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Interview

Harald Schmidt: «Ich kaue wie ein Löwe»

Der deutsche Entertainer Harald Schmidt über die Vorliebe für Fastfood, seine naturgegebene Faulheit und die Frage, wer recht hat – die EU oder die Schweiz.

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Basile Bornand
08. Juli 2019

Harald Schmidt ist fast «total erfüllt» – ein wenig Luft nach oben muss bleiben.

Wenn er vor einem steht, wirkt Harald Schmidt mit seinen 1,94 Metern noch grösser als im Fernsehen. «Meine Grösse ist ein Vorteil», findet die 61-jährige Late-Night-Show-Legende beim Gespräch im Kölner Hotel Excelsior, «weil ich so besser auf die anderen herunterblicken kann.» An Selbstbewusstsein hat es «Dirty Harry», wie er wegen seiner zynischen Sprüche genannt wird, noch nie gefehlt. Harald Schmidt gehört zweifellos zu den bekanntesten deutschen Gesichtern – nur wenig weiss man allerdings über seine Essgewohnheiten. Das soll sich hier ändern.

Harald Schmidt, sind Sie ein Feinschmecker oder bedeutet essen für Sie bloss Nahrungsaufnahme?

Nahrungsaufnahme. Ich tue zwar so, als würde ich auf Gesundes Wert legen, wenn die Kinder zuschauen. Aber wenn es nach mir ginge, könnte ich zum Frühstück auch Currywurst mit Pommes essen. Ich esse wahninnig gerne das, was auf Bahnhöfen angeboten wird. Sandwiches, heisse Wurst, Mettwurst gleich draussen am Kölner Bahnhof bei Mister Bock. Nur Döner kommt für mich nicht mehr infrage, seit ich mal gelesen habe, wie lange das Fleisch unterwegs ist, bis es auf dem Spiess landet. Aber sonst? Also mit dem ausschweifenden Kochen, dem Zelebrieren von Essen habe ich gar nichts am Hut. Ich amüsiere mich höchstens darüber.

Weshalb?

Die werden da sechs Stunden lang von diesen Hobbyköchen bekocht und müssen ständig loben. «Sensationell! Fantastisch! Grandios!» 

Sie hätten einen hervorragenden «Tatort»-Kommissar abgegeben: Die Ermittler ernähren sich auch vor allem von Fastfood. Sie aber haben nach Ihrer Zusage wieder abgesagt. Warum?

Ich habe die Pressekonferenz mit den Dreharbeiten verwechselt. Ich fand die ganze Aufregung super, merkte aber, dass das zu anstrengend gewesen wäre. Dann hätte ich morgens um 5 Uhr im Anorak irgendwo im Schwarzwald stehen und sagen müssen: «Deckt die Kinderleiche ab!» Da habe ich lieber wieder abgesagt.

Ihr Lieblingsort zu Hause?

Die Küche. Dort kann ich auch meine Lieblingstätigkeit verrichten: die Geschirrwaschmaschine ein- und ausräumen. Bei uns wird viel gekocht. Und weil ich nicht kochen kann, bediene ich die Geschirrwaschmaschine. Es bleibt immer viel stehen bei uns nach dem Kochen. Dafür bin ich dann zuständig. Ich bin da richtig gut. An einem Sonntag mache ich das bis zu viermal.

Viermal am Tag? Es wäre interessant zu wissen, wie ein Verhaltenspsychologe das erklären würde. 

Ich habe gelesen, dass Schwerkriminelle oft einen panischen Ordnungsfimmel haben, um den inneren Schmutz zumindest äusserlich wegzuschrubben. Klingt nach Küchenpsychologie – passt doch zum Thema. (Lacht.)

Ihre Meinung zu Vegetariern?

Jeder soll das tun, was er für richtig hält. Andere treiben exzessiv Sport. Mein Ding ist es nicht. Waren Sie schon mal an einem vegetarischen Grillfest?

Nein.

So viel Elend können Sie sich gar nicht vorstellen. Es war grauenhaft. Angekohlte Peperoni und solche Sachen …

… Jamie Oliver zeigt in seinen Sendungen, dass Peperoni aussen total verkohlt sein dürfen. Umso besser schmecken sie innen.

Darum ist er ja auch pleite. Nein. Wenn ich etwas Angekohltes esse, dann eine richtig fette Bratwurst an einer Sauce, die aus 90 Prozent Zucker besteht, oder ich lasse es bleiben. Ich bin von Leuten umgeben, die sich dauernd mit diesen Dingen beschäftigen: Yoga, Pilates, veganes Essen. Das interessiert mich alles nicht, ausser wenn ich mich da börsenmässig reinhängen kann. Wenn es einen Achtsamkeitsfonds gibt, bin ich dabei. Aber wie gesagt: Jedem das Seine. Wenn einer morgens zwei Stunden lang sein Müesli zusammenmischen will, bevor er in sein Co-Working Space fährt, ist ihm das unbenommen. Ich aber kaufe lieber ein Fertiggericht bei Coop, am besten von Nestlé hergestellt. (Lacht.)

Gehen Sie selber einkaufen?

Ja, mit einer Einkaufsliste, auf der steht, was ich mitbringen soll. Für mich ist Einkaufen Überlebens- und Entspannungstraining zugleich. Es macht mir grossen Spass, Rentner mit Rollator den Vortritt zu gewähren. Die kommen leicht aggressiv daher geschoben, weil sie glauben, dass ich ihnen den Weg abschneide. Ich sage dann: «Bitte sehr!» Was sie total überrumpelt. Denn damit haben sie nicht gerechnet.

Wie lauteten die Essregeln Ihrer Jugend?

Der Teller wird leer gegessen. Dazu der Satz: «Ich habe noch Menschen wegen einer Scheibe Brot sterben sehen.» In den Nachkriegsjahren setzte irgendwann die sogenannte Fresswelle ein, bei der die Menschen unglaublich fett assen, um die jahrelangen Entbehrungen zu kompensieren.

«Wenn ich etwas Angekohltes esse, dann eine richtig fette Bratwurst an einer Sauce aus 90 Prozent Zucker.»

 

Kauen oder schlingen Sie?

Ich kaue. Dadurch speichle ich ein, was der erste Schritt für eine sinnvolle Verdauung ist. Das habe ich in der Franz-Xaver-Mayr-Kur gelernt: Sie kauen jeden Bissen 32 Mal – genau wie ein Löwe! Sie müssen aber wissen, dass es doof aussieht. Am liebsten würden Sie Ihrem Gegenüber, der so draufloskaut – ich formuliere es für Ihr Bergvolk ganz rustikal – in die Fresse hauen.

Essen Sie nach 20 Uhr?

Wenns geht, dann nicht mehr. Ich versuche seit anderthalb Jahren dieses 16/8, das gerade in aller Munde ist: Innerhalb von acht Stunden essen und dann 16 Stunden nichts mehr. Es ist sensationell. Keinerlei Sodbrennen mehr, die Gewichtsprobleme sind weg und auch der Schlaf ist jetzt wunderbar. Kann ich nur empfehlen.

Wer berühmt und vermögend ist, gibt heute damit an, dass er den Tag mit Schwimmen beginnt. Sie auch? 

Nein, ich lasse für mich schwimmen.

Haben Sie ein Hobby?

Nein. Ich bin Nachrichten-Junkie, aber nur im Rahmen der Verwertbarkeit. Ich ziehe alles rein. EZB, Brexit, Boris Johnson, Le Pen, Macron. Und schon ist wieder eine Woche rum.

Also kein Hobby wie Fliegenfischen oder was Ähnliches?

Da bräuchte ich eine Ausrüstung dafür. Und müsste extra wohin fahren. Das ist nichts für mich.

Dann stimmt also, was Manuel Andrack, der einstige Sidekick bei Ihrer Late-Night-Show, über Sie gesagt hat: Sie seien naturgegeben sehr faul. 

Ja, das stimmt. Der Unterschied zu ihm war: Er war auch faul, ihm sah man es aber an. (Lacht.) Ich kaue nicht nur wie ein Löwe, ich bin auch vom Sternzeichen her einer und teile meine Kräfte ein. Ich habe mal vor ein paar Jahren eine Safari in Afrika gemacht und fühle mich seitdem bestätigt. Bei den Löwen sind es die Frauen, die auf die Jagd gehen und das Fressen verteilen. Der Mann liegt währenddessen faul unter dem Baum und greift erst ein, wenn er zur erlegten Giraffe geht. Er bewegt sich keine Sekunde sinnlos. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. In der Natur zählen nur zwei Grundbegriffe und da sind wir sehr nahe bei Coop: Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung. In der Natur gibt es kein entspanntes Gespräch abends bei einem Glas Rotwein.

Harald Schmidt ist für jeden Spass zu haben – auch auf dem Teller: «Wenn es nach mir ginge, könnte ich zum Frühstück auch Currywurst mit Pommes essen.»

Es ist halb zwei Uhr nachmittags. Keine Siesta? Keine Lust, faul unter dem Baum zu liegen?

Habe ich bereits hinter mir. Ich habe vorhin um elf kurz gepennt. Das war fast schon rentnermässig, wobei ich gelesen habe, dass das auch Ronaldo so handhabt. Er schläft ja fünfmal am Tag 45 Minuten lang. Ich schlafe wie gesagt sehr gut, vielleicht auch, weil ich alles über Schlafforschung lese, das ich in die Finger kriege. 

Was ist Ihr wichtigster Tipp für einen guten Schlaf?

Möglichst wenig Alkohol und immer den Schlaf innerhalb 24 Stunden zusammenzählen. Viele Rentner beklagen sich: «Ich kann nachts nur drei Stunden schlafen.» Sie vergessen, dass sie tagsüber schon neun Stunden irgendwo in der Ecke liegen und vor sich hin pennen. Der Rest ist das Übliche: Keine elektronischen Geräte im Schlafzimmer! Und immer zur selben Zeit aufstehen. Also nicht die Nummer: Am Wochenende schlafe ich richtig aus. Ich stehe morgens um sechs Uhr auf.

Auf einer Skala von 10 für «maximal glücklich» bis 0 für «total unerfüllt» – wo stehen Sie da?

Bei 9.

Was fehlt für die 10?

Ein bisschen Luft nach oben muss noch bleiben, deshalb sage ich nicht 10.

Sind Ihre Mitmenschen erfüllt?

Ich beobachte, wie sehr die alle damit beschäftigt sind, den Alltag abzuwickeln. Die meisten sind schwer unter Druck, alles auf eine Reihe zu kriegen: Job, Miete, Familie, einkaufen, 500 Fotos von Freunden pro Tag geschickt zu kriegen und alle anschauen zu müssen.

Sie bezeichnen sich als Beobachter. Wem schauen Sie sonst noch gerne zu?

Ich finde es lustig, wenn einer hackedicht ist. Und plötzlich die grössten Geheimnisse verrät, seinen Zahltag beispielsweise, mit dem Zusatz: «Das bleibt aber unter uns!» Genauso gut könnte er sein Geheimnis auf Facebook posten oder auf dem Zürcher Sechseläutenplatz mit dem Megafon herausposaunen.

Wenn jemand nach seiner Erfüllung sucht, was raten Sie ihm?

Dann sage ich ihm: Lass es bleiben! Bei uns ist die Lebensqualität so unglaublich hoch – all jenen, die trotzdem nach der maximalen Erfüllung suchen, rate ich, in den Sudan zu reisen. Da kommt niemand auf die Idee, einen Meditationskurs zu besuchen. Oder haben Sie schon mal von einem Achtsamkeitstraining in Ruanda oder in der Strasse von Hormus gehört? Das ist eine westliche Wohlstandserscheinung. Wenn Sie im Sudan nicht achtsam sind, fliegen Sie in die Luft. 

Sie haben so viele Dinge gemacht in Ihrem Leben. Sind Sie ein Getriebener?

Heute schaue ich, was auf mich zutreibt. Ich bin offen für vieles, zum Beispiel auch für ein Interview in der Coopzeitung oder bei der Apotheken-Umschau. Die sind interessant, weil sie die deutlich höhere Streuung haben als NZZ oder Süddeutsche. 

 Schmidt (r.) mit Interviewer Schmid: «Der Mann liegt faul unterm Baum.»

Die Reichweite als wichtiges Kriterium.

Eindeutig. Was gratis an der Kasse liegt und eine Millionenauflage hat, ist hochinteressant.

Was essen Sie, wenn Sie in der Schweiz sind?

Endlich! Ich bin ein grosser Schweizfan. Wenn ich bei euch den Mülleimer auslecken würde, wäre das immer noch BioQualität vom Feinsten aus den Bündner Alpen. Ich liebe es deftig. In Pontresina darfs gerne auch mal ein Bündner Teller sein.

Ihre ersten Erinnerungen an die Schweiz?

Wir sind jeden Sommer mit der Familie nach Sargans auf einen Bauernhof gefahren, mindestens 15 Jahre lang. Wir haben heute noch Kontakt dorthin, meine Mutter war eben erst wieder zu Besuch.

Was sollen sich die Schweizer bewahren?

Den Glauben, sie seien neutral und dass sie nichts mit der EU zu tun hätten – 
ausser den 3486 bilateralen Verträgen.

Wer hat recht – die Schweiz oder die EU?

Wenn wir Glück haben, gehen wir gemeinsam unter. Oder noch besser: Ich möchte den Untergang der EU in der Schweiz erleben. Im Café Sprüngli. 

Sie spielen seit über zehn Jahren auf dem «Traumschiff» mit. Wie isst man an Bord?

Sehr gut. Sie können an Bord pro Tag sechsmal essen, wenn Sie wollen. Es gibt sogar Oktoberfest um elf Uhr morgens. Da tragen die philippinischen Kellner Lederhosen, karierte Hemden und Tirolerhüte. Es gibt Sauerkraut, Spanferkel, Würste und Weissbier. Und das auf Höhe Ecuador bei 42 Grad. Die Gesichtsfarbe vieler Passagiere ist da Tizianrot.

Also so ziemlich das Gegenteil von 16/8.

Genau. Am meisten freue ich mich immer auf den Kaffeeplausch um 15.30 Uhr. Ich bin dann um 15.27 Uhr da, um zu sehen, wie an der noch geschlossenen Tür gerüttelt wird. Manchmal rüttle ich selber mit, um die Wartenden zu unterstützen: «Haben die das vergessen?» Da habe ich grossen Spass daran.

Kein schlechtes Gewissen? Kreuzfahrtschiffe sind wahre Dreckschleudern.

Ja, aber der Grossteil der freien Presse auch.

Harald Schmidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Ganz meinerseits. Und Sie wissen ja: Ich lese meine Interviews nie gegen, bevor sie gedruckt werden. Bei mir gilt das gesprochene Wort.

Wie bei Michael Douglas und Roger Federer.

Das ist genau meine Liga. 

Grosser Entertainer

Breites Tätigkeitsfeld

Harald Schmidt, 1957 geboren, studierte Schauspiel in Stuttgart und machte sich (an der Seite von Herbert Feuerstein) mit dem verrückten TV-Comedy-Format «Schmidteinander» einen Namen; noch heute bekommt er von damals jugendlichen Zuschauern zu hören: «Bei Ihnen durfte ich Sonntagabend aufbleiben.» 1995 wurde er mit der «Harald-Schmidt-Show» auf SAT.1 zum deutschen Late-Night-König. Just als Roger Schawinski 2003 Senderchef wurde, kündigte Schmidt. Seitdem tanzt er auf vielen Hochzeiten: Er gibt in «Traumschiff» den Schifffahrtsdirektor Oskar Schifferle, spielt in Opern mit, sitzt an ausgewählten Champions-League-Abenden am Teleclub-Expertentisch. Schmidt lebt mit seiner Partnerin und fünf Kindern in Köln.