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INTERVIEW

9341 ungelesene Mails

Nora Tschirner ist ein Multitalent. Sie moderiert, singt, produziert und schauspielert. Doch eines beherrscht sie nicht: Schreiben kann sie nicht so schnell wie reden.

FOTOS
Marcus Höhn/Laif/Keystone
09. September 2019

«I don't care!» Die Mail-Flut in ihrem Posteingang kümmert Nora Tschirner kaum, sondern bringt sie zum lauten Lachen.

Viele Talente

Von MTV zu Tatort

Nora Tschirner startete ihre Karriere als Moderatorin beim ehemaligen Musiksender MTV. Daneben spielte sie in einer Vorabendsendung sowie bei Film- und Theaterproduktionen mit. Einem breiten Publikum bekannt wurde sie durch die beiden Filme «Keinohrhasen» sowie der Fortsetzung «Zweiohrküken». Seit 2013 spielt Tschirner die Rolle der Kommissarin Kira Dorn im Weimarer «Tatort». Sie führte bei diversen Projekten Regie, tritt als Musikerin auf und synchronisiert Filme. Filmkritik «Gut gegen Nordwind»: www.coopzeitung.ch/kinotipp

Sie spielte sich als schlagfertige Kinderhort-Leiterin in die Herzen der Fans Romantischer Komödien (kurz: Romcom) und verleiht dem Sonntagabend-Krimi einen frechen Anstrich. Jetzt spielt Nora Tschirner in «Gut gegen Nordwind» mit. Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von 2006 erzählt die Geschichte von Emma (Nora Tschirner, 38) und Leo (Alexander Fehling, 38), die aufgrund einer falsch verschickten Mail in Kontakt kommen. Fortan tauschen sie ihre Gedanken zu banalen Themen und Alltagssorgen elektronisch aus. In einem Hotel in Köln (D) lädt Nora Tschirner analog zum Interview. Beim Betreten des Zimmers hängt sie über dem Handy-Display, schaut kurz auf, und sagt: «Hallo, ich bin gleich so weit».

Perfekt, ein szenischer Einstieg ins Interview.

Oh Mann, bitte nicht! Da komm’ ich ja gleich mal sehr unhöflich rüber …

Damit sind wir aber gleich beim Thema Kommunikation. «Schreiben ist Küssen mit dem Kopf», schreibt Leo im Film an Emma. Wie viel schreiben Sie?

Das kommt auf den Inhalt an. Intime Sachen tausche ich auch mal schreibend aus. Aber sonst bin ich eher die Fraktion Sprachnachrichten, was manche Leute ja, wie man hört, sehr, sehr hassen.

Sie laufen dabei mit dem Handy vor dem Mund herum, im Toastbrot- Style?

Ja, das ist schrecklich. Ich kann aber eben einfach nicht so schnell schreiben wie sprechen. Ich mag schriftliche Sprache grundsätzlich sehr. Im Alltag schreibe ich nicht viel, aber in einem solchen Szenario wie im Film würde ich auch viel schreiben können – und wollen!

Wie siehts denn mit Mails aus? Verschicken Sie viele?

Fast keine, etwa drei pro Monat. Privat bekomme ich gar keine Mails. Beruflich werden die Mails für mich gebündelt und zusammengefasst. Ich hasse Mails unglaublich. Sehr passender Film für mich, oder? (Lacht laut.) Mit den Inhalten habe ich kein Problem, aber mit der Handhabung. Vieles kann ich dann zum Glück telefonisch klären.

Sie telefonieren eher als zu schreiben?

Ja, Computer benutze ich fast nie, den müsste ich in meiner Wohnung erst suchen. Für diese Aussage ernte ich gerade einen sehr geschockten Blick von Ihnen … Wir haben aber auch sehr unterschiedliche Berufe. Ich nehme lieber das Handy, von dem kann man sich allerdings sehr schnell ablenken lassen. Ist das beim Computer ähnlich?

Ja, sehr. Ich bekomme sehr viele Mails, die ich bearbeiten muss.

Und die schicken Sie dann immer direkt raus, wenn Sie eigentlich einen Text schreiben wollen, oder wie? Das ist ja nervig!

Schon, ja. Zudem gehört es in der Schweiz zum guten Ton, dass man innerhalb von 24 Stunden eine Antwort gibt.

Wow, das ist ja verrückt! Soll ich Ihnen mal was zeigen? (Zückt ihr Handy und zeigt das Dutzend unbeantworteter Anrufe, die Handvoll ungeöffneter Nachrichten und zuletzt die Anzahl noch nicht gelesener Mails.) Das sind 9341 ungelesene Mails. Und das Beste daran? I don’t care! (Lacht.)

Wie erreicht man Sie denn überhaupt?

Beruflich erreicht man mich über die Agentur. Dort gibt es eine Person, die das wunderbar macht: Das ist Kathi. Sie ist die absolute Organisations-Göttin. Und wenn Kathi sich meldet, freue ich mich jedes Mal. Sie kommt immer an mich ran. Und Kathi respektiere ich so sehr, dass ich immer finde: «Der muss ich antworten.» Kathi ist für mich die Schweiz. Kathi lässt man nicht warten! Durch ihr Organisa- tionsgeschick ist sie eine sehr kompetente Führungsperson für mich.

Wie alt ist Kathi?

Ui, das weiss ich nicht genau, ich frag’ gleich nach. (Zückt das Handy und wählt Kathis Nummer, diese nimmt freudig ab.) Kathi, ich spreche im Interview über dich. Wir wollen gerne wissen: Wie alt bist du? Du tauchst im Interview drum auf. (Kathi: «Ich bin 31.») Okay, alles klar. Danke und bis später.

Zurück zum Film: Die Quintessenz ist ergreifend: Menschen können sich durch Worte verlieben. Glauben Sie selber daran?

Ja. Das geht aber nur, wenn man sich wahrhaftig darauf einlässt und sich nicht immer nur mit schönen Worten schmückt, ohne sich wirklich in die Karten gucken zu lassen. Aber wenn sich zwei Menschen gegenseitig durch Sprache zeigen und kompatibel sind, kann man sich sicherlich verlieben.

Waren Sie insgeheim froh, dass Ihr Gegenspieler im Film und Ex-Freund im echten Leben Alexander Fehling und Sie wenig gemeinsame Drehtage hatten?

Ach was! Wir sind noch immer gut befreundet. Als ich erfuhr, dass er eine Option war, wollte ich unbedingt, dass er den Part übernimmt. Für den Film war es toll, dass wir uns so selten gesehen haben. Eigens für uns wurde ein Mailprogramm eingerichtet. Dadurch kam man in die richtige Stimmung, und ich wurde manchmal ganz hibbelig, wenn auf dem Display stand «Leo Leike ist online».

Apropos online: Wie viel Screentime haben Sie?

Das will ich nicht sagen, das ist mir zu privat. Das ist wie einst die Frage nach Gott oder Geld. Ich fahre immer mit Navigation, auch wenn ich die Strecke kenne. Da habe ich schon amtliche Screentime. Zudem läuft die Zeit beim Musikstreamen mit. Ich versuche aber wirklich, die Dauer am Bildschirm zu minimieren. Weil ich auch merke, wie mich das schnell gaga macht.

Emma schreibt im Film, als sich Leo längere Zeit nicht meldet: «Alles ist erlaubt, ausser schweigen». Wie gut können Sie Stille ertragen?

Gut. Da sind die Medienschaffenden immer wieder überrascht, wenn ich das sage. Ihr lernt mich an Pressetagen kennen, das ist also circa an einem Tag im Jahr. An den restlichen Tagen wäre es katastrophal, wenn ich so viel reden würde. Aber es wäre ja auch komisch, wenn ich an einem Interviewtag schweigen würde, oder?

Absolut. Nora Tschirner, wir danken Ihnen für das Gespräch. Sie werden von uns eine Mail erhalten.

Danke. Kathi und ich werden Ihnen antworten.