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Interview

«Der Erfolg ist Zugabe»

Herbert Grönemeyer (62) ist zwar eine lebende Legende, aber kein Popstar, der von seiner Vergangenheit lebt. Spielfreude, Kreativität und Engagement sind ungebrochen.

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Antoine Melis
21. Januar 2019

Herbert Grönemeyer: «Ich würde auch noch Musik machen, wenn ich in einer Bar oder in Jugendheimen auftreten müsste.»

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Herbert Grönemeyer, Sie sind der erfolgreichste deutschsprachige Popstar. Sie haben aber auch schon andere Zeiten erlebt: Anfangs der 80er-Jahre mussten noch Konzerte von Ihnen mangels Publikumsinteresse abgesagt werden, Ihre Plattenfirma Intercord verlängerte den Vertrag nicht mehr. Wie hart war das für Sie?
Komischerweise gar nicht so sehr. Ich habe immer Musik aus Freude gemacht – genau so wie Fussballspielen und Duschen. Ich würde auch noch Musik machen, wenn ich in einer Bar oder in Jugendheimen auftreten müsste. Der Benny von Abba, den ich in seinem Studio in Stockholm besucht habe, reist mit seiner Band noch in Schweden herum und spielt auf Märkten und Volksfesten. Der Antrieb ist, dass man gerne Musik macht. Der Erfolg ist Zugabe.

Glaubten Ihre Eltern an Sie als Musiker?
Ich habe gerade einen Brief mit einer Anfrage für einen Auftritt im Ruhrgebiet gekriegt. Der Mann schrieb: «Ich habe mit Ihrem Vater bei der Veba (ein bedeutender Bergbau-Konzern – die Red.) zusammengearbeitet. Ich hatte drei Töchter, Ihr Vater hatte drei Söhne. Er hat immer gesagt, die älteren zwei wären kein Problem, aber der Jüngste, der sei nur an Musik interessiert: ‹Das wird nichts ...›» Natürlich war es nicht so toll, dass die Intercord damals den Plattenvertrag nicht verlängerte. Andererseits musste ich ihr dankbar sein, dass sie einen so erfolglosen Künstler überhaupt vier Platten machen liess. Wer würde das heute noch tun? (Lacht.)

Danach wollten Sie es der Plattenfirma mit «Bochum» zeigen ...
Sicher auch. Vor allem aber wollte ich mal ein Album nach meinem Geschmack machen. Deshalb habe ich es mit zwei Musikern meiner Band selbst produziert. Es ist mein Ehrgeiz, etwas zu machen, das berührt. Dass es so in die Kraft kam, war jedoch ein Riesengeschenk. Dafür bin ich bis heute dankbar. Und das ist jetzt keine falsche Koketterie. 

Kamen Sie gut damit klar, dass Sie mit Ihrer Musik durch die Decke gingen?
Die Wucht der unglaublichen Anerkennung, aber auch das viele Geld machten es schwer, normal zu bleiben. Vorher war ich am Theater, wo ich eine verhältnismässig niedrige Gage bekam, dann verdiente ich mit «Das Boot» etwas mehr. Von «Bochum» und den folgenden Alben haben wir täglich bis 20 000 Platten verkauft – das ist heute unvorstellbar! Auf der «Sprünge»-Tour spielten wir 96 Konzerte und wussten schon nach dem 40. nicht mehr, wo wir auftraten, weil wir in unserem Rausch jede Nacht durchgemacht hatten. Wer behauptet, er hätte in dieser Situation bodenständig bleiben können, leidet unter Selbstüberschätzung. Am schwierigsten war der Umgang mit meinem Erfolg aber für meine damalige Frau, da es für Aussenstehende nicht nachvollziehbar war, was da mit und in mir abging. 

Wie erklären Sie sich Ihren Aufstieg?
Ich glaube, dass «Bochum» sehr authentisch und sehr eigenwillig war. Letztendlich auch sehr spröde. Und keinem Muster folgte. Gut, bei «Männer» kann man sagen, das war ein bisschen Neue Deutsche Welle. Aber trotzdem: das Keyboardspiel. Meine Art zu singen. Ich habe das erste Mal so gesungen, wie ich wollte – zum Teil auch undeutlich. Und ich war glücklich. 

Sind Sie noch nervös, wenn Sie ein Album veröffentlichen?
Ja. Normalerweise herrscht bei mir grosse Unsicherheit, weil ich noch im Tunnel bin, aber bei meiner neuen Platte «Tumult» hatte ich ein gutes Gefühl. Ich wusste zumindest, dass sie kompakt ist. Die Vorherige war wesentlich feiner, zerbrechlicher. Da waren Stücke dabei, die ein bisschen schweben, wo man nicht weiss: Packt das, packt es nicht? «Neuer Tag», eine schöne Nummer, hatte ich damals gar noch nicht verstanden!

Was hat Sie an den Reaktionen auf das neue Album «Tumult» am meisten überrascht?
Ich finde es sehr schön, dass es auch auf die hinteren der 18 Lieder viele Reaktionen gibt. In der Zeit von Spotify und Streaming ist das keine Selbstverständlichkeit. Früher war das noch anders: Damals hörte man die CD oder Vinylplatte, die man ein- oder auflegte, durch. Wenn ich heute vor dem Computer sitze, schweife ich selbst oft nach ein, zwei Songs ab. Ich schätze die höhere Aufmerksamkeit, weil bei mir ein Album wie ein Buch ist: Die Stücke haben miteinander zu tun. Deshalb geht etwas verloren, wenn man sie aus dem Zusammenhang reisst. 

Sie sind einerseits ein Intellektueller ...
… manchmal  …

«Ich hoffe, dass unsere Spezies wieder mal dazulernt. Sonst sind wir bald mit dem Latein am Ende.»

 

... und haben anderseits auch etwas von einem Malocher, der nahe am Volk ist.
Ich habe kürzlich zur Schliessung der letzten Zeche im Ruhrgebiet ein Interview gegeben. Da ist mir wieder bewusst geworden, wie stark mich die dortige Mentalität geprägt hat. Die Menschen sind alle sehr authentisch und bodenständig. 

Woher kommt das?
Da unten sind Solidarität und Kameradschaft unverzichtbar. Im Bergbau ist kein Platz für Schaumschlägerei, denn es geht jeden Tag um deine Existenz. Mit dem trockenen Humor, der von Künstlern wie Hape Kerkeling oder Helge Schneider bekannt ist, versucht man dem strengen Alltag aber ein Lächeln abzuringen. 

Waren Sie schon mal unter Tage?
Ja, auf der zehnten Sohle. Tausend Meter unter der Erde. Da hat es hohe Flure, die von Stempeln getragen werden und wo die Züge mit den Loren verkehren, die Wetterschächte für den Luftaustausch und die stickigen Flöze, in denen die Bergleute die Kohle mit Presslufthämmern abbauen oder liegend in Zentimeterhöhe runtermeisseln. Vor den Kumpeln, die da 35 oder 40 Jahre täglich in den Korb gestiegen sind, habe ich grössten Respekt. Den hat mein Vater von mir auch bis zu seinem letzten Atemzug eingefordert. 

Wie denn?
Nachdem ich «Mensch» gemacht hatte, besuchte ich meinen kranken Vater, der nicht mehr viel sprechen konnte, im Krankenhaus. Ich habe ihm erzählt, wie erfolgreich die Platte ist. Da richtete er sich auf und sagte: «Wird mir jetzt bloss nicht noch ...» Das war typisch mein Vater. Er war Bergbau-Ingenieur, aber ohne jeden Dünkel. Er hatte sein Herz auf dem rechten Fleck.

Zum Ruhrgebiet gehört auch die Liebe zum Fussball. Leben Sie die noch?
Vor dem Fernseher schon, auf jeden Fall! Ich gehe aber nur noch selten ins Stadion. Ich hatte auch mal eine Dauerkarte für Chelsea, da mein Sohn in London dorthin wollte, doch ich lebe seit neun Jahren in Berlin. Und war immer VfL-Bochum- und Borussia-Dortmund-Fan. Eigentlich wollte ich ja Fussballer werden, sogar lieber als Sänger. Ich habe zehn Jahre gespielt, in der höchsten Jugendklasse. Wenn ich am Fussballplatz vorbeifahre, werde ich immer noch ganz unruhig und möchte auflaufen.

«Tumult» zeugt von Ihrem starken politischen Engagement. Wer wird die Menschheit vor dem Untergang retten?
Meine Hoffnung ist, dass unsere Spezies wieder mal dazulernt. Sonst sind wir mit unserem Latein bald am Ende. Da die Politiker verzweifelt sind, glaube ich, dass wir die Dinge als Gesellschaft selbst in die Hand nehmen, die Ruhe bewahren und die Situation verbessern müssen. Ich glaube nicht, dass es zu einer Katastrophe kommt. Wir sollten in hochbrisanten Zeiten zusammenrücken, da diese Herkulesaufgabe nur gemeinsam lösbar ist. (Es klopft an der Garderoben-Türe. Grönemeyer ruft laut: «Nein!»)

Seit wann wissen Sie, was Glück für Sie ist?
Ich bin von meiner Grundausstattung her ein positiv denkender Mensch und habe schon als Dreijähriger so viel gelacht, dass meine Eltern angeblich mit mir zum Psychologen gingen, um abklären zu lassen, ob das normal ist. Ich betrachte mich aber nicht als Menschen, dem das Glück hinterhergerannt ist. Ich bin eher jemand, der sich viele Dinge so zurechtlegt, dass er sich über sie freuen kann.

Sie singen in der zweisprachigen Single «Doppelherz/İki Gönlüm», jeder brauche seinen Fluchtpunkt. Sie haben einen in Schweden und eine Ferienwohnung in Celerina. Was tun Sie, wenn Sie dort sind?
Momentan versuche ich krampfhaft skaten zu lernen. Leider ist es kompliziert, aber ich möchte es gerne können. Alpin fahre ich schon lange, darf das diesen Winter jedoch von der Versicherung aus nicht, weil ich auf Tournee gehe. Das Verletzungsrisiko beim Langlauf ist viel geringer. (Es klopft wieder. Grönemeyer ruft noch entschiedener: «Sag’ mal, habt ihrs jetzt? Nein!»)

Was gefällt Ihnen am Engadin besonders?
Es ist ein schönes, offenes Tal, in dem ich mich geborgen, aber nicht eingezwängt fühle, obwohl die Berge rings herum etwas Wuchtiges haben. Im Bootshaus am Meer vermittelt der Ausblick aufs Meer den Eindruck von Freiheit. Die spüre ich allerdings auch, wenn ich beim Langlauf allein durch den Schnee stakse!

Herbert Grönemeyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Intellektueller Malocher

Von Bochum nach Berlin

Herbert Grönemeyer war musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum, bevor er 1981 als Schauspieler im Film «Das Boot» bekannt wurde. Seinen Durchbruch als Sänger und Songschreiber gelang ihm 1984 mit der fünften LP «Bochum» und der Single «Männer». Die weiteren zehn Alben erreichten in der Hitparade ebenfalls Platz 1. Den Tod seiner ersten Ehefrau Anna 1998 verarbeitete Grönemeyer in seiner Zeit in London und auf «Mensch». Seit neun Jahren lebt er in Berlin und ist zum zweiten Mal verheiratet. Die neue CD «Tumult» enthält gesellschaftspolitische Lieder als auch Liebesballaden. Liveauftritte: 17. März im Zürcher Hallenstadion, 23. August am Summerdays Festival in Arbon TG und am 24. August am Seaside Festival in Spiez BE.