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INTERVIEW

«Ich hasse Western»

Mit Joaquin Phoenix (44) hat nun auch einer der vielseitigsten Hollywood-Schauspieler seinen ersten Western gedreht: «The Sisters Brothers». Er erklärt, wie es ist, als Pazifist einen schiesswütigen Gangster zu spielen und warum er kein guter Regisseur wäre.

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FOTOS
Shanna Besson, Getty Images
18. März 2019

«Ich mag keine Genres.» Joaquin Phoenix spielt, was ihn interessiert - ob Studiofilm oder Blockbuster.

Szene: Im Zimmer 205 eines Pariser Nobelhotels nahe dem Parc des Tuileries warten vier Journalisten auf Joaquin Phoenix. Ein kleiner, schmächtiger Mann mit zusammengebundenen Haaren kommt rein, dunkle Sonnenbrille, schwarze All Stars, schwarze Hose, Hände in den Taschen seines schwarzen Hoodies mit einem Aufruf zum Tierschutz vergraben, und fragt auf Englisch: «Wo sind denn alle?» Abgang.

Zehn Minuten später, inzwischen wurden die Medienvertreter in eine grössere Suite verfrachtet, kommt derselbe Mann wieder rein und begrüsst alle mit Handschlag: «Hey, how are you doing?»

Joaquin Phoenix, Sie entsprechen so gar nicht dem Klischee eines internationalen Filmstars. Wie kommt es, dass Sie so normal wirken?

Weil ich es bin – ein ganz normaler Typ. Was meinen Sie?

Sie gelten als aufbrausender, nicht ganz einfacher Typ. Haben Sie dieses Image gezielt aufgebaut?

Ich plane eigentlich nie irgendetwas. Das Letzte, was ich möchte, ist ein Image zu kreieren. Es interessiert mich einfach zu wenig, was man von mir denkt. Energie stecke ich einzig und allein in meine Arbeit.

Werden Filmemacher durch Ihr negatives Image nicht abgeschreckt, mit Ihnen zu arbeiten?

Keine Ahnung. Bis jetzt hat es trotzdem ganz gut geklappt.

Was ist entscheidend bei der Rollenwahl: die Figur oder der Regisseur?

Beides. Es gab Zeiten, als mir Regisseure, die ich wirklich bewundere, Rollen angeboten haben, bei denen ich das Gefühl hatte, nicht genug Raum zu haben. Umgekehrt kam es auch vor, dass mich die Rolle interessiert hätte, aber ich mich mit dem Regisseur nicht verstand. Diese beiden Dinge müssen für mich passen, sonst gehts nicht.

«Im Wilden Westen hätte ich keine Woche überlebt. Ich bin viel zu weich dafür.»

 

Finden Sie es nicht ungewöhnlich, dass mit Jacques Audiard ein Franzose bei einem amerikanischen Western Regie führte?

Ich habe Jacques nicht als französischen Regisseur wahrgenommen. Und ich muss gestehen: Ich mag keine Western. Ich mag überhaupt keine Genres. Genres führen nur zu einer vordefinierten Erwartungshaltung an einen Film. Bei Jacques war mir schnell klar, dass er auch nicht daran interessiert ist, einem Genre gerecht zu werden. Er ist vielmehr an der Komplexität von menschlichem Verhalten interessiert.

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Was hat Sie in «The Sisters Brothers» an der Figur des Charlie Sisters gereizt?

Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein. Ich suche in jeder Figur das Einzigartige. Gegen aussen ist Charlie der Harte, Wilde und Laute. Aber unter der Oberfläche gibt es viel Komplexes und Tragisches an diesem Typen. Woran ich aber am meisten interessiert war, war die Dynamik zwischen den Brüdern. Es ist faszinierend, wie manipulativ Charlie ist. Diese Eigenschaft finde ich so abstossend, dass ich mich anfangs schwer damit tat. Aber dann realisierte ich, dass er sich nur aus einer menschlichen Urangst heraus so benimmt: aus der Angst, alleine zu sein. Vom Moment an, als Eli die Hinterhältigkeit seines Bruders entdeckt, gerät die Beziehung in Bewegung, ähnlich wie bei einem Paar.

Sie mögen keine Western. Die Leute offensichtlich aber schon, sonst wären in den letzten Jahren nicht so viele Filme dieses Genres herausgekommen. Was denken Sie, was die Menschen am Wilden Westen fasziniert?

Ich habe keine Ahnung. (Lacht). Der Grund, warum ich Western nicht mag, liegt darin, dass ich nie einen richtig guten Western sah. Als Kind hatten wir einen einzigen Fernsehkanal, den wir über Antenne empfingen, und der zeigte den ganzen Tag Western. Darum hasse ich diese verdammten Western! Ich weiss nicht, worin die Faszination liegt. Vielleicht liegt es an der klaren Grenze zwischen Gut und Böse. Das ist reizvoll in einer Welt, in der dies immer schwieriger zu unterscheiden ist.

Wenn Sie im Wilden Westen gelebt hätten, welche Rolle hätten Sie gehabt?

Ich hätte keine Woche überlebt. (Lacht). Ich bin viel zu weich dafür: Ich hasse Gewalt, ich hasse Waffen, ich bin Veganer.

Sie leben im falschen Land.

Ehrlich, ich hätte es nicht geschafft. Aber es war eine faszinierende Zeit, dieses Kalifornien während des Goldrauschs, in dem der Film spielt. Während sechs, sieben Jahren fielen Abertausende Menschen aus aller Welt in eine kaum besiedelte Gegend ein. Das stellte die ganze Gesellschaft auf den Kopf. Die Leute verhungerten, es gab Massenmorde, das war eine sehr intensive Periode. Und erst ein paar Jahre nachdem dieser Film spielte, konnte man die ersten fertigen Patronen kaufen. Wir mussten als Vorbereitung selber die Patronen mit Schwarzpulver füllen und die Bleikugeln draufsetzen … ich sage Ihnen: Das ist verdammt anstrengend und dauert ewig!

Seine erste Western-Rolle: Joaquin Phoenix als Krimineller in «The Sisters Brothers».

In «The Sisters Brothers» bilden Sie mit Ihrem Bruder ein mordendes Team. Würden Sie im realen Leben auch so eng mit Familienmitgliedern zusammenarbeiten wollen?

Nicht, dass das gegenwärtig ein Thema wäre. Aber ich habe eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie, also könnte ich mir das gut vorstellen.

Wie haben Sie sich auf «The Sisters Brothers» vorbereitet?

Ich habe mir viele Szenen angesehen, in denen Leute ihren Revolver ziehen. Weil ich Waffen überhaupt nicht mag, war es schwierig, mich mit einem Revolver an der Hüfte wohlzufühlen – mit Patronen drin. Ich war so nervös! Und dann kam diese erste Szene, die wir gedreht haben. John C. Reilly und ich mussten die Pistolen gleichzeitig ziehen und aufeinander richten. Beim ersten Take liess ich dann auch prompt die Pistole fallen. Du weisst genau, dass in der Endfassung diese eine Szene perfekt drin sein wird, also musst du das mindestens einmal schaffen. Aber das brauchte so viele Anläufe! Ich habe mir die ganze Zeit gesagt: Ich ziehe die Waffe schneller als alle anderen. Innendrin dachte ich: Keine Chance, das schaffst du niemals!

Momentan sind Sie extrem fleissig mit Drehen. Hatten Sie nie eine Schaffenskrise, wie vor ein paar Jahren gemunkelt wurde?

Das habt ihr doch nicht wirklich geglaubt, oder? Seit ich als Kind mit dem Schauspielern begann, gab es vielleicht nur zwei Jahre, in denen ich nicht vor der Kamera stand. Aber ja, in letzter Zeit war viel los. Da kamen vier Projekte fast gleichzeitig, an denen ich interessiert war. Aber ich habe das Gefühl, heutzutage ist jeder Schauspieler konstant am Drehen.

Woher stammt Ihre Liebe zur Schauspielerei?

Es gab kein Vorbild in meiner Kindheit. Der erste Film, den ich sah, war, glaube ich, «Superman», aber da stand ich bereits selbst vor der Kamera. Ich habe erst kürzlich realisiert, dass mir diese Erfahrung des «Oh, das möchte ich einmal werden!» komplett fehlt. Ich kam zufällig zur Schauspielerei, und dafür bin ich wirklich dankbar. Denn ich strebe nicht eine gewisse Erfolgsstufe oder den Vergleich mit anderen Menschen an, sondern suche immer wieder dieses ganz persönliche Gefühl, das ich schon als Kind hatte.

Haben Sie nie daran gedacht, selbst Regie zu führen?

Ich glaube nicht, dass ich das Zeug dazu habe.

Was braucht es denn dafür?

Ich habe keine Ahnung. Das ist genau das Problem! Ich hätte nicht die nötige Geduld, mit Schauspielern fair zu arbeiten. Ich würde die ganze Zeit sagen: «Hör auf zu diskutieren und sag einfach deinen verdammten Text!» Als Regisseur musst du auf so viele Details achten. Mein Sinn für Ästhetik ist nicht ausgeprägt genug dafür. Am Morgen ziehe ich einfach ein Shirt an, ohne auf die Farbe zu achten. Ich denke nie darüber nach.

«Ich hätte nicht das Zeug zum Regisseur. Mir fehlt die nötige Geduld.»

 

Sie sind berühmt dafür, sich mit Ihren Rollen stark zu identifizieren. Ist das nicht sehr kräfteraubend?

Ja, das ist es. Aber alles am Schauspielern ist anstrengend. Wenn du dir einen Film anschaust, sagst du oft: Das könnte ich auch. Dabei vergisst du aber, was da am Set alles abgeht. Nicht nur die vielen Kameras, sondern vor allem diese Unruhe. Da laufen Leute rum und trinken Kaffee oder plaudern. All das musst du ausblenden können, um in einer Szene vielleicht ein ganz intensives Gefühl ausdrücken zu können. Dieses musst du aktiv produzieren, und das kostet Kraft. Das ist die grosse Herausforderung.

Fühlen Sie sich diesem «Method Acting» verpflichtet?

Ich habe keine Ahnung, was Method Acting überhaupt ist. Ich war nie auf einer Schauspielschule. Wichtig ist, dass du einen guten Partner vor der Kamera hast, der dich unterstützt, und einen Regisseur, der dich führt. Du bist nie allein. Du musst dich einfach wohlfühlen, dann kommt der Rest aus dir selbst.

Bald werden wir Sie als «Joker» sehen. Was können Sie dieser Figur geben, die schon Jack Nicholson oder der verstorbene Heath Ledger so toll gespielt haben?

Ich werde hier nicht über den Joker sprechen. Bei den meisten Rollen suche ich mir eine Referenz. Jemanden im echten Leben, der eine bestimmte Eigenschaft besitzt, die ich für diese Rolle brauche. Mehr werde ich nicht sagen.

Joaquin Phoenix, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Gegen den Strom

Ein Trauma und ein fehlender Oscar

Joaquin Phoenix kam 1974 unter dem Namen «Leaf» (Blatt) als mittleres von fünf Kindern auf Puerto Rico zur Welt. Seine Eltern waren Missionare für «Children of God». 1978 wandten sie sich von der Sekte ab und liessen sich in Los Angeles nieder, wo sie ihren Nachnamen von «Bottom» zu «Phoenix» änderten. Joaquin trat in diversen Werbespots und TV-Serien auf, bevor er 1987 im Kinofilm «Russkies» seine erste Hauptrolle erhielt. 1993 erlangte Phoenix tragische Berühmtheit, weil er dabei war, als sein vier Jahre älterer Bruder River, ebenfalls Schauspieler, in einem Club in Hollywood nach exzessivem Drogenkonsum kollabierte und im Spital verstarb. Seinen internationalen Durchbruch erzielte Phoenix mit der Bösewichte-Rolle in «Gladiator», für die er 2001 seine erste Oscar-Nomination erhielt. 2006 war er für seine Rolle als Johnny Cash in «Walk The Line» ebenso als Bester Hauptdarsteller nominiert wie 2013 für «The Master», doch bisher ging er immer leer aus. Joaquin Phoenix ist Veganer, Atheist und engagierter Tierschützer. Er ist mit der Schauspielerin Rooney Mara (33) liiert.