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Interview

«Früher nahm ich die Gitarre ins Bett»

Gitarrenlegende Carlos Santana ist unermüdlich: Mit «Africa Speaks» hat der Amerikaner soeben ein neues Album veröffentlicht. Im Interview spricht er über wundervoll-schreckliche Erfahrungen in Woodstock und seine drei Lieblingsgitarristen.

FOTOS
Marylene Eytier, Getty Images
10. Juni 2019

Carlos Santana empfiehlt den Menschen, dass sie sich wieder mehr selber lieben: «Springe zurück und küsse dich selbst.»

Hotel «Four Seasons», London. Er solle noch einen kurzen Moment warten, bevor er mit dem Interview beginne, wird Carlos Santana vom Management beschieden. Und so sitzt der 71-jährige Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln da, in Jeans, bunt bemaltem T-Shirt, mit einem Schlapphut auf dem Kopf – und beginnt plötzlich zu jammen. Allerdings nicht mit seiner Gitarre, sondern mit seiner Stimme. Das hört sich wild an, unterhaltsam ist es allemal. Wie auch das folgende Gespräch mit den oft spirituell gefärbten Antworten des Gitarren-Gottes, wie er auch genannt wird.

Carlos Santana, wann haben Sie sich in Ihre Gitarre verliebt?
Oh, danke, dass Sie mich das fragen. Das war 1958 oder 1959 in Tijuana, als ich den Sound der elektrischen Gitarre von B.B. King hörte, von Albert King, Freddie King oder Lonnie Mack – ein Sound, der vom Herzen kommt und direkt in die Finger geht.

Behandeln Sie Ihre Gitarre wie ein menschliches Wesen?
Nein, heute nicht mehr. Zu Beginn sprach ich mit ihr, nahm sie ins Bett. Ich übte viel, es ging darum zu ergründen, wie man sich mit ihr ausdrücken will oder kann. Heute sehe ich sie eher als ungezähmtes Wesen, das loslegt, wenn es sich danach fühlt. Meist passt das Timing.

Spielen Sie selber oder ist es der Gott in Ihren Fingern?
(Lacht.) Beides trifft zu. Ich nehme mir zum Beispiel vor, Marvin Gaye zu spielen, eine halbe Stunde lang. Oder Jimi Hendrix, Miles Davis, Michael Jackson, Bob Marley, John Coltrane – all jene, die ich vermisse. Indem du ihre Musik spielst, gehst du mit ihnen spazieren und kommunizierst mit ihnen.

Das legendäre Woodstock-Festival feiert sein 50-Jahr-Jubiläum. Ihre Erinnerungen an damals?
Ich sehe Farben, viele Zuschauer, höre ihre Schreie und spüre noch immer die elektrisierende Atmosphäre und Energie. Diese beflügelte mich, zugleich war ich sehr nervös. Sie müssen sich das einmal vorstellen: Sie treten vor 450 000 Menschen auf und niemand kennt Sie. Das war ziemlich verrückt.

Die Organisation war ein Desaster.
Ein köstliches Desaster. Weil es nicht genug zu essen gab, teilten die Menschen miteinander, was sie hatten. Wir glaubten, dass wir die Kriege stoppen oder die Korruption beenden können. Wir glaubten, dass wir mit unserer Unschuld die Welt verändern. Kumbaya: Komm, hier und sofort! Es war ein gutes Gefühl.

«Die Welt ist bereit für grosse Veränderungen.»

 

Während Ihres Auftrittes sollen Sie auf einem LSD-Trip gewesen sein.
Nein, nicht LSD. Dieses wird in einem Labor hergestellt. Mein Freund Jerry Garcia gab mir Meskalin, das natürlich wächst.

Es soll ein traumatisches Erlebnis gewesen sein.
Es war wundervoll-schrecklich. Es gibt Menschen, die auf diese Sachen angewiesen sind. Wie zum Beispiel der Schauspieler Gary Grant, der aus therapeutischen Gründen unter Aufsicht LSD nahm. Wenn Menschen den ganzen Tag am Spiegel kleben, ist das tragisch. Dieses Mittel kann ihnen helfen, dass sie ihr Ego nicht mehr so exzessiv in den Vordergrund stellen und mit der Zeit wieder das sehen, was wirklich wichtig ist im Leben: nämlich das grosse Bild.

Was ist vom damaligen Geist der Hippies übrig geblieben?
Die Kühnheit, das System herauszufordern. Damals wollten wir aus Vietnam herausgehen. Autoritäten infrage stellen. Das ist nicht verloren gegangen, auch wenn die Menschen es vielleicht im Moment nicht so lautstark äussern wie damals. Ich sehe, dass die Welt bereit ist für grosse Veränderungen.

Wenn er zwei Akkorde gespielt hat, weiss man: Es ist Carlos Santana.

Im Ranking der besten Gitarristen führt Sie das «Rolling Stone»-Magazin an 20. Stelle auf. Okay für Sie?
Für mich bin ich die Nummer eins. James Brown sagte: Jump back and kiss yourself. Springe zurück und küsse dich selbst. Es ist wichtig, dass die Menschen schätzen, was sie machen – dann wären sie weniger frustriert und würden den Mitmenschen weniger weh tun. Springe zurück und küsse dich!

Wer gehört für Sie persönlich in die Top 3 – ohne Carlos Santana?
Mit der E-Gitarre Jimi Hendrix, John McLaughlin, Buddy Guy. Wenns um die Akustikgitarre geht, wähle ich Django Reinhardt. Der war fantastisch.

Sie erklärten, dass Ihr neues Album «Africa Speaks» vom Himmel komme. Das müssen Sie erklären.
Ja, es ist himmlisch, weil so viele Menschen ihren Beitrag zu diesem Album geleistet haben, angefangen bei meiner Frau Cindy. Dieses Album ist ein Zeichen der Hoffnung sowie des Mutes, und damit genau das, was wir in dieser Zeit brauchen. Weil es in der Welt einen grossen Mangel an Redlichkeit gibt und so viel Dunkelheit und Dummheit.

Sie haben es erwähnt: Ihre Frau Cindy spielt in Ihrer Band Schlagzeug. Wie ist es, mit ihr zusammen zu arbeiten?
Es ist keine Arbeit, es ist reiner Spass, reine Lebenslust. Sie liebt, was ich liebe. Ich habe den richtigen Partner gefunden, spirituell und körperlich. Verliebt zu sein ist eine wunderbare Sache. Ich lerne so viel von den Schlagzeugern, denn Rhythmus bedeutet Liebe.

Sind Sie noch Restaurantbesitzer?
Nein, nicht mehr. Wir haben es wieder aufgegeben. Lieber stecke ich meine Energie in die Musik. Es gibt auf der ganzen Welt 40, 50 Bands, die Santana imitieren. Ich aber bin in der Originalband dabei. Also muss ich anwesend sein. Mit meiner Gitarre. Mit ihr koche ich.

Carlos Santana, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Meister des Latinrock

Übername: «Gitarren-Gott»

Carlos Santana, 1947 in Mexiko geboren, zog als Vierzehnjähriger nach San Francisco (USA), wo er mit seiner Band früh Konzerte gab. Ihr Stil: Latin Rock, ein Mix aus Rock, Blues und lateinamerikanischen Rhythmen. 1969 wurde er dank seines wilden Gitarren-Solos in Woodstock weltberühmt, 1970 machte er sich mit dem Album «Abraxas» und den Hits «Samba Pa Ti», «Oye Como Va» und «Black Magic Woman» unsterblich. Santana ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Kinder.