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Interview

«Ich muss nicht mehr bluffen»

Schriftstellerin Federica de Cesco erklärt, warum die Frau von Natur aus stark ist und was sie unter der perfekten Liebe versteht – und sie erzählt, welchen Trick sie angewendet hat, um ihren Mann kennenzulernen.

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Mischa Christen
08. Juli 2019

Federica de Cesco bringt mit ihren 81 Jahren nichts mehr so schnell aus der Ruhe: «Man denkt: Uff, alles schon da gewesen. Warum regen die sich so auf?»

Der See ist noch grauer als der Himmel an diesem Morgen. Und doch ist die Stimmung im Seerestaurant Tivoli in Luzern gut. Federica de Cesco winkt den Gästen zu und umarmt den Chef Claude Zeder, die Tische zwischen den Tennisplätzen sind ihr zweites Zuhause. Derzeit schreibt die 81-jährige Schriftstellerin ihr 100. Buch.

Federica de Cesco, wir treffen uns um 10 Uhr. Sind Sie ein Morgenmensch?

Ich bin seit 6 Uhr wach. Als Erstes ass ich ein grosses Birchermüesli, zwei Butterbrote mit Rührei, Käse und Konfitüre und trank drei Tassen Kaffee, denn ohne Frühstück fühle ich mich wie ein Zombie. Dann ging ich joggen – wie jeden Morgen. Dem Seeufer entlang bis zum Hotel Seeburg. Mein Mann begleitete mich, walkend und meditierend. Später erledigte ich meine elektronische Post.

Nach Ihrem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr kam Ihr Roman «Der englische Liebhaber» auf den Markt. Eigentlich der richtige Zeitpunkt für den Ruhestand!

Der ist ein frommer Wunsch! (Lacht.) Vor ein paar Wochen fragte ich meinen Mann, wie viele Bücher ich geschrieben habe. Ich schätzte so gegen 80. Er sagte mir, dass ich derzeit an meinem 100. Buch sässe.

Wo spielt Ihr 100. Buch?

Im Milieu der Archäologen. Es heisst «Die Sprache der Steine». In Anatolien hat ein Forscher die Spuren eines Tempels gefunden, der 14 000 Jahre vor Christus erbaut wurde. Und um diesen Tempel und die Geschichten auf seinen Steinen dreht sich das Buch.

Haben Sie schon vor dem ersten Wort die ganze Geschichte im Kopf?

Den Plot ja. Ansonsten entwickelt sich die Geschichte während des Schreibens, oft auch auf unerwartete Art und Weise. Ein Buch ist wie ein Puzzle. Gerade musste ich ein eben verfasstes Kapitel an den Anfang der Geschichte stellen, obwohl ich bereits auf Seite 90 bin.

Und die Figuren stehen von Beginn an fest?

Zuerst war da der Vater, ein Archäologe. Dann habe ich mir überlegt, ob er eine Freundin haben soll. Nein, das sollte er nicht. Dafür eine Tochter. Aber keine ganz junge, die sollte 20 Jahre alt sein und ebenfalls Archäologin werden wollen. Die Tochter ist intuitiv, hat immer recht und ist ihrem Vater überlegen.

Also eine starke Frauenrolle wie in Ihren Romanen üblich?

Es ist doch normal, dass die Frau die Starke ist! Die Frau ist von Natur aus das starke Geschlecht. Da würde mein Mann nicht widersprechen. Ganz einfach schon deshalb, weil sie die Kinder zur Welt bringt. Das soll ihr ein Mann erst mal nachmachen!

Sie sind Feministin. Dafür standen Sie bereits in jungen Jahren ein: Als Röcke für Mädchen noch Pflicht waren, haben Sie Hosen getragen und sind deshalb vom Gymnasium geflogen. Hat Ihre Mutter Ihnen diese Werte mitgegeben?

Nein, nein. Meine Mutter war Hausfrau und kam aus einer bürgerlichen Familie. Meine Eltern haben ihre Sachen gemacht, ich meine. Sie kamen mir nicht in die Quere.

Ihre Mutter war nicht so stark wie Sie?

Stark war eher mein Vater. Er wollte Astronom werden, was seine Eltern ablehnten. Also wurde er Ingenieur und realisierte in Eritrea ein paar Bauten, die heute zum Unesco-Welterbe zählen. Obwohl er einen Herzfehler hatte und früh gestorben ist, hat er seinen Job gemacht und sich nie beklagt.

Die Sterne spielen auch in Ihren Romanen eine wichtige Rolle.

Als ich acht Jahre alt war und endlich ein paar Dinge begreifen konnte, ging mein Vater nachts mit mir spazieren, zeigte mir die Sternbilder und erzählte dazugehörige Mythen. Das hat mich geprägt.

Ein zentrales Thema Ihrer Bücher ist die Liebe. Haben Ihre Eltern Ihnen die grosse Liebe vorgelebt?

Sagen wirs mal so: Sie haben sich gut verstanden. Mein Vater brauchte meine Mutter. Er lebte stets etwas in den Sternen, und da war sie es jeweils, die ihn zurück auf die Erde holte.

Und Sie und Ihr Mann?

Wir sind symbiotisch. Einst wohnten wir in einem Studio. Jeder sass an einem Tisch­ende und machte seinen Kram. Ich schrieb, er lernte. Wer das ein Jahr lang kann, der kann auch heiraten. Nach 46 Jahren Ehe verstehen wir uns immer noch perfekt.

Perfekt?

Wenn in einer Tischrunde einer etwas erzählt, das wir anders empfinden würden – dann gucken wir uns an und wissen Bescheid. Antoine de Saint-Exupéry sagte mal, Liebe bestehe nicht darin, dass man einander anschaue, sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blicke. Das ist, was mein Mann und ich unter Liebe verstehen, dass wir dasselbe denken, dasselbe wollen und uns sozusagen blind verstehen.

Sie haben sich in einem Café in Paris kennengelernt. War es Liebe auf den ersten Blick?

Nein. Wir trafen uns unter dem Tisch auf allen vieren. Wir suchten nach einem Ring, den ich freiwillig verloren hatte.

Sie haben ihn absichtlich fallen lassen?

Ja, er war so ein schöner Japaner! Er war mit Bekannten im Café, ich ebenso, danach gingen wir getrennte Wege. Am nächsten Abend begegneten wir uns auf dem Boulevard Saint-Michel wieder. Danach gingen wir etwas trinken und haben uns nie mehr aus den Augen verloren. Er gehört zu den Männern, die elegant altern. Die meisten verlieren ihre Gesichtskonturen und der Bauch tritt hervor. Mein Mann ist schlank und sein Gesicht geht nach innen wie bei den Indianern, was seine Wangenknochen betont.

Wer ist der Stärkere?

Beide. Und beide nicht. Es ist eine ausgeglichene Beziehung. Abgesehen davon, dass ich furchtbar ungeschickt bin. Mit dem Alter wird das noch schlimmer. Da greift er jeweils vorschnell ein, damit es nicht zum Missgeschick kommt.

Was ist für Sie ein erfüllter Tag?

Wenn ich joggen und schwimmen war. Wenn mein Mann und ich zusammen zu Mittag gegessen und etwas den Nachmittag genossen haben. Oder wenn wir eine Reise machen, zum Beispiel nach London, den Morgen in Museen verbringen, am Nachmittag ein Musical und am Abend ein Konzert oder eine Tanzaufführung besuchen. Und dazwischen durch die U-Bahn rennen.

Wird man mit dem Alter weiser?

Das sollte man! (Lacht.) Je älter man wird, desto öfter sagt man sich: «Uff! Alles schon erlebt. Alles schon da gewesen. Warum regen die sich auf?» Ich bin so alt, dass ich mich überhaupt nicht mehr aufrege. Ausser über Missachtung der Menschenrechte und Tierquälerei. Man wird selbstsicher, man grinst über seine Fehler. Man weiss, was man weiss, und man weiss auch, was man nicht weiss.

Dann ist Älterwerden entspannend.

Man muss nicht mehr bluffen. Man traut sich nachzufragen, wenn man etwas nicht weiss, ohne dass einem ein Zacken aus der Krone fällt.

Was ist wichtig im Leben?

Glücklich zu sein in der Familie. Clever zu sein in der Erziehung der Kinder. Das ist nicht immer einfach. Die Kinder brauchen Halt in der heutigen Zeit. Einen ruhigen Pol. Und gleichzeitig müssen sie gelenkt werden, ohne dass sie die Zügel wahrnehmen. Dabei muss man sich bewusst sein, dass sie mehr merken, als man denkt. Aber es ist eine gute Generation, die derzeit heranwächst. Ich bewundere sie. Vor allem die Mädchen, die sich hinstellen und sagen, was nicht stimmt. Wie beim Klimawandel.

Als Kind waren Sie in vielen Ländern zu Hause. Ihr Vater ist Italiener, Ihre Mutter Deutsche. Fühlen Sie sich heute als Schweizerin?

Ich fühle mich als Schweizerin und als Europäerin. Nachdem ich 35 Jahre im Welschland gelebt hatte, zogen wir hierher. Luzern ist nicht zu gross und nicht zu klein, man kennt die Leute. Wir wollen hier nicht mehr weg. Wir fühlen uns integriert und angenommen. Das ist etwas sehr Schönes, so fühlt man sich heimisch. Man kann nicht alleine für sich leben, man muss mit andern leben. Erst die anderen machen einen glücklich! So ist jeder Mensch ein Spiegelbild dieser anderen Menschen.

Federica de Cesco, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.