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Interview

«Mein Frust reicht für 7000 Leben»

Der deutsche Musiker, Produzent und Sprücheklopfer Dieter Bohlen spricht über seine kommende Show im Zürcher Hallenstadion, über das Schweizer Bankgeheimnis und was ihn in seinen 65 Lebensjahren am meisten frustriert hat.

FOTOS
Stephan Pick, GETTY IMAGES
03. Juni 2019

Dieter Bohlen ist kein guter Sänger, auf den Mund gefallen ist er trotzdem nicht.

ERFOLGREICHE KARRIERE

Tanz auf vielen Hochzeiten

Dieter Bohlen wurde am 7. Februar 1954 im ostfriesischen Berne (D) geboren. Nachdem er für den Sänger Thomas Anders erfolglos deutsche Schlager geschrieben hatte, katapultierte er ihr Duo Modern Talking 1984 mit Discopop-Songs an die Spitze der internationalen Charts. Nach vier Jahren trennte man sich im Streit. Bohlen blieb erfolgreich, als Songschreiber und Produzent für andere Künstler. Zu ihnen zählen auch viele Gewinner von «Deutschland sucht den Superstar», wo er seit 2002 als Chefjuror für seine Urteile berüchtigt ist. Bohlen hat über 200 Millionen Tonträger verkauft, sechs Kinder und ist nach zwei Scheidungen seit 2006 mit der Hotelkauffrau Carina Walz (35) liiert.

Hallo Dieter! Ich habe Sie vor 35 Jahren schon mal interviewt.

Dieter Bohlen: 35?

Sie erinnern sich bestimmt.

Ja, ja, natürlich. Als wärs gestern gewesen! (Lacht.)

Das war in Wohlen ...

… wo?

Wohlen im Kanton Aargau. Dort gaben Sie mit Modern Talking in der Disco Don Paco, in der später DJ Bobo aufgelegt hat, ein Konzert.

Ehrlich?

Damals haben Hitparaden-Stars noch solche Auftritte gemacht.

Das war aber kein richtiges Konzert! Ich glaube, ich habe noch gar nie in der Schweiz live gespielt.

Aber am 14. September kommen Sie ins Hallenstadion. Warum eigentlich nochmals Konzerte in Ihrem Alter?

Wettbewerb

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Dieter Bohlen ist kein guter Sänger, auf den Mund gefallen ist er trotzdem nicht.

Wir verlosen 5× 2 Tickets für das Konzert von Dieter Bohlen am 14. September 2019 im Zürcher Hallenstadion. Teilnahmeschluss: Montag, 10. Juni, 17 Uhr.

Die Geschichte lief so ab: Ich gab schon vorher jedes Jahr Konzerte. Vor ein paar Wochen war ich in Moskau sehr erfolgreich. Es wurde extra eine Fernsehsendung unterbrochen, als ich gelandet bin, und als ich einen goldenen Stern in der dortigen Hall of Fame erhielt, kam sogar Steven Seagal vorbei. Das haben die Leute zu Hause gar nicht mitgekriegt.

Und jetzt?

Seit es Instagram gibt, bekommen sie das mit und werfen mir vor: «Du spielst ja nur im Ausland, aber nie für uns.» Darauf hab ich gesagt: «Ich komm nach Berlin und wir machen eine riesige Open-Air-Geschichte. Dann könnt ihr mich mal live sehen.» Da das Ding nach 48 Stunden ausverkauft war und der Schwarzmarkt zu florieren begann, beschloss ich, noch ein paar Konzerte mehr zu geben. Ich hab das also auf Druck der Fans gemacht, die sauer auf mich waren, und nicht, weil ich in einer Midlife Crisis stecke und das Gefühl habe, ich müsse noch mal ein grosses Ei legen.

Was verbindet Sie mit der Schweiz, ausser, dass Sie ein Berner sind?

Berne bei Bremen! (Lacht). Ich hab früher schon oft aus Quatsch gesagt, ich käme aus Bern. Viele Sachen an der Schweiz bewundere ich. Ihr macht viel richtig: Neutralität, Steuersystem und solche Sachen. Die Schweizer sind sehr ausgeschlafen. Sehr souverän. In Deutschland rennen alle wie aufgescheuchte Hühner rum. Eure Gelassenheit, die finde ich schon gut.

Sind Sie enttäuscht, dass die Schweiz das Bankgeheimnis abgeschafft hat?

(Blickt erstaunt.) Hab ich gar nicht mitgekriegt. Ist das so? Im Tessin auch? Das ist doch von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Aber mir ist das eh wurscht, ich brauch kein Bankgeheimnis. Ich wohne in Deutschland und zahle dort seit 30 oder 35 Jahren brav meine Steuern. Und ich geb mein Bestes, damit es noch mehr werden! (Lacht.)

«Ist mir wurscht. Ich brauche kein Bankgeheimnis.»

Dieter Bohlen

Was ist für Sie noch Luxus?

Wenn ich billig irgendwelche Sachen krieg, macht mir das eine wahnsinnige Freude. Meine Freundin hat mir immer eine Zahncreme gekauft, die sechs Euro kostet. Auf einmal lese ich in so einem Warentest: mangelhaft. Welche ist denn gut? Eine für 48 Cent! Ein Zwölftel. Da bin ich sofort losgefahren. Die Leute denken zwar immer, ich hab einen Hammer, aber es macht mir Spass. Der Luxus daran ist, dass ich mir die Zeit nehme, um dorthin zu fahren, wo es ein Schnäppchen gibt.

Sind Sie damit aufgewachsen, dass man aufs Geld schaut?

Total. Das hab ich aufgesaugt. Meine Eltern waren Unternehmer. Sie haben Strassenbrücken und so was gebaut. Mein Papa hat mit nix angefangen. Das Geld war immer unheimlich eng. Meine Mama hat Stunden über den Preis für einen Sack Zement verhandelt. Ich feilsche auch um alles. In der Türkei grüssten mich die Leute ehrfürchtig, weil sie es so geil fanden, dass ich sie am Vortag wegen ein paar Euro so lange genervt hatte, dass sie mich um jeden Preis loswerden wollten! (Lacht.)

Würden Sie Ihren Kindern raten, sich der Herausforderung einer Casting-Show zu stellen?

Nur, wenn die was drauf hätten, aber auch dann würde ich nochmals mit ihnen reden, da sich die Zeiten verändert haben. Als Komponist und Texter krieg ich für eine Million Spotify-Streams ganze 300 Euro. Wenn du früher eine Nummer eins hattest, hast du mit ihr eine Million gemacht. Ausserdem kriegt eine tolle Nummer nicht unbedingt viele Streams. Deutscher Hip-Hop wird ohne Ende gespielt. Shindy liegt auf Platz 1 und Justin Bieber mit Ed Sheeran nur auf Platz 3. Wie bitte? Ihre Nummer ist so geil, aber ganz vorne brabbelt einer. Für gute Musiker ist das brutal.

Einer Ihrer schönsten Songs ist «Midnight Lady». An welche Frau haben Sie 1986 gedacht?

Welche Frau? (Lacht.) Ich hab an Rod Stewart gedacht! Der sollte das singen. Ich bin deshalb extra nach Los Angeles geflogen, um ihm das Lied anzubieten. Ich hab nur sein Management treffen können und den Jungs gesagt, dass es der Titelsong für einen Schimanski-«Tatort» wird – eine ganz grosse Nummer. Und die haben sich totgelacht.

War das Ihr grösster Frust bisher?

Ach, ich hab so viel Frust gehabt. Das würde für 7000 Leben reichen. Aber es war schon ein Riesenfrust, als ich «Midnight Lady» dann mit Chris Norma produziert hatte und dachte, «Boa, das wird ein Riesenhit» und die Leute von der Schallplattenfirma nur stumm auf den Boden starrten, weil sie mit was anderem gerechnet hatten.

Womit denn?

Die haben gemeint, ich würde ihnen ein «Brother Louie» vorspielen und nicht eine Ballade. Die dachten, ich ticke nicht ganz sauber! Deshalb haben die auch kaum Platten in die Läden gestellt. Als am Montag um 10 Uhr die Geschäfte aufgingen, war das Ding um 10.01 Uhr ausverkauft. Keiner ausser mir hat an diesen Song geglaubt.

Welches Urteil hätten Sie gefällt, wenn Modern Talking bei DSDS vor Ihnen gestanden hätten?

Mega.

Mega? Sind Sie sicher?

Ja. Ich hab den Thomas Anders entdeckt, als er deutschen Schlager gesungen hat. Wie er das inzwischen wieder tut. Seine Stimme und sein Aussehen waren in der androgynen Zeit von Boy George total angesagt: Männer mit langen Haaren, ein bisschen Lipgloss drauf und dann sang er fast wie ein Mädchen. Später hab ich auch nachgeholfen und die Bandmaschine schneller laufen lassen, damit die Stimme noch höher klang. Damals war das zeitgemäss.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie sagen, was Sie denken – zumindest glauben das die Leute.

Das ist so!

In wie weit steckt eine gezielte Provokation dahinter?

Ich könnte dafür gar nicht schnell genug denken. Leute, die ich noch nie gesehen habe, kommen bei DSDS rein, singen, und ich muss was dazu sagen. Bloss Floskeln wie «Ich find dich sympathisch» von mir zu geben, finde ich peinlich. Wenn ich dem Kandidaten aber «Du bist Scheisse» sage, weiss er, dass er nicht singen kann. Das ist null persönlich gemeint. Ich will ihm ja helfen.

Helfen? Mit einem Urteil wie «Du bist Scheisse»?

Man muss die Leute ein bisschen einordnen. Manche kommen mit der Oma, die ihnen sagt, wie toll sie singen könnten, wo die aber nicht mitgekriegt haben, dass sie seit acht Jahren schwerhörig ist.

Hit um Hit: «Modern Talking» mit Thomas Anders (56) und Dieter Bohlen.

Was hätten Sie denn über Dieter Bohlen gesagt?

Das ist echt ’ne schwere Frage. Weil es drauf ankommt, was ich gesungen hätte. Da es aussergewöhnlich ist, wie ich singe, hätte ich mir eine Chance gegeben, die anderen drei Juroren aber sicher ein Nein. Ich hätte für mich kämpfen müssen wie damals für Beatrice Egli, wo der Rest der Jury gegen sie war und die Plattenfirma sie auch nicht wollte.

Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Ich hab gesacht: «Eh, Loide, lasst sie weiter. Die ist total positiv und singt, als ob sie lacht.» Als sie «La Isla Bonita» gesungen hat, musstest du die Töne suchen, die sie getroffen hat. Das war ein totales Desaster. Der Schallplattenchef von Universal sagte: «Die?? Niemals!» Als Beatrice Egli dann aber gewonnen hatte, sagten alle: «Hab ich doch gleich gesagt!»

Nochmals zu Ihrem Zürcher Konzert. Dann heisst es: Bohlen singt Bohlen.

Wer, wie, was?

Bohlen singt Bohlen. Was bei anderen Künstlern selbstverständlich wäre, ist in Ihrem Fall etwas Besonderes.

Für mich ist es besonders schwer, weil ich all meine 22 Nummer einsen nachsingen werde. Beim Schlager-Medley mit Andrea Berg, Beatrice Egli, Yvonne Catterfeld und DJ Ötzi muss ich von einer Person in die andere switchen. Ich werde mir wahrscheinlich ein paar Perücken, Miniröcke und ein weisses Käppi besorgen! (Lacht.) «Für dich» nachzusingen, verlangt mir noch viel mehr ab. Ich weiss das so genau, weil ich gestern geübt habe. Was ich auch auf die Bühne bringe, ist «Dieters Tagesschau», die ich sonst auf Instagram mache. Die werde ich mit dem Publikum singen.

Das tun doch die meisten Popstars.

Bei mir wird das anders. Früher gabs doch die Fischer-Chöre. Ich mach Bohlen-Chöre und werde mit denen nicht meine Hits singen, sondern einen neuen Titel einüben. Wir überlegen uns musikalisch sehr viel. Ich hab eine achtköpfige Band am Start, alles super Studiomusiker, das Beste vom Eis. Alle Nummern bekommen eigenständige neue Arrangements.

Wie gut sind Sie im Stimmenimitieren, etwa bei «Mein Herz»?

Ich singe die Songs so, wie ich sie auch den Künstlern vorgesungen habe. Beatrice Egli hat mal ein Demo von mir bekommen, auf dem ich drauf rumgesungen habe, und so wird es auch dieses Mal in etwa klingen. Ich geb mir natürlich etwas mehr Mühe.

So wie es zu Ihnen gehört, tragen Sie natürlich auch bei der Show dick auf ...

Ja, bei einigen Songs geht richtig die Post ab. Bei «Win The Race», das ich für Michael Schumacher geschrieben habe, fahre ich mit einem Motorrad auf die Bühne. Es wird ein grosses Bett und eine riesige Feuer­show geben. Alles, was so dazugehört. Da ich seit 16 Jahren supererfolgreich deutsches Fernsehen mache, verstehe ich mich als Entertainer. Ich werde auch meine Sprüche klopfen.

Dann sind wir ja beruhigt. Dieter Bohlen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.