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Interview

Clown Gaston ungeschminkt

Seine zur Schau getragene Unentschlossenheit – «Mir isch gliich» – war einst sein Markenzeichen, heute ist Clown Gaston ein Clown in Teil-Pension. Im April tritt er als Gast in der internationalen Produktion «Clowns» in Zürich auf.

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Salvatore Vinci
04. März 2019

Clown Gaston, hier als Gaston Häni, im Garten seines Hauses in Arbon TG.

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Wer bei Gaston Häni (67) alias Clown Gaston zuhause in Arbon TG klingelt, kann dies ganz beruhigt tun: Man wird nicht Opfer eines lustigen Scherzes, man wird nicht nass, bekommt keinen Stromstoss und muss sich auch sonst keine Blösse geben. Clown Gaston, der seinen früheren Bühnenpartner Rolf Knie auch schon k.o. geschlagen hat, ist als Privatperson offen, zugänglich und alles andere als ein permanentes Kompaniekalb. 

Das war ich früher.

Früher waren Sie ein Kompaniekalb?

Ja. Ich hatte nur Seich im Kopf. Zuerst in der Schule, später beim Militär.

Dann war Ihre Karriere ja die logische Folge Ihres Wesens. Wie kamen Sie denn auf den Künstlernamen «Gaston»?

Ich wurde so getauft. 

Das ist kein Künstlername?

Nein. Mein Vater ist Franzose und heisst Gaston. Und einer meiner Söhne heisst auch so.

Bevor wir weiterreden, habe ich eine Bitte: In der nächsten Stunde sagen Sie so selten wie nur möglich: «Mir isch gliich.»

Kein Problem. Das sage ich auch auf der Bühne kaum mehr. Das war mein Markenzeichen damals im Zirkus Knie. Ich hatte sehr wenig Text, eigentlich fast nur ‹Mir isch gliich.› Später haben wir mehr Dialog eingebaut, da hat das nicht mehr gepasst. Aber ich weiss, dass das Publikum diesen Spruch immer wieder erwartet. Zumindest das ältere Publikum.

Den Namen haben Sie von den Eltern bekommen. Den Beruf Clown haben Sie selbst gewählt?

Das wurde mir natürlich auch in die Wiege gelegt. Ich bin das Kind einer Zirkusfamilie, meine Mutter war Allrounderin und hatte eine ausgeprägt komische Ader. Und ich hatte diese Ader zum Blödsinnmachen auch. Als ich dann mit den Eltern als Clowntrio auftrat, wurde es reguläre Arbeit. Aber wie viele Buben hatte ich auch den Traum Pilot zu werden, Lokomotivführer, Kapitän und so weiter. Später wollte ich Dekorateur werden, da ich eine starke künstlerische Ader habe.

Sind Clowns – ein gängiges Vorurteil – im Innersten traurige Menschen?

Nein. Man kann nicht komisch arbeiten, wenn man den Humor nicht in sich drin hatte. Der traurige Clown ist ein Klischee. 

Ich habe gelesen, dass Sie Ihre drei Kinder nicht zu einer Zirkuskarriere motivieren wollten. Im Gegenteil: Sie sollten was Anständiges lernen. 

Einzelne Artisten können gut leben von ihrer Kunst. Aber es gibt Tausende sehr gute Artisten, die keine Arbeit haben. Meine Kinder sollten zuerst eine Berufslehre machen. Dann, so habe ich ihnen erklärt, können sie jederzeit zum Zirkus gehen. Heute arbeitet keiner dort.

Wer war Ihr Vorbild?

Mein grösstes Vorbild aber ist mein Grossonkel Clown Andreff, einer der grossen Schweizer Clowns. Er hat übrigens auch Dimitri stark beeinflusst. Ich habe mich aber nicht nur an Zirkusclowns orientiert, sondern überhaupt an Komikern, unter anderem aus der Filmbranche.

Zum Beispiel Charlie Chaplin?

Ja, aber da könnte ich eine ganze Liste aufzählen.

Die drei wichtigsten, die ich auch kenne …

Au, das ist noch schwierig. Ich liebe die Marx Brothers. Wir, mein Bühnenpartner Roli Noirjean und ich, werden oft auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy verglichen. Wir haben zwar nur einmal eine Persiflage auf die beiden gemacht, wirken aber optisch natürlich sehr ähnlich – ich, der Dünne, er eher der Voluminösere.

Auf welche Begegnungen in Ihrem langen Clownleben blicken Sie heute mit Stolz zurück?

Hm (überlegt einen Moment). Da muss ich rasch nachsehen.

Gaston Häni geht kurz ins Nebenzimmer und taucht mit einer dicken Mappe mit Fotos wieder auf. Er breitet die Schätze seiner Karriere aus.

Ah ja. Vevey. 1972 bis 1976 besuchte uns Charly Chaplin jedes Jahr in der Vorstellung. Zuletzt im Rollstuhl. Und danach waren wir mehrere Male bei ihm zu Hause eingeladen. Darauf bin ich stolz. – Hier: Zandarica, einer der grössten brasilianischen Komiker. Der Mann war so was von komisch. Mit ihm durfte ich eine Saison im Circus Roncalli spielen. Und hier! Herrman van Veen. Bill Cosby, ein grossartiger Komiker, heute leider wegen anderem in den Schlagzeilen. Und hier, Emil, den ich 1977 während seiner Saison im Knie sehr gut kennenlernte.

Mussten Sie das auch erleben? Sie bringen Ihre Nummer und dort, wo das Timing den Lacher vorsieht – passiert nichts. Das Publikum versteht Sie nicht.

Ist schon passiert. Nicht alles, was für uns lustig ist, muss das Publikum auch lustig finden. Dann muss man natürlich sofort umstellen.

War Clownsein vor 40 Jahren einfacher?

Ja. Früher haben die Leute schneller gelacht als heute, auch bei Kleinigkeiten. Heute ist das Publikum viel kritischer, besonders in Zürich. Das Zürcher Publikum ist sehr anspruchsvoll. Die Leute bemerken jedes Detail, das nicht stimmt. Aber wenn man ankommt, sind die Zürcher dankbar. Es macht jedes Mal Freude, dort zu spielen.

Apropos, welches Publikum ist das dankbarste, welches das schwierigste?

Die Franzosen sind sehr offen und lachen gerne, auch die Deutschen lachen schnell und über banale Scherze. Aber sie mögen keine Dialoge. Bei den Deutschen muss es knallen. Subtiles Arbeiten geht nicht. Aber schlimm ist es in Italien. Das habe ich zum Glück nur als Zuschauer erlebt, nicht als Künstler. Es ist unruhig, die Kinder rennen umher, die Leute schauen nicht zu. Und wenn man nicht ankommt, pfeifen sie einen aus. «Vai via», «ciao». Die sind gnadenlos.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Worauf sind Sie stolz? 

Dass ich so weit gekommen bin. Ich hatte eine schöne Karriere, auch wenn ich kein Weltstar war. Viele sagen mir allerdings, ich hätte ein Weltstar sein können, wenn ich in den USA aufgetreten wäre. Aber ich habe nie darum gekämpft. Ich wollte, dass die Leute Spass an mir haben, wenn ich in die Manege komme. Mehr nicht. Ich habe nie die Ellbogen ausgefahren. Umgekehrt musste ich mich nie um ein Engagement bemühen, ich wurde immer angefragt. 

Worüber lachen Sie?

Über Monty Python. Ich liebe den schwarzen Humor, auch wenn ich ihn selber nicht nutzen kann.

Jetzt frage ich etwas, was Sie vermutlich bei jedem Interview gefragt wurden. Ich machs trotzdem: Erzählen Sie uns einen Witz!

(lacht). Und dann soll er noch möglichst kurz sein, vermute ich. Also: Ein Piratenschiff fährt auf dem Meer. Die ganze Besatzung hat einen Sprachfehler und stottert. Der Maat blickt vom Korb herunter und ruft: Ka-Ka-Ka-Kap-Kap-Kapi-Kapitän, ein-ein-ein Sch-Schi ein Schi-Schiff...

An dieser Stelle empfehlen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, den Witz als Audio-Datei anzuhören.

Die rote Nase haben Sie schon länger abgelegt. Warum?

Die habe ich beim Knie abgelegt, als ich mit Rolf gearbeitet habe. Wir haben geboxt und uns geschlagen in der Manege. Dadurch rutschte die Nase immer weg. Das ging nicht mehr. 

Ihr habt beim Boxen nicht nur so getan als ob? Da kam es zu Berührungen?

Ja klar. Manchmal ging es richtig heftig zu. Es sollte ja echt aussehen. Einmal hatte ich Rolf Knie in der Manege bewusstlos geschlagen.

Ui. Die Armlänge falsch eingeschätzt?

Nein, das war ernst. Ich hatte ihm vor der Aufführung erklärt, ich hätte Kopfweh, er solle nicht zuschlagen. In der Nummer musste er zu einem Schlag ausholen und Franco Knie musste ihm rechtzeitig den Punchingball wegnehmen. Rolf war aber schneller und schlug zu. Da schlug ich zurück – und zwar etwas fester. 

Sie wohnen jetzt fest in Arbon, nicht mehr in einem Zirkuswagen. Können Sie das überhaupt?

Es geht gut. Das einzige, was mich hier irritiert, ist der obere Stock. Ich bin nicht gewohnt, in den oberen Stock zu gehen. Ich denke jedes Mal, warum muss ich jetzt diese Treppe hochsteigen?

Sind Sie ein Familienmensch?

Mit drei Kindern und jetzt zwei Enkeln ist man das.

Ist die grosse Zeit der Clowns vorbei?

Ja. Es gibt keine guten klassischen Clowns mehr. Viele Clownfamilien haben wie ich die Familientradition aufgegeben, weils ein Hungerberuf ist.

Sie sind nicht reich geworden als Clown?

Nein. Zum Reichwerden als Clown braucht man Ellbogen. Und das hatte ich nie.

Sie sind im Teilruhestand. Gibt es für Clowns eine Sozialversicherung?

Ja, seit einigen Jahren. Seit ich meine Partnerin kennen gelernt habe, hat sie immer dafür gesorgt, dass ich eine Festanstellung mit Vertrag hatte und nicht nur einfach eine Tagesgage bezog. Dadurch bin ich auch für den Ruhestand versichert – natürlich mit Löchern. 

Gaston Häni, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Dummer August

Karrierestart bei Knie

Gaston Häni (67) entstammt einer Schweizer Zirkusfamilie. Mit vier Jahren stand er zum ersten Mal in einer Manege, mit 14 trat er bereits mit Mutter und Stiefvater als Clown-Trio auf. 1972 begann er beim Circus Knie, ab 1973 mit Rolf Knie und Weissclown Pipo Sosman. 1977 wurde Gaston am Zirkusfestival von Monte Carlo von Fürst Rainier ausgezeichnet. Es folgten Theater- und Filmproduktionen. Heute tritt er im Circus Conelli auf. Gaston lebt mit seiner Partnerin in Arbon TG. Er hat drei Kinder und zwei Enkel.