X

Beliebte Themen

Interview

«Ich lebe bescheiden»

Die Basler Sängerin Anna Rossinelli (32) erzählt, wie viel bei einem Strassenkonzert im Gitarrenkasten landet und warum es in ihrem Leben keinen Platz für lange Tagträumereien gibt.

FOTOS
Pino Covino
08. Juli 2019

Anna Rossinelli, mussten Sie schon ein Strassenkonzert abbrechen, weil die Polizei anrückte?

Ja, das kam vor. In Florenz auf der berühmten Ponte Vecchio war nach einem Lied Schluss. Der Polizist war aber immerhin so freundlich, uns zu verraten, wo wir nicht kontrolliert werden und ungestört weiterspielen können. Nicht behelligt wurden wir hingegen im Central Park in New York, wo wir guerillamässig ein spontanes Konzert gaben. Die Frist für die notwendige Bewilligung hatten wir knapp verpasst.

Wann spielten Sie letztmals auf der Strasse?

Letzten Sommer in Basel. Da kennen wir die Regeln und halten uns auch daran.

Was kommt bei so einem spontanen Konzert zusammen?

Als ich 14 Jahre alt war, haben wir mit einer A-cappella-Gruppe mal von jemandem 1000 Franken in die Hand gedrückt erhalten. Wir waren fünf Freundinnen, jede hat 100 Franken behalten. Mit dem Rest haben wir Getränke und Essen gekauft und Party gemacht. Das war die Ausnahme. Heute befinden sich nach einer Stunde Konzert zwischen 100 und 200 Franken im Gitarrenkasten – weniger als auch schon. Die Leute glauben offenbar, dass wir Millionäre sind.

Was nicht der Fall ist?

Natürlich nicht. Ich kann von der Musik leben, aber nur deshalb, weil mein Lebensstandard bescheiden ist. Mit Kindern beispielsweise wäre es unmöglich.

Betreiben Sie deshalb in einer Basler Badi am Rhein den Kiosk – um sich etwas dazu zu verdienen?

Das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Viel ist es nicht, weil an den Schlechtwettertagen auch jemand dort ist und bezahlt werden muss. Ich mache es, weil ich grossen Spass daran habe. Aber es ist harte Arbeit: Es ist heiss, du schleppst viel. Am Abend spüre ich jeden Knochen und falle todmüde ins Bett.

Was macht den Musikern das Leben schwer?

«Es fehlt das Bewusstsein, vielleicht auch die Wertschätzung für das, was wir tun. Dazu gehört auch, dass wir Musiker das Recht darauf haben, eine anständige Gage zu erhalten.»

Anna Rossinelli

Viele sind sich leider nicht bewusst, wie viel Arbeit in unserer Musik steckt. Nur so kann ich es mir erklären, dass ich manchmal auf einer Einladung die flapsige Bemerkung höre: «Jetzt chönsch no ains für uns singe!» Das finde ich respektlos. Ich fordere ja einen Schreiner, der zu Besuch ist, auch nicht auf, jetzt bitte noch schnell den kaputten Tisch zu flicken. Es fehlt das Bewusstsein, vielleicht auch die Wertschätzung für das, was wir tun. Dazu gehört auch, dass wir Musiker das Recht darauf haben, eine anständige Gage zu erhalten. Deshalb sagen wir manchmal auch Nein und hoffen, dass auch die anderen Bands sich nicht unter Wert verkaufen. Es kann nicht sein, dass eine zwölfköpfige Partyband sechs Stunden lang spielt und am Ende des Abends 500 Franken erhält. Nach Abzug aller Unkosten bleibt da nichts mehr übrig.

War es nie ein Thema, dass ihr im ausländischen Markt Fuss zu fassen versucht?

Wir haben darüber diskutiert, doch realistisch ist es nicht. Dafür müssten wir viel Geld investieren, das wir aber nicht haben. 

Wäre nicht der Eurovision Song Contest der Moment gewesen, wo man in Richtung ausländischer Markt hätte schielen können?

Für uns nicht. Es kamen zwar Anfragen: «Könnt ihr mal für eine Stunde zu uns ins Radio nach Schweden kommen?» Aber da hätten wir draufgezahlt. Bei Luca Hänni ist es anders. Er war ja schon von DSDS her und in Deutschland, also einem grossen Musikmarkt, bekannt. 

Anna Rossinelli in ihrer Heimatstadt Basel

Haben Sie seinen Auftritt am ESC gesehen?

Seinen Song schon, die ganze Show hingegen nicht. Ich habe den ESC vor unserem Auftritt nie geschaut und nachher auch nie. Er ist einfach nicht mein Ding, daraus habe ich auch nie ein Geheimnis gemacht. Er zieht sich unendlich lang hin, musikalisch ist er auch nicht gerade hochstehend: Nur der Sänger singt, die ganze Begleitmusik ist Playback. Wenn man ein Happening mit ein paar Freunden daraus macht und ihn gemeinsam vor dem Fernseher reinzieht, dann ist es vielleicht okay.

Wie haben Sie Ihren Auftritt in Erinnerung?

Es war eine unglaublich intensive Zeit. Das Medieninteresse war riesig, plötzlich wollte man von mir wissen, welche meine Lieblingswähe sei – was sonst nur die Coopzeitung fragt.

Was würden Sie anders machen?

Heute würde ich mehr auf mich selber hören. Damals war ich 25 und ganz klar überfordert. In den drei Wochen in Düsseldorf nahm ich fünf Kilo ab. Von überallher prasselte es auf mich ein. Ein Tänzer erklärte mir, wie ich auf der Bühne die Arme bewegen soll. Ich trat in High Heels auf, obwohl ich sie mir nicht gewohnt war. Am Ende gab es zu viele Hindernisse, um vor den über 100 Millionen Menschen befreit aufzutreten.

Wie war es auf der Couch, als die Resultate verkündet wurden?

«In allen Interviews hatte ich zuvor zu hören bekommen, dass ich chancenlos sei.»

Anna Rossinelli

Es war eine Tortur. Die Anspannung war riesig, gleichzeitig war ich verunsichert. In allen Interviews hatte ich zuvor zu hören bekommen, dass ich chancenlos sei. Okay, wir wurden auch Letzte. Immerhin erhielten wir von England, dem Musikland, zehn Punkte. Das fand ich megageil. Aber sonst war die Enttäuschung riesig. Zu Hause fühlte ich mich wieder frei. Ich mag es nicht, fremdbestimmt zu sein.

2015 trennten Sie sich von Georg Dillier, blieben aber in der Band zusammen. Selbstverständlich ist das nicht.

Am Anfang war es nicht einfach. Es war aber nie ein Thema, dass wir uns musikalisch trennen. Wir teilen weiterhin die grosse Leidenschaft für die Musik.

Sind Sie eine Tagträumerin?

Nein, ich bin eher wach, sinniere nicht allem stundenlang hinterher. Wenn es mir an einem Tag schlecht geht, kann ich das wegstecken. Dafür ist einfach kein Platz bei dem, was ich tue. Wenn ich auf der Bühne stehe, muss ich hundert Prozent geben. Genauso im Badehysli. Ich bin keine, die sich selbst bemitleidet, wenn ich eine schwierigere Phase durchlebe. Ich bin gesund, darf tun, was ich gerne mache. Und ich weiss, dass wir hier sehr privilegiert leben.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ein neues Album veröffentlichen, so wie «White Garden» im Januar?

Ich habe zwar noch kein Kind geboren, aber vermutlich fühlt es sich ähnlich an: Man hat etwas lange mit sich herumgetragen, dann endlich ist es da und man kann es in die Hände nehmen. Okay, einen Geburtsschmerz gab es bei unserem Album nicht. Aber die Freude ist trotzdem riesig, auch weil wir zweieinhalb Jahre daran gearbeitet haben. Ich bin keine, die auf Knopfdruck jeden Tag einen Song schreiben kann.
Ihr Lieblingstier ist eine Qualle.

Warum das denn?

Zwar wurde ich einmal in Südfrankreich gebissen. Trotzdem finde ich, dass Quallen etwas Beruhigendes haben. Ich könnte ihnen stundenlang zuschauen, wie sie so durchs Wasser gleiten.

Fast hätten wir es vergessen: Wie heisst Ihre Lieblingswähe?

Ich mag keine Wähe. Sorry. (Lacht.)

Anna Rossinelli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Volles Programm

Anna Rossinelli auf Tour

Anna Rossinelli, 1987 in Basel geboren, liess sich zur Fachfrau für Betreuung im Behindertenbereich ausbilden und arbeitete sechs Jahre lang auf diesem Beruf. Daneben besuchte sie an der Jazzschule Basel Kurse in Gesang, Musiktheorie und Gehörbildung. Seit 2008 bildet sie mit Schlagzeuger Manuel Meisel und Gitarrist Georg Dillier ein Bandtrio, das 2011 am Eurovision Song Contest auf Platz 25 kam. Am 17. Juli ist die Band am Gurtenfestival zu sehen – einer von vielen Auftritten in den nächsten Monaten.

  • 17. Juli 2019                        Gurten Festival (Bern)
  • 13. September 2019       Mühle Hunziken (Rubigen)
  • 14. September 2019       Kiff (Aarau)
  • 16. September 2019       Moods (Zürich)
  • 20. September 2019       Kammgarn (Schaffhausen)
  • 22. September 2019       Obere Mühle (Dübendorf)
  • 10. Oktober 2019             Kofmehl (Solothurn)
  • 25. Oktober 2019             Wetterhorn (Hasliberg)
  • 26. Oktober 2019             Chollerhalle (Zug)
  • 02. November 2019        Tak (Schaan, FL)
  • 09. November 2019        Guggenheim (Liestal)
  • 06. Dezember 2019        Casinotheater (Winterthur)