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Interview

«Ich habe genug geackert»

Sie zählte zu den ausdrucksstärksten Eiskunstläuferinnen überhaupt: Katarina Witt. Im Interview äussert sich die 53-jährige Deutsche über die langen Trainingstage in ihrer Jugend, zu wenige Sportstunden in der modernen Schule und Steaks zum Frühstück.

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Getty Images
14. Januar 2019

Als Eiskunstläuferin will sich Katarina Witt nicht mehr bezeichnen: «Ich bin Katarina Witt von Beruf.»

Katarina Witt, als Sie kürzlich nach Ihrem Beruf gefragt wurden, antworteten Sie: «Mein Beruf ist es, Katarina Witt zu sein.» Das müssen Sie genauer erklären.

Es ist tatsächlich schwierig, all meine Tätigkeiten unter einem Beruf zusammen- zufassen. Ich bin in der Unterhaltungsindustrie tätig und habe schon als Schauspielerin und Moderatorin gearbeitet. Ich bin auch Unternehmerin: Mit der eigenen Produktionsfirma habe ich Eislauf-Shows entwickelt und produziert. In meiner gleichnamigen Stiftung, die Projekte für Kinder und Jugendliche mit körperlicher Behinderung fördert, engagiere ich mich ebenfalls sehr. Ich bin also beruflich breit aufgestellt. Deshalb passt es am besten, wenn ich sage: Ich bin Katarina Witt von Beruf. (Lacht.)

Eiskönigin

Sechs Olympia- und WM-Titel

Aufgewachsen ist Katarina Witt in der DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, zu der sie sich gerne äussert, aber dann «bitte in der notwendigen Länge» – was hier nicht möglich ist. Es ist ein heikles Thema: Witt war eines der Aushängeschilder des Bauern- und Arbeiterstaates, genoss auch Privilegien, wurde aber gleichzeitig von der Stasi bespitzelt. Nach ihrer Karriere tourte sie in den USA in Eisshows mit. Heute engagiert sie sich unter anderem bei Laureus. Der Schweizer Ableger der Stiftung fördert in vier sozialen Sportprojekten jährlich mehr als 10000 Kinder hierzulande.

Für die meisten Menschen sind Sie Katarina Witt, die Eiskunstläuferin.

Ist doch schön. Meine Titel als Olympia­siegerin und Weltmeisterin sind sozusagen, was für andere der Doktor- oder Professorentitel bedeutet – mit viel Disziplin hart erarbeitet und ewig während. Als Eiskunstläuferin kann ich mich heute trotzdem nicht mehr bezeichnen.

Aber für Ihren Sport werben können Sie weiterhin. Warum ist Eiskunstlaufen der schönste Sport der Welt?

Es handelt sich um einen Leistungssport auf höchstem sportlichen Niveau, der in ein Maximum an Kreativität verpackt ist. Das ist bei den meisten anderen Sportarten nicht der Fall. Ich habe etwa den grössten Respekt vor der Leistung der Schwimmer, aber am Ende geht es bei ihnen darum, wer der Schnellste ist. Eine Bewertung für den schönsten Schwimmstil oder die eleganteste Unterwasserrolle beim Wenden gibt es nicht, da zählt nur die Zeit. Beim Eiskunstlauf hingegen spielen neben der körperlichen Leistung auch künstlerische Elemente wie Musik, Choreografie oder das Kostüm eine wichtige Rolle. Und nach der Wettkampfkarriere ist es nicht einfach vorbei: Dann kannst du in Eisshows das Eiskunstlaufen als Beruf ausüben.

Wo würden Sie heute im modernen Eiskunstlauf punkten?

Der Sport hat seit damals eine unglaubliche Entwicklung vollzogen – genau so, wie das bei uns im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor der Fall gewesen war. Deshalb finde ich es immer ein wenig ungerecht, die verschiedenen Epochen miteinander zu vergleichen … nein, eigentlich sollte man das nicht tun.

Worauf ich hinaus will: Was das Künstlerische anbelangt, wären Sie immer noch top.

Ich konnte da sicher speziell punkten, aber auch, was das Sportliche anbelangt, musste ich liefern. Es gab ja früher noch Pflicht, Kurzprogramm und die Kür. Nur wegen meiner künstlerischen Darbietung allein wäre ich nicht zweimal Olympiasiegerin geworden. Aber klar, was die heutigen Athletinnen und Athleten an Sprüngen zeigen, ist beeindruckend. Dreifach-dreifach-Kombinationen, Vierfach-dreifach-Kombinationen. Diese Entwicklung kann auch gefährlich sein. Leider haben viele Eiskunstläufer schon früh mit Verletzungen zu kämpfen. Ich frage mich, ob man da die Latte nicht tiefer hängen müsste. Schliesslich gibt es noch ein Leben nach der Wettkampfkarriere und dieses sollte man möglichst gesund antreten.

Wie sieht es da bei Ihnen aus?

Der Sport hat mir immer gutgetan und mich gesund gehalten.

Sport tut immer gut, zumindest der Breitensport.

Umso trauriger ist es, dass sich Mädchen ab zwölf Jahren immer weniger bewegen. Das zeigt eine Schweizer Studie. Man hat mir erklärt, dass die Mädchen den Wettstreit nicht so mögen und früh aufhören oder gar nicht erst beginnen. Die Jungen hingegen bleiben dem Sport durch Teamsportarten wie Fussball erhalten. Dabei ist Bewegung wichtig. Sport stärkt das Selbstbewusstsein. Deshalb finde ich es gut, dass die Stiftung Laureus, in der ich mich engagiere, mit dem Format «Dance Qweenz» in der Schweiz die Mädchenförderung im Tanzsport unterstützt.

 Katharina Witt (hier 1988 an Olympia in Calgary in Kanada) war Künstlerin und harte Arbeiterin zugleich.

Was können Eltern und Schule dafür tun, dass Jugendliche Sport treiben?

Sie müssen das Bewusstsein dafür schärfen, dass Sport zum Leben zwingend dazugehört – und Bewegung unheimlich guttut. Durch die rasante technische Entwicklung unserer Gesellschaft werden wir immer bequemer. Früher liefen wir zur Schule oder zur Arbeit, heute nehmen wir das Auto oder die Strassenbahn. Wir kleben stundenlang am Tablet oder Smartphone. Das geht klar auf Kosten des Sports und der Bewegung – leider, denn Sport als Erlebnis ist unschlagbar. Erst recht in der Gemeinschaft.

So richtig hat sich dieses Bewusstsein in den Schulen aber nicht durchgesetzt. Auf der Stundentafel haben wir fünf oder sechs Stunden Mathematik, aber nur zwei oder drei Stunden Sport. Und die Sportlager werden auch immer weniger.

Sport müsste täglich auf dem Stundenplan stehen. Eine Bekannte in Kanada hat mir erzählt, dass dort die Kinder nach der Schule immer noch eine Stunde Sport treiben müssen: Die einen walken, die anderen spielen Fuss- oder Volleyball. Hauptsache, sie bewegen sich. Sport integriert, er schafft Verständnis für die Mitmenschen und baut Brücken. Deshalb auch die vielen Projekte von Laureus in aller Welt, bei denen es darum geht, mithilfe des Sports bei Kindern und Jugendlichen das friedliche Miteinander zu fördern – auch in Krisenregionen.

Und das funktioniert?

Ja, das funktioniert. Ein Beispiel unter vielen ist Südafrika, wo Kinder in den Townships über unsere Sportprojekte Selbstvertrauen tanken und fürs Leben lernen. Wenn ich mich nur schon daran erinnere, bekomme ich Gänsehaut.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Für mich war es schon früh selbstverständlich, dass der Tag voll ausgelastet ist: Ich stand oft um 7 Uhr morgens auf dem Eis, danach hatte ich bis abends Schule. Meine Eltern waren froh darum. So wussten sie, dass ich beim Sport gut aufgehoben bin und ich mich nicht einfach auf der Strasse herumtreibe. Es zeichnete sich nach meinen ersten Schritten auf dem Eis flott ab, dass es bei mir Richtung Leistungssport geht.

Ich habe gelesen, dass es Steaks zum Frühstück gab.

Ach, das fand nicht täglich statt. Irgendwann entschied meine Trainerin Jutta Müller, dass mir als Teenager ein Stück Fleisch guttun würde. (Lacht.) Heute, mit all den wissenschaftlichen Erkenntnissen, würde man das sicher nicht mehr so handhaben. Es war halt eine andere Zeit … das ist ja nun 40 Jahre her.

Sie trainierten schon von jung auf hart. Stellten Sie das, was Sie leisten mussten, damals nie infrage?

Ich zweifelte nie. Erst recht nicht, als mich Jutta Müller entdeckte und ich zu ihr in die Trainingsgruppe kam. Sie war ja die beste Trainerin der Welt. Da wusste ich: Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Was nicht heisst, dass es im Training nicht auch Rückschläge oder schwierige Momente gab. Das hatte aber auch sein Gutes: Du wirst die Höhen nie im selben Masse geniessen, wenn du nicht weisst, wie es unten im Tal aussieht.

Im Training wurde es auch laut.

Ja, das war so, sollte man aber nicht überbewerten – ich habe das nie getan. Jutta Müller ging es, wenn sie mal laut wurde, nicht darum, mich persönlich zu beleidigen. Es handelte sich um Extremsituationen und da darf man auch Dinge sagen, die sonst im normalen Alltag nur schwer zu akzeptieren wären.

Wie halten Sie sich heute fit?

Ich betreibe Gesundheitssport: Nachher soll es mir besser gehen als vorher. Ich muss den Puls nicht in ungeahnte Höhen hochtreiben. Ich gehe joggen, ohne zu übertreiben, bewege mich auf dem Ergometer, mache Rückenstärkungsübungen oder kräftige die Bauchmuskulatur. Einfach so, dass ich mich im Alltag fit fühle.

Klingt vorbildlich.

So diszipliniert, wie das nun klingen mag, bin ich leider doch nicht. Ich würde gerne mehr machen. Dann denke ich wieder: Mein Gott, ich habe in meinem Leben schon genug geackert, was den Sport anbelangt. Aber Tatsache ist, dass Körper und Geist perfekt zusammen funktionieren und es im Kopf viel besser flutscht, wenn man körperlich fit ist.

Aufs Eis gehen Sie nicht mehr?

Ich nehme mir zwar jeden Winter vor, einfach mal eislaufen zu gehen. Aber irgendwie kommt immer etwas dazwischen. Ich bewundere Denise Biellmann, wie fit sie ist und wie sie nun auch noch als Trainerin immer mehr Erfolg hat.

Wie ernähren Sie sich?

Alles ist erlaubt, einfach in Massen.

Dann liegt also auch ein Steak um 7 Uhr morgens noch drin?

Um Gottes willen, nein. Das brauche ich wirklich nicht mehr. (Lacht.)

Katarina Witt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.