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Interview

«Die USA sind in den Klauen von Irren!»

Donna Leon (77) ist die Akkordarbeiterin unter den Krimi-Autorinnen: jedes Jahr ein neues Buch. Im Interview erzählt sie, wo sie die schlimmste Zeit ihres Lebens durchmachte und weshalb sie auf keinen Fall mehr in ihrer alten Heimat leben könnte.

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Christoph Kaminski
27. Mai 2019

Wenn Donna Leon mit dem Schreiben eines Krimis anfängt, kennt sie den Verbrecher noch nicht. Manchmal hat sie erst auf Seite 300 (!) den Geistesblitz, wer die Tat begangen hat.

Donna Leon, Guido Brunetti löst bereits seinen 28. Fall. Hat der arme Commissario nicht das Recht, sich pensionieren zu lassen?

(Sie beginnt zu pfeifen und blickt zur Decke hinauf.) Ihre nächste Frage lautet?

Er muss also weiterarbeiten.

Als ich damals meinen ersten Krimi schrieb, verzichtete ich aus Faulheit darauf, ihm ein Alter zu geben. Das war mein Glück, weil sich das bewährt hat. Diese Bücher sind zeitlos, Sie finden deshalb auch nie eine Jahreszahl. Hätte ich im ersten Buch zu Beginn der Neunzigerjahre geschrieben, wie alt Brunetti ist, wäre er heute reif für die Rente. Dann müsste ich mir einen neuen Kommissar suchen. So aber ist er immer gleich alt.

Es klingt lustig, wenn Sie sich als faul bezeichnen. Wo Sie doch jedes Jahr ein Buch abliefern. Steht das auch so im Vertrag?

Nein, der Verlag fragt mich nie. Ich selber spüre die Pflicht, dass jedes Jahr ein neuer Krimi erscheint. Ich mache einfach meinen Job – und ich mache ihn gut. Ich weiss, dass immer Anfang Mai das neue Buch fertig sein muss. Weil es auch noch vom Englischen ins Deutsche und ins Spanische übersetzt werden muss. Jeder neue Fall fusst auf Teamwork.

Aber auf Italienisch erscheint das Buch nicht.

Nein. Ich will weiterhin unerkannt durch Venedig laufen können.

Wie entwickeln Sie einen Krimi-Fall?

Eine Idee über ein bestimmtes Thema muss zu Beginn vorhanden sein. Ich habe zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Ahnung, wie die Geschichte ausgeht. Es gibt kein Konzept. Es wird Sie erstaunen, aber ich fühle mich nicht wie die Autorin, sondern wie die Leserin, die nicht weiss, was im nächsten Moment passiert. Vor ein paar Wochen war ich auf Seite 300 meines nächsten Buches und es gab noch zwei Personen, die für das Verbrechen infrage kamen. Beim Salatwaschen kam mir der Geistesblitz: Da wusste ich, wer der Mörder ist und wie ich alles drehen muss, damit es passt. Nach 300 Seiten!

Das ist wirklich erstaunlich.

Noch erstaunlicher ist aber, dass es Leser gibt, die mir sagen: Nach vier Kapiteln ahnte ich, wer der Mörder ist. Das finde ich grossartig, sie wissen mehr, als ich zu diesem Zeitpunkt wusste. Auch den Titel weiss ich zu Beginn noch nicht. Ein paar Mal fiel er mir während eines Opernbesuches ein. Offenbar wirkt die Musik dort inspirierend auf mich.

Wie fühlen Sie sich am Ende eines Buches?

Erleichtert. Obwohl ich weiss, dass noch viel Arbeit auf mich wartet. Weil ich noch ein paar Stellen im Buch anpassen muss, da ich den Verbrecher erst so spät kannte. Dafür sorgt meine Lektorin, die jede Unstimmigkeit erkennt: Zwei Typen sind zu Beginn miteinander verwandt, am Ende des Romans jedoch miteinander verheiratet. Sie ist für eine Chaotin wie mich ein Geschenk des Himmels.

Ist Schreiben immer nur Freude?

Es gibt Momente, da komme ich nicht weiter. Also gehe ich nach draussen. Ich muss mir vorher nur einen Hut aufsetzen, dann kann ich das unerkannt tun. Oder ich setze mich ins Café, wo ich die Menschen beobachte, wie sie sich bewegen. Oft bringen mich auch die Gespräche meiner Freunde auf eine Idee.

Warum immer Krimis und nicht einmal ein normaler Roman?

Als ich mich in meiner Doktorarbeit Jane Austin widmete, las ich bereits viele Kriminalromane. Die Anlage eines Krimis gefiel mir: Zuerst das Verbrechen, dann die Untersuchung mit den verdächtigen Personen, schliesslich die Auflösung des Falles mit den Reaktionen der Beteiligten. Irgendwann fand ich: Ich versuche das auch einmal. Und weil ich so viele Krimis gelesen hatte, fühlte ich mich auf dem Gebiet heimisch.

Sie haben nie geheiratet. Eine bewusste Entscheidung?

Nein. Es hat mich nie jemand gefragt. (Sie fängt an zu weinen – natürlich nur zum Spass.) Als ich mit dem Krimi begann, betrachtete ich Guido Brunetti als meinen Mann. Ich sagte mir: Ihm widme ich die nächsten Monate meines Lebens. Nun sind es bald 30 Jahre, dass er an meiner Seite ist. Er ist ein treuer Ehemann.

Ist er Ihnen in all den Jahren nie so auf die Nerven gegangen, dass Sie sich von ihm trennen wollten?

Nein. Ich habe darauf geachtet, dass er eine sympathische Person ist, humorvoll, ein Bücherfreund und kultiviert. Von einem solch interessanten Menschen trennen Sie sich nicht leichtfertig.

Guido Brunetti ist eine Ausnahme. Die meisten Kommissare sind unsympathische Typen, mit denen man es nicht lange aushalten würde.

Schauen Sie sich an, wie sie aussehen! Strassenhunde haben mehr Stil. Wie sie sich ernähren, mit Hamburgern und fettigen Frites. Dazu sind sie frauenfeindlich, haben sexuelle Probleme und sind unfassbar unglücklich mit ihrem Dasein. Ich aber will meine Lebenszeit nicht mit einer solch unerträglichen Figur verbringen. Guido Brunetti ist anders, mit ihm fühle ich mich wohl.

Sie sind in den USA aufgewachsen. Was haben Ihre Eltern Ihnen auf den Weg mitgegeben?

Sie sagten nie: Schau, dass du auf der Karriereleiter nach oben steigst. Sondern: Suche dir etwas, das dich erfüllt. Und wenn du es gefunden hast, knie dich voll rein. Lesen war sehr wichtig in ihrem Leben, das habe ich von ihnen. Und sie hatten viel Sinn für Humor – ein Humor, der einfach zu unserer Familie gehört. Ich erinnere mich an die Beerdigung meiner Mutter. Sie war Raucherin und ist daran gestorben. Als ich zu ihrem Grab kam, sah ich einen Zigarettenstummel auf dem Boden und sagte: «Oh, zum Glück haben sie sie zu den Rauchern gelegt.» Mein Bruder und seine Frau lachten laut los, der arme Pfarrer aber war mit der Situation überfordert. Ich glaube, das war ihr Geist, der mich diese Bemerkung machen liess. Sie hatte einen grossartigen Humor.

Wie haben sich die USA seit damals verändert?

Ich erkenne mein Land nicht mehr. Früher musste bei uns niemand die Tür abschliessen. Das Geld hatte noch nicht die Herzen der Menschen erobert, es galten andere Werte. Früher waren wir Optimisten und glaubten, dass wir die Welt erobern können. Heute ist davon in den USA nichts mehr zu spüren. Das Land ist zerfressen vom Hass. Das war während meiner Jugend anders, wenn man einmal vom Rassismus gegenüber den Afroamerikanern absieht, der leider eine traurige Konstante in diesem Land ist. Ich könnte nicht mehr in den USA leben.

Es werden aber auch wieder andere Zeiten kommen.

Diese Regel macht Hoffnung, in guten Zeiten stimmt sie jedoch traurig. Ich erinnere mich an meine Freundinnen, wie sie jubelten, als der Oberste Gerichtshof 1973 den Schwangerschaftsabbruch erlaubte: «Wir haben gewonnen!» Ich aber warnte: «Ja, wir haben gewonnen. Aber für wie lange? Warten wir erst mal ab.» Heute, fast fünf Jahrzehnte später, sollen Abtreibungen wieder unter Strafe gestellt werden. Die USA sind derzeit in den Klauen von Verrückten!

«Meine Eltern sagten nie: Schau, dass du auf der Karriereleiter nach oben steigst. Sondern: Such dir etwas, das dich erfüllt!»

«Wie die Kommissare aussehen! Hunde haben mehr Stil!»

 

Sie lebten lange in Venedig, heute verbringen Sie die meiste Zeit im Val Müstair in Graubünden. Warum?

Venedig hat sich sehr verändert. Die Stadt ist überfüllt, man kommt oft kaum mehr durch die Strassen. Es hat immer weniger Einheimische, eine Bar nach der anderen geht in chinesische Hand über. Ich sehe nichts, das mich optimistisch stimmt. Also verbringe ich so viel Zeit wie möglich in den Schweizer Bergen.

Wann werden Sie Schweizerin?

Wenn sie mich akzeptieren, dann in diesem Sommer. Ich habe mich jedenfalls auf die Prüfungen vorbereitet und kenne auch die Namen der sieben Bundesräte.

Was gefällt Ihnen am Val Müstair?

Es ist ein wunderschöner Ort, aber nicht so chic wie St. Moritz. Die Menschen sind einfache Bauern. Das gefällt mir, denn mein deutscher Grossvater war ein Bauer. Das Leben ist sehr einfach und damit genau das, was ich in meinem Alter brauche. Sex, Drugs and Rock’n’ Roll interessieren mich nicht mehr.

Nicht mehr?

Okay, Drogen interessierten mich nie. Aber während der Zeit des Schahs lebte ich im Iran unter Freidenkern. Das war Mitte der Siebzigerjahre eine interessante Erfahrung für mich, auch wenn es nicht meine Welt war.

Wie erlebten Sie den Sturz des Regimes?

Er war keine Überraschung. Der Schah überlud das Fuder. Er war ein Dummkopf, der das Volk nicht spürte und es bestahl. Wenn er irgendwohin kam, waren die Strassen gesäumt von prächtigen Blumen, die sofort wieder ausgegraben wurden, wenn er weg war. Irgendwann war es zu viel des Schlechten und er wurde gestürzt. Von Machthabern, die kein bisschen besser sind, weil sie Politik und Religion miteinander vermischen. Und das ist sehr gefährlich.

Sie gewannen im Iran ein Tennisturnier. Wo steht der Pokal?

Ich musste ihn zurücklassen, als wir aus dem Land flohen. Wir waren vier Spielerinnen, ich gewann und war sehr stolz auf diesen grossartigen Sieg. (Lacht.) Viel wichtiger für mein Leben war aber, dass beim Sturz des Schahs meine Doktorarbeit über Jane Austen konfisziert wurde. Ich fühlte mich befreit.

Weshalb? Immerhin waren auf einen Schlag fünf Jahre Arbeit futsch.

Hätte ich die Doktorarbeit abgeschlossen, wäre ich auf der akademischen Karriereleiter gelandet. Das wollte ich aber nicht. Mit dem Verlust des Manuskripts war dieses Thema abgehakt. Das machte mich froh. Ich hatte das Gefühl: Die Welt steht mir nun offen.

Auf welche Erfahrung hätten Sie gerne verzichtet?

Die Zeit in Saudi-Arabien, als ich dort als Lehrerin arbeitete, war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Nie wieder war ich so unglücklich. Die neun Monate waren die Hölle. Weil ich eine Frau war. Ständig masturbierten Männer in der Öffentlichkeit vor mir, im Bus oder an der Haltestelle. Alle Frauen, die ich kannte, erlebten dasselbe.

Wenn dieses Gespräch nun gleich zu Ende geht, werden wir als Erstes unsere Handys zücken und schauen, ob es Nachrichten gibt. Ausser Sie: Sie haben kein Handy. Viele beneiden Sie dafür.

Nicht wenige meiner Freunde fühlen sich vom «Telefonino» fast so bedroht wie von einer Pistole. Das will ich nicht. Es mag für die heutige Generation unglaublich klingen: Aber es ist tatsächlich möglich, ohne Handy zu leben! Wenn der Verlag etwas von mir braucht, ruft er zu Hause an oder schickt mir eine Mail. Dann macht es auf meinem Computer «bling» – ein wunderbarer Ton. Weil er mir erlaubt, das Schreiben zu unterbrechen. Manchmal warte ich richtiggehend darauf, dass ich dieses wunderbare «bling» höre.

Donna Leon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 


Krimibestseller-Autorin

In 35 Ländern erschienen

Donna Leon, 1942 in New Jersey (USA) geboren, liess sich 1981 nach mehreren Auslandsaufenthalten in Venedig (I) nieder und unterrichtete an der Universität englische und amerikanische Literatur. Während eines Opernbesuches ereiferte sich ihr Begleiter über den Dirigenten: «Ich könnte ihn umbringen!» Sie beruhigte ihn: «Ich machs für dich, in einem Krimi.» So erfand sie die Krimireihe mit Commissario Guido Brunetti. Soeben ist der 28. Fall erschienen: «Ein Sohn ist uns gegeben.»