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Interview

Seine Durchlaucht, der Erbprinz

Das Fürstentum Liechtenstein feiert in diesem Jahr sein 300-jähriges Bestehen. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein (51) erzählt im Exklusiv-Interview, ob er gerne im Schloss wohnt und warum nur Männer Fürst werden können.

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Christoph Kaminski, Keystone
28. Oktober 2019
Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein sieht sich in der Verantwortung, das Erbe gut an die nächste Generation weiterzugeben.

Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein sieht sich in der Verantwortung, das Erbe gut an die nächste Generation weiterzugeben.

Durchlaucht, Liechtenstein verfügt über keine eigene Armee. Wie passt das zur Souveränität Ihres Landes?

Liechtenstein ist in der Staatengemeinschaft anerkannt. Es gibt grössere Staaten, etwa Costa Rica, die auch ohne Armee auskommen. Wir haben eine bewaffnete Polizei, welche intern die Sicherheit garantiert. Eine militärische Verteidigung war für einen Kleinstaat wie den unsrigen nie eine Option. Wir bemühen uns seit jeher um Respekt, Anerkennung und gute Vernetzung. So kamen wir gut durch drei Jahrhunderte.

In der Tat feiert das Fürstentum dieses Jahr seinen 300. Geburtstag, im Vergleich zur Schweiz ist Liechtenstein ein eher junger Staat.

Im europäischen Kontext sind wir durchaus ein alter Staat. Ausserdem existieren wir seit 300 Jahren in denselben Grenzen. Das ist aussergewöhnlich in Europa.

Im Fürstentum Liechtenstein ist Ihr Vater, Hans-Adam II., der Fürst, dann gibt es auch einen Regierungschef. Welche ist genau Ihre Aufgabe als Erbprinz?

Seit 2004 nehme ich in Stellvertretung des Fürsten die Funktion des Staatsoberhauptes wahr. Das ist meine Arbeit. Die Regierung ist für das operative Tagesgeschäft zuständig, während ich mich auf die grundlegenden und langfristigen Fragestellungen konzentriere. Vergleichen wir es mit einem Unternehmen: Die Regierung ist das Top-Management, ich präsidiere den Verwaltungsrat.

Welche Bedeutung hat es für Sie persönlich, Teil eines alten Adelsgeschlechts zu sein?

Es erfüllt einen schon mit Stolz. Gleichzeitig ergibt sich daraus eine grosse Verantwortung, dass man das Erbe gut an die nächsten Generationen weitergibt. Dies gilt für die Familie und die eigenen Nachkommen, aber im Falle der Erbmonarchie auch für den ganzen Staat.

Ist eine Erbmonarchie mit dem modernen Staatsverständnis im 21. Jahrhundert noch vereinbar?

Es gibt gute Argumente für die Erbmonarchie. In Liechtenstein haben wir eine besondere Form, weil wir eine parlamentarische Demokratie mit starken monarchischen und direktdemokratischen Elementen verknüpfen. Das monarchische Element bringt Stabilität und Langfristigkeit in die Politik. Gleichzeitig haben wir viel Bürgernähe dank der direktdemokratischen Elemente. Selbst der Monarch muss dank der direkten Demokratie das langfristige Interesse des Volkes im Auge behalten. Es gibt das Misstrauensvotum und sogar die Abschaffung der Monarchie ist in der Verfassung geregelt.

«Das Volk kann immer noch die Notbremse ziehen.»

 

Das ist wirklich kurios: Der Fürst hat ein Vetorecht, doch die «Untertanen» können den Monarchen in einer Abstimmung abschaffen.

Ja, das ist weltweit einzigartig. Den Artikel haben wir 2003 in die Verfassung aufgenommen. Wir haben Vor- und Nachteile einer Monarchie abgewogen. Und der Hauptnachteil der Monarchie kann eintreten, wenn eine Person im Amt nicht mehr tragbar ist. Das Volk kann immer noch die Notbremse ziehen.

Liechtenstein liegt zwischen Österreich und der Schweiz. Welches Land ist Ihnen näher?

Aufgrund des Zollvertrags mit der Schweiz und der gemeinsamen Währung liegt den Liechtensteinern die Schweiz näher. Viele gehen auch zum Studium in die Schweiz, weil die Schweiz der alemannischen Mentalität der Liechtensteiner mehr entspricht. Meine Familie kommt aber ursprünglich aus Ost-Österreich. Viele Familienmitglieder leben auch noch dort. Ich befinde mich da möglicherweise mehr in einer Mitte-Position als die üblichen Liechtensteiner, auch wenn ich hier in Vaduz aufgewachsen bin.

Die Fürstenfamilie vor dem Schloss Vaduz (v. l. n. r.): Fürst Hans-Adam II. und Fürstin Marie, Erbprinzessin Sophie und Erbprinz Alois.

Sie leben im Schloss. Ist das Leben wirklich so romantisch hier, wie man es sich als Normalbürger vorstellt?

Es hat viel Charme, aber es gibt auch Nachteile. Wir haben zwar einen Garten, aber um zu ihm zu gelangen, muss man das Schloss verlassen und fünf Minuten laufen. Das ist etwas umständlich, vor allem mit Kleinkindern. Zu bedenken ist, dass der Unterhalt eines Schlosses kostspielig ist und viel Personal erfordert.

Ihre Familie ist aber sehr vermögend. Welche Bedeutung haben Besitz und Reichtum für Sie?

Für das Fürstenhaus und mich persönlich liegt der Hauptvorteil von Besitz in der wirtschaftlichen Unabhängigkeit, die in meinem Fall auch politische Unabhängigkeit bedeutet. Gleichwohl haben in unserer Familie nicht nur materielle Werte Geltung. Das ist gerade bei der Erziehung von Kindern wichtig, die wir manchmal sogar etwas kurzhalten. Sie müssen lernen, dass Vermögen schnell wieder verschwinden kann.

Wie ist das Fürstentum zu so grossem Wohlstand gekommen?

Neben der grossen politischen Stabilität, der gut ausgebildeten Bevölkerung und der liberalen Marktordnung war für uns als Kleinstaat der freie Zugang zu den Weltmärkten entscheidend. Unsere Betriebe haben praktisch keinen Heimmarkt, sie müssen auf internationalen Märkten bestehen. Das ist ein hartes Pflaster, aber stellt auch eine hohe Wettbewerbsfähigkeit sicher.

Früher stand Liechtenstein als Adresse für Briefkastenfirmen und Steuerhinterzieher in der Kritik. Sie haben mit einer Weissgeldstrategie reagiert. Ist dieses Kapitel nun definitiv abgeschlossen?

Ja. In Zeiten des automatischen Informationsaustausches ist es so. Die Regulierungswelle ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. Es geht darum, geeignete Mittel zu finden, damit ein Finanzplatz nicht missbraucht werden kann.

Nur Männer können in der Erbmon- archie Fürst werden – und das in Zeiten der Gleichberechtigung!

Für uns dominiert der Blickwinkel der besten Governance. Eine der Stärken unseres Landes ist unsere hohe politische Stabilität. Und diese Stabilität wäre nicht gegeben, wenn wir auch eine weibliche Thronfolge hätten. Eine solche Ausweitung der Thronfolge würde dazu führen, dass die Mitgliedschaft im Fürstenhaus nicht nur über die männliche, sondern auch über die weibliche Linie weitergegeben würde. Dies hätte ein exponentielles Anwachsen der Mitgliedschaft im Fürstenhaus zur Folge, was die Stabilität beeinträchtigen würde. Man muss zudem sehen: In einer Erbmonarchie gibt es sowieso keine völlige Gleichheit, weil nur eine Person als Staatsoberhaupt vorherbestimmt ist.

Eine wichtige Rolle spielt laut Verfassung der katholische Glaube. Wie ist das Verhältnis zu Erzbischof Haas, Erzbischof von Vaduz, der in seinem früheren Bistum in Chur bekanntlich sehr umstritten war?

Es stimmt: Wir stehen der katholischen Kirche nahe. Gegenüber der Einrichtung des Erzbistums hier in Vaduz waren wir kritisch eingestellt. Wir wollten sie nicht als eine Lösung des sogenannten Personalproblems von Chur betrachtet sehen. Nun ist es aber so, und wir versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen.

Prinz Alois von und zu Liechtenstein, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Der Erbprinz

Erbprinz Alois Philipp Maria von und zu Liechtenstein, Graf zu Rietberg, wurde am 11. Juni 1968 geboren. Er ist der älteste Sohn von Hans Adam II. und Thronfolger. Seit 2004 ist er amtsausführender Stellvertreter des Fürsten von Liechtenstein. Er ist verheiratet mit Sophie (52), geborene Herzogin in Bayern. Das Paar hat vier Kinder und lebt auf Schloss Vaduz.