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Interview

Mademoiselle Deneuve

Catherine Deneuve (75) ist auch fünf Jahrzehnte nach ihrem Durchbruch die grösste Diva des europäischen Films. Im Interview erzählt sie von der Geheimsprache der Frauen, der ersten Liebe und sagt, für welchen Schauspielerkollegen sie am meisten schwärmt.

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Mark Abrahams/Trunk Archive
28. Januar 2019

 Catherine Deneuve bezeichnet sich als Schuh- und Fussfetischistin: «Die Füsse sind das Fundament.»

«Sie ist schön wie der Tod, verführerisch wie die Sünde und kalt wie die Tugend», sagte Regisseur Luis Buñuel (1900–1983) über Catherine Deneuve. Nicht nur Filme, auch Pressekonferenzen, rote Teppiche und Blitzlichtgewitter absolviert die 75-jährige Französin mit der ihr angeborenen Eleganz. Sonst scheut sie das Bad in der Menge.

«Mademoiselle Deneuve» – so wird sie am liebsten angesprochen – ist immer eine makellose Erscheinung. Beim Interview können wir beobachten, dass die Ausnahmeschauspielerin eine seltene Kunst beherrscht: zu reden und gleichzeitig zu essen, ohne dabei etwas von ihrer Grandezza einzubüssen.

Der Weltstar

Weiterhin in aller Munde

Dass Catherine Deneuve, 1943 in Paris geboren, Schauspielerin wurde, war fast schon logisch: Ihre Mutter Renée Deneuve trat am Theater auf, ihr Vater Maurice Dorléac war Leiter der Synchronstudios von Paramount. Deneuve wirkte in zahlreichen Filmen mit, die mit Preisen überhäuft wurden. Zuletzt machte die Französin auf sich aufmerksam, weil sie über 300 Kleidungsstücke von Yves Saint Laurent versteigern lässt. Im Oktober erschien beim Buchverlag Schirmer/Mosel der Band «Film für Film», der ihr üppiges Schaffen mit tollen Bildern wiedergibt.

Mademoiselle Deneuve, stimmt es, dass Sie eine Leidenschaft mit den meisten Frauen teilen: den Schuh-Tick?

Oh ja. Ich bin nicht nur versessen auf Schuhe, nein, ich bin schon fast eine Schuh- und Fussfetischistin, befürchte ich. Man sagt ja, dass Füsse und Hände viel mit sexueller Ausstrahlung zu tun haben. Keine Ahnung, ob das bei mir der Fall ist, aber ich achte wirklich ganz stark darauf. Und natürlich habe ich wie die meisten Frauen auch ein Faible für Schuhe. Schuhe haben eine grosse Aussagekraft, sie sind etwas sehr Persönliches. Und etwas ganz anderes als die Kleidung: Die fällt sofort ins Auge, Schuhe sieht man erst auf den zweiten Blick, sie sind nicht so demonstrativ. Frauen achten aber immer drauf. Vielleicht sind Schuhe eine Art Geheimsprache der Frauen.

Ganz ehrlich, tragen Sie auch lieber schöne als bequeme Schuhe?

Es kommt tatsächlich vor, dass ich Probleme bekomme – aber nicht zu oft! Denn ich bin eine sehr aktive Frau, und obwohl ich Schuhe liebe, weiss ich genau, welche ich besser nur für zwei, drei Stunden trage und welche wirklich bequem sind. Ich opfere mich dafür immer weniger auf. Denn wenn man nicht die richtigen Schuhe trägt, ist man unentspannt, reizbar, launisch. Die Füsse sind das Fundament.

Haben Sie eine Ahnung, wie viel Paar Sie besitzen?

Ich habe immer gesagt: Mit mir verglichen ist Imelda Marcos ein Witz! (Die Witwe des philippinischen Ex-Diktators besass über 1000 Designerschuhe.)

Sie sind häufiger in französischen Filmen zu sehen als in internationalen. Was muss ein Film haben, in dem Sie mitspielen wollen?

Eine gute Rolle und ein gutes Drehbuch! Ehrlich gesagt sind die Drehbücher oft nicht sehr interessant. Und ich mache doch keinen amerikanischen Film, nur um in einem amerikanischen Film mitzuspielen und eine Rolle anzunehmen, die ich in einem französischen Film nie gespielt hätte! Wenn mich das Drehbuch nicht interessiert, mache ich den Film nicht.

Wie ist es mit Ihren Co-Stars? Für welchen Kollegen könnten Sie ins Schwärmen geraten?

Abgesehen von Marlon Brando, Al Pacino und Robert de Niro, die ja jeder toll findet, habe ich eine ganz grosse Schwäche für englische Schauspieler. Wie Alan Bates, Peter Finch, Jude Law oder auch Hugh Grant. Ich kann Ihnen nicht mal erklären, warum, aber das ist schon immer so gewesen – ich mag sie einfach. Sie sind so komplex, so vielschichtig … einfach wunderbar.

Auf die meisten Menschen wirken Sie schon etwas einschüchternd. Was stellen Sie an, damit Kollegen in Ihrer Gegenwart aus Nervosität nicht im Boden versinken?

Mir ist das bewusst, ich beobachte oft, dass Leute schüchtern sind, wenn sie mir das erste Mal begegnen. Dann versuche ich, so easy zu sein wie möglich. Ich gebe mir auch Mühe, nicht so reserviert zu wirken. Gleichzeitig ist es anstrengend, immer diejenige zu sein, die auf jeden zugehen muss. Ich versuche mich viel zu unterhalten, und zwar mit allen am Set, damit die Spannung von ihnen abfällt.

Catherine Deneuve war in rund 130 Filmen zu sehen – so wie 1967 mit ihrer früh verstorbenen Schwester Françoise Dorléac (l.) in «Die Mädchen von Rochefort». 

Was funktioniert immer, um das Eis zu brechen?

Zusammen essen gehen! Ein Mittag- oder Abendessen mit ganz normalen Menschen – das hilft immer, bevor man zusammen vor der Kamera steht und so tut, als ob man ein anderer wäre.

Was gibt Ihnen Ihr Beruf als Schauspielerin?

Vor allem Bindungen zu Menschen. Ich finde es schön, so viele Menschen auf diesem Weg kennenzulernen. Weil ich selber noch als Teenager mit dem Schauspielen anfing, wuchs ich mit Figuren, Rollen und immer neuen Menschen auf. Diese Begegnungen haben mich zu dem werden lassen, was ich heute bin.

Welche Filme sind Ihre persönlichen Lieblingsfilme?

Ich liebe «Vom Winde verweht», oder Orson Welles’ «Der Glanz des Hauses Amberson», «Jules et Jim» und «Das Reich der Sonne» oder auch «Die grosse Liebe meines Lebens» mit Cary Grant und Deborah Kerr. Den habe ich bestimmt schon vier, fünf Mal gesehen, und dabei gelacht und geweint. Das ist ein Film, den wohl nur Frauen mögen.

«Filme müssen mich wegtragen, ich will nicht zu viel grübeln.»

CATHERINE DENEUVE, 75

Sie weinen bei einem Film – selbst wenn Sie als Profi genau wissen, auf wie viel Illusion er basiert?

Wenn ich mir einen Film anschaue, lasse ich mich von meinen Gefühlen treiben. Filme müssen mich wegtragen, ich will dabei nicht ins Grübeln geraten. Darüber nachdenken kann man später.

Welchen Ihrer eigenen Filme schauen Sie gerne an?

Filme, in denen ich mitspiele, kann ich nie so beurteilen wie andere Filme. Ich kann mich zwar anschauen, aber das auch nicht wirklich gern. Meine Sichtweise ist dann beeinträchtigt. Am bes-ten geht das noch, wenn der Film schon etwas zurückliegt. Aber das wird trotzdem nie eine meiner Lieblingsbeschäftigungen werden.

Können Menschen, die völlig in der Filmwelt versinken, im echten Leben mit der Liebe noch zurecht kommen?

Natürlich ist Kino auch Kompensation, im Film ist eben alles grösser und schöner. Das geht uns Schauspielern doch schon beim Filmen so: Man trifft in einer kurzen Zeit auf viele Menschen, und auch wenn es sich nur um flüchtige Begegnungen handelt, sind sie oft sehr leidenschaftlich. Es ist ein sehr abenteuerliches Leben, das Schauspieler führen, manchmal ist es aber auch belastend und verstörend. Aber: Nicht nur im Kino kann man ins Träumen geraten oder über sein eigenes Liebesleben sinnieren.

Warum ist das Schauspielerleben manchmal verstörend?

Oft dauern die menschlichen Beziehungen nicht länger als die Dreharbeiten, und danach geht man wieder verschiedene Wege. Auch sonst erleben Schauspieler nicht selten Dramen, es gibt Trennungen, es kommt gar zu Scheidungen. Das hat wohl damit zu tun, dass man weit weg ist von zu Hause, in einem Hotel lebt, dauernd neue Menschen um sich herum hat und völlig von der eigenen Umgebung abgeschnitten ist, für Wochen, wenn nicht gar für Monate!

Denken Sie oft an Ihre erste Liebe zurück?

Seine erste Liebe vergisst man doch nie! Das ist normal. Eine erste Liebe kann auch ungeschickt sein oder traurig enden, aber es ist unmöglich, sie zu vergessen. Ich habe viele Erinnerungen daran, schöne und traurige. Diese Liebe war sehr leidenschaftlich.

Kann man eine Liebe überhaupt vergessen?

Eine Liebe vielleicht nicht, aber eine Verliebtheit bestimmt. Zum Glück! Man kann ja nicht mit allen Erinnerungen leben, und nicht alle Männer können gleich wichtig für einen gewesen sein. Das hängt auch sehr von der jeweiligen Lebensphase ab. Von manchen Menschen denkst du, du würdest sie nie vergessen, und zehn Jahre später merkst du, dass du es doch getan hast.

Wie schaffen Sie es, Ihr Privatleben so geheim zu halten?

Indem ich gar nicht oder nur sehr allgemein über die Liebe spreche, indem ich bestimmte Fotos oder Reportagen ablehne. Ausserdem habe ich in Frankreich durch Gesetze die Möglichkeit, mein Privatleben gut zu schützen.

Sind Sie mit Ihren 75 Jahren manchmal auf der Suche nach der verlorenen Zeit?

Dass die Zeit so schnell vergeht, beschäftigt mich sehr. Ich habe das Bedürfnis, die noch vorhandene Zeit mit möglichst vielem zu füllen. Jeder Tag soll erfüllend sein. Ich brauche das Gefühl, dass ich besonders intensiv lebe.

Sie sind eine Ikone. Ist Ihr Status manchmal auch eine Bürde?

Es war oft nicht einfach, diesem Bild von mir gerecht zu werden. Selbst wenn ich meinem Image gar nicht entsprechen wollte, fühlte ich den Druck der Erwartungen auf mir lasten. Dass ich ein Star bin, war für mich nie relevant. Das hatte nie etwas mit meinem Leben zu tun.

Heute ist man allerdings schon eine Berühmtheit, wenn man auf Facebook oder YouTube Millionen Follower hat.
Ihr immenser Ruhm ist also kein goldener Käfig?

In Paris ist es einfach, ein normales Leben zu führen. Ich kann unbehelligt unten auf die Strasse gehen, am Kiosk die Zeitung kaufen oder mich ins Café gegenüber setzen. In Los Angeles wäre das unmöglich!

Catherine Deneuve, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.