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Porträt

«Viele haben vergessen, wie schön diese Welt ist»

«Ich bin ein ganz normaler Mensch, kein Superman und auch kein Guru, kein Zauberer und kein Prophet», sagt Angaangaq Angakkorsuaq (72). Der grönländische Schamane gibt Einblick in sein spirituelles Leben und erklärt dabei seine Berufung.

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Sara Lo Frano
05. September 2019

Schamanismus in der Familie

Angaangaq Angakkorsuaq ist Ältester und Schamane aus Grönland. Er wuchs in einer Familie von traditionellen Heilern und Schamanen auf. Nach 57 Jahren intensiver Vorbereitung von seiner Familie trat er schliesslich in den Dienst als Schamane und widmete sich seiner spirituellen Lebensaufgabe: Das Eis im Herzen der Menschen zu schmelzen.

Film und Buchhinweise von Angaangaq: www.icewisdom.com

 

Ich sitze in einem Seminarraum im Schloss Glarisegg am Bodensee und warte aufgeregt auf Angaangaq, den Schamanen aus Grönland. Laut der Fachliteratur sind Schamanen Vermittler zwischen den Welten. Sie trommeln, singen, räuchern und heilen. Dafür nehmen sie Kontakt mit den Geistern der Natur auf, denn die Natur ist für sie nicht nur lebendig, sondern auch beseelt. Jeder Baum, jeder Stein besitzt eine eigene spirituelle Energie. Doch ist das für jemanden wie mich, der immer alles logisch erklärt haben will teilweise schwer zu begreifen. Reden wir hier von Magie? Von Wunderheilern? Von Geistern?

Ein älterer Mann im Anzug betritt den Raum. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber als mir der zierliche ältere Herr mit seinen langen, weissen Haaren entgegenkommt, habe ich das Gefühl, dass sich um ihn herum der ganze Raum erhellt. Lächelnd kommt der Schamane auf mich zu und umarmt mich freudig. «Bitte entschuldige, dass du warten musstest, ich wollte mich noch schön machen für das Interview».

Schnell stellt sich heraus, dass Angaangaq ein begnadeter Geschichtenerzähler ist. Mit seinen philosophischen Weisheiten und seinem Humor berührt er mich zutiefst. «Ein Schamane ist eine Person, die in vollem Bewusstsein lebt und sich selbst in der Tiefe beobachtet hat. Eine Person, die eins mit sich selbst geworden ist und dadurch fähig ist, andere dabei zu unterstützen ihren inneren Weg zu finden» erklärt Angaangaq. Er sei ein ganz normaler Mensch, er habe lediglich dem Wunsch seiner Familie entsprochen und das Erbe des Schamanen angetreten.

Die traditionellen Lehren weitergeben

Das Wissen der Eskimo-Kalaallit Kultur wurde über Tausende von Jahren von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Nun ist Angaangaq an der Reihe, er möchte die Lehren und Weisheiten seines Volkes mit der ganzen Welt teilen. Lehren, die in einer Welt wie der unseren, längst vergessen scheinen. «Viele haben vergessen, wie schön diese Welt ist. Wir tun Dinge, die unserer Erde schaden und das nur für Macht und Geld. Wir müssen uns wieder daran erinnern, wie schön Mutter Erde ist – wenn wir sie nur lassen.» Seine Arbeit brachte den Schamanen bereits in über 70 Länder. Als Redner bei wichtigen Konferenzen setzt er sich für Umwelt, Klima und indigene Themen ein.

«Vor ein paar Tagen war ich am Zürcher Hauptbahnhof und du wirst es kaum glauben, aber niemand hat mich angelächelt, niemand!

 

«Vor ein paar Tagen war ich am Zürcher Hauptbahnhof und du wirst es kaum glauben, aber niemand hat mich angelächelt, niemand!», erzählt Angaangaq enttäuscht. «Schwindet das Lächeln, so schwindet auch die Freude, denn der Weg zur Freude beginnt mit einem Lächeln», heisst es in seiner Tradition. Es sei wichtig, die Sprache des eigenen Herzens zu kennen.

Das Leben feiern

Bei Seminaren und Einzelsitzungen begleitet Angaangaq Personen auf ihrem Lebensweg. «Ich kann Emotionen riechen, die Aura sehen und spüren ob jemand krank ist», erklärt er. Die Menschen kommen mit verschiedenen Anliegen und Lebensthemen zu ihm. Als Schamane sieht Angaangaq seine Aufgabe darin, ihnen zu mehr Wohlbefinden zu verhelfen. So möchte er jene, die eine Sehnsucht nach dem echten Leben, voller Schönheit, Kraft und Energie haben, an die Hand nehmen.

In seiner Heimat werden zu diesem Zweck regelmässig Zeremonien gefeiert. «Zeremonien heben den Geist, öffnen das Herz und helfen persönliches Gleichgewicht zu finden», erklärt Angaangaq. «Meine grösste Verantwortung als Schamane besteht darin, verlorene Zeremonien zurück zu bringen. Ohne Zeremonien bist du einfach nur da: Du schläfst, stehst auf, isst, gehst zur Arbeit, schaust Fernsehen, surfst im Internet, gehst zu Bett. Du bist den ganzen Tag beschäftigt, aber keinen Augenblick lebendig.» Eine Zeremonie kann alles sein, solange sie bewusst und mit der richtigen Absicht geschieht. Zum Beispiel morgens aufstehen und den Tag mit einer bewussten Geste begrüssen. Oder am Abend noch einmal in den Himmel hinaufschauen und seine Weite aufnehmen.

«Ohne Zeremonien bist du einfach nur da: Du schläfst, stehst auf, isst, gehst zur Arbeit, schaust Fernsehen, surfst im Internet, gehst zu Bett. Du bist den ganzen Tag beschäftigt, aber keinen Augenblick lebendig.»

 

Am Abend darf ich eine traditionelle Zeremonie zur Feier des Vollmondes miterleben. «Wir leben nach dem Mondkalender. Sonne und Mond sagen dir wie alt du bist», erklärt Angaangaq.Während alle Anwesenden in einem Kreis auf einer Wiese stehen, singt und trommelt der Schamane laut. Er reinigt unseren Geist von schlechten Gedanken und Gefühlen, indem er allen den Rauch von brennendem weissen Salbei zufächert. Anschliessend begrüssen wir den schönen Mond und feiern das Leben.
Ich gehe beflügelt nach Hause – mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Ein bisschen Magie war das schon!