweise hat er sofort zugesagt.

Sie waren vorher nicht befreundet?

Doch, schon lange. Die Ochsner-Geschichte wäre ohne ihn sicher anders verlaufen. Wir hatten erst etwa 6000 Exemplare von der «Schlachtplatte» verkauft, als wir bei drei Konzerten seiner Tour auftreten konnten und so innert kürzester Zeit bei einem Publikum bekannt wurden, das wir sonst nicht so schnell erreicht hätten. Er hat uns wirklich eine Tür aufgestossen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Und ich freue mich, dass wir ihn nun ehren können. 

Was schätzen Sie an Stephan Eicher?

Ich bewundere ihn für seinen Schöpfergeist, seine Neugierde, seine Spielfreude, seinen Mut. Er hat ein unglaubliches Repertoire an Hits, das er nicht einfach verwaltet, sondern immer wieder neu mit Leben erfüllt. Das wünsche ich mir auch für mein Leben, dass ich immer in Bewegung bleibe.

Büne Huber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Entfesselungskünstler

Sänger und Songschreiber

Büne Huber ist der Kopf von «Patent Ochsner». Die Berner Band ist seit dem Debütalbum «Schlachtplatte» (1991) nicht mehr aus dem Schweizer Mundartrock wegzudenken. Mit dem neuen Album «Cut up», das Platz 1 der Hitparade erobert hat, treten Patent Ochsner im Sommer an den Open Airs von Basel, Bern, Zofingen AG und Locarno TI auf und sind ab Herbst auf Club-Tournee. Büne Huber ist in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder (22, 3 und 2 Jahre alt).

Konzerte

  • 29. Juni 2019 – Summerstage, Basel
  • 19. Juli 2019 – Gurten Festival, Bern
  • 10. August 2019 – Heitere Openair, Zofingen
  • 21. Juli 2019 – Moon & Stars, Locarno