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Interview

«Ich muss die Menschen lieben»

Seit dem 1. Januar ist der Zürcher Entertainer und Tenor Christian Jott Jenny Gemeindepräsident in St. Moritz. Der 40-Jährige, auch bekannt als Kunstfigur Leo Wundergut, sieht sich als Systemstörer der positiven Art.

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Yannick Andrea
08. Juli 2019

Christian Jott Jenny ist als hyperaktiver Mensch auf Betriebstemperatur, «wenn das Chaos herrscht und alle den Überblick verlieren».

Tausendsassa

Politisierender Operntenor

Christian Jott Jenny (40), in Zürich aufgewachsen, schliesst sich mit sechs Jahren den Zürcher Sängerknaben an. Später lässt er sich in Berlin zum Operntenor ausbilden und tritt unter anderem als Kunstfigur Leo Wundergut auf. 2008 gründet er das Festival da Jazz St. Moritz, dessen zentrale Spielstätte der Dracula-Club in St. Moritz ist. Das Festival läuft dieses Jahr noch bis zum 4. August. Seit 1. Januar 2019 ist er Gemeindepräsident in St. Moritz. Jenny ist Vater von zwei Kindern.

Grüne Hose, blaues Sakko mit orangen Manschettenknöpfen und rotem Stecktuch – so steigt Christian Jott Jenny aus seinem Kleinwagen. Den Treffpunkt hat Jenny bewusst gewählt: die Terrasse des Dracula-Clubs in St. Moritz, 1972 von Gunter Sachs gegründet und heute von dessen Sohn, Rolf Sachs, geführt. Im legendären Club befindet sich das Herz des Festivals da Jazz, das Jenny einst ins Leben gerufen hat. Nur wenige Meter Luftlinie entfernt wohnt Jenny: Im umgebauten alten Olympiastadion, das Rolf Sachs gehört. Jenny, der Lehrersohn aus dem Zürcher Stadtteil Witikon und in Berlin ausgebildete Operntenor, ist heute ein St. Moritzer.

Christian Jott Jenny, Sie sind jetzt ein halbes Jahr Gemeindepräsident von St. Moritz. Macht sich Zufriedenheit breit oder Ernüchterung?

Kommt darauf an bei wem? 

Fangen wir bei Ihnen an.

Grundsätzlich Zufriedenheit, sonst wäre ich nicht mehr da. 

Und bei den Einwohnern in St. Moritz?

Das müssten Sie die Leute fragen. Aber die Verhältnisse haben sich nicht verändert. Es gibt Leute, die vorwärts gehen wollen, und andere, die den vergangenen Zeiten nachtrauern. 

Wie kam es, dass ein Entertainer aus Zürich Gemeindepräsident von St. Moritz wurde?

Ich bin mit dem Festival da Jazz seit über zehn Jahren in St. Moritz. In dieser Zeit haben sich Freundschaften ergeben und eine Beziehung zur Region. 2018 wurde ich von jungen St. Moritzern angefragt, ob ich als Gemeindepräsident kandidieren wolle. Der Rest ist ein demokratisches Prozedere mit zwei Wahlgängen, aus denen ich als Sieger hervorging.

Was macht der Gemeindepräsident anderes als der Entertainer?

Gar nicht so viel. Man muss in beiden Jobs die Menschen lieben.

St. Moritz gilt als Ort der Schönen und Reichen – Sie gehören zu den Schönen, denn reich sind Sie nicht. Ihr Lohn wurde schon vor Ihrem Amtsantritt gekürzt.

Ja, dem ist so. Und zwar um rund 25 Prozent. Ein Schelm, der hier Böses denkt.

Wie oft kommen Sie als ausgebildeter Operntenor noch zum Singen?

Zum Singen komme ich genug. Ich habe ein Klavier im Büro, dort probe ich auch gelegentlich. Ich bekomme drei bis vier Anfragen pro Woche, ob ich einen Vortrag über St. Moritz halten könne. Das kann ich verweben. Kurz bevor die Leute einschlafen, mache ich Musik. Konzerte auf der Bühne gebe ich eines bis zwei pro Monat. Das ist meine Freizeitbeschäftigung; andere sind im Turnverein oder gehen auf die Jagd.

«Kurz bevor die Leute einschlafen, mache ich Musik.»

Christian Jott Jenny

Sind Sie in die Politik eingestiegen, weil die Politik mehr Entertainment braucht oder weil das Entertainment mehr von der Politik braucht?

Ich habe dieses Amt nicht angestrebt. Aber es gibt in St. Moritz Menschen, die sich von mir mehr Dynamik erhoffen, einen Systemstörer der positiven Art. In dieser Rolle sehe ich mich.

Was haben Sie konkret bewirkt?

St. Moritz bekommt wieder ein Kino. Da konnte ich die entsprechenden Leute vermitteln. Und Leute, die hier Zeit oder Geld oder Ideen investieren wollen, haben in mir einen Ansprechpartner. Und es erhält jeder sofort einen Termin.

Stimmt. Auch Medienleute. Ich habe noch nie so schnell eine Zusage bekommen wie von Ihnen.

Ich bin ein Schnellentscheider. Ich treffe von zehn Entscheidungen lieber zwei falsche und nur acht richtige, dafür treffe ich alle Entscheidungen schnell.

Wenn man Sie in einer Reihe nennt mit dem deutschen Satiriker und EU-Parlamentarier Martin Sonneborn, mit den Komikern Beppe Grillo und Wolodymyr Selenskyj, die in Italien und in der Ukraine die Politik aufgemischt haben: Fühlen Sie sich geehrt oder beleidigt?

Weder noch. Es zeigt, Quereinsteiger sind in der Politik keine Ausnahmen mehr. Bei Selenskyj fühle ich mich geehrt, aber er ist ein armer Kerl. Gut nennen Sie seinen Namen … (Jenny sucht einen Zettel in seinem Sakko und macht sich eine Notiz. Dann steckt er alles wieder ein.) Ich wollte hier oben ein Gipfeltreffen der Politiker einberufen, die keine Politiker sind. Diese Idee muss ich weiterverfolgen. Zu Selenskyj: Seit seiner Wahl muss seine Familie mit schusssicheren Westen herumlaufen. Da merkt man, wie schön wir es in der Schweiz haben. Hier hat man mal eine böse Mail oder eine hässige Gegenstimme an der Gemeindeversammlung, im schlimmsten Fall einen aufgestochenen Pneu, aber in der Ukraine herrscht Krieg.

Sie sind Gemeindepräsident, nicht Kurdirektor. Dennoch kommen wir ums Thema Tourismus nicht herum.

Gerne. Das ist auch das einzig wirklich Entscheidende hier.

«St. Moritz soll ein Ort sein, an dem es möglich ist, aus dem Alltag auszubrechen, wo es Platz für Extravaganz hat.»

Christian Jott Jenny

Wohin entwickelt sich St. Moritz?

Es soll den Pfad weitergehen, den es seit 150 Jahren geht. St. Moritz soll ein Ort sein, an dem es möglich ist, aus dem Alltag auszubrechen, wo es Platz für Extravaganz hat. Es muss ein Kochtopf fürs Oberengadin bleiben, bei dem immer ein bisschen Dampf rauskommt. Alles rundherum hängt davon ab. Es ist eine Symbiose. St. Moritz kann ohne die Dörfer nicht überleben und umgekehrt.

Ihnen gefällt das heutige St. Moritz.

Das Schöne hier ist, dass es keinen Standard gibt. Wir haben 5000 Einwohner, aber es gibt keinen Durchschnitt, nur 5000 Sonderfälle. Das ist extrem spannend. Manchmal überbordet es, das soll so sein. Dann muss man jemanden in die Schranken weisen.

Und wie tönt das dann?

«Dein Hundezaun von drei Metern ist etwas hoch. Er sollte höchstens 1,60 Meter sein, 1,70 Meter hätten wir auch noch toleriert, vielleicht sogar zwei Meter. Aber drei Meter geht nicht, egal, wer du bist.» Das ist ein aktuelles Beispiel. Das finde ich lustig. Man kennt sich, kann drüber lachen und regelt das im Guten.

Es wirkt komisch, wenn man von sich selber sagt, man sei «Top of the World». 

Ihre liebste Zeit im Engadin?

Ich bin ein Fan des Sommers und bin überzeugt, dass die Sommersaison hier oben die beste Zeit noch vor sich hat. Vielleicht schaffen wir es sogar einmal, den Herbst hier zu inszenieren.

Das klingt, als wären Sie aus der Branche.

Ich bin Hobbytouristiker. Früher glaubte ich, St. Moritz hänge zu 90 Prozent vom Tourismus ab. Heute weiss ich, dass es 100 Prozent sind. Aber: Bis heute gibt es hier keinen Herbst. Wenn die grossen Hotels im September schliessen, sieht 
das Dorf aus wie eine Geisterstadt. Dabei ist der Herbst die schönste Jahreszeit. Da hoffe ich schon, dass wir in Zukunft Richtung Ganzjahresbetrieb steuern.

Was ist besonders an St. Moritz?

Die Weltoffenheit, die Heterogenität, der Widerspruch. St. Moritz ist ein Konglomerat aus Wahnsinn, ein Bergdorf und zugleich Heimat vom Milliardär bis zum Sozialfall. Die Weltoffenheit zeigt sich daran, dass wir einen Österreicher als Tourismusdirektor haben, einen Zürcher als Gemeindepräsidenten, und im Gemeindevorstand spricht man Schaffhauser, Berner, Zürcher Dialekt. Auch zwei Bündner sind vertreten. Darum wird «einheimisch» hier anders definiert.

Es gibt aber auch Dinge, die Ihnen nicht gefallen. Der Slogan «Top of the World» zum Beispiel.

Ich finde ihn arrogant. Es wirkt komisch, wenn man von sich selber sagt, man sei «Top of the World». Da fällt mir übrigens noch etwas ein, was ich bewirken konnte: Vor zehn Jahren gab sich die Gemeinde St. Moritz ein neues Logo, um sich vom touristischen St. Moritz zu unterscheiden. Dieses Logo hatte den Charme eines Werkhofs im Kanton Aargau. Seit dem 1. Juli kommuniziert die Gemeinde wieder mit der Sonne im Logo. Aber auch das wurde schon wieder kritisiert.

Sind Sie ehrgeizig?

Jaaaaa, jaaa – aber nicht verbissen. Als hyperaktiver Mensch bin ich dann am besten, wenn das Chaos herrscht und alle den Überblick verlieren. Dann bin ich auf Normaltemperatur.


Christian Jott Jenny, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.